Alexandre Zeller, Lombard Odier Gruppe: „Für Lombard Odier ist Technologie ein klarer Wettbewerbsvorteil “

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Von Jérôme Sicard – Fotos Karine Bauzin

Alexandre Zeller kam vor eineinhalb Jahren zur Lombard Odier Gruppe. Er übernahm die Leitung des Unternehmensbereichs Technology & Operations und ist für neue Technologien, Innovation und Digitalisierungsprojekte zuständig. Es gibt also viel zu tun! Auf seinen Anstoss hin wurden mehrere Projekte angegangen, beginnend mit der Aktualisierung der IT-Plattform, die ein Kernstück des Unternehmens ist. In diesem Interview erläutert er, worum es bei diesen Projekten geht.

Was sind die Aufgaben von Lombard Odiers Unternehmensbereich Technology & Operations, den Sie leiten?
Alexandre Zeller: In erster Linie handelt es sich um einen sehr bedeutenden Unterscheidungsfaktor. Denn wir sind überzeugt davon, dass sich eine Privatbank wie die unsere sich abheben kann, indem sie sich auf drei Punkte konzentriert. Der erste ist ihre Kompetenz sowie die Qualität ihres Angebots, ihrer Produkte, Dienstleistungen und Anlagelösungen. Der zweite bezieht sich auf unsere Werte. Dies sind die Werte einer Privatbank, die sehr nahe an ihren Kunden ist und von mehreren, lange amtierenden Teilhabern gemeinsam geleitet wird. Dies hat den Vorteil, dass manchmal antizyklische Positionen eingegangen werden können. Der dritte Punkt ist die Technologie, denn sie verschafft uns einen eindeutigen Wettbewerbsvorteil. Sie hat eine lange Geschichte bei Lombard Odier, denn wir hatten als allererste Bank in der Schweiz einen IBM-Mainframe-Rechner!
Um auf Ihre Frage zum Unternehmensbereich Technology & Operations zurückzukommen: Dort sind mehrere Tätigkeiten zusammengefasst. Im Zentrum steht unsere IT-Plattform einschliesslich ihrer Nutzung, ihres Entwicklerteams, der Verwaltung unserer Infrastruktur, der Cybersicherheit – ein absolut wesentliches Thema – und der Back-Office-Funktionen, die jede Art von Transaktionen regeln, die man sich vorstellen kann. Hinzu kommt die Abteilung BPO. Sie betreut rund zehn Kunden, die ebenfalls unsere Plattform nutzen.

Wie viele Mitarbeiter arbeiten in diesem Unternehmensbereich?
Ungefähr 630. Bei Bedarf kommen noch ein paar externe Mitarbeiter hinzu. Dies entspricht ungefähr einem Viertel der Mitarbeiter des Unternehmens.

Was sind Ihre Ziele?
Primär wollen wir neue Kunden integrieren, für die wir ihre Bankplattform verwalten und sämtliche Geschäfte abwickeln können. In diesem Bereich werden wir weiter vorangehen. Ausserdem werden wir unsere eigene Plattform weiterentwickeln. Eine Zeitlang stand die Frage im Raum, ob es nicht besser wäre, wenn wir sie auslagern und eine Plattform vom Markt nutzen. Wir sind schliesslich zu dem Schluss gekommen, dass es besser ist, in die bestehende Plattform zu investieren und diese zu modernisieren, um diesen Wettbewerbsvorteil nicht zu verlieren und unseren Kunden eine überlegene Lösung anzubieten. Ferner stellt sich die Frage unseres Informatikparks; viele Banken lagern diesen Bereich aus. Wir haben jedoch in der Corona-Krise festgestellt, dass wir dank eigener IT extrem flexibel sind.

Wo setzen Sie in Bezug auf BPO an?
Dieser Bereich besteht seit 2013. Innert fünf Jahren konnte Lombard Odier mehrere wichtige Kunden aus der Schweiz und Europa gewinnen. 2018 wurde beschlossen eine Pause einzulegen, um unsere Tätigkeiten zu überdenken und getreu unserem Leitmotiv «Rethink Everything» eine strategische Überprüfung durchzuführen. Jetzt starten wir mit einer verfeinerten Strategie durch. Wir wollen uns auf kleine und mittlere Privatbanken konzentrieren, die ein ähnliches Geschäftsmodell wie wir haben. Dazu schauen wir uns in der Schweiz und Europa um, wobei aber bestimmte Einschränkungen bestehen. Die in Frage kommenden Banken müssen ihren Sitz in Ländern haben, in denen wir schon präsent sind, denn wir müssen das regulatorische Umfeld von A bis Z kennen.

