„Der Gesundheitssektor zeichnet sich durch starke Innovationskräfte aus“

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Interview mit Cyrill Zimmermann, Head of Healthcare Funds & Mandates, Bellevue Asset Management

Von Andreas Schaffner

Die Coronavirus-Krise hat die Stärke des Sektors deutlich unter Beweis gestellt.
Im Vergleich zu anderen Titeln haben die Pharmawerte die jüngsten Marktabschwächungen gut überstanden. Das Wachstumspotenzial ist beeindruckend, da mehrere Segmente aufgrund ausgezeichneter Fundamentaldaten und einer starken Innovationsfähigkeit an Bedeutung gewinnen, wie Cyrill Zimmermann hier betont.

Was sind die Wachstumstreiber im Healthcare-Sektor?
Cyrill Zimmermann: Ich sehe drei grosse Wachstumstreiber. Zunächst ist es die Demografie, die in den Industrieländern zur Überalterung führt. Das hat sich auch mit Covid nicht verändert und wurde diesen Juli durch die UNO erneut bestätigt. Der zweite Treiber sind Veränderungen im Lebensstil. Darunter meine ich etwa die schlechte Ernährung, zu wenig Bewegung und viel Stress; dies führt dann zu Übergewicht und Fettleibigkeit. Herz-Kreislauf-Erkrankungen nehmen deshalb auch in Gegenden zu, die bisher eher traditionelle Lebensweisen und Ernährungsformen gepflegt hatten. Dies sieht man nicht nur in Ländern wie den USA oder Mexiko, sondern vermehrt auch in Japan oder in den arabischen Ländern. Der dritte Wachstums-treiber sind die Innovationen in den beiden Bereichen Biotechnologie Medizintechnik. Zudem nimmt die Mittelschicht insbesondere in den Emerging Markets zu. Hier sticht China heraus. Diese Mittelschicht hilft bei der Finanzierbarkeit des Gesundheitssystem – neben den staatlichen Stellen.

Insgesamt ein robustes Umfeld, also. Was sind die Gründe?
Ja. Die Gesundheitsindustrie zeichnet sich durch ihre Innovationsstärke aus, was letztlich auch für Anleger sehr attraktiv ist. Es macht die Industrie zudem konjunkturresistent und führt dazu, dass wir jährliche Wachstumsraten von 5 bis 6 Prozent sehen, in einzelnen Subsektoren sind sie noch höher.

In diesen Untersektoren haben die Digital-Health-Aktien jedoch einen ziemlich grossen Rückschlag erlitten, was auf die Korrektur der Technologiewerte zurückzuführen ist….
Absolut. Längerfristig wissen wir: Es geht darum, die Effizienz im Gesundheitssystem zu steigern. Allein in den USA rechnet das Beraterhaus McKinsey damit, dass man jährliche Kosten von 300 Milliarden USD einsparen könnte. Zum Beispiel beim Spitalwesen, das auch in den USA ineffizient ist. Aber auch in anderen Gebieten, in welchen das Gesundheitswesen noch nicht so gut ausgebaut ist. Wir sehen u.a. einen Mangel an Ärzten und Probleme beim Zugang zu neuen Behandlungsmethoden. Hier versprechen wir uns viel vom technologischen Fortschritt. Kürzlich wurde ein Produkt für die Diabetesbehandlung zugelassen, das den Blutzuckerspiegel mittels Sensoren misst und diese Daten an ein beliebiges mobiles Gerät übermittelt. So kann die Ausschüttungsrate einer Insulinpumpe reguliert werden, womit eine Fernüberwachung von Diabetikern ermöglicht wird.

Wie stark ist die USA als grösster Markt im Bereich Healthcare dominierend?
Die USA bilden mit Gesundheitsausgaben von über 10’000 USD pro Person im Jahr den grössten Markt, und es befinden sich da auch die grössten Anbieter, die insgesamt einen Umsatz von über 700 Milliarden USD pro Jahr erwirtschaften. So sind die USA insbesondere in den Bereichen Biotech und Medtech die Innovationsführer.

Wie sieht es mit der Schweiz aus?
Hinsichtlich Ausgaben pro Person sind wir auf Platz zwei! Das ist die Seite der Verbraucher. Natürlich sind wir auch auf der Seite der Produzenten sehr gut mit den beiden grossen Pharma-Giganten Roche und Novartis sowie hervorragenden Medtech-Pionieren wie Straumann, Sonova, Tecan oder auch mit Mettler Toledo, Ypsomed und Medartis sehr gut aufgestellt. Nichtsdestotrotz: Die Venture-Capital-Kultur, die in den USA enorm hohe Investitionen vorallem im Bereich Biotech ermöglichen, ist nicht vergleichbar.

