„Das Alpha von vor 15 Jahren ist das heutige Beta“

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Interview mit Gaëtan Maraite, Chief Executive Officer, DCM Systematic

Von Jérôme Sicard – Photos : Karine Bauzin

Vor rund sechs Jahren gründeten Gaëtan Maraite, Anthony Dearden und Jérôme Callut DCM Systematic in Genf, um neue Wege in der Erzielung von Alpha zu beschreiten. Ihr Ansatz basiert auf Forschung, Innovation und der intensiven Nutzung von grossen Datenmengen, um neue Strategien zu modellieren. Die Performance ist lässt sich sehen. Und auch das Wachstum, das damit einhergeht, wie Gaëtan Maraite im Interview erklärt.

Welche Opportunitäten hatten Sie im Blick, als Sie vor etwas mehr als sechs Jahren DCM gründeten?
Gaëtan Maraite: Damals waren wir im Bereich der Commodity Trading Advisors auf Interessantes gestossen. Wir stellten fest, dass die CTA sich viel auf Trend-Following verliessen und dabei in der Regel auf Futures-Kontrakte setzten, woraus schlussendlich eine eher einseitige Vermögensverwaltung resultierte. Wir gingen davon aus, dass es andere Ansätze gibt, die eher wenig damit korrelieren, was es zu diesem Zeitpunkt in der Branche gab. Ausserdem hatten wir Lust, andere Strategien zu entwickeln. Die Idee dahinter war, den Anlegern ein Produkt anzubieten, das sich von denjenigen in ihrem CTA-Portfolio abhebt und Diversifikationsvorteile bietet.
Ausserdem haben wir noch eine weitere Gelegenheit erkannt. Da alle Akteure recht ähnliche Strategien einsetzen, hatten wir die Idee, ihre Trading-Strategien zu antizipieren, zu modellisieren und ihre Auswirkungen auf die Märkte auszunutzen, indem wir schneller und dynamischer vorgehen.

Welche Gründe sprachen für die systematische Vermögensverwaltung?
Der berufliche Hintergrund von Jérôme und Anthony. Die beiden sind Wissenschaftler. Anthony hat im Fach Robotik promoviert und Jérôme ist Experte auf dem Gebiet der angewandten Mathematik und des maschinellen Lernens. Beide kommen aus der quantitativen Forschung, setzten ihr Wissen dann aber im Finanzsektor ein. Sie haben einen inneren Drang, für die Entwicklungen der Welt physikalische, statistische oder mathematische Modelle zu formulieren. Auf diese Weise wollen sie Erfahrungen wiederholen und Prognose- oder Risikomanagementmethoden validieren, deren Ergebnisse frei von Emotionalität und Subjektivität sind. Unsere Sichtweise der Vermögensverwaltung deckt sich mit dieser Herangehensweise.

Wie fällt Ihre Bilanz der ersten sechs Jahre von DCM aus?
Eher positiv, denn es ist immer ein bisschen kompliziert als Neuling in einem Bereich anzufangen, der stark reguliert ist, wo die Konkurrenz gross und der Marktzugang zumindest schwierig ist. Allerdings hatten wir von Anfang an solide Investoren, sodass wir einige Stürme überstehen, schnell wachsen und uns mehr und mehr auf institutionelle Kunden konzentrieren konnten.
Unser verwaltetes Vermögen lag anfangs bei 7 Millionen Franken, aber inzwischen sind es knapp 500 Millionen. Ich glaube, dass wir uns ganz gut schlagen und dass wir dies unserem Pioniergeist zu verdanken haben, den wir im Asset-Management an den Tag legen.

