„IWC steht für moderne Technologie und puristisches Design“

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Interview mit Christoph Grainger-Herr, IWC Schaffhausen
Von Jérôme Sicard – Fotos: Juerg Kaufmann

IWC wirbt intensiv mit Klassikern aus der Luftfahrt und dem Motorsport, wie der Spitfire und dem Mercedes Gullwing. Doch die Marke aus Schaffhausen legt auch grossen Wert auf Innovation. Erbe und Tradition stehen dabei immer im Vordergrund, erklärt Christoph Grainger-Herr, CEO seit nunmehr vier Jahren.

Welche Ziele hatten Sie sich 2017 gesetzt, als Sie die Leitung von IWC übernahmen?
Christoph Grainger-Herr: Da ich zuvor bereits elf Jahre bei IWC in strategisch wichtigen Positionen tätig war, hatte ich eine relativ präzise Vorstellung dessen, was verändert werden müsste und was wie bisher weiterlaufen sollte. Eine klare Priorität war die internationale Entwicklung der Marke, wobei wir unsere DNA nicht verändern wollten. Zudem wollte ich sichergehen, dass unser Know-how für Chronographen und Kalender – vor allem für Fliegeruhren und die Portugieser-Linie – weiterentwickelt würde. Deshalb haben wir unsere neue, 15.000 Quadratmeter grosse Produktionsanlage in Schaffhausen in Betrieb genommen, in der Komponenten für unsere Uhrwerke und Gehäuse sowie ganze Uhren entwickelt und produziert werden. Dadurch sind wir nun erheblich schneller und stärker integriert, was auch die Qualität unserer Produkte weiter verbessert hat.
Wir legen grossen Wert auf Innovation bei den verwendeten Materialien, IWC verfügt diesbezüglich bekanntlich über ein sehr gutes Image. Wir zählen zu den Pionieren auf dem Gebiet der Synthese von Titan und Keramik. Vor Kurzem haben wir Ceratanium vorgestellt, das die Vorteile beider Materialien kombiniert: Ceratanium ist so bruchfest wie Titan, gleichzeitig aber auch so kratzfest wie Keramik.
Wir haben erkannt, dass sich die Erwartungen der Kunden stark gewandelt haben  – in Bezug auf Innovation Funktionen und Garantie. Auch das Konsumverhalten hat sich völlig verändert. Die Ära des „New Retail“ hat begonnen.

Wie meinen Sie das?
Wir wollen unseren Kunden einen optimalen Service bieten – rund um die Uhr, für jede Anlaufstelle, für jeden Vertriebskanal und für jedes Uhrenmodell. Und wir müssen unsere Erfahrungen im stationären Handel intelligent mit dem Online-Geschäft verbinden. Als eine der ersten Uhrenmarken war IWC auf Portalen wie Mr. Porter und Net-a-Porter präsent und knüpfte Partnerschaften mit Alibaba auf dem chinesischen Markt.

Wie sieht Ihre E-Commerce-Strategie aus?
Man darf sie nicht von den Erfahrungen mit den real existierenden Geschäften abkoppeln. Das neue Retail-Konzept besteht meiner Ansicht nach aus zwei Schlüsselelementen. Zum einen die technologische Seite, zum anderen der Faktor ‚Mensch‘, auf dem Erfahrung und Tradition beruhen. In unserem Fall ist dieser Aspekt von fundamentaler Bedeutung. Vor dem Verkauf einer unserer Uhren sind bis zu fünfzehn Kontakte mit dem Kunden erforderlich, bevor er die endgültige Kaufentscheidung fällt. Ob im Internet oder im stationären Handel – wir müssen jede Interaktion mit den Kunden im Griff haben. Im Online-Handel steht eher Effizienz und reibungslose Abwicklung im Vordergrund, im Geschäft die Qualität der Kundenbeziehung und -erfahrung.

Wie wollen Sie die Modernität einer Marke mit einem so zeitlosen Produkt wie einer Uhr sichern?
Wir gehören nicht zur schnelllebigen Fashionwelt. Wir schaffen Produkte mit hohem emotionalem Mehrwert, die zeitlos Bestand haben sollen. Wie jedes gelungene Designobjekt werden auch unsere Uhren in zehn, fünfzig oder hundert Jahren noch genauso schön sein wie heute. Diese Philosophie verfolgen wir seit Jahrzehnten, wie vergleichsweise Porsche mit seinem Modell 911.
Natürlich setzen wir unbedingt auch auf Innovation und frische Elemente für unsere Marke, dabei wollen wir uns aber nicht von den Prinzipien entfernen, die ihren Erfolg ausmachen. Das ist allen Luxusprodukten gemein. Das Verhältnis zwischen Kontinuität, also dem Festhalten an unserer DNA, und Innovation liegt meiner Meinung nach bei 60 zu 40.

