„Bei der Kundenerfahrung ist das Wichtigste, dass es klick macht“

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Interview mit Oliver Weber, Chief Executive Officer, Crealogix

Von Andreas Schaffner – Fotos: Juerg Kaufmann

Crealogix wurde 1996 von Bruno Richle, Richard Dratva, Peter Süsstrunk und Daniel Hiltebrand gegründet und feiert 2021 sein 25-jähriges Bestehen. Das Zürcher Unternehmen ist seit dem Jahr 2000 an der Börse notiert und gehört heute zu den Weltmarktführern bei digitaler Bankentechnologie. Es verfügt über spannende Entwicklungsperspektiven – vor allem auf dem Gebiet der SaaS-Lösungen und bei den Grundlagen der Kundenerfahrung, wie CEO Oliver Weber erläutert.

Die Digitalisierung der Bankenwelt schreitet mit Riesenschritten voran – in der Pandemie war dies besonders stark zu spüren. Ein besseres Jubiläumsgeschenk für Crealogix gibt es nicht, oder?
Oliver Weber: Nun, wir messen ja die digitalen Transaktionen unserer Kunden und haben in der Tat festgestellt, dass diese stark zugenommen haben. Jede noch so kleine Bank auf der Welt hat sich in den letzten zwei Jahren deshalb eine Roadmap aufgemalt und gesagt: „Dort müssen wir hin.“ Oder: „Wir müssen Messenger haben, wir müssen hybrid beraten können, wir müssen unsere Frontend modernisieren.“ Das haben wir viel gehört. Die Anfragen haben entsprechend zugenommen. Corona hat gezeigt, dass der digitale Kanal sicher genutzt werden kann.

Auch im Private Banking, wo es jahrelang verpönt war, dem Kunden eine Mail oder SMS zu schicken. Das ist doch an sich eine Revolution!
Viele haben die Scheu verloren und Vertrauen ins digitale Banking gewonnen. Berater und Kunden haben gemerkt, dass dieser Weg sicher und zuverlässig ist. Dieser Trend wird sich auf jeden Fall fortsetzen.

Also doch nur positive Aussichten für Crealogix – eben jenes Geburtstagsgeschenk?
Nein. Unter dem Strich war Corona nicht das Geburtstagsgeschenk für unser 25-Jahr-Jubiläum, das wir uns gewünscht hatten. Das Leid, das viele Menschen auf der ganzen Welt durch die Pandemie durchleben mussten, das wünscht sich niemand. Aus der Business-Perspektive nahmen wir wahr, dass viele Unternehmen mit ihren langfristigen Investitionsentscheiden zurückhaltend waren. Bei vielen Anfragen, die wir während dieser Zeit hatten, ging es nicht um Ablösungen von Systemen oder strategisch wichtige Neuausrichtungen, sondern vielmehr um kurzfristige Optimierung bestehender Systeme.

Was ist langfristig die beste Lösung?
Wenn Banken die Digitalisierung endlich als den wesentlichen Ertragshebel akzeptieren und entsprechend investieren. Die Modernisierung der bankinternen Infrastruktur und die Verschlankung der Prozesse sowie die Schaffung eines überzeugenden digitalen Kundenerlebnisses sollten hier auf der Agenda stehen.

Können Sie das regional verorten?
Asien zeigt uns doch, was auf dem digitalen Kanal möglich ist. Davon können viele Banken in Europa profitieren. Gleiches gilt für den Nahen Osten. Wir wachsen dort mit unseren Kunden, und die Innovationen fliessen in unser Produktangebot ein, auch für unsere Kunden in Europa.

Die Transformation von Crealogix selber, die ist jedoch planmässig vorangeschritten?
Ja, unser Ziel ist der Wandel vom Software-Produkthaus hin zu einem globalen SaaS-Anbieter (Software as a Service). Hier haben wir in den vergangenen Monaten wesentliche Fortschritte erzielt und zahlreiche Kunden gewonnen oder – wie zum Beispiel die Bank Julius Bär – auf die neue Plattform migriert. Heute macht das Geschäft mit wiederkehrenden Umsätzen bereits über 50 Prozent aus, der SaaS-Umsatz liegt bei 27 Prozent Unser Erfolg wird an diesen Kennzahlen gemessen.

Und an Ihrem Aktienkurs.
Bestimmt auch.

Sind Sie zufrieden mit der Entwicklung des Aktienkurses?
Zufrieden ist nicht das richtige Wort. Ein Grossteil der Anteile wird immer noch von den Gründern gehalten. Die Aktien-entwicklung selbst ist heute noch sehr stark von der traditionellen Bewertung des Unternehmens in der Schweiz abhängig. Unser zukunftsgerichtetes SaaS-Modell ist darin noch zu wenig berücksichtigt.

Geht es bei der Transformation nur um einen besseren Aktienkurs?
Es geht es um die nachhaltige Entwicklung des Unternehmens und somit des Unternehmenswertes. Wir schreiben also damit die erfolgreiche Geschichte weiter, wenn wir vom Produkteverkauf hin zu einem wiederkehrenden profitablen Umsatzmodell umsatteln.

Den gleichen Schritt haben grosse Softwarehäuser im Retailbereich schon länger vollzogen wie Microsoft oder Adobe.
Genau. Die Bindung des Kunden über einen längeren Zeitraum und ein fokussiertes Produkteangebot eröffnen natürlich Möglichkeiten, auf dieser Strecke die Herstellkosten signifikant zu senken und somit auch wesentlich bessere Margen zu erzielen.

Und was hat der Kunde davon?
Der Nutzen für die Kunden ist höher. Wenn wir die Software nicht nur implementieren, sondern auch managen, steigt die Qualität. Wir stellen ja auch die Wartung sowie die permanente Weiterentwicklung sicher. Bei den Gesamtkosten profitiert die Bank erheblich.