Und wie lautet Ihre Performance-Bilanz?
Sehr zufriedenstellend. Die Klasse S unseres luxemburgischen Fonds hat seit Auflegung mehr als 65% Rendite generiert. Damit übertrifft sie recht deutlich die Indizes, die wir als Benchmarks verwenden. Wir haben bewiesen, dass wir sowohl ein differenzierendes Element als auch Outperformance beisteuern können. Aber auch das Timing ist wichtig. Wir konnten vor allem in eher turbulenten Zeiten an den Märkten positive Renditen generieren, und zwar in erheblichem Masse. Wir haben praktisch kontinuierlich einen Hedging-Faktor dargestellt, denn man vergisst gerne, dass die Hauptaufgabe eines Hedgefonds darin besteht, Absicherung, Diversifikation und Dekorrelierung zu bieten, wenn traditionelle Anlagen unter Druck sind.

Wie hat sich die Rendite seit Jahresanfang vor dem Hintergrund der Ukraine-Krise entwickelt?
Wir sind bei etwas mehr als 12%.

Welche Faktoren haben am meisten zu dieser Performance beigetragen?
Unsere Strategien im Energiesektor, die vor allem Rohöl und Erdölprodukte betrafen, leisteten die grössten Beiträge seit Jahresanfang. Ausserdem besitzen wir eine defensive Volatilitätsposition (VIX), die als Absicherung für den Fall eines Marktschocks dient.

Mit wie viel Modellen arbeiten Sie?
Mit ungefähr 20 auf Portfolioebene. Ausserdem befinden sich vier weitere in der Entwicklung. Wir bewerten die vorhandenen Strategien ständig neu und sind immer auf der Suche nach neuen Gelegenheiten. Im Übrigen hat die Anlageverwaltung bei DCM im Jahr 2022 nur wenig mit derjenigen von 2017 zu tun. Diese 20 Strategien stellen ein sehr ausgewogenes Risiko dar. Market-Timing ist eine Kunst für sich, die wichtig ist. Aber um wechselnde, turbulente Marktumfelder zu überstehen, ist eine gute Diversifikation aus meiner Sicht wesentlich.

Wie setzen Sie Quant-Tools in der Diversified-Alpha-Strategie ein?
Als allererstes möchte ich betonen, dass wir diese keinesfalls als eine Art Black-Box einsetzen. Wer die Welt der systematischen Investments nicht gut kennt, stellt sie sich sehr kompliziert und sehr abgeschlossen vor. Die Realität sieht aber ganz anders aus. Wir setzen diese Tools in sehr transparenter Weise ein. Lassen Sie mich das an einem Beispiel verdeutlichen. Angenommen, wir erkennen ein Prinzip, was wirtschaftlich reell ist, beispielsweise eine Ineffizienz des Marktes oder eine mögliche Umschichtung zwischen zwei Vermögenswerten. Ausgehend von dieser Hypothese setzen wir dann wissenschaftliche Tools ein, um sie zu validieren bzw. zu widerlegen.
Falls wir sie validieren, erstellen wir ein Prognosemodell, das wir durch ein ebenfalls systematisches Risikomanagement ergänzen. Für den Fall, dass die Prognose falsch ist, sollte man zuvor mit einer Position oder einem Trade nicht zu viel Risiko eingegangen sein. Natürlich liegen wir nicht immer richtig, aber wir wissen, dass die befolgten Prinzipien wissenschaftlich belegt sind.

Ein Beispiel für eine solche Hypothese?
Nehmen wir beispielsweise bestimmte Währungen, wie den Kanadischen Dollar oder die Norwegische Krone, deren Wert insbesondere von der Entwicklung der Rohölpreise abhängt. Kanada und Norwegen sind wichtige erdölexportierende Länder. Der Kaufdruck auf ihre Währungen hängt damit zusammen. Wir sehen uns also an, wie stabil die Korrelation ist, und wenn ein ausgeprägter Zusammenhang besteht, werten wir Daten aus dem Energiesektor aus, um die Entwicklung der betreffenden Voraussagen zu können. Dies ist ein sogenanntes «Cross-Asset-Modell».

