Chinesischer Aktienmarkt: Gibt es Licht am Ende des Tunnels?

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Von Wenli Zheng, Portfoliomanager, China Evolution Strategy, T. Rowe Price

Mit den Konjunkturmssnahmen, die Peking zur Ankurbelung der nationalen Wirtschaft ergriffen hat, rückt der chinesische Aktienmarkt wieder in den Vordergrund.

Bei manchen Anlegern sind Zweifel aufgekommen, ob sie noch in chinesische Aktien investieren sollen. Chinas Aktienmärkte haben unter verschiedenen Faktoren gelitten, einschliesslich regulatorischer Eingriffe, geopolitischer Spannungen, der möglichen Dekotierung chinesischer ADR, des anhaltenden Abschwungs im Immobiliensektor und des Ausbruchs der hochansteckenden Omikron-Variante. Und doch gibt es sowohl zyklische wie auch strukturelle Gründe, China nicht zu vernachlässigen. 

Viele Regierungen müssen angesichts der steigenden Inflationsraten jetzt das Steuer herumreissen, nachdem die umfangreichen Konjunkturpakete die Inflation noch weiter angeheizt haben. Im Gegensatz dazu befindet sich China in einer verhältnismässig einzigartigen Position, in der die Inflation unter Kontrolle ist. Das eröffnet Raum für Lockerungsschritte, mit denen die Politik versuchen, das Wirtschaftswachstum zu fördern.

In einmaliger Lage für wirtschaftspolitische Lockerungen

China erholte sich dank rasch ergriffenen Massnahmen schnell von der ersten Welle von COVID-19, so dass die Regierung nach dem dritten Quartal 2020 einen Teil der Pandemie-Überbrückungshilfe stoppte und die fiskalische, monetäre und regulatorische Politik straffte. Der tendenziell restriktive Kurs setzte sich bis weit ins Jahr 2021 fort und ist einer der Hauptgründe, weshalb die Inflation unter Kontrolle blieb und warum, auch wegen der jüngsten Lockdowns, sich die Wirtschaftstätigkeit verlangsamt hat.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang, nicht nur das spezifische BIP-Wachstum zu beachten, sondern sich darauf zu konzentrieren, wo China in seinem Konjunkturzyklus steht. Wir glauben, dass die Konjunktur derzeit ihre Talsohle durchläuft und sich in den in den kommenden Quartalen verbessern sollte. Die Belastung durch COVID-19-Ausbrüche und einen schwachen Immobilienmarkt dürfte sich abschwächen. Gleichzeitig dürfte die Politik zu Schritten ansetzen, welche die reale Wirtschaft unterstützen.

Auf vollen Zyklus und nicht auf kurzfristige Schwäche fokussieren

Weiterhin könnte es zu (Mini-)Ausbrüche der Pandemie kommen, und es gibt auch keinen Zeitplan, wann China ein Leben mit Covid zulassen wird. Aber dramatische Einschränkungen, wie sie zuletzt in Shanghai der Fall waren, wird die Regierung unter allen Umständen vermeiden wollen. Die beschleunigte Impftätigkeit und die Zulassung von COVID-19-Medikamenten sind positive Zeichen. Wir glauben, dass die chinesische Wirtschaft über die kurzfristigen Herausforderungen hinaus in ein bis zwei Jahren deutlich besser aufgestellt sein wird.

Das vergangene Jahr war geprägt durch einen Ansturm von Krediten und regulatorischen Verschärfungen in mehreren Sektoren. An der Börse führte das zu einem Ausverkauf vieler Aktienfavoriten Internetplattformen, Gesund und Immobilienwirtschaft. Wir glauben, dass diese Sektoren den Höhepunkt des Regulierungszyklus aller Wahrscheinlichkeit nach überschritten haben und wir sehen eine Politik, die sich von neuen Regulierungen wegbewegt hin zu einer Rezeptur, die mehr wachstumsunterstützend ist.

Aktienzyklus dreht, nachdem Regulierungsängste nachlassen

An der Regulierungsfront stellen wir bereits einen positiveren Ton fest, aber frühere Bedenken und negative Schlagzeilen halten den derzeit sehr fragilen Markt gefangen. Das geht so weit, dass verschiedenen chinesische Aktien zurzeit mit ein bis zwei Standardabweichungen unter ihren Vergleichswerten im Westen gehandelt werden. Die Geschichte legt nahe, dass diese Art von Verwerfungen tendenziell längerfristige Chancen eröffnet.

Manche der Belastungsfaktoren in dieser sehr schwierigen Periode an den globalen Märkten im laufenden Jahr sind vorübergehender Natur. Einige der fundamentale Treiber für Aktien gehen im gegenwärtigen Dunst der extremen Volatilität gerne vergessen.

Volatilität und Ineffizienzen spielen Langfristanleger in die Hände

Volatilität und Ineffizienz schaffen für langfristig aktive Anleger potenziell Chancen. Chinas Markt mit seiner starken Basis von Privatanlegerinnen und -anlegern hat schon immer Ineffizienzen aufgewiesen. Der aktuelle Anstieg der Volatilität bietet zusätzliche Möglichkeiten, in fehlbewertete Vermögenswerte zu investieren.

Die High-End-Fertigung ist ein Bereich, in dem wir zahlreiche Möglichkeiten sehen. Zwar sind die kurzfristigen Aussichten auch für viele Unternehmen mit starker Wettbewerbsposition getrübt – zuerst wegen steigender Input-Kosten als Folge des Russland-Ukraine-Konflikts und dann durch unterbrochene Lieferketten aufgrund erneuter Pandemie-Lockdowns. Keines der beiden Ereignisse ändert unsere längerfristige Einschätzung dieser Unternehmen. Vielmehr wird die jüngste Korrektur die Renditeaussichten der Titel noch verbessern.

