„Das Schweizer Trust-Projekt stösst auf steuertechnische Probleme“

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Interview mit  John J. Ryan, Jr., Präsident und Edouard Gueudet, Head of Business Development, CISA Trust

Von Elsa Floret

Die Schweiz besitzt noch kein nationales Trustrecht, obwohl ein Entwurf vorliegt. Die Ratifizierung des Haager Trust-Übereinkommens über die Anerkennung ausländischer Trusts durch die Schweiz im Jahr 2007 hatte die Klärung und Formalisierung der Sachverhalte ermöglicht. Hierdurch konnten in der Schweiz ansässigen Kunden, vor allem pauschalbesteuerte Personen, den Trust sicher nutzen. Der Rechtsrahmen ist vorhanden, was Fachleute und Kunden beruhigt. Die steuerlichen Implikationen sorgen dagegen für viel Unsicherheit, meinen John J. Ryan, Jr., Präsident, und Edouard Gueudet, Head of Business Development von CISA Trust.

Dem FINIG unterliegende Trusts wie die UVV müssen sich einer AO anschliessen und eine Bewilligung bei der FINMA einholen. Dies betrifft einige Trusts in der Schweiz. Betrifft dies auch CISA?
Das Verfahren für den Bewilligungsantrag bei der FINMA läuft. Wir freuen uns, dass Schweizer Trustees künftig von der eidgenössischen Finanzmarktaufsicht reguliert werden. Der sehr hohe Stellenwert der Trustee-Aktivität in der Schweiz hat eine derartige Regulierung erforderlich gemacht.
Wer hätte sich rückblickend vorstellen können, sein Vermögen einem nicht regulierten Finanzinstitut anzuvertrauen?

Der Trust steht bisweilen wegen seiner mangelnden Transparenz in der Kritik. Wozu genau dient eigentlich ein Trust?
Mit der Errichtung eines Trusts können mehrere Ziele verfolgt werden, aber der häufigste Grund für die Auflegung einer derartigen Struktur ist die Nachlassplanung. Andere Gründe sind beispielsweise die Steueroptimierung und die Erhaltung und Sicherung von Vermögen in Abhängigkeit von der Gerichtsbarkeit des Wohnsitzes der Betroffenen. Der Trust ist ein aussergewöhnliches und sehr flexibles Rechtsinstrument, das das tiefste Innere des Menschen berührt und weit über blosse finanzielle Erwägungen hinausgeht. In der Regel wendet sich der Begründer (engl.: settlor) mit einem geplanten Nachlassprojekt an uns, das den Ehegatten/die Ehegattin, die Kinder und Enkel berücksichtigt. Die Hauptsorge des Begründers ist die Sicherung des Familienvermögens und dessen Übertragung an die kommenden Generationen.
Ein Trust kann aber auch die Möglichkeit zur Konsolidierung von Vermögensteilen und somit zur leichteren Übertragung des Gesamtvermögens bieten. Desgleichen kann ein Trust ein philanthropisches Ziel verfolgen und gemeinnützigen Zwecken dienen, die für die Familie wichtig sind. Die Flexibilität ist immens, richtet sich aber nach den Gerichtsbarkeiten, in denen die Begünstigten ansässig sind.

Als Trustee arbeiten Sie mit den Banken und unabhängigen Vermögensverwaltern Ihres Kunden, dem Begründer (Settlor) des Trusts, zusammen.
In unser Trustee-Funktion verwalten wir den Trust. Die Vermögenswerte sind immer bei Banken hinterlegt und werden von einer Bank oder einem UVV verwaltet. Die Familie ernennt in der Regel einen Investment Advisor, mit dem wir eng zusammenarbeiten. Dies bedeutet, dass wir mit mehreren Banken und unabhängigen Vermögensverwaltern Hand in Hand zusammenarbeiten.
CISA Trust ist übrigens selbst eine unabhängige Trust Company, die im Jahr 1972, also vor 50 Jahren von John J. Ryan III in Genf gegründet wurde. Als Schweizer Trustee mit Sitz in Genf betreuen wir einen sehr breit gestreuten internationale Kundenstamm, der Schweizer Lösungen in Anspruch nehmen will. Häufig verfügen die Familien bereits über eine Bank oder einen Vermögensverwalter, doch es kommt vor, dass sie uns auch um neue Lösungsoptionen bitten.

Da der Trust eine angelsächsische Struktur ist, stellt sich regelmässig die Frage nach dem „Schweizer Trust“. Wie sehen Sie das?
Die Errichtung eines Schweizer Trusts ist unserer Ansicht nach eine gute Initiative für die Branche und den gesamten Finanzsektor. Positiv werten wir auch, dass die Schweiz ein reines Schweizer Instrument plant, mit dem auch im Ausland ansässige Familien ihren Nachlass zu Lebzeiten und langfristig planen können. Das Label ‚Schweiz‘ hat einen hohen Stellenwert. Bisher sind jedoch kaum echte schweizerische Lösungen für die Nachlassplanung vorhanden.
Das Trust-Projekt stösst derzeit auf steuertechnische Probleme, die mit grossen Nachteilen verbunden sind. Derzeit werden Trusts nach Massgabe der allgemeinen steuerlichen Grundsätze des Kreisschreibens besteuert (KS 30 der Schweizerischen Steuerkonferenz), denen zufolge nur der Begründer und/oder die Begünstigen in bestimmten Fällen steuerpflichtig sind, wenn sie in der Schweiz ansässig sind. Entsprechend sind weder der Trust noch der Trustee in Bezug auf die vom Trust gehaltenen Vermögenswerte steuerpflichtig, was sehr relevant ist. Dem Gesetzesentwurf, für den ein Vernehmlassungsverfahren eingeleitet wurde, ist ein erläuternder Bericht beigefügt, demzufolge unwiderrufliche Trusts ohne feste Ansprüche (Irrevocable Discretionary Trust) als juristische Personen zu besteuern sind, wenn der Wohnsitz des Settlors oder der Begünstigten in der Schweiz liegt. Die Besteuerung würde vor allem eine kantonale Erbschafts- oder Schenkungssteuer bei der Errichtung des Trusts, eine Gewinn- und Kapitalsteuer und schliesslich eine Einkommenssteuer bei der Ausschüttung an die Begünstigten umfassen. Dieser Besteuerungsansatz hat für viel Verwunderung und Unsicherheit gesorgt und könnte das Schweizer Trust-Projekt gefährden, wenn keine bessere Lösung gefunden wird.

John J. Ryan Jr. ist Präsident der CISA Trust Company (Suisse), eines unabhängigen Anbieters von Treuhanddienstleistungen mit verbundenen Treuhandunternehmen in der Schweiz, South Dakota und den britischen Jungferninseln sowie Verkaufsniederlassungen in Miami. John J. Ryan ist seit 1993 für CISA tätig und bei den Anwaltskammern in New York und Florida als Anwalt zugelassen. 1981 erwarb er einen BA der Indiana University, einen JD der Pepperdine University (1983), sowie einen LL.M. der Georgetown University (1989).

Der Schweizer Edouard Gueudet ist seit 2019 Leiter der Geschäftsentwicklung von CISA Trust in Genf. Er begann seine berufliche Laufbahn bei einem grossen Familienunternehmen und war anschliessend im Private Banking tätig. Er brachte mehrere Unternehmenstransaktionen im Verlagswesen und der Beratungsbranche in der Schweiz erfolgreich zum Abschluss. Er verfügt über einen Master in Wirtschafts- und Steuerrecht der Université Paris II Panthéon-Assas, einen LL.M. in internationalem Recht und einen MBA der American University in Washington DC.

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