„Ausbildung von Führungskräften durch Führungskräfte“

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Interview mit Frédéric Kohler, Direktor des ISFB

Von Elsa Floret – Fotos : Karine Bauzin

Führungskompetenz lässt sich nicht vermitteln, sie muss erlernt werden. Seit fünf Jahren ist die Change Management-Schulung oberste Priorität des Institut supérieur de formation bancaire (ISFB). Frédéric Kohler, seit 2012 Direktor des ISFB, drängt den Finanzsektor, sich durch Weiterbildungsmassnahmen für die zweifache Revolution – Nachhaltigkeit und Digitalisierung – zu rüsten. Kohler will, dass die Zügel schon heute in die Hände der neuen Generation gelegt werden, denn die könne das Veränderungsmanagement besser angehen und somit das Kodak-Syndrom vom Sektor abwenden.

Sie leiten das ISFB seit 2012. Welche wesentliche Entwicklung beobachten Sie in diesem Schlüsselsektor der Wirtschaft?
Frédéric Kohler: Im vergangenen Jahrzehnt hat sich die Mitarbeiterzahl unseres Finanzplatzes laut Genève Place Financière stabilisiert. Obwohl der Sektor in puncto Grösse stabil ist, hat sich eine Verlagerung von Angestellten auf Berater und Auftragnehmer vollzogen. Die Auslagerung bestimmter Bereiche wie Back Office, IT oder übergreifender Funktionen verursachte einen Rückgang der Zahl der Bankangestellten von 20.000 auf 17.000. Das ISFB muss künftig einen viel breiteren Kundenkreis ansprechen, der unter anderem UVV, Finanzunternehmen, Versicherungen, Unternehmensberater und Treuhänder umfasst.

Wer macht in einem Sektor, der sich mitten im Umbruch befindet, den ersten Schritt in Richtung Ausbildung: der Arbeitgeber oder der Arbeitnehmer?
Im Jahr 2002 lag die Betriebszugehörigkeit von Bankangestellten im Durchschnitt bei 18 Jahren, heute bei maximal 6 Jahren. Die derzeitige Personalfluktuation von 6 bis 7 Prozent bedeutet, dass in Genf jedes Jahr 1.200 Angestellte ihren Arbeitgeber wechseln. Dies trifft aber auch die früheren Privat Banking-Angestellten zu, deren Fluktuation vor 15 Jahren bei null lag!
Es ist eine Negativspirale in Gang gekommen. Da die Arbeitgeber nicht vorhaben, ihre Angestellten zu binden, ist deren Ausbildung für sie kaum ein Thema – Mitarbeiter werden schneller ersetzt und nicht mehr als Wettbewerbsvorteil betrachtet. Hier kommt die Employability ins Spiel, das heisst, die individuelle Fähigkeit, erforderliche Kompetenzen zu erwerben und zu bewahren, um einen Arbeitsplatz zu finden bzw. zu behalten oder sich an neue Formen der Arbeit anzupassen. Ich empfehle allen, ihre Karriere vorausschauend zu planen und alle fünf Jahre ein Certificate of Advanced Studies (CAS) zu erwerben. Ein Universitätsabschluss bietet keinen Schutz mehr gegen Arbeitsplatzverlust. Weiterbildung dagegen schon. Die meisten Arbeitslosen des Sektors besitzen mittlerweile einen Bachelor-Abschluss.

Wohin geht die Entwicklung des Finanzplatzes in den nächsten Jahren?
Ich bin beim derzeitigen Kompetenzniveau der Banker zwar sehr optimistisch, doch frage ich mich, ob sie in der Lage sind, die zweifache Revolution – Nachhaltigkeit und Digitalisierung – zu stemmen, der sie sich stellen müssen. Die mögliche Reaktionszeit ist mit einem Zeitfenster von weniger als fünf Jahren extrem kurz. Das Geschäftsmodell der Schweizer Banken steht unter enormem Wettbewerbsdruck der anderen Finanzplätze. Banker sind gezwungen, ihr Geschäftsmodell anhand der strikten Cost-Performance-Kennzahl zu analysieren.
Bei der ersten Herausforderung, dem nachhaltigen Finanzwesen, für das Performance nicht das A und O ist, verfügt der Genfer Finanzplatz über hervorragende Voraussetzungen, um sich gegen die Konkurrenz aus Paris, New York oder London zu behaupten.
Bei der zweiten Herausforderung, der Digitalisierung, werden die Schweizer Banker hingegen von neuen Akteuren aus dem Ausland dominiert. Dazu zählen vor allem Player aus Asien, das hierzulande noch viel zu oft als Markt und nicht als der grosse Konkurrent wahrgenommen wird, zu dem es sich entwickelt hat.
All diesen Signalen müssen die Banken umgehend Rechnung tragen und unverzüglich reagieren. „In der Handelszeitung veröffentlichten Rangliste der besten Schweizer Arbeitgeber 2021 sind nur noch zwei Banken in den Top 50 vertreten: die Migros Bank und Mirabaud!“
Banken, die sich in der trügerischen Sicherheit wiegen, dass sie für Talente, insbesondere aus dem Ausland, attraktiv sind, bilden Mitarbeiter, die vor fünf oder zehn Jahren eingestellt wurden, nicht mehr fort. Eine Privatbank am Platz wollte sogar, dass ich den Nachweis erbringe, dass Weiterbildung die Leistung mehr steigert als der Umsatz!
Die Ergebnisse sprechen jedoch für sich. Banken sind für junge Absolventen der EPFL/EPFZ nicht mehr attraktiv. Das Kompetenzniveau des Schweizer Finanzplatzes hat sich verschlechtert. Im Private Banking ist das Gehalt eines Hochschulabsolventen in zehn Jahren um 30% gesunken. Natürlich wird diese Realität durch die Freizügigkeit der Arbeitnehmer in Europa überdeckt, aber ich frage mich, wie lange das noch so weitergehen kann.
Genf wirbt damit, ein globales Finanzzentrum zu sein, bietet aber keine Basis-Hochschulausbildung für den Finanzsektor an wie zum Beispiel einen Master in Bankwesen.

