„Wir wollen Schweizer in der Schweiz sein“

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Interview mit Philippe Oddo, Chief Executive Officer, Oddo BHF-Gruppe und Joachim Häger, Global Head, Oddo BHF Private Wealth Management

Von Marine Ulrich – Fotos: Walter Vorjohann

Anfang des Jahres hat die deutsch-französische Oddo BHF-Gruppe die Übernahme von Landolt & Cie, der ältesten Bank der Westschweiz, abgeschlossen. Dieser Zusammenschluss ermöglicht es der Gruppe, ihr Private Wealth Management international weiter auszubauen und sich im Corporates & Markets-Geschäft in einem Markt mit besonders hohem Potenzial zu etablieren. Wie Philippe Oddo und Joachim Häger erklären, stellt die Schweiz für die Gruppe ein grossartiges Reservoir an Familienunternehmen dar, die von talentierten und innovationsfreudigen Unternehmern geführt werden.

Sie sind bereits seit der Übernahme der BHF Bank im Jahr 2016 in der Schweiz präsent, welchen zusätzlichen Schritt haben Sie mit der Übernahme von Landolt gemacht?
Joachim Häger: Mit der Übernahme der BHF-BANK in Deutschland im Jahr 2016 wurde Oddo BHF zu einer deutsch-französischen Gruppe mit einer Tochter in Zürich mit Fokus auf die deutschsprachige Schweiz. Wir freuen uns, unseren Aktionsradius nun auf die Westschweiz auszudehnen, was uns die Möglichkeit gibt, unser internationales Private Wealth Management-Business weiter auszubauen.
In strategischer Hinsicht ist diese Entwicklung in der Schweiz für uns besonders wichtig, da es sich um einen grossen Markt mit hochvermögenden Familien und talentierten Unternehmern handelt. Wir wollen «Schweizer in der Schweiz sein», indem wir Teil des lokalen Ökosystems werden und mit lokalen, in Europa und weltweit anerkannten Partnern zusammenarbeiten. Wir sind überzeugt, dass die Schweiz für den Ausbau unserer internationalen Aktivitäten im Wealth Management eine Schlüsselrolle spielen wird. Operativ haben dazu unsere französischen, deutschen und schweizerischen Teams ihre ganze Energie in die Fusion und die Schaffung der neuen schweizerischen Einheit «Oddo BHF, Banquiers depuis 1780» gesteckt.

Die Schweiz wird damit nach Frankreich und Deutschland zum dritten Pfeiler der Entwicklungsstrategie der Gruppe. Was waren
die Gründe für diesen Schritt?
Philippe Oddo: Wir bewundern die Dynamik und das Know-how von Schweizer Familien und Unternehmern. Im Laufe der Zeit haben sie sich als weltweit führende Unternehmen in kapitalintensiven Branchen wie Lebensmittel, Chemie, Pharmazeutika, Bio- und Medizintechnik sowie Luxusgüter etabliert. Die Schweiz ist auch für ihre Bildungs- und Innovationsfähigkeit weltweit anerkannt. Dies ist für eine Bank wie die unsere, die in die Gewinnung und Entwicklung neuer Talente investiert, von entscheidender Bedeutung.

Wie wird die Struktur der Gruppe in der Schweiz organisiert sein, insbesondere im Hinblick auf die Governance?
J.H.: Die Managementteams der Gruppe werden insbesondere in das Management und die Governance unserer Schweizer Einheit eingebunden sein. Nicolas Chaput, Leiter der Asset Managements, und Thierry Lombard, Mitglied des Aufsichtsrates der Gruppe, werden dem Verwaltungsrat angehören, dessen Vorsitz ich übernehmen werde. Mit dabei sind Schweizer Persönlichkeiten, die mit den Herausforderungen und Akteuren auf dem lokalen Markt bestens vertraut sind. Wir freuen uns, Monika Vicandi begrüssen zu dürfen, die seit September auch als Leiterin der Abteilung Recht, Compliance und Risikomanagement im Vorstand unseres Unternehmens tätig ist. Wir wollen den Verwaltungsrat weiter ausbauen mit Persönlichkeiten, die die Schweizer Erfahrung in ihrer ganzen Vielfalt repräsentieren. Darüber hinaus wird das Management der Bank, die ab 1. Januar 2022 von CEO Martin Liebi geführt wird, Talente sowohl von der Landolt Bank als auch von unserer Züricher Tochtergesellschaft umfassen.