Und wie sieht es mit Emerging Markets aus? Immerhin haben Sie vor ein paar Jahren einen entsprechenden Fonds aufgelegt?
Interessanterweise holt China sehr stark im Bereich Medtech aber auch Biotech auf. Zudem sind die Chinesen in Bereichen der medizinischen Dienstleistungen wie spezialisierte Kliniken oder Healthcare-IT-Firmen gut aufgestellt, zumal sie auch Lösungen auf der Basis der künstlichen Intelligenz anbieten. Produktionsländer wie Indien machen enorme Sprünge im Bereich Generika. Es werden inzwischen im grossen Stil auch Biosimilars hergestellt – die Nachahmerprodukte von patentabgelaufenen Biotech-Medikamenten. Eine spannende Firma ist diesbezüglich die indische Biocon, die für Brustkrebs eine zugelassene Indikation hat. Wir sind ferner in die grösste indische Spitalkette, Appollo Hospitals, investiert. Desweiteren ist Südkorea im Biosimilars Bereich mit den beiden Firmen Celltrion und Samsung Biologics erfolgreich unterwegs. Unter dem Strich sind wir auch bei den breiteren Healthcare Strategien im Vergleich zum MSCI World Healthcare Index weniger stark in den USA investiert, während wir Asien übergewichten.

Welche Rolle spielen die grossen Tech-Unternehmen, wie Apple, Google oder Amazon. Vor ein paar Jahren zitterte die Industrie angesichts der Pläne der Giganten ja noch.
Einzelne Unternehmen werden sicher in der Zukunft mit den Technologie-Giganten in den USA oder China noch stärker zusammenarbeiten. Etwa wenn es um Big Data oder die Analyse von Daten geht. Oder auch bei der Logistik ist eine Zusammenarbeit mit Amazon denkbar. Doch bei Medikamenten und Medtech-Produkten ist der Sicherheitsstandard und die Komplexität hoch. Die Eintrittsbarrieren im Gesundheitssektor sind folglich enorm hoch.

Welche Firmen werden den Markt in den nächsten 5 Jahren prägen?
Wegen diesen hohen Eintrittsbarrieren gehen wir nicht von grösseren Verschiebungen aus, insbesondere im klassischen Pharma-Business. Die Kosten für die Entwicklung von Therapieformen sind tendenziell gestiegen. Es braucht nach wie vor rund 10 Jahre für die Entwicklung eines Medikaments und das kostet im Normalfall rund eine halbe Milliarde Dollar. Nicht zu vergessen: Erst einmal entwickelt, heisst noch lange nicht, dass ein Produkt auf dem Markt kommt. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Wirkstoff die Phase 1 übersteht, liegt bei lediglich 10 Prozent.

Wie sieht es abseits von Big Pharma aus?
Wir haben beispielsweise interessante Unternehmen in China oder in Indien im Bereich der Telemedizin auf dem Radar. Etwa Ping An Good Doctor oder die bereits erwähnte Appollo Hospitals. In den USA bildet das Telemedizin Unternehmen Teladoc mit seinen 80 Mio. Kunden den First Mover. Europa ist aufgrund der Datenschutz-Bestimmungen diesbezüglich etwas zögerlicher. Ich kann mir aber vorstellen, dass wir bei zunehmendem Kostendruck auch Lösungen in einzelnen Bereichen sehen werden, etwa wenn es darum geht, einen Dermatologen oder Psychiater zu konsultieren. Denn die Kosten von Facetime-Konsultationen sind um ein Vielfaches geringer als ein Besuch beim Arzt.

Welche Strategie verfolgen Sie mit Bellevue?
Wir waren immer schon aktive Investoren. Im Bereich Healthcare ist passives Investieren oft ein ungewollt aktiver Entscheid: Die meisten haben deshalb zu viel Large Caps, zu viel Pharma und sind nicht global diversifiziert. Wir investieren aktiv mit einem starken Fokus auf werthaltige Mid Caps, setzen auf lokale Champions in den Emerging Markets, die den kostengünstigen Zugang zu Medizin sicherstellen sowie auf ausgewählte Innovationsführer in Industrieländer.

Dr. Cyrill Zimmerman ist Head of Healthcare Funds & Mandates und Mitglied der Geschäftsleitung von Bellevue Asset Management. Er gründete Adamant Biomedical Investments im Jahr 2001 und leitete die Investmentboutique bis zu ihrer Übernahme durch Bellevue im Jahr 2014. Cyrill Zimmerman hält einen Doktortitel der Universität Zürich.
Bellevue wurde von Martin Bisang und Ernst Müller-Möhl gegründet und begann 1993, sich mit der Investmentgesellschaft BB Biotech auf den Gesundheitssektor zu spezialisieren. Das in diesem Sektor investierte Vermögen beläuft sich bis Ende 2021 auf 10,9 Milliarden CHF.

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