«Compliance und Risk Management sind themenübergreifende Disziplinen»

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Interview mit Kaspar Wohnlich, Gründer und Partner, SwissComply

Im Interview geht er der Frage nach, ob Legal und Compliance tatsächlich Treiber der Digitalisierung der unabhängigen Vermögensverwalter sind. Auch wenn der Regulator selber keine eigentliche Vorschriften macht.  

Braucht ein Vermögensverwalter aufsichtsrechtlich überhaupt digitale Tools wie z.B. ein CRM oder Portfoliomanagementsysteme?
Anders als z.B. im Bankenbereich schreibt der Regulator bei Vermögensverwalter oder Verwalter von Kollektivvermögen diesbezüglich nichts vor. Dies ist m.E. auch folgerichtig, da Vermögensverwalter naturgemäss über deutlich einfachere Geschäftsmodelle verfügen und überschaubarere Strukturen aufweisen. Nichtsdestotrotz machen natürlich richtig eingesetzte digitale Lösungen vor dem Hintergrund der Effizienzsteigerung und den erhöhten regulatorischen Anforderungen durchaus Sinn und haben ihre Berechtigung.

Kann die Digitalisierung in der Vermögensverwaltung auch wirklich die erhofften Effizienzsteigerungen erbringen?
Ich schätze, dass wir heute im Bereich Compliance und Risk Management in der Lage sind, bei gut organisierten Vermögensverwaltern mit den richtig eingesetzten Softwarelösungen 30%-50% effizienter arbeiten zu können; bei den weniger gut organisierten Vermögensverwalter liegt diese Effizienzsteigerung bei lediglich 10% bis maximal 20%. Dies zeigt deutlich auf, dass neben der richtigen Wahl der digitalen Tools auch die Organisation des Vermögensverwalters ein wesentlicher Faktor ist. Daher ist es wichtig, dass bei der Auswahl der richtigen Software die gesamten Prozesse des Vermögensverwalters miteinbezogen werden.
Gerade im Bereich Compliance und Risk Management sehen wir aber leider immer wieder, dass dies nicht der Fall ist. Eigentlich erstaunlich, da doch gerade die Regulierung, d.h. Compliance und Risk Management, einer der zentralen Faktoren ist, welcher die Digitalisierung in der Vermögensverwaltung vorantreibt.

Wo sehen sie die Fallstricke bei dem Einsatz von digitalen Lösungen bei Vermögensverwaltern?
Gerade im Bereich von Compliance und Risk Management handelt es sich immer um themenübergreifende Disziplinen. Ein internes Kontrollsystem (IKS) kann beispielsweise nicht einfach gesondert betrachtet werden. Das IKS ist ein Produkt aus einer Risikoanalyse über den gesamten Vermögensverwalter inkl. den Produkten sowie den Weisungen. Ein weiteres Beispiel findet man im Cross-Border Bereich. Das Country Manual allein für sich reicht (leider) noch nicht aus, um stets regelkonforme Cross-Border Dienstleistungen zu erbringen. Gerade beim Einsatz von kollektiven Kapitalanlagen und strukturierten Produkten bedarf es zusätzlich auch der Produkte-Suitability. Mit anderen Worten braucht es zum einen digitale Lösungen, um sicher zu gehen, dass die Dienstleistungen gemäss geltendem lokalem Recht richtig erbracht werden und zum anderen Tools, welche Unterstützung im Bereich der richtigen Produkteauswahl bieten.
Diese zwei Beispiele zeigen illustrativ auf, dass es beim Einsatz von digitalen Lösungen für den Bereich Compliance und Risk Management gezwungenermassen immer einen holistischen Ansatz bedarf. Erst dann kann eine echte Effizienzsteigerung im täglichen Geschäft feststellt werden.
Eine weitere Gefahr besteht darin, dass die Technologie in vielen Bereichen der Gesetzgebung oder der Praxis des Regulators deutlich voraus ist. Ein gutes Beispiel ist die elektronische Unterschrift. Es gibt viele Lösungen auf dem Markt, welche technisch gesehen eine elektronische Unterschrift erlauben. Der eigenhändigen Unterschrift in der Schweiz ist aber nur die «qualifizierte Unterschrift» gleichgestellt. Diese wiederum wird heute aber nur durch 3 darauf spezialisierte Anbieter zur Verfügung gestellt.

