„Ich möchte, dass auch die Menschen auf der Strasse wissen, was Asset Management für sie leistet“

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Interview mit Adrian Schatzmann, Asset Management Association Switzerland
Von Andreas Schaffner – Fotos: Jürg Kaufmann

Adrian Schatzmann hat die Leitung der neuen Asset Management Association Switzerland angetreten, um das Asset Management in der Schweiz zu stärken. Diese Mission erfordert abgesehen von einem stärkeren Zusammenhalt der einzelnen Akteure auch mehr Anerkennung in der Öffentlichkeit, die den Beitrag des Asset Managements zum Altersvorsorgesystem bisweilen unterschätzt.

2020 wurden die Asset Management Plattform Schweiz (AMP) und die Swiss Funds & Asset Management Association SFAMA zur Asset Management Association Switzerland zusammengeführt. Wer hat hier wen geschluckt?
Adrian Schatzmann: Weder noch. Wir haben hier zwei Organisationen mit unterschiedlicher Ausrichtung zusammengeführt. Die Asset Management Plattform hatte primär zum Ziel, die Bedeutung und Stärken der Industrie an die Öffentlichkeit zu vermitteln, während die SFAMA einen stärkeren Fokus auf die regulatorischen und steuerlichen Rahmenbedingungen legte – insbesondere der Anlagefonds. Fonds sind die wichtigsten Vehikel für die Asset Management Industrie, somit war eine Bündelung der Kräfte die logische Konsequenz, nachdem der Aufbau der AMP erfolgreich abgeschlossen wurde.

«Eins und eins» ist also hier mehr als nur zwei?
(lacht) Definitiv. Mindestens zweieinhalb.

Sie kommen vom Business, haben lange in Asien gelebt und auch ein eigenes Unternehmen gegründet. Was hat Sie an dieser Aufgabe bei einem Verband gereizt?
Mit der AMAS bot sich für mich eine tolle Chance, denn ich identifiziere mich vollumfänglich mit dem Asset Management. Deshalb will ich mich auch für diese ausserordentlich spannende und vielfältige Branche einsetzen. Es gibt kaum einen Haushalt in der Schweiz, der keine Asset Management Dienstleistungen bezieht. Die Menschen vertrauen unserer Industrie ihre Ersparnisse, oft in Form ihrer Vorsorgegelder in der zweiten und dritten Säule, an. Dies ist eine grosse, eine noble Aufgabe, die mit einer sehr grossen Verantwortung für unsere Industrie einhergeht. Damit wir diese Verantwortung auch wirklich wahrnehmen können, sind wir auf optimale Rahmenbedingungen angewiesen. Da möchten wir mit dem Verband ansetzen.

Das bekannte Schattendasein der Asset Management Industrie also, wie wollen Sie das jetzt anpacken?
Schauen Sie sich die Themen an, die für unsere Industrie prioritär sind: Vorsorge, Nachhaltigkeit und Digitalisierung. Das sind dieselben Themen, die für die gesamte Gesellschaft und die Wirtschaft ebenfalls zentral sind und auch zukünftig sein werden. Das Asset Management spielt dabei eine Schlüsselrolle.

Wieso hat das Asset Management in der Schweiz einen solch schwierigen Stand?
Wenn ich mich mit Kolleginnen und Kollegen bei Banken oder Pensionskassen austausche, dann ist ihnen klar, wie stark und wichtig die Branche ist. Der breiten Öffentlichkeit allerdings ist noch kaum bewusst, dass neben dem Banken- und Versicherungssektor mit dem Asset Management ein weiterer wichtiger Akteur in der Finanzdienstleistungsindustrie existiert, der in der Schweiz immerhin 2500 Milliarden an Vermögen verantwortet. Ich bin überzeugt, dass wir mehr tun müssen, mehr tun können, um den Bekanntheitsgrad des Asset Managements zu erhöhen und seine Wertschätzung zu verbessern. Das Asset Management ist enorm wichtig für die Finanzierung der privaten und der beruflichen Vorsorge und damit für die Sicherung unserer Renten sowie privater Sparziele. Und sie ist zentral, wenn es darum geht, den Finanzplatz weiterzuentwickeln. Es muss uns gelingen, die Bedeutung des Asset Managements für die Gesellschaft verständlicher zu kommunizieren.

Die Schweiz ist weltberühmt für ihr Private Banking, jedoch ist das institutionelle Asset Management kaum bekannt. Weshalb wurde Ihre Branche bisher eher wenig beachtet?
Hier sprechen Sie einen wichtigen Punkt an. Das Private Banking betreut Privatpersonen mit ihren Bedürfnissen möglichst ganzheitlich. Dies kann und muss soweit möglich individuell geschehen, oft unter Berücksichtigung der «zentralen» Lebensereignissen wie Ausbildung, Heirat, Hausbau, Kinder, Pensionierung aber leider auch Scheidungen, Invalidität und letztlich der Tod. Das institutionelle Asset Management, wie es auch von Versicherungen oder Pensionskassen betrieben wird, agiert im Namen einer Mehrzahl von Kunden und legt die Gelder für die erwähnten individuellen Ereignisse kollektiv an. Dies ist für eine Einzelperson komplex und schwieriger nachzuvollziehen, wie sie direkt davon profitiert. Eines ist aber klar: Ein starkes Asset Management ist Voraussetzung für starkes Private Banking.