Wie lauten Ihre Verkaufsargumente für die Plattform im Rahmen eines BPO-Angebots?
Die Plattform von Lombard Odier wurde von Informatikern mit profunden Kenntnissen des Private Bankings für Banker entwickelt. Was die Plattform an sich anbelangt, würde ich als erstes auf ihre ziemlich phänomenale Rechenleistung hervorheben, dank derer sie ein praktisch unbegrenztes Universum von Instrumenten verarbeiten kann.
Das zweite Argument ist, dass wir in allen Ländern, in denen wir präsent sind, die gleiche Plattform und die gleiche Umgebung wie das Mutterunternehmen einsetzen, was man durchaus als Geniestreich bezeichnen kann. Wir beschränken uns darauf, die Plattform zu «klonen», was sonst eher selten der Fall ist. Für unsere BPO-Kunden gehen wir immer genau nach dem gleichen Muster vor: Ein und dieselbe Plattform in jeder Abteilung und jedem Land, in einer abgetrennten IT-Umgebung.
Abschliessend möchte ich auch auf unsere Kompetenzen in Sachen steuerlich effiziente Vermögensverwaltung hinweisen. Im Vergleich zu anderen Instituten verfügen wir über sehr breit gefächerte Fähigkeiten im Bereich Steuerreportings.

Wie trägt das BPO-Angebot heute zum Konzernertrag bei?
Wir veröffentlichen keine Zahlen für einzelne Geschäftsbereiche. Auf lange Sicht verfolgen wir aber das Ziel, dass die Erträge, wie wir mit unseren BPO-Kunden erwirtschaften, ungefähr ein Drittel unsere IT-Budgets ausmachen. Ich möchte betonen, dass es uns nicht um Gewinnmaximierung geht. Im Gegenteil: Wir arbeiten mit unseren Kunden partnerschaftlich zusammen, nach einem Modell, das eher auf eine Kostenteilung hinausläuft. Unser Ziel besteht nicht darin, viele Neukunden zu gewinnen und um jeden Preis zu wachsen. Es ist aus unserer Sicht aber vernünftig und möglich, so viele Banken auf der Lombard-Odier-Plattform zusammenzuführen, dass ein Drittel der Kosten gedeckt werden.

Ist es im Hinblick auf die Plattform für eine Privatbank wirklich sinnvoll, eigene IT-Tools zu entwickeln?
Für uns ist dies eine strategische Entscheidung. Es handelt sich nicht um unser Kerngeschäft, aber unseres Erachtens um einen Wettbewerbsvorteil und ein Unterscheidungsmerkmal, worauf wir nicht verzichten wollen. Wir haben es geschafft, eine Plattform auf die Beine zu stellen, die wirklich anerkannt ist. Ausgehend von den Reaktionen beispielsweise unserer unabhängigen Vermögensverwalter, die es gewohnt sind, mit mehreren Banken zusammenzuarbeiten, handelt es sich um ein sehr gut durchdachtes Tool für Anlageexperten.
Im Übrigen haben wir festgestellt, dass das Marktangebot an Plattformen eigentlich recht begrenzt ist und dass in bestimmten Fällen die langfristige Visibilität wegen der Aktionärsstruktur eingeschränkt ist.
Im aktuellen Umfeld liegt es in unserem Interesse, unseren Kurs beizubehalten. Wir werden die Plattform natürlich weiterentwickeln. Diese Projekt nennen wir GX. Es wird viel Zeit und Mühe kosten. Auf die nächsten zehn Jahre gesehen, handelt es sich um die zweitgrösste Investition von Lombard Odier nach dem Bau des Hauptsitzes. Das Budget ist entsprechend hoch, denn wir haben mehrere Ziele, die wir gleichzeitig verwirklichen wollen. Die Technologielücke muss geschlossen werden. Auf der Plattform sind Technologien im Einsatz, die vor 15 Jahren sehr modern waren, jetzt aber ersetzt werden müssen. Ausserdem müssen wir die Digitalisierung unserer Prozesse vorantreiben. Diese Aufgabe hat durch Covid-19 natürlich neuen Schwung erhalten. Und last but not least muss die Kundenerlebnis auf den neuesten Stand gebracht werden.