Die Pandemie wird ein Bremsklotz für die Wirtschaft bleiben, aber wir sehen sie auch als Katalysator für eine beschleunigte Konsolidierung. In Sektoren wie Hotels, Restaurants und im Möbeleinzelhandel ist eine erhebliche Kapazitätsreduktion auszumachen. Branchenleader erweitern ihren Marktanteil. Normalisiert sich die Lage, ist in den nächsten Jahren mit steigenden Margen zu rechnen. Es wird Geduld erfordern, aber letztlich glauben wir, dass Investoren mit besseren Renditen belohnt werden.

Technologie und Innovation werden in China weiter vorangetrieben und bieten ebenfalls Chancen. Smartphones und mobiles Internet waren in der vergangenen Dekade wichtige Quellen der Wertschöpfung. Über die nächsten fünf bis zehn Jahre dürften Elektrofahrzeuge (EVs) und der Übergang zu grünerer Energie die Haupttreiber sein.

Das Potenzial im Bereich der Elektrofahrzeuge ist national wie international beträchtlich (weltweit ist die Autoindustrie rund achtmal grösser als die der

Smartphones.) Im Gegensatz zu Autos mit Verbrennungsmotoren (ICEs), bei denen chinesische Marken eher als minderwertig gelten, ist das Bild für Elektrofahrzeuge ungleich besser. Während lokale Hersteller von ICE-Autos in China 30% Marktanteil haben, beträgt er bei Elektroautos 65%.

Profiteur von mehr Nachhaltigkeit im In- und Ausland

China besitzt eindeutig das Potenzial, eine wichtige globale Produktionsbasis für Elektrofahrzeuge und -komponenten zu werden. Es baut bereits eine der weltweit umfassendsten Lieferketten für Elektrofahrzeuge auf. Infolgedessen haben viele globale Erstausrüster (OEMs) begonnen, das Land als Produktionsstandort für den Export von Elektrofahrzeugen auf den Weltmarkt zu nutzen. Die Investitionsmöglichkeiten reichen über die offensichtlichen Bereiche wie Akkus und Auto-OEMs hinaus und umfassen auch vorgelagerte Sektoren wie Autoteile, Automatisierung und Halbleiter. Wir sind überzeugt, dass das Thema Elektrofahrzeuge zu einem entscheidenden Treiber für Chinas industrielle Modernisierung in den nächsten zehn Jahren werden wird.

China ist der weltweit grösste Emittent von fossilen Brennstoffen, aber wir glauben, die Verpflichtung für den Übergang zu einem umweltbewussteren Verhalten ist echt. Man sieht bereits, wie sich die Politik in diese Richtung verschoben hat. Noch ist das Land ein bedeutender Importeur traditioneller Energien, 73% des Öl- und 42% des Gasbedarfs werden aus dem Ausland gedeckt. Eine Zukunft, die erneuerbare Energien stärker nutzt, macht China autarker, was sowohl der Wirtschaft als auch der Gesellschaft dient.

Der Übergang von einer kohlenstoffintensiven zu einer nachhaltigeren Ökonomie bedeutet auch Rückenwind für die industrielle Transformation. Prognosen zufolge plant China Investitionen in der Grösse von 16 Bio. US-Dollar, um bis 2060 klimaneutral zu werden. Bis 2030 soll der Höhepunkt der Emissionen überwunden sein. Das Land ist nach unserer Ansicht auf gutem Weg, diese Ziele zu erreichen. Bereits hat China einen Anteil von 79% am Weltmarkt für Solarenergie und 41% am Markt für Windkraft. Da immer mehr Länder ihren Fokus auf erneuerbare Energiequellen legen, hat China das Potenzial, vom Übergang zu einer „grünen“, ökologischeren Welt ganz generell zu profitieren.

Strukturelle und zyklische Gründe machen China-Aktien attraktiv

Weil die regulatorischen Rahmenbedingungen und auch die Geschäftszyklen in der Volksrepublik variieren, täuschen oft Schlagzeilen über das effektive Geschehen hinweg. Investitionen in China erfordern deshalb einen Blick über die unmittelbaren Headlines hinaus auf die längerfristigen Chancen. Das Land wird weiterhin von einem starken Binnenkonsum, einer fortschreitenden Industrialisierung sowie zunehmender Technologie und Innovation unterstützt. Das wird helfen, das nachhaltige wirtschaftliche Wachstum zu erzielen, das die politische Führung anstrebt.

Weil sich der Gegenwind, der in letzter Zeit chinesischen Aktien zugesetzt hat, zu verflüchtigen beginnt, glauben wir, dass sich die Chancen verbessern werden. D.h. das Licht am Ende des Tunnels scheint heller zu werden.

Wenli Zheng ist Portfoliomanager bei T. Rowe Price Hong Kong Limited und betreut Small Caps in Asien (ohne Japan). Wenli Zheng absolvierte 2007 ein Praktikum bei T. Rowe Price und ist seit 2008 bei dem Unternehmen tätig. Bevor er zu T. Rowe Price kam, war er als Strategieberater bei Capgemini in China tätig. Wenli erwarb einen M.B.A. an der University of Chicago und einen doppelten Bachelor-Abschluss in Wirtschaftsingenieurwesen und Wirtschaft an der South China University of Technology.

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