„Die Allokationen müssen dem Vormarsch der chinesischen Wirtschaft Rechnung tragen“

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Interview mit Grégoire Haenni, Chief Investment Officer, Caisse de Prévoyance de l’Etat de Genève

Von Elsa Floret – Fotos: Karine Bauzin

Wie die Caisse de Pension de l’Etat de Genève (CPEG) sind die meisten Pensionskassen indirekt über den MSCI-Schwellenländerindex und eine Allokation auf chinesische Anleihen in China investiert. Angesichts des kräftigen Wachstums der chinesischen Wirtschaft wird für sie schon sehr bald kein Weg mehr an Direktanlagen vorbeiführen. Diese grundlegende Entwicklung im Portfoliomanagement bedeutet aber auch, sich mit der Regierungsführung dieses Landes auseinanderzusetzen. – Grégoire Haenni, Investmentdirektor der CPEG, erläutert uns seinen Standpunkt.

Kann China seine ehrgeizigen Ziele wirklich stemmen?
Grégoire Haenni: Klar ist, dass China in Kürze die grösste Volkswirtschaft der Welt sein wird. Bereits heute erwirtschaftet das Land 16 Prozent des weltweiten BIP. Gemessen an seinem kaufkraftbereinigten BIP, hat China die USA bereits im vergangenen Oktober überholt. Nach Angaben der Weltbank dürfte das chinesische Wachstum 2021 bei 8,5 und im kommenden Jahr bei 5,4 Prozent liegen. Diese Zahlen können Chinas Ambitionen durchaus beflügeln.
Die chinesische Wirtschaft vollzieht derzeit einen sehr bemerkenswerten Wandel. Sie kommt aus einem Zyklus schnellen Wachstums und tritt in eine Phase ein, die auf Qualität ausgerichtet ist – ein Übergang, der durch drei Meilensteine gekennzeichnet ist.
Erstens wurde im November das weltweit grösste Freihandelsabkommen mit 14 Ländern unterzeichnet, die 30 Prozent des weltweiten BIP und zwei Milliarden Menschen repräsentieren. Diese Kooperation ist im Zusammenhang mit Chinas „Belt and Road“-Initiative zu sehen, der Neuen Seidenstrasse, einem der ehrgeizigsten Infrastrukturprojekte aller Zeiten, das sich von Ostasien bis nach Europa erstreckt.
Zweitens legte Chinas im April als erstes Land seine eigene digitale Währung auf – eine Weltpremiere.
Und drittens hat China sein strategisches Greater-Bay-Area-Projekt im Süden des Landes zur Schaffung einer Freihandelszone zwischen Hongkong und neun grossen Nachbarstädten beschleunigt. Dieses im Dezember 2016 begonnene Projekt repräsentiert 40 Prozent der Exporte des Landes und soll ein grösseres Wirtschaftswachstum bewirken und der Innovation einen Schub verleihen.

Diese Zahlen zeigen eindrucksvoll, dass sich das Gravitationszentrum der Weltwirtschaft nach Südostasien verschoben hat. Wie können Anleger vom Wertpotenzial dieser boomenden Wirtschaft profitieren?
China wird künftig eine eigenständige Assetklasse für eine Anlagestrategie oder eine strategische Allokation darstellen. Die Kernelemente seines Fünfjahresplans zielen auf die Stärkung seiner Binnenwirtschaft bis 2025, die Konsolidierung der sozialen Entwicklung und auf den Umweltschutz.
Die in diesem Fünfjahresplan festgelegten Ziele dürften auf viele Investitionsmöglichkeiten hinauslaufen. Fest steht, dass das Land seine Abhängigkeit von ausländischen Technologien – vor allem von Halbleitern – und importierten Ressourcen so schnell wie möglich verringern will. Hinzu kommt das Bestreben, die Modernisierung der Industrie und die technologische Innovation mit intelligenten digitalen Lösungen voranzutreiben. Weitere strategische Schwerpunkte sind nationale Sicherheit, Binnenkonsum und Kultur.
Auf sehr lange Sicht strebt die chinesische Regierung mehr Autarkie für ihre Wirtschaft durch einen starken Binnenkonsum an, der auf dem anhaltenden Wachstum der Mittelschicht basiert.

