„Wir haben im letzten Jahr wirklich einen Gang zugelegt“

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Interview mit Xavier Ledru, Leiter der Abteilung Corporate Finance, Reyl Intesa Sanpaolo

Von Jérôme Sicard – Fotos: Karine Bauzin

Der Geschäftsbereich Corporate Finance der Bank Reyl hat ganz klar einen Schritt nach vorne gemacht. Indem er an Transaktionen mitwirkt, bei denen es um Hunderte von Millionen, wenn nicht sogar Milliarden geht, gehört er nun zu den namhaften Akteuren des schweizerischen und europäischen Investment-Banking-Sektors. Und seine Entwicklung zeigt, dass er noch grosses Potenzial besitzt, wie sein Leiter, Xavier Ledru, erklärt.

Der Geschäftsbereich Corporate Finance der Bank Reyl wurde 2013, vor fast zehn Jahren gegründet. Wie viele Transaktionen wurden seitdem abgewickelt?
z Xavier Ledru: In der Tat, die Zeit vergeht schnell! Als ich zur Bank kam, bestand das Team aus drei Personen. Jetzt sind wir ungefähr 15 an unseren Standorten in London, Genf und Zürich, wo wir unsere Präsenz ausbauen. Innerhalb von zehn Jahren haben wir über 50 Geschäfte mit einem Gesamtvolumen von ungefähr acht Milliarden Franken abgewickelt.

Was bedeutet es für eine Bank wie Reyl Intesa Sanpaolo, einen Geschäftsbereich Corporate Finance zu haben? Wie passt Ihr Angebot zum Gesamtangebot der Reyl-Gruppe?
Das Corporate-Finance-Team fügt sich voll in die 360-Grad-Strategie von Reyl Intesa Sanpaolo ein. Wir bieten unseren Kunden Investment-Banking-Dienstleistungen in den Bereichen Fusionen und Übernahmen, Finanzierungsberatung, Private Equity und Kapitalmärkte an. Denn viele unserer Kunden sind Unternehmen, die erfolgreich internationale Konzerne aufgebaut haben. Indem wir diesen Kunden eine solche Kompetenzpalette anbieten, können wir ihren Bedürfnissen gerecht werden und gleichzeitig eine langfristige Partnerschaft sowohl mit ihnen als auch mit ihrer Familie und ihrem Unternehmen aufbauen.

Was zeichnet Ihre Entwicklungsstrategie aus?
In der Anfangsphase verfolgten wir eine eher opportunistische Strategie.
Heute stehen wir am Anfang eines neuen, reiferen Zyklus, in dem wir unsere Präsenz in der Schweiz und dem Rest Europas als Berater mittlerer und grosser Unternehmen verstärken wollen. Hier besteht echter Bedarf und vor allem viel Entwicklungspotenzial für Akteure unserer Grössenordnung. Der Geschäftsbereich Corporate Finance von Reyl Intesa Sanpaolo profitiert von seinem ausgefeilten Ansatz und seinen hochwertigen Dienstleistungen und ist gleichzeitig agiler und flexibler als etabliertere Geschäftsbanken.

Welche Ziele haben Sie sich gesetzt?
Wenn ich Ihnen meine wahren Ziele offenbaren würde, würden Sie mich mit Sicherheit nicht ernst nehmen! Wir bleiben bescheiden, sind aber extrem entschlossen und ehrgeizig. Angesichts unserer
letzten Entwicklungen und der Qualität unserer Teams haben wir gute Gründe, optimistisch zu sein.

Auf welche Stärken können Sie aus Ihrer Sicht Ihre Strategie konzentrieren?
Der europäische Geschäftsbankensektor ist durch einen intensiven Wettbewerb gekennzeichnet, aber unsere Dienstleistungskultur, unsere langfristige Vision und die Betonung des Menschlichen sind unsere grössten Trümpfe, um unser Wachstum zu festigen. Dass unsere Kunden nun regelmässig unsere Dienste in Anspruch nehmen, ist die schönste Belohnung. In unseren Teams haben wir erfahrene Fachleute mit unterschiedlichen fachlichen Hintergründen, die von internationalen Grossbanken zu uns gestossen sind. Aber wir verfügen auch über jüngere Mitarbeiter, die wir sehr früh eingestellt und ausgebildet haben und deren Entwicklung uns stolz macht. Unser Humankapital und unsere Empathie sind genauso unsere Stärken, wie unsere technischen Kompetenzen. Wir pflegen beides und das hebt uns von anderen, klassischeren Banken ab.

Auf welche Art von Transaktionen konzentrieren Sie sich derzeit?
Vor Kurzem haben wir eine grenzüberschreitende Übernahme im Wert von mehreren Hundert Millionen für den Toyota-Konzern abgeschlossen. Im Moment begleiten wir den Verkauf eines schweizerischen Familienunternehmens, das umweltfreundliche Automotive-Schmierstoffe herstellt, an einen Grosskonzern aus dem Energiesektor. Dieses Geschäft wurde übrigens von unserem Geschäftsbereich Wealth Management vermittelt. Auch bei dieser Transaktion stehen einige Hundert Millionen Franken auf dem Spiel. Im Bereich Finanzierungen haben wir in diesem Sommer an der Aufnahme von 150 Millionen Euro für die Les-Etincelles-Gruppe, einen der Marktführer in der Hochgebirgs-Luxushotellerie, mitgewirkt. Ferner wurden wir ausgewählt, um die ACS-Gruppe Ende 2021 beim Verkauf ihres Erneuerbare-Energien-Geschäfts an Vinci für 4,9 Milliarden Euro zu beraten. Alles in allem haben wir im letzten Jahr wirklich einen Gang zugelegt.