Was bedeutet Alpha heute für Sie?
Formal handelt es sich dabei um die Fähigkeit, Renditen zu generieren, die nicht auf klassische Quellen wie beispielsweise Schwankungen der Aktien- oder Obligationenmärkte zurückzuführen sind. Zudem streben wir eine Loslösung von den alternativen Risikoprämien an. Wir haben schon sehr oft darauf hingewiesen, dass man sich vergegenwärtigen sollte, dass das Alpha von vor 15 Jahren das Beta von heute ist. Momentum, Carry oder Trend Following sind für uns alles Strategien, die in diese Kategorie fallen. Wir wollen Renditen generieren, die sich nicht durch diese Risikofaktoren erklären lassen.

Wie läuft die Veränderung dieser Alpha-Quellen ab?
Die Signale verändern sich. Sobald viele Marktteilnehmer beginnen, Nischen zu belegen, werden diese mit der Zeit zu Waren, d.h. es findet eine Standardisierung statt, woraufhin die Alpha-Quellen versiegen. Dieses Alpha wird generiert, indem Marktineffizienzen ausgenutzt werden, aber wenn immer mehr Akteure darauf aufmerksam werden, werden sie schliesslich behoben und verschwinden.
Aus diesem Grund konzentrieren wir uns umso mehr auf das Research. Man muss sich ständig neu erfinden und verstärkt auf Innovation setzen, sonst wird man träge.

Nach welchen wichtigen Trends richtet sich Ihre Anlageverwaltung zurzeit?
Bei DCM gibt es einen überragenden Trend: Wir folgen keinem Trend! Trend-Following ist nicht unser Ding. Was Ineffizienzen angeht, bestehen aber viele Gelegenheiten. Beispielsweise haben bestimmte, eigentlich eher klassische Akteure eine behavioristische Seite. Es bietet sich daher an, Neugewichtungen ihrer Positionen zu antizipieren und zu modellieren. Ein weiterer Bereich, in dem viele interessante Untersuchungen angestellt werden können, sind die Beziehungen zwischen verschiedenen Anlageklassen, auf die ich bereits am Beispiel des Rohöls und der Norwegischen Krone eingegangen bin.
Ferner gibt es noch einen letzten Punkt, der zwar nichts mit Prognosen zu tun hat, dafür aber mit dem Risikomanagement: Die Berücksichtigung in unseren Modellen von Extremszenarien wie der Ukraine-Krise, während denen die Volatilität sprunghaft steigt und phasenweise Risikoaversion herrscht. Natürlich können wir nicht sämtliche mögliche und vorstellbare geopolitische Ereignisse einbeziehen, aber wir können die Schocks in bestimmten Gruppen zusammenfassen und sie modellieren.

Wie sehen Sie die weitere Entwicklung von DCM?
Wir befinden uns immer noch mitten im Wachstum. Wir wollen unser verwaltetes Vermögen steigern, indem wir unsere Entwicklung auf dem Schweizer Markt, zwischen Genf und Zürich, vorantreiben. Wir sind auf einem guten Weg. Wir nähern uns der 500-Millionen-Marke, wir haben die Bewilligung von der FINMA erhalten und weisen eine solide Erfolgsbilanz auf: Ich würde sagen, wir haben die Startschwierigkeiten überwunden und können nun mit noch mehr Schwung weitermachen.

Gaëtan Maraite ist Gründungs-aktionär und Generaldirektor von DCM Systematic. Innerhalb des Unternehmens ist er für alle Bereiche ausser Anlagen und Unternehmensentwicklung verantwortlich. Nach der Tätigkeit in der Vermögensplanung wechselte Gaëtan 2007 zu Pictet Asset Wealth Management (Luxemburg). 2009 ging er zu Pictet Asset Services (Luxemburg) als Leiter der Kundenbetreuung. Von 2012 bis 2017 leitete Gaëtan die Geschäftsentwicklung bei Pictet Asset Services (Genf). Zu seinen Aufgaben gehörten die Betreuung von Vermögens-verwaltern, Family Offices und institutionellen Kunden bei der Strukturierung ihrer Anlagen. Gaëtan besitzt einen Master-Abschluss in Rechtswissenschaften der Katholischen Universität Löwen in Belgien sowie einen Postgraduierten-Abschluss in Vermögens-planung.

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