In welchen Märkten sehen Sie die grössten Wachstumschancen?
Aufgrund meines beruflichen Hintergrunds in Asien ist mir die Dynamik in dieser Region sehr bekannt. Wenn man schaut, wie schnell und in welchem Umfang neues, investierbares Vermögen entsteht, wird klar, dass Asien der stärkste Wachstumsmarkt ist. Fairerweise muss man hier jedoch anfügen, dass die Vorsorgewerke in Asien noch weniger entwickelt sind als diejenigen in einigen europäischen Ländern. Es gilt also, die Marktstellung in den etablierten Ländern zu verteidigen und am Wachstum in den sich rasch entwickelnden asiatischen und teilweise südamerikanischen Ländern möglichst zu partizipieren.

Ihr wichtigster Markt ist jedoch derzeit Europa.
Das stimmt. Innerhalb Europas sind wir auch der viertgrösste Asset Management Standort. Wir müssen uns hier nicht verstecken. Übrigens: Nummer eins ist mit Grossbritannien ebenfalls ein Land ausserhalb der EU, was angesichts der Brexit-Diskussionen neue Möglichkeiten ergeben könnte.

Wieso?
Weil es Implikationen auf die Schweiz haben könnte. So wurden mit der Brexit-Diskussion Stimmen laut, die darauf abzielen, dass etwa bei UCITS Fonds auch der produktive Teil – also das eigentliche Asset Management – und nicht nur die Hülle, aus der EU kommen soll. Würde diese Forderungen umgesetzt, hätte das enorme Konsequenzen, nicht nur für London, sondern auch für die Schweiz. Viele hier erbrachte Asset Management Dienstleistungen basieren auf Delegation von Fonds mit Domizil in der EU.

Sie brauchen also politischen Sukkurs.
Wir müssen klarmachen, dass bei derartigen Diskussionen zwar Grossbritannien gemeint ist, aber dass die Gefahr besteht, dass auch die Schweiz als nicht EU-Land in den gleichen Topf geworfen wird. Hier müssen wir der Öffentlichkeit präzise aufzeigen, wie wichtig das Asset Management auch als Exportindustrie ist. Einen grossen Teil unserer Dienstleistungen verkaufen wir in die ganze Welt, während die Wertschöpfung in der Schweiz stattfindet.

Wo sehen Sie sonst noch Wachstumspotenzial?
Am Thema Nachhaltigkeit führt kein Weg vorbei. Die Schweiz ist geradezu prädestiniert, im Bereich der Nachhaltigkeit weltweit eine führende Rolle einzunehmen. Es reicht allerdings nicht, nur zu sagen, dass wir ein führender Standort im Asset Management von nachhaltigen Anlagen werden wollen. Damit wir führend werden, müssen wir auch bereit sein, mehr zu tun als andere Standorte, welche ähnliche Ansprüche angemeldet haben. Die notwendigen Massnahmen gilt es in den nächsten Monaten zu erarbeiten. Es ist eine enorme Chance für unsere Industrie, auch gerade für das aktive Management.

Und wie ist es mit den Renditen? Sind die Kunden – etwa die Pensionskassen – bereit, auf einen Teil der Renditen zugunsten der Nachhaltigkeit zu verzichten?
Nachhaltigkeit und Rendite schliessen sich nicht aus. Klimarisiken sind Anlagerisiken und können schlicht nicht ignoriert werden. Allerdings gilt es insbesondere bei Pensionskassen auch immer an deren Kernauftrag zu erinnern: Dieser besteht in der finanziellen Sicherstellung der Renten. Versuche aus der Politik, gesellschaftspolitische Vorstellungen oder Ideologien via Pensionskassen umzusetzen, gilt es mit Nachdruck zu bekämpfen.

Gleichwohl ist die Umsetzung einer Nachhaltigkeits-Strategie, wie sie etwa vom Bundesrat gefordert ist, nicht so einfach.
Wir haben mehrere Handlungsfelder: Was genau meinen wir mit nachhaltigen Anlagestrategien? Hier existieren nicht nur in der Branche unterschiedliche Vorstellungen. Es gibt terminologischen Klärungsbedarf. Wir müssen hier auch einen Blick auf die Entwicklungen in der EU werfen, wo diese Frage im Rahmen der Nachhaltigkeitstaxonomie ausführlich diskutiert wird.
Wir müssen weiter sicherstellen, dass wir als Industrie wirklich transparent sind, zum Beispiel beim Beschrieb von Anlageprodukten. Und letztlich müssen wir zeigen, dass wir unsere Stimmrechte aktiv wahrnehmen und so mit Blick auf Nachhaltigkeit aktiv auf Unternehmen einwirken. Auch hier ist Transparenz gefordert: Asset Managermüssen aufzeigen, wie sie bei Generalversammlungen von Firmen, an welchen sie direkt oder via Fonds beteiligt sind, abgestimmt haben.