Auf welche Sektoren konzentrieren Sie Ihre Kompetenzen?
Die Sektoren, in denen wir aktiv sind, sind die traditionelle Industrie, Gesundheit, Konsum- und Luxusgüter, Technologie, Medien und Telekommunikation, Immobilien und Gastgewerbe. Und natürlich erneuerbare Energien, ein Sektor, in dem wir in den
letzten Jahren profundes Fachwissen aufgebaut haben und der ein echter Schwerpunkt unserer Entwicklung ist.

Was hat Ihnen der Einstieg von Intesa Sanpaolo ins Kapital von Reyl& Cie gebracht?
Die strategische Partnerschaft zwischen uns und Intesa San Paolo, einem der grössten europäischen Bankkonzerne, stellt einen echten Paradigmenwechsel für unser Investment-Banking-Geschäft dar. Intesa Sanpaolo gehört in vielen Bereichen in Bezug zum Investment Banking zur europäischen Spitzengruppe. Durch unsere Partnerschaft haben wir Zugriff auf erstklassige Sektorteams und können unsere Kompetenzen und die jeweiligen Netzwerke gemeinsam nutzen. Agilität, Einbindung der Führungskräfte, Fähigkeit zur Beteiligung an Geschäften unterschiedlicher Grössenordnung in verschiedenen Regionen und der Zugriff auf eine der grössten Bilanzen der Eurozone: Dies sind alles – recht überzeugende – Argumente, die für uns sprechen. Wenn so viel Potenzial vorhanden ist, ist dies für uns ein sehr starker Impuls!

Wie läuft die Zusammenarbeit mit den Intesa-Teams?
Wir tauschen uns regelmässig aus und lernen uns immer besser kennen. Die Gespräche laufen reibungslos, und das freut uns. Wir können gegenüber Unternehmen eine hohe Kreditfähigkeit «pitchen». Die Intesa-Sanpaolo Gruppe kann sich ihrerseits auf unsere Teams stützen, um in Geschäfte einzusteigen, die sie normalerweise nicht tätigt oder bei denen es sich um hybride Geschäfte handelt, also solche, die sowohl in den Private-Banking- als auch den Investment-Banking-Bereich fallen.

Wie kommt es, dass es ausser Ihnen bisher kaum Schweizer Akteure in diesem Bereich gibt?
Das überrascht tatsächlich, wenn man sich die zahlreichen Gelegenheiten ansieht, die es hier gibt! Was uns betrifft, profitieren wir im Gegensatz zu vielen vergleichbaren Unternehmen von der uneingeschränkten Unterstützung der Partner der Bank, die praktisch alle ehemalige Investmentbanker sind. Sie verstehen unsere Kultur und das aussergewöhnliche Potenzial, aber auch die besonderen Einschränkungen, die für unsere Tätigkeiten bestehen.

Wie gehen Sie vor, um Geschäfte zu finden, die Sie interessieren könnten?
Zunächst arbeiten wir eng mit den anderen Geschäftsbereichen der Bank – Entrepreneurs & Family Office Services, Wealth Management, Asset Management und Asset Services – zusammen. Wir unterhalten hervorragende Beziehungen untereinander. Dank dieser soliden Verbindungen können wir den Kunden der Bank erweiterte Kompetenzen und grosse Netzwerke anbieten.
Ausserdem hat unser Geschäftsbereich eigene Beziehungen innerhalb der internationalen Geschäftswelt geknüpft. Beispielsweise mit mittleren und grossen schweizerischen und europäischen Konzernen, die uns regelmässig ansprechen, wenn sie Unterstützung bei Problemen mit Fusionen und Übernahmen, Finanzierungen oder schwierigen Verhandlungen mit ihren Finanzpartnern benötigen. Ferner fungieren wir regelmässig als Ansprechpartner von Private-Equity- oder Private-Debt-Fonds, Family Offices oder Staatsfonds, die unsere Dienste bei der Suche nach interessanten Off-Market-Geschäften in Anspruch nehmen. Da wir uns am Schnittpunkt dieser verschiedenen Welten befinden, sind wir in einer einzigartigen Position.
Allgemein gehen wir unsere Aufgabe mit grossem Enthusiasmus an. Wenn wir eine Verbindung zwischen Personen oder Unternehmen, die wir schätzen, herstellen können, tun wir dies gerne. Indem wir Dienstleistungen erbringen, ohne unbedingt sofort eine Gegenleistung zu erwarten, erinnert man sich später an uns. Das spiegelt auch unser sehr ausgeprägtes unternehmerisches Denken wider, glaube ich.

Xavier Ledru begann seine Karriere 2004 als Anwalt in der Pariser Niederlassung der US-Kanzlei Orrick Herrington & Sutcliffe, wo er im Bereich strukturierte Finanzierungen tätig war. 2010 wechselte er zur Société Générale Corporate & Investment Banking, wo er als Leiter der Rechtsabteilung für Rohstoffe und natürliche Ressourcen fungierte. Er kam 2014 zu REYL & Cie, wo er 2019 zum stellvertretenden Leiter und im Juli 2020 zum Leiter der Abteilung Corporate Finance ernannt wurde. Xavier verfügt über einen Abschluss der Paul-Cézanne-Universität, der HEC Business School und der Paris-Descartes-Universität.

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