„Aktionariat hat sich vom Uniswap-Modell – der grössten dezentralisierten Börse der Welt – inspirieren lassen“

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Interview von Nicola Plain, CEO, Aktionariat

Von Elsa Floret

Aktionariat ist kein Marktplatz für Kryptowerte, sondern bringt Aktiengesellschaften, KMU und Startups mit Privatanlegern und institutionellen Investoren zusammen. Das 2020 im Kanton Zürich gegründete Fintech bietet als erstes Unternehmen eine neue Form des Aktienhandels an. Möglich wurde dies durch das am 1. Februar 2021 in Kraft getretene Distributed Ledger Technology-Gesetz (DLT-Gesetz), das die Einführung von Blockchain-basierten Registerwertrechten vorsieht.

In der Schweiz ist eine starke Zunahme der Anbieter von Tokenisierungslösungen zu beobachten. Auf welchen Modellen basieren sie mehrheitlich?
Das stimmt, doch die meisten Token-Anbieter konzentrieren sich nicht auf Security Tokens, sondern auf Utility Tokens. Einige Wettbewerber wollen sogar neue zentralisierte Marktplätze schaffen. Allerdings beruhen alle Projekte auf dem traditionellen Auftragsbuch-Modell, das meines Erachtens nicht funktionieren wird.
Wir glauben, dass das Modell des Liquiditätspools dem Auftragsbuchmodell überlegen ist. Deshalb hat Aktionariat diese Option, die vom regulatorischen Umfeld profitiert, gewählt. Die Schweiz gehört mit ihrem DLT-Gesetz neben Liechtenstein, Luxemburg, Australien und Singapur de facto zu den wenigen Ländern der Welt, in denen die Gesetzgebung dieses Modell ermöglicht.
Auch wenn die Modelle unserer Wettbewerber dank einer soliden Rechtsgrundlage Security Tokens nutzen können, verfügt keiner von ihnen über einen operativen Sekundärmarkt mit ausreichender Liquidität. Bis jetzt sind wir hier die einzigen.
Mit einem auf einem DLT-Gesetz beruhenden Security Token besitzt ein Investor alle Aktionärsrechte. Bei Utility Tokens ist dies dagegen nicht der Fall. Security Tokens ermöglichen Blockchain-basierte Investments mit einem fundamentalen Wert. Für Aktionariat entspricht dieser Wert der Aktie eines Unternehmens.
Bei Utility Tokens ist extreme Vorsicht geboten. Bei einem ICO (Initial Coin Offering) besitzen Aktionäre keinerlei Rechte. Wenn die Preise steigen, hat dies nichts mit dem fundamentalen Wert zu tun, sondern beruht auf reiner Spekulation. Im Gegenteil. Bei einem STO (Security Token Offering) besitzen die Tokens Wertpapierstatus und können somit wie Finanztitel gehandelt werden.

Aktionariat handelt wie ein Marktplatz, ist aber keiner.
Wir funktionieren wie ein Marktplatz, der Aktiengesellschaften, KMUs und Startups mit Privatanlegern und institutionellen Investoren zusammenbringt. Die Transaktionen erfolgen jedoch grundsätzlich auf den Websites unserer Kunden. Wir erhalten keine Vergütung von den Investoren oder Kunden. Also sind wir KEIN Marktplatz im eigentlichen Sinn.

Was bietet Aktionariat an?
Wir bieten ein Instrumentarium, mit dem jede Schweizer Aktiengesellschaft direkt auf ihrer Website einen Markt für ihre Aktien schaffen kann. Trading- und Investor-Widgets werden als HTML-Snippet zur Verfügung gestellt und lassen sich deshalb einfach in die Websites unserer Kunden integrieren.
Nur 1% der Unternehmen ist börsennotiert, d.h. 99% sind es nicht. Folglich haben meiner Ansicht nach nur HNWI und institutionelle Investoren Zugang zu Private Equity. Der Zugang zu Kapital ist für KMU in der Regel deutlich schwieriger.

Auf welchem Modell beruht Aktionariat?
Der traditionelle Finanzmarkt beruht auf dem Auftragsbuchsmodell, so dass eine hohe Zahl von Transaktionen nötig ist, um eine Differenz zwischen Angebot und Nachfrage (Bid-Ask-Spread) ermitteln zu können.
Leider funktionierte dieser Ansatz für KMUs bislang nicht wie gewünscht. Digitale Börsen wie die SDX, eine Tochtergesellschaft der SIX, und SME X, die zur Berner Kantonalbank gehört, greifen den derzeitigen Auftragsbuch-Ansatz auf. Ich bleibe etwas skeptisch was die Anwendung des OrderBook-Ansatzes für SME-Aktien betrifft, tokenisiert oder nicht. Für diese Vermögenswerte setzt Aktionariat auf einen völlig anderen Ansatz, der von UNISWAP, der grössten dezentralisierten Börse der Welt, inspiriert ist. Das tägliche Handelsvolumen von UNISWAP ist genauso hoch wie das der SIX.

Wie genau geht das?
Zunächst wird ein Liquiditätspool gebildet sowie eine Handelspaarung, Ether und Bitcoin. Das Kapital ist investiert. Anschliessend wird eine Preisspanne festgelegt, innerhalb der die Anleger handeln können. Dieses Modell funktioniert extrem gut, denn es ermöglicht eine kontinuierliche Generierung von Liquidität. Uns hat diese Vorgehensweise so gut gefallen, dass wir sie für kleine und mittlere Unternehmen reproduziert haben. Unser Haupttool ist ein „Broker Bot“ – also ein automatisierter Market Maker.
Im Rahmen eines Smart Contracts wird ein Betrag in XCHF – von Bitcoin Suisse AG ausgegebener CryptoFranc – festgelegt und eine Handelspaarung mit der Aktie der Aktiengesellschaft bestimmt.
Solange sich die Aktien der Aktiengesellschaft im Pool befinden, können Anleger sie handeln. In unserem Modell kann nur das betroffene Unternehmen den Liquiditätspool stellen.

Nicola Plain war mit seinem kleinen Beratungsunternehmen fünf Jahre lang als Ingenieur und Projektleiter in der Automobilindustrie tätig. Desillusioniert vom Widerstand grosser Unternehmen gegen Veränderungen beschloss er, künftig nur noch in sehr reaktiven und flexiblen Umgebungen zu arbeiten. Deshalb wechselte er zu Aktionariat, einem Unternehmen, das sich das neue Schweizer DLT-Gesetz zunutze macht, um Firmen die Schaffung eines Marktplatzes für ihre Aktien auf ihrer eigenen Website zu ermöglichen.

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