Welches zusätzliche Angebot bieten Sie Ihren Kunden jetzt an?
P.O.: Die Aktivitäten im Portfoliomanagement, die bisher von Landolt und in Zürich durchgeführt wurden, werden von der Expertise unserer Teams in Paris, Frankfurt und Düsseldorf profitieren. Zusätzlich erhalten die in der Schweiz ansässigen Kunden auch Zugang zu unseren besonders effizienten Asset Management-Dienstleistungen. Dazu gehören festverzinslichen Wertpapiere – Investment Grade und High Yield Credits -, die hauptsächlich von Düsseldorf aus verwaltet werden, aber auch europäische Mid-Caps und Aktien von Familienunternehmen, die vor allem von Paris aus gemanagt werden. Viele der von unseren Vermögensverwaltungsteams betreuten Fonds werden von Morningstar mit fünf Sternen bewertet. Wir haben auch Themenfonds entwickelt, um in wichtige Markttrends wie künstliche Intelligenz, die Suche nach Energiealternativen zur Bewältigung der klimatischen Herausforderung und die Nahrungsmittelrevolution – mit der Vermarktung einer Anlagestrategie zum Thema «Future of Food» – zu investieren. Ergänzend möchte ich auch Private Equity erwähnen, mit der Einführung von Sekundär-, Fremdkapital- und Risikokapitalfonds. Mehr als 50 % unserer offenen Fonds berücksichtigen ESG-Kriterien, sieben unserer Fonds tragen das französische SRI-Label und zwei das deutsche FNG-Label. Wir sind davon überzeugt, dass sich die Anleger zunehmend Produkten zuwenden werden, die eine starke verantwortungsvolle und nachhaltige Dimension aufweisen, und wir möchten unsere Kunden bei dieser Dynamik begleiten.
Ausserdem offerieren wir Investmentbanking- und Finanzierungsdienstleistungen, die seit jeher die DNA unseres Unternehmens darstellen. So stellen wir unseren Kunden unser Fachwissen und Know-how in den Bereichen Unternehmensfinanzierung, Finanzanalyse, Aktien- und Anleihen-Brokerage, Exportfinanzierung und Devisen zur Verfügung. In dieser Hinsicht ist die Equity-Brokerage-Plattform, die wir mit unseren Partnern Natixis, ABN AMRO, BBVA und Commerzbank aufgebaut haben, mit über 60 ECM- und IPO-Transaktionen, die seit Anfang des Jahres abgeschlossen wurden, die Nummer 1 in der Eurozone. Wir haben dabei auch 4 SPACs an der Euronext eingeführt, was die Attraktivität und den Erfolg der Expansions-Strategie unserer Teams verdeutlicht.

Wie erreichen Sie die für die Schweiz so charakteristischen unternehmerischen Talente und ziehen sie an?
J.H.: Wir fühlen uns den Familienunternehmen und ihren Netzwerken sowie den Unternehmern selbst sehr verbunden, denn unsere Gruppe ist ein Familienunternehmen, das von Philippe Oddo geleitet wird, der selbst in fünfter Generation an der Spitze unseres Unternehmens steht. Neben ihm und seiner Familie sind auch unsere Mitarbeiter Aktionäre der Gruppe. Sie besitzen nicht nur 25 % des Kapitals der Gruppe, sondern – was noch wichtiger ist – sie fühlen und handeln wie langfristige Partner und Unternehmer. Wir sind daher überzeugt, dass wir die komplexen Herausforderungen von Familienunternehmern gut verstehen. Dies gilt sowohl für Frankreich als auch für Deutschland. Immer mehr Unternehmer und ihre Familien schliessen sich uns an, vertrauen uns die Verwaltung ihres Vermögens an und suchen unseren Rat. Sie schätzen vor allem die Werte, die uns antreiben, das Engagement für Kontinuität und Langfristigkeit an ihrer Seite. Unsere Unabhängigkeit ist ein Garant für Sicherheit: Wir investieren gemeinsam mit unseren Kunden und unsere Interessen sind gleichgerichtet.
Was die Entwicklung von Talenten betrifft, so bieten wir diesen die Möglichkeit, langfristige Aktionäre zu werden und mit uns die neue Schweizer Bank, Oddo BHF Banquiers seit 1780» aufzubauen, wobei wir auf das Know-how und die finanziellen Ressourcen unserer europäischen Gruppe zurückgreifen. Wir verfolgen eine langfristige, wirklich kundenorientierte Strategie, und wir möchten unsere eigenen Talente entwickeln: Das ist das Angebot, das wir ihnen machen, wenn sie sich uns anschliessen.

