„Der Kenntnisstand wird entscheidend sein“

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Von Hans Linge

Kurzfristig bringen die neu in Kraft tretenden Bestimmungen für unabhängige Vermögensverwalter nur eine einfache Weiterbildungspflicht mit sich. Auf längere Sicht ist es möglich, das die für die Ausübung dieses Berufs verlangten Kompetenzen einem anspruchsvolleren Validierungssystem unterliegen.

Da die Aufsichtsbehörden keine klaren Vorgaben verlautbaren, möchten wir Sie fragen, auf welche Kompetenzen sich die unabhängigen Vermögensverwalter nun berufen sollen.
Frédéric Kohler: Die letzte GFCI-Klassifizierung der internationalen Finanzplätze war für die Schweizer Finanzzentren eher gemischt. Zürich ist um 6 Plätze auf Rang 14 zurückgefallen. Genf dagegen konnte um 2 Plätze aufsteigen und nimmt nun den 26sten. Rang ein. Das ist nicht besonders erfreulich. Und umso weniger, als man bei genauerer Lektüre des Berichts feststellt, dass die beruflichen Kompetenzen zum ersten Mal nicht als Wettbewerbsvorteil genannt werden – weder für Genf noch für Zürich. Ich zitiere hier einen Satz, der dem Bericht vorangestellt ist. „Ohne qualifizierte und flexible Fachleute kann schwerlich ein wettbewerbsfähiges Umfeld geschaffen werden.“
Daraus schliesse ich, dass es für die unabhängigen Schweizer Vermögensverwalter ebenso wie für die Kundenbetreuer der Banken mehr als an der Zeit ist, ihre Kompetenzen und vor allem ihre fachlichen Fähigkeiten auszuweiten. Die FINMA und der ASB haben das verstanden und ein Korpus an Mindestkompetenzen empfohlen, das sich im Wesentlichen auf Asset-Management-Techniken konzentriert, auch wenn der Compliance-Bereich weiterhin wichtig ist.
Das ist insofern nicht überraschend, als die Aufsichtsbehörde nun von den EAM verlangt, die Angemessenheit ihrer Anlageberatung für den Kunden und seine Lage gewährleisten zu können. Aber wie soll eine solche Gewährleistung ohne eine perfekte Beherrschung der Asset-Management-Techniken möglich sein?

Welche Themen sind Ihres Erachtens bei der Weiterbildung am wichtigsten oder dürften es bald werden?
Der Kenntnisstand auf den Gebieten klassische und alternative Finanzinstrumente sowie Portfolioverwaltungstechniken wird bald entscheidend sein. Dasselbe gilt für Kenntnisse im Bereich steuerliche Behandlung sowie Finanz- und Nachlassplanung. Neue Themen wie etwa verhaltensorientierte Finanzwissenschaft oder ausländisches Recht werden jedoch sehr schnell ebenfalls unverzichtbar sein. Und schliesslich – auch wenn das merkwürdig klingt – werden kommerzielle und verhaltenswissenschaftliche Kompetenzen sich massiv verbessern müssen, um der neuen Kundengeneration gerecht zu werden.

Rechnen Sie damit, dass die Finma sich in naher Zukunft zu einer Anhebung der Mindestanforderungen in Sachen Weiterbildung oder zur Einführung von Ausbildungsgängen entschliessen wird?
Die Finma äussert sich immer etwas widersprüchlich. Zum einen macht sie deutlich, dass sie die Standards in der Schweiz verbessern will, wie man seit 2012 am FIDLEG-Gesetzentwurf sehen konnte, aber andererseits überlässt sie die Anhebung dieser Standards dem Gesetzgeber oder den Selbstregulierungsorganisationen, ohne jemals wirklich Stellung zu beziehen oder irgendetwas durchzusetzen. Ein Akteur, der die Gesetze verschärfen könnte, falls die Ziele per Selbstregulierung nicht erreicht werden, ist der Bundesrat, der sich während des gesamten Gesetzgebungsprozesses zum FIDLEG/FINIG mehrmals in diesem Sinne geäussert hat. Er könnte dann zum Beispiel eine obligatorische Zertifizierung oder Mindestkompetenzen und Mindestweiterbildungen beschliessen, ohne die die Ausübung dieses Berufs dann nicht mehr möglich ist.

Was ist Ihrer Meinung nach heute von grundlegender Bedeutung für die Weiterbildung der unabhängigen Vermögensverwalter?
Meines Erachtens unterscheiden sich die EAM nicht wesentlich von anderen Finanzfachleuten. Der Gesetzgeber nennt sie übrigens nun externe Vermögensverwalter, was zeigt, dass es ihm hier nicht auf den Rechtsstatus ankommt und die neuen Anforderungen in Sachen Kundenbeziehungen dieselben sind wie bei einem Banker.
Davon ausgehend muss der EAM zunächst die Verpflichtung zur Weiterbildung als Chance begreifen und nicht als Zwang. Die Welt der Finanz wird immer komplexer und die Kompetenzen, die vor 10 Jahren oder mehr noch für einen Einstieg in diesen Beruf ausreichten, genügen heute nicht mehr, um sich zu behaupten. Wenn ein externer Vermögensverwalter, wie er gerne sagt, den Kunden in den Mittelpunkt stellt, wird er Wert darauf legen, ihm den bestmöglichen Service zu liefern, und das geht nur mit einer soliden und umfangreichen Weiterbildung.

Wie lange braucht ein Vermögensverwalter im Schnitt für die CWMA-Zertifizierung? Wie lange dauert die Weiterbildung generell?
Eine kleine Anzahl von Vermögensverwaltern hat sich für die CWMA-Zertifizierung (Certified Wealth Management Advisor) entschieden. Andere haben die vorbereitenden Schulungsmodule gewählt, ohne die zur Zertifizierung führende Prüfung ablegen zu wollen. Das Gesetz lässt diese Möglichkeit zu, und beide Ansätze haben ihre Vor- und Nachteile. Meiner Schätzung nach kann die Weiterbildung in einem zweiten Schritt nur noch ungefähr 15 bis 20 Stunden pro Jahr in Anspruch nehmen, aber zuvor ist, um das CWMA-Niveau – egal ob mit oder ohne Zertifizierung – zu erreichen, eine Weiterbildung von etwa 50 Stunden über einen Zeitraum von 10-12 Monaten erforderlich.

 

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