Stichwort Pensionskassen und Vorsorge. Ein Thema, dass Sie in ihrer neuen Aufgabe auch stark beschäftigen wirdt.
Ja, hier geht es auch wieder um die Frage, wie stark wir als Branche wahrgenommen werden und wie wir uns mit unserem Know-how und der grossen Verantwortung noch besser in die aktuellen Diskussionen einbringen können. Ich stelle fest, dass in den politischen Diskussionen um die Rentensicherung bisher meistens die Verbindlichkeiten, sprich die passive Seite, im Vordergrund ist. Die diesbezüglichen Parameter sind Rentenalter, Beitragszahlungen durch Arbeitgeber, Arbeitnehmer oder via Mehrwertsteuer sowie Umwandlungssätze. Und schon sind wir mittendrin im politischen Kräfteringen. Wir wollen den Blick vermehrt auch auf die aktive Seite, die Anlageseite, lenken, auf das Renditepotential und die wichtige Rolle der Rendite als «dritten Beitragszahler.

Was muss «der Mann und die Frau auf der Strasse» wissen?
Der sogenannte «dritte Beitragszahler» – also die durch Asset Management erzielte Rendite – steuerte neben den Beiträgen der Arbeitgeber (erster Beitragszahler) und Arbeitnehmer (zweiter Beitragszahler) seit Einführung der beruflichen Vorsorge im Jahre 1985 rund 40% des Zuwachses am Gesamtvermögen der 2. Säule bei. Ohne diesen hochspezialisierten Wirtschaftszweig sähe die Situation in unseren Vorsorgewerken heute ganz anders aus.

Nun, lange galt der «dritte Beitragszahler» einfach als gegeben. Das hat sich erst mit der Finanzkrise leicht geändert.
Ja, das ist richtig, nicht zuletzt auch wegen den historisch sehr tiefen Zinsen. Gleichzeitig erschweren auch die demografische Entwicklung und namentlich auch die an und für sich oft positive Langlebigkeit die Leistungsfähigkeit der Pensionskassen. Man ging von konstanten Einnahmen aus, von «sicheren» Vermögenserträgen und war gleichzeitig auch eher risikoavers unterwegs. Dieses Thema müssen wir angehen.

Also die Pensionskassen sollen mehr Risiken eingehen?
Letztlich ist eine Pensionskasse ein Generationenprojekt mit einem entsprechend langen Anlagehorizont. Abgerechnet wird aber auf jährlicher Basis. Ein schlechtes Jahr, ein reduzierter Deckungsgrad kann als Anlass genommen werden, um die Anlagestrategie anzupassen, um Risiko zu reduzieren. Es gilt aufzuzeigen, welches Renditepotential zum Beispiel durch den Einsatz von alternativen, illiquiden Anlagen mit längerem Anlagehorizont erschlossen werden kann.

Eine nicht ganz neue Forderung der Branche lautet ja auch die stärkere Öffnung der Regulierung, wenn es um «alternative» Anlagen geht.
Alternative Anlagen erfreuen sich auch in der Vorsorge bereits zunehmender Beliebtheit. Aber ich bin einverstanden, dass hier bei den Schweizerischen Vorsorgewerken noch viel Renditepotential brach liegt. Illiquidere Anlagen wie Private Equity, Private Debt oder Infrastruktur sind geradezu prädestiniert für Pensionskassen resp. deren langen Anlagehorizont. Illiquide Anlagen bieten eine Liquiditätsprämie an und können die Rolle der Rendite des «Dritten Beitragszahlers» weiter stärken.
Positiv in diesem Zusammenhang ist auch, dass wir mit dem L-QIF bald ein in der Schweiz domiziliertes Anlagevehikel anbieten können, welches auf Alternative Anlagen und professionelle Anleger wie Pensionskassen ausgerichtet ist.

Was ist Ihre Forderung?
Für uns als Branche ist es wichtig, dass wir hier etwa bei der Portfolio-Zusammenstellung mehr Spielraum erhalten. Das Stichwort hierzu ist die Prudent Investor Rule. Das ermöglicht langfristig die Erzielung von höheren Renditen. Gleichzeitig müssen wir als Industrie bei der Ausbildung noch weitergehen. Ich weiss aus meiner Erfahrung mit Pensionskassen und Stiftungsräten, wie stark hier Nachholbedarf ist.

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