Was meinen Sie damit?
Wenn es etwas zu kritisieren gibt, dann wohl das Look & Feel unserer Systeme; es ist nicht auf dem neuesten Stand der Technik, der bei den Neobanken zu sehen ist. Wir müssen unseren Rückstand in diesem Bereich aufholen. Im Wesentlichen geht es um das Design. Ich denke, dass unsere Kunden mehr Benutzerfreundlichkeit bei der Nutzung unserer Tools erwarten. Das A und O ist ein flüssiger und klarer Aufbau. Das Ganze muss bequem zu lesen, anzusehen und zu nutzen sein.
Neben dem Schnittstellendesign streben wir auch an, dass die mobile Nutzung an erster Stelle steht. Bei allem, was wir im Laufe der Zeit entwickeln, müssen wir uns zuerst fragen, wie unsere Kunden mit ihrem Tablet oder Smartphone auf die Informationen zugreifen. Der PC kommt erst danach.

Haben Sie während Ihrer Zeit als Vorsitzender des Verwaltungsrats
der SIX Group Erkenntnisse gewonnen, von denen Lombard Odier
profitieren kann?
Da fällt mir als erstes die IT-Sicherheit ein. Dieses Thema entwickelte sich bei mir fast zu einer Psychose, als ich noch bei SIX war. Wenn irgendetwas passiert, steht der ganze Finanzplatz Schweiz still. Ich habe auch festgestellt, dass Budgetumschichtungen gerade dann, wenn sie mit der Sicherheit zu tun haben, äusserst schwierig sind. Man darf sich nicht den geringsten Fehler erlauben.
Ausserdem ist mir klar geworden, wie wichtig die Innovation ist. Es ist wichtig, dass man immer vorausblickt und antizipiert. Gleichzeitig müssen die vorhandenen Systeme eingehalten werden; sie dürfen also nicht unterschiedlichen Experimenten unterzogen werden, um zu sehen, wie sie reagieren.

Wie gehen Sie das Thema «Innovation» für Lombard Odier an?
Um mit dem immer schnelleren Innovationstempo Schritt zu halten, muss die Plattform eine offene Architektur haben, die regelmässig modernisiert wird. Es muss sichergestellt sein, dass intern, aber auch, je nach Unternehmen, extern entwickelte Upgrades und neue Apps integriert werden. Auf der GX-Plattform werden wir viele Programmierschnittstellen, sogenannte API, einrichten, über die wir mehrere Marktlösungen integrieren können. Wir müssen uns noch mehr öffnen.
Für die Generation der «Digital Natives» verfolgen wir sehr aufmerksam die Entwicklungen bei Kryptowährungen und noch mehr die Blockchain. In Bezug auf Kryptowährungen ziehen wir es vor, abzuwarten, bis die Notenbanken eine gewisse Regulierung vorgeben. In Sachen Blockchain sind wir aktiver. Wir haben eine Beteiligung an Taurus erworben; dieses Unternehmen entwickelt Lösungen für digitale Assetsund die Blockchain. Vor allem im Bereich der digitalen Vermögenswerte und der Tokenisierung von illiquiden Vermögenswerten ergeben sich für uns immer mehr Möglichkeiten. Wir können uns beispielsweisevorstellen, dass KMU Schuldverschreibungen in Form von Token ausgeben. Die Nachfrage ist im Moment zwar noch schwach, aber wir wollen bereit sein, wenn dieser Markt startet.

Als Sie zu Lombard Odier kamen, freute sich Patrick Odier, einen Mitstreiter wiederzusehen, mit dem er schon «mehrfach für den Finanzplatz gekämpft» hat.
Welche Kämpfe meinte er damit?
Ganz klar die Weiterbildung. Wir sassen beide im Stiftungsrat von FAME, der damals von Jean-Pierre Danthine geleitet wurde und später in Swiss Financial Institute umbenannt wurde. Patrick wollte immer, dass es in der Schweiz eine Finanzausbildung auf höchstem Niveau gibt. Dann kamen Themen auf wie das nachhaltige Finanzwesen – ein Bereich, in dem er ein Visionär war – und der Zugang zum EU-Markt, der uns sehr beschäftigte, als wir gemeinsam bei der Schweizerischen Bankiervereinigung waren.

Und welche Kämpfe gibt es heute auszufechten?
Es gibt einen, an dem ich mich bisher aber weniger beteiligt war als Patrick Odier: Die institutionelle Vermögensverwaltung in der Schweiz, die viel deutlicher als Kompetenzzentrum positioniert werden muss, als es heute der Fall ist. Ich würde auch ganz allgemein sagen, dass wir jetzt unsere Positionen und unsere Marktanteile verstärken müssen im Hinblick auf die unausweichlichen Veränderungen des regulatorischen Umfelds. Diese Aufgabe muss gemeinsam gelöst werden, indem wir auch weiterhin die Qualität unserer Produkte und Dienstleistungen und der Tools, die wir unseren Kunden bereitstellen, in den Vordergrund stellen…

 

 

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