Wenn Sie aus dem Fenster Ihres neuen Hauptsitzes in Zürich sehen, sehen Sie praktisch auf die Fassade eines anderen Bankensoftware-Herstellers: Avaloq.
Es ist hier in Nordosten Zürichs ein richtiges Cluster im Bereich Bankensoftware entstanden – mit internationaler Ausstrahlung.

Was, würden Sie sagen, sind Ihre Kernmärkte?
Wir sind nach wie vor sehr stark in der Schweiz. Hier wollen wir auch weiterwachsen. Insgesamt erzielen wir heute aber mehr als 60 Prozent unseres Umsatzes im Ausland, einen Grossteil davon in Deutschland. Gut positioniert sind wir auch in Nordeuropa, England und in Asien. Weiter ist der Nahe Osten, insbesondere Saudi-Arabien, ein wichtiger Markt für uns. Dort sind wir Marktführer und bedienen die wichtigsten Grossbanken sehr erfolgreich.

Wie sieht es mit den USA aus? Hier ist es immer noch erstaunlich still. Gerüchte über einen Sprung über den „Grossen Teich“ gibt es schon länger.
Wir sind dort bisher zurückhaltend. Ein Einstieg in den US-Markt ist grundsätzlich denkbar, muss aber sehr gut vorbereitet und finanziert sein. Derzeit fokussieren wir uns auf die erwähnten Märkte, wo wir bereits eine gute Position und lokale Präsenz haben.

Aber sie würden es nicht ausschliessen?
Nein.

Schauen wir noch einmal das Bankenumfeld an. Wo findet das Wachstum statt?
Die grössten Veränderungen sehen wir im Privatkundengeschäft, wo das Thema hybride Beratung, d.h. die Kombination von Kundenberater und digitalen Tools, im Zentrum steht. Diese sogenannte hybride Beratung benötigt sichere Kanäle, über welche die Bank mit den Kunden im permanenten Dialog sein kann. Wir nennen dies Conversational Banking. Aber auch das Firmenkundengeschäft und das Retailbanking gehen vermehrt in diese Richtung und brauchen digitale Beratungslösungen. Ein besonderes attraktives Wachstumssegment sind für uns die deutschen Förderbanken.

Förderbanken kennt man hierzulande nicht. Was tun die?
Förderbanken sind Spezialbanken mit einem gesetzlichen Auftrag, Massnahmen in der Struktur-, Wirtschafts- und Sozialpolitik zu unterstützen. Dabei geht es im Kern um die Vergabe von Fördermitteln. Für uns relevant ist in diesem Zusammenhang vor allem das ausgesprochen hohe Digitalisierungspotential.

Wie stark ist eigentlich der Einfluss von Neobanken oder Robo-Advisors?
Umsatzmässig wohl eher gering. Doch es zeigt uns etwas anderes: Im Frontend findet künftig die Differenzierung über das Kundenerlebnis statt. Dort wird letztendlich darüber entschieden, ob der Kunde bei ihnen bleibt, ob sie neue gewinnen, ob sie in der Lage sind, zusätzliche Produkte zu verkaufen. Alles andere dahinter ist für den Laien, für den Anwender, sekundär. Beim Kundenerlebnis muss es klick machen. Deshalb sind Neobanken so erfolgreich in der Kundengewinnung.

Was heisst das für die etablierten Institute?
Die Banken müssen vor allem die dahinterliegende IT-Infrastruktur und die Prozesse, aber auch die Kultur verändern. Die Infrastruktur der Banken ist heute oft noch monolithisch aufgebaut und deshalb nicht flexibel für neue Funktionalitäten. Die Neobanken haben diese ‚Legacy‘ nicht und machen uns gerade vor, dass sie sehr schnell neue Kunden akquirieren können, obwohl die Lösungen eigentlich einen sehr reduzierten Umfang haben: Konto, Karte, Bezahlen. Fertig. Ich bin überzeugt, dass das auch die Etablierten jetzt verstanden haben. Das CSX-Konto der Credit Suisse ist ein Ergebnis davon und zeigt, wie gut man das meistern kann.

Bis ich als Kunde über meinen Vermögensverwalter direkt mehrere Konten bei verschiedenen Anbietern anschauen kann, dauert es aber
noch eine Weile?
Sie sprechen das Open Banking bzw. Open Wealth an. Wir spüren insbesondere in der Schweiz noch Zurückhaltung. Open Banking scheitert bisher nicht an den Ideen oder den technologischen Möglichkeiten. Vielmehr fehlt bei vielen Banken die kulturelle Offenheit dafür. Ein weiterer Hinderungsgrund sind die für das Open Banking notwendigen Investitionen, um beispielsweise Altsysteme abzulösen. Deshalb fahren wir für unsere Schweizer Kunden einen hybriden Ansatz. Wir bauen auf dem Bestehenden auf und setzen modular neue Funktionalitäten dazu. So kann der Übergang schrittweise erfolgen.

Oliver Weber ist seit Januar 2020 CEO der Crealogix-Gruppe, bei der er ab 2018 als Leiter der Schweizer Niederlassung fungierte. Vor seinem Wechsel zur Schweizer Fintech sammelte er solide Management-Erfahrungen im internationalen Geschäft, in den Sektoren Informationstechnologie und Finanz. Er war bei Accenture und Wincor Nixdorf in den USA und als Chief Operating Officer bei Arcplace tätig. Oliver Weber verfügt über einen Master in Finance der INSEEC Paris und einen Bachelor in Wirtschaft der Universität Kassel.

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