Vor welchen Herausforderungen steht die berufliche Weiterbildung angesichts dieser alarmierenden Bestandsaufnahme?
Die Herausforderungen für die Ausbildung im Bankbereich sind gewaltig. Nur wenn die Banken neue Kompetenzen entwickeln, können sie von dieser doppelten Revolution – Nachhaltigkeit und Digitalisierung – profitieren. Fachpersonal mit Kompetenz für das Tagesgeschäft erweist sich im Krisenmanagement selten als effizient. Management-Kompetenzen müssen durch Leadership-Kompetenzen ersetzt werden. Führungskompetenz lässt sich nicht vermitteln, sie muss erlernt werden. Voraussetzungen sind der Erfahrungsaustausch, das Erkennen und Lernen aus eigenen Fehlern und die Fähigkeit zur gemeinsamen Entwicklung.
Reaktivität und die Fähigkeit, schwache Signale jenseits der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Störgeräusche zu erkennen, werden den Schweizer Banksektor vor einem Schicksal wie dem von Kodak bewahren. Die Manager, die sich auf ihrem Erfolg dank eines inzwischen veralteten Geschäftsmodells ausruhen, sind nicht mehr in der Lage, diese entscheidenden strategischen Veränderungen anzugehen. Ein „Reset“ ist keine Option mehr. Sie müssen einsehen, dass ihnen das Ganze über den Kopf gewachsen ist. Die Banker-Generation, die das Sagen hat, muss abtreten und der neuen Generation die Zügel übergeben. Die grösste Herausforderung für diese neue Generation: Kompetenzen im Bereich Veränderungsmanagement.
Seit fünf Jahren ist die Ausbildung im Bereich Veränderungsmanagement oberste Priorität des ISFB. Unser derzeitiger Slogan „Ausbildung von Bankern durch Banker“ könnte durch „Ausbildung von Führungskräften durch Führungskräfte“ ersetzt werden.

Sie sitzen im Verwaltungsrat des Swiss Blockchain Institute. Wann wird sich die angekündigte Blockchain-Revolution materialisieren?
Derzeit existiert noch kein reifer Blockchain-Markt. Trotz echter Bemühungen bestimmter Akteure sind in diesem Bereich konkrete Fortschritte eher selten. Von den Banken kommen oft nur Absichtserklärungen. Unser einjähriges Blockchain-Kurs-programm konnte nicht verlängert werden, weil für die Absolventen keine Stellen vorhanden waren.

Dank intelligenter Verträge (smart contracts) ermöglicht die Blockchain Anlage in digitale Assets. Liegt hier nicht die Zukunft des Finanzplatzes Genf?
Die Tokenisierung von Vermögenswerten, die das Risiko durch eine unbegrenzte und kostengünstige Portfolio-Diversifikationen glättet, wäre sicherlich für viele Kunden von Interesse. Auf diese Weise könnten sie einen Anteil an einem historischen Gebäude, einem Van-Gogh-Gemälde oder einem gelben Diamanten in ihrem Portfolio halten … Das ist die Richtung, in die wir gehen müssen. Durch die Blockchain-Technik könnte man einer grösseren Anzahl weniger wohlhabender Kunden diversifizierte Anlagelösungen anbieten, die derzeit Vermögensverwaltern oder UHNWI vorbehalten sind. Während sich die Schweiz noch in der Sondierungsphase befindet, machen unsere Konkurrenten rasante Fortschritte bei den digitalen Assets und der Tokenisierung von Vermögenswerten. Hier bieten sich uns zwei wichtige Renditequellen und Hebel für die Vermögensverwaltung.

Frédéric Kohler ist Direktor des Institut supérieur de formation bancaire (ISFB). Darüber hinaus ist der Experte für Kompetenzentwicklung Präsident der HES Kalaidos Banque & Finance in der französischsprachigen Schweiz und Lehrbeauftragter an der HEG in Genf. Nach 20-jähriger Tätigkeit als Ausbildungsleiter für mehrere Schweizer Banken gilt seine Leidenschaft nunmehr dem Veränderungs- und Übergangsmanagement. Kohler verfügt über zwei Universitätsabschlüsse (Licences) in Öffentlichem Recht und Erziehungswissenschaften und hält regelmässig Vorträge auf Konferenzen und in den Medien zum Themenkomplex Kompetenz- und Karrieremanagement.

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