In welchen Märkten und Sektoren sehen Sie die besten Wachstums-chancen in Europa und weltweit?
P.O.: Wir wollen uns stets selbst verbessern, um unseren Kunden den bestmöglichen Service zu bieten. Dazu investieren wir in die Entwicklung eines globaleren Ansatz für das Portfoliomanagement, die Digitalisierung unserer Instrumente und Prozesse sowie in IT und künstliche Intelligenz, um das Kundenerlebnis auf ein neues Niveau zu heben. Unser erstes Ziel ist es, mit unseren Kunden in den Bereichen Asset Management und Private Wealth Management organisch zu wachsen. Ausserdem werden wir unsere Expertise im Bereich Corporates & Markets weiter ausbauen; hier sind unsere Fähigkeiten in unseren Schlüsselmärkten besonders anerkannt.
Wir sind auch immer auf der Suche nach Möglichkeiten, unsere Entwicklung durch externes Wachstum fortzusetzen, insbesondere in Europa. Unser Erfolg in der Eurozone erlaubt es uns auch, nach Möglichkeiten ausserhalb der EU zu suchen. So haben wir bereits Büros in London eröffnet, und wir haben den Ehrgeiz, uns auch auf den asiatischen Märkten zu entwickeln, die ein gewaltiges Wachstumsreservoir darstellen.

Philippe Oddo ist der CEO der Oddo BHF-Gruppe.
Er trat 1984 in das Familien-Unternehmen Oddo & Cie ein und wurde 1987 geschäftsführender Gesellschafter. Nach der Übernahme der Geschäftsführung diversifizierte er durch mehrere Übernahmen in Frankreich das Geschäft der Gruppe im Private Banking und Investment Banking. So übernahm die Gruppe beispielsweise die Banque d’Orsay, die Banque Robeco und Credit Lyonnais Securities Europe. 2016 erwarb Philippe Oddo im Rahmen seiner internationalen Expansion die deutsche BHF-Bank und gründete damit die neue Oddo BHF-Gruppe. Philippe Oddo ist Absolvent der Ecole des Hautes Etudes Commerciales de Paris (HEC). Darüber hinaus studierte er an den Universitäten Paris-Dauphine, New York und Köln.

Joachim Häger ist seit Juli 2016 Mitglied im Vorstand von Oddo BHF. Zudem ist er Partner der Oddo BHF SCA in Paris und Präsident des Verwaltungsrats von Oddo BHF (Suisse).
Im Rahmen seiner Aufgaben verantwortet er das Private Wealth Management von Oddo BHF in Deutschland, in der Schweiz und
in Frankreich. Vor seinem Wechsel zu Oddo BHF war er rund 25 Jahre für die Deutsche Bank tätig. 2007 übernahm er dort die Leitung des Private Banking-Bereichs in Deutschland. Ab 2014 hatte zeichnete er für das Asset & Wealth Management mitverantwortlich. Joachim Häger war Mitglied der Geschäftsleitung der Deutschen Bank für Deutschland und seit 2005 Mitglied des globalen Exekutivausschusses des Private Wealth Management-Bereichs.

  • Die Oddo BHF-Gruppe beschäftigt 2’500 Mitarbeiter (davon 1‘300 in Deutschland und der Schweiz) und verwaltet mittlerweile 125 Milliarden Euro an Kundenvermögen.
  • Die Gruppe ist in den Bereichen Asset Management, Private Wealth Management und Corporates & Markets aktiv. Der Hauptsitz ist in Paris und Frankfurt. In der Schweiz ist sie an den Standorten Zürich, Lausanne und Genf vertreten.
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