Wie nehmen Ihre Kunden die Marke IWC Ihrer Ansicht nach wahr?
Unsere Kunden sind Menschen mit ausgeprägtem Unternehmergeist, die für ihre Leidenschaft und die Erfüllung ihrer Träume alles geben. Deshalb bauen wir Uhren, die als Archetypen für leidenschaftliche Piloten, Rennfahrer, Navigatoren oder Taucher stehen. Auf der einen Seite haben wir diese hohe Technizität, gewagte Ideen und das puristische Design, andererseits sind wir eine der wenigen Uhrenmarken, die sich selbst nicht so ernst nimmt. Wir haben einen Sinn für Humor, der auch unseren Kommunikationsstil prägt.

Welche Leitlinie verfolgen Sie mit Ihrer Kommunikation?
Eines unserer Leitmotive sind diese gewagten Ideen und Träume, an denen Menschen allen Widrigkeiten zum Trotz festhalten, bis sie Wirklichkeit geworden sind. Das liegt hauptsächlich an der Geschichte unseres Gründers Florentine Ariosto Jones, der 1868 im Alter von 27 Jahren die USA verliess, um sich in der Schweiz niederzulassen. Er kam über den Atlantik, ohne auch nur ein Wort Französisch, Deutsch oder Italienisch zu verstehen. Vertrauen konnte er lediglich auf seine Fähigkeiten als Ingenieur und auf seine Ambition, in der Schweiz die neuen Techniken der amerikanischen Uhrenindustrie zu nutzen. Man kann sich gut vorstellen, mit welchen Anfangsschwierigkeiten er zu kämpfen hatte, doch die Tatsache, dass es uns immer noch gibt, beweist die Hartnäckigkeit, Leidenschaft und Intelligenz, die aufgebracht wurde, um erfolgreich zu sein.

Sie haben vor Kurzem einen komplett neuen Store in Zürich eröffnet.
Wie würden Sie dessen Konzept beschreiben?
Unsere Idee bestand darin, eine Parallele zwischen Uhrenindustrie und Automobilbranche zu ziehen. Deshalb präsentieren wir mitten im Geschäft ein traumhaftes Exemplar des Mercedes 300 SL, ein aufgrund des Designs besonders emblematisches Modell des Motorsports. Mit dieser Design-Ikone wollen wir zum Ausdruck bringen, was uns bei der Entwicklung, Gestaltung und Produktion unserer Uhren antreibt. Ursprünglich war der 300 SL, der wegen seiner Türen den Beinamen „Gullwing“ (Möwenflügel) erhielt, für sehr hohe Geschwindigkeiten ausgelegt. Genau dieser sehr funktionale Ansatz machte das Modell mit der Zeit zur Ikone. Was mir persönlich an diesem Mercedes besonders gefällt, der als Rennsportwagen konzipiert wurde, sind die Ingenieurskunst dahinter und der Adrenalinschub, den er auslösen kann. So wie man es auch bei einem Rennen erlebt.

Werden Sie das Konzept ausbauen?
Ja klar. In den nächsten Jahren möchten wir zwei oder drei Stores pro Jahr eröffnen und damit eine Serie starten. Das ist enorm viel Arbeit, denn jeder dieser Stores hat seinen eigenen Stil mit einem originellen Konzept, das auf den Legenden des Motorsports und der Fliegerei beruht. Die nächsten Stores, deren Eröffnung wir gerade vorbereiten, unterscheiden sich also grundlegend von der Boutique, die wir in Zürich eröffnet haben. Jeder Store erzählt eine eigene Geschichte. Ich denke, beim Reisen heutzutage, oder wenn es wieder möglich wird, suchen die Leute nach Erlebnissen, die man nicht in jeder Stadt findet, und genau das versuchen wir mit unseren Flagship Stores zu bieten.

Wo sehen Sie derzeit Ihre Wachstumstreiber?
Mit aussergewöhnlichen und sehr hochwertigen Produkten werden wir sicherlich die Herzen neuer Kunden erobern.

2017 wurde Christoph Grainger-Herr zum Chief Executive Officer von IWC ernannt, der 1868 in Schaffhausen gegründeten Uhrenmarke. Er war damals bereits elf Jahre bei IWC beschäftigt und hatte mehrere Führungspositionen bekleidet. Er leitete die Marketingabteilung, wurde dann „Executive Brand Architect“, später „Associate Director Strategic Planning“ und schliesslich Sales Director. Christoph Grainger-Herr studierte Innendesign an der Universität Bournemouth und an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel. Vor seinem Antritt bei IWC Schaffhausen 2006 war er zwei Jahre als Architekt in Zürich tätig.

„Bereits vor meiner Zeit bei IWC war ich von der Aquatimer begeistert, denn sie ist eine echte Sportuhr, vor allem in der Version des Jahres 2004. Sie gefiel mir auch deshalb so gut, weil ich damals sehr viel Sport getrieben habe. Als ich dann mehr und mehr Zeit im Büro verbrachte, habe ich mich für die Portofino mit Handaufzug entschieden und bin schliesslich zum Pilot-Modell gewechselt. In dieser Reihe ist die grosse Fliegeruhr mein Favorit. Dieses Modell zeichnet sich durch sein klassisches Design aus, ist aber gleichzeitig eine sehr moderne Sportuhr, die man zu allen Anlässen tragen kann. Für mich ist sie die emblematischste Uhr in unserer Kollektion.

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