Worauf sollte man achten, wenn ein Outsourcer seine eigene IT-Infrastruktur zur Verfügung stellt?
Es ist wichtig, dass das Angebot exakt auf den Vermögensverwalter angepasst ist, resp. angepasst werden kann. Mit anderen Worten sollten Vermögensverwalter darauf achten, dass sie bei der Auswahl des Outsourcers resp. deren zur Verfügung gestellten IT-Infrastruktur modulartigen Angeboten den Vorzug geben. Vermögensverwalter sollten weiter darauf achten resp. sich bewusst sein, dass gerade im Bereich Compliance und Risk Management bei Weitem nicht alles digitalisiert werden kann. Es wäre ein fataler Irrglaube zu meinen, mit einer guten digitalen Lösung habe man alles erledigt und alle Anforderungen im Bereich Compliance und Risk Management seien damit abgedeckt. Man darf nicht vergessen, Software-Lösungen ersetzen nicht die Arbeit, sie können diese aber wesentlich vereinfachen. Mit anderen Worten braucht es – zumindest im Bereich Compliance und Risk Management – am Schluss immer noch die erfahrene Person mit dem entsprechenden Know-how.
Weitere reelvante Themen bei der Auswahl der richtigen Digitalisierungslösungen für Vermögensverwalter sind der Integrationsaufwand, die Wartung aber auch die Datensicherheit.

Was legen sie den EVVs im Hinblick auf den Ablauf der Übergangsfristen bis Ende 2022 an das Herz?
Wir haben letzte Woche in der Aufsichtsmeldung von der FINMA erfahren, dass an den Fristen für die Einreichung der Bewilligungsgesuche bis 31.12.2022 festgehalten wird. Wird diese Frist nicht genutzt, führt das Weiterführen der Vermögensverwaltungstätigkeit zu einer unerlaubten Tätigkeit. Die FINMA wird solche Fälle den Strafverfolgungsbehörden anzeigen und zusätzlich eigene Enforcement-Abklärungen aufnehmen. Solche deutlichen Meldungen seitens der FINMA sind selten und sollten daher ernst genommen werden. Es ist daher ratsam für alle, die das Bewilligungsgesuch noch nicht bei der AO eingereicht haben, dies so rasch als möglich nachzuholen. Dabei sollte der Aufwand auf keinen Fall unterschätzt werden. Wir befinden uns derzeit mit etwas mehr als 100 Vermögensverwaltern im Bewilligungsprozess, für die wir nachgelagert auch das Outsourcing für Compliance und Risk Management Funktion übernehmen. Unsere Erfahrungen zeigen, dass der gesamte Bewilligungsprozess auch bereits bei sehr einfachen Set-ups in den allermeisten Fällen einige Monate dauert. Daher empfehle ich allen, die das Bewilligungsgesuch noch nicht eingereicht haben, diese Tätigkeit zu priorisieren und sich danach wieder dem Auswahlprozess der richtigen IT-Lösung zu widmen.

Über SwissComply

Die SwissComply AG wurde 2013 gegründet und fokussiert sich ausschliesslich auf das Outsourcing der Compliance, Risk Management und Legal Funktion von Vermögensverwaltern und Verwalter von Kollektivvermögen. Gegenwärtig betreut die SwissComply AG etwas mehr als 150 Vermögensverwalter und Verwalter von Kollektivvermögen unterschiedlicher Grössen und befindet sich mit 100 Vermögensverwaltern im Bewilligungsprozess bei der FINMA und den AOs.

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