Ausbildungsformen: Ein weites Feld

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Von Frédéric Ruiz – Institut Supérieur de Formation Bancaire (ISFB)

Einerseits wird es von den Banken gewünscht, andererseits legt der Gesetzgeber Wert darauf: Weiterbildung ist zu einer Pflichtfigur für unabhängige Vermögensverwalter geworden. Ein Trost bleibt aber: Es gab noch nie so viele unterschiedliche Angebote. Frédéric Ruiz ist Experte auf diesem Gebiet und stellt in diesem Artikel einen Vergleich zwischen Präsenz- und Fernschulungen auf. Eine lehrreiche Lektüre!

Fernschulungen hat es natürlich schon lange vor der aktuellen Pandemie gegeben, denn erste Versuche mit dieser Ausbildungsform fanden schon vor fast 300 Jahren statt. Doch obwohl schon frühzeitig die Vorstellung bestand, dass Menschen selbstständig lernen können, wenn sie über die richtigen Lehrmittel verfügen und entsprechend betreut werden, konnte sich dieser Ausbildungstyp nie richtig durchsetzen.

Von den nicht sehr wehmütigen Erinnerungen, die die meisten von uns mit ihrem Studium verbinden, ist mit Sicherheit die des Professors hängen geblieben, der ohne Pause abliest oder lauter einschläfernde, uninteressante Begriffe auf die Tafel kritzelt, während ihm gegenüber ein zu Tode gelangweiltes Publikum jedes Wort gewissenhaft mitschreibt.

Dieses altbacken erscheinende, schematische Modell wurde nun plötzlich von zwei wichtigen Faktoren über den Haufen geworfen: der Digitalisierung und dem Social Distancing / der Virtualisierung im Zusammenhang mit der Gesundheitskrise im Frühjahr. Seitdem sind in Gesprächen durchaus revolutionäre Töne zu hören: Braucht es noch einen Seminarraum, wenn es Zoom, Web Ex oder Team gibt? Braucht es noch Dozenten, wenn im Internet kostenlose Hilfsmittel in unbegrenzter Menge zur Verfügung stehen? Braucht es noch menschliche Interaktion, wenn man den guten E-Learning-Support nutzen kann, der auch noch billiger und zeitlich viel flexibler ist?

Diese Fragen sind relevanter denn je, und jetzt, wo die Weiterbildung eine der zentralen Herausforderungen einer im Umbruch befindlichen Welt ist, ist die Auswahl der richtigen Methoden ebenfalls mit vielen Fragen verbunden.

Um dies besser beantworten zu können, muss man die Arbeiten des amerikanischen Psychologen Benjamin Bloom und seine einfache, aber elegante Lerntheorie heranziehen. Er führt eine Unterteilung in sechs unterschiedlich komplexe Stufen durch, die einer Folge von Lernzielen entsprechen. Die erste Stufe ist die des Wissens (z.B. wissen, wie die Hauptstädte der EU heissen). Daran schliesst sich die Stufe des Verstehens an: Verstehen, warum ein Festkörper, wenn er in die Luft geworfen wird, auf dem Boden landet. Die dritte Stufe betrifft das Anwenden (Berechnen des Preises einer Option mit dem Modell von Black & Scholes) und die vierte die Analyse (bestimmen, ausgehend von einer beschriebenen Situation, welche Gesetze anwendbar sind und ob diese im Rahmen einer geschäftlichen Transaktion eingehalten werden). Die letzten Stufen sind die Synthese und die Evaluation.
Wenn man parallel dazu die Rolle eines Ausbilders oder eines Hochschuldozenten analysiert, erkennt man zwei Schlüsselfunktionen seiner Tätigkeit: Wissens- und Kompetenzvermittler und Lernförderer.

In der «alten» Welt galt er zumeist noch als Hüter des Lerntempels. Guter Unterricht bestand in einer gut präsentierten Sammlung von Wissen und Kenntnissen, die in verständlicher Weise weitergegeben wurde. «Er kann sich gut ausdrücken», hiess es dann. Ein guter Ausbilder war ein zuverlässiger Experte auf seinem Gebiet.

Heute ist festzustellen, dass der Inhalt der Methodik und der Moderation untergeordnet ist. Sätze umzuformulieren, konkrete Beispiele zu nennen, das Unterrichtstempo an die Lernfähigkeit anzupassen und die Methoden zu variieren (Übungen, Fallstudien, Vortrag) sind alles Fähigkeiten, die deutlich mehr Einfluss haben als die Qualität des Inhalts. Wobei Inhalte mehr oder weniger frei oder zu geringen Kosten von externen Quellen (Internet, Bücher, Zeitschriften, Videos oder Fallstudien) beschafft werden können. Dass die Message ankommt und der Stoff aufgenommen wird, lässt sich im Moment noch nicht per Webinar, Video oder E-Learning sicherstellen.

Wenn man die beiden Methoden miteinander kombiniert, wird klar, dass eine Festlegung auf Präsenz- oder Fernschulungen keinen Sinn ergibt, denn diese beiden Methoden sind kein Ersatz füreinander, sondern ergänzen sich. Was die erste oder die zweite Lernstufe anbelangt, geht nichts über die Fernschulung und ihre Flexibilität, ihren logischen Aufbau und ihre reichhaltigen Inhalte. Andererseits gibt es auch keinen Grund dafür, zu festen Zeiten in einem Klassenraum zu sitzen, um passiv einem Experten zuzuhören, der einfache Konzepte aufzählt, nennt oder sogar erklärt.

In den fortgeschrittenen Ausbildungsebenen – Anwendung, Analyse, Anpassung von Best Practices usw. – gewährleisten Fernschulungslösungen wegen ihres relativ einfachen Aufbaus jedoch keine effiziente Ausbildung. Davon scheinen wir noch weit entfernt zu sein. Interaktivität, kollektive Intelligenz, Peer-Learning und Erfahrungsaustausch (vor allem zwischen Teilnehmern) sind alles wesentliche Faktoren für eine gute Ausbildung, die sich durch die vorhandenen digitalen Tools nicht replizieren lassen.

Digitales Lernen (oder Ed Tech) hat heute unbestreitbar Vorteile, von denen klassische Ausbildungen sich durchaus inspirieren lassen könnten, z.B. in Sachen Flexibilität, Effizienz oder Benutzerfreundlichkeit. Ebenso sollten diejenigen, die um jeden Preis auf digitale Lösungen setzen, einsehen, dass für die Replizierung der Inhalte einer Präsenzschulung mehr erforderlich ist als Konferenzsoftware, Videokamera und Laptop. Die Entwicklung hin zu mehr Konvergenz und Komplementarität hat begonnen: Die Welt des Lernens von morgen hat keine andere Wahl, als hybrid zu sein.

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