„Ich bin All-In gegangen und würde es wieder tun“

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Interview mit Andrea Ellenberger, Mitglied der Schweizer Alpine Ski-Nationalmannschaft – Von Nicolas Georgiadis

In jeder Ausgabe bitten wir eine Persönlichkeit, mit uns über den Begriff Leistung zu sprechen. In diesem Monat ist es die Nidwaldner Skifahrerin Andrea Ellenberger. Die 27-Jährige hat sich nach vielen schweren Verletzungen erfolgreich zurückgekämpft und ist seit 2019 wieder Mitglied im A-Kader der Frauen.

Woran denken Sie beim Stichwort Leistung?
Andrea Ellenberger: Leistung ist für mich ein vielfältiges Konzept. Zentral ist, dass eine Leistung niemals nur das gezeigte Ergebnis in einem Wettkampf ist, denn das würde die Arbeit zuvor vernachlässigen. Für mich gehört zu einer Leistung immer ein Ziel dazu, welches man umzusetzen versucht. Dies kann an einem einzelnen Tag, über mehrere Wochen oder über eine ganze Saison hinweg sein. Die Leistung ist nun, dieses Ziel niemals aus den Augen zu verlieren und auf dem Weg dorthin allen Hindernissen zu trotzen. Willensarbeit, Durchsetzungsvermögen und Leidenschaft gehören dazu und müssen dem Ziel untergeordnet sein. Schlussendlich zählt das Fazit, dass man das bestmögliche herausgeholt hat. In diesem Fall hat man eine Leistung auch dann vollbracht, wenn man das Ziel nicht erreicht hat.

Was ist die beste Leistung, die Sie je vollbracht haben?

Ich hatte in meiner Karriere schon viele Verletzungen und habe dennoch niemals aufgegeben. 2016 erlitt ich meinen zweiten Kreuzbandriss und hatte zudem so starke Rückenprobleme, dass mir nur schon das Gehen schwerfiel. Logischerweise konnte ich die Leistung nicht mehr bringen und fiel aus dem Kader. Nachdem das Kreuzband geflickt war, ich mir eine Bandscheibe entfernen liess und einen Wirbel versteifen musste, begann alles nochmals von vorne. Ich habe ein eigenes Team auf die Beine gestellt, die Hotels gebucht und die Trainings selbst organisiert. 2018 habe ich mich für die Weltmeisterschaft qualifiziert und bin dort im Riesenslalom als 10. beste Schweizerin geworden. So habe ich es zurück ins A-Kader geschafft, wodurch mir die ganze Organisation wieder abgenommen wurde. Es mag absurd klingen, aber wenn man alles selbst getan hat, braucht es auch wieder Zeit, um sich in diesem eigentlich luxuriösen System wieder zurechtzufinden. Seit dieser Saison bin ich aber wieder voll drin und fühle mich locker genug, um die Leistung abzurufen. Auf diesen ganzen Weg bin ich sehr stolz.

Welche Anstrengungen sind Sie bereit auf sich zu nehmen, um solche Leistungen erbringen zu können?
Ich bin „all in“ gegangen und würde es wieder tun. Ich hätte mir niemals vorwerfen wollen, dass ich nicht alles probiert habe, um meine Chance als Profisportlerin zu nutzen. Ich denke, dass man sich dank solch schwieriger Situationen auch als Mensch weiterentwickeln kann. Ich bin in dieser Zeit selbständiger geworden und habe viel gelernt. Eine Grenze gibt es aber auch bei mir. Ich würde niemals die Gesundheit dem Sport unterordnen. Nach den Operationen habe ich gespürt, dass ich wieder schmerzfrei fahren kann, und habe es nur deswegen getan. Parallel habe ich auch noch ein Psychologiestudium an der Fern-Uni gemacht. Im Falle des sportlichen Scheiterns hätte ich immerhin dort ansetzen können.

Welche Art von Leistung bewundern Sie besonders?
Ich bewundere nicht nur Bestleistungen, Rekorde oder maximale Performances, sondern auch Leistungen, bei denen Menschen in einem konkreten Moment über sich hinauswachsen. Das kann im Sport sein, aber auch im Alltag oder im Berufsleben. Wenn jemand sein Bestes gibt und Drucksituationen standhält, dann verdient das Anerkennung. Als Sportlerin durfte ich meine Leidenschaft zum Beruf machen. Daher ist es für mich umso faszinierender, wenn jemand im Büro sitzt und Tag für Tag seine Leistung abliefern kann. Auch mein Vater steht seit Jahren jeden Tag um 6 Uhr auf und gibt alles für sein Unternehmen. So ist jeder einzelne Tag etwas Bewundernswertes.

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