Welche Anlagechancen bietet der chinesische Binnenmarkt?
Der chinesische Onshore-Markt für internationale Anleger, an dem A-Aktien gehandelt werden, ist in mehrfacher Hinsicht interessant.
Trotz der Kurszuwächse im Jahr 2020 sind die Bewertungen chinesischer Aktien sowohl in relativer als auch absoluter Hinsicht noch angemessen. Die Gewinne chinesischer Unternehmen dürften für das laufende Jahr um 15 bis 20 Prozent zunehmen.
In den kommenden fünf Jahren werden die chinesischen Märkte aufgrund ihrer Aufnahme in die globalen Aktienindizes sicherlich Kapitalzuflüsse verzeichnen.
Die Börsenkapitalisierung sämtlicher chinesischer, an Inlands- oder Auslandsbörsen notierter Aktien repräsentiert 15 Bio. US-Dollar und ist damit höher als die Börsenkapitalisierung aller Länder der Eurozone.
Die für ausländische Investoren zugänglichen Offshore-Aktien konzentrieren sich auf bestimmte Wirtschaftssektoren wie Telekommunikation, Energie, Banken und Internet.
Die chinesischen Onshore-Aktienmärkte sind dagegen tief und ermöglichen aufgrund ihrer geringeren Korrelation mit den westlichen Märkten eine stärker diversifizierte Allokation.
Zudem soll der CO2-Ausstoss chinesischer Inlandswerte laut MSCI niedriger als der anderer Schwellenländeraktien sein.
Der chinesische Onshore-Rentenmarkt ist mit seinen rund 17 Bio. US-Dollar nach den USA der zweitgrösste Markt der Welt. Sein Wachstumspotenzial ist aus zwei Gründen noch immer immens. Der erste Grund liegt bei den ausländischen Investoren, die bisher nur 3,5 Prozent dieses Marktes halten; für andere Lokalwährungsrentenmärkte der Schwellenländer liegt dieser Anteil bei 21 Prozent. Der zweite Grund liegt bei der Regierung, die die Kapitalkontrolle lockern und ihren Markt für ausländisches Kapital öffnen will.
Angesichts der auf breiter Front negativen Anleihenrenditen bietet der chinesische Onshore-Rentenmarkt seinen Anlegern für 10-jährige Staatsanleihen Nominalrenditen von fast 3 Prozent.
Ausländische Investoren müssen ihre strategische Allokation früher oder später anpassen, um dem Vormarsch der chinesischen Wirtschaft und des Yuan als Reservewährung Rechnung zu tragen.

Wie sind Sie als globaler Investor in China positioniert?
Die Caisse de Pension de l’Etat de Genève wie auch viele andere Pensionskassen hat indirekt über den MSCI-Schwellenländerindex und eine Allokation auf chinesische Anleihen in China investiert. Die direkte Asset-Allokation auf China wird durch Governance-Probleme derzeit noch erschwert. Doch das ist meines Erachtens nur eine Frage der Zeit. Wer positive Renditen erzielen will, dem stehen nur sehr beschränkte Optionen zur Verfügung: Papiere mit schlechterer Bonität, geringerer Liquidität oder Leverage. Ich für meinen Teil setze lieber auf Qualität und Wachstum und investiere hierzu in Südostasien.
Ich reise zweimal pro Jahr nach China. Bei jeder neuen Reise komme ich angesichts der Fortschritte sowohl bei der Technologie wie auch bei der Infrastruktur nicht aus dem Staunen heraus. In China gibt es 55 Städte mit über fünf Millionen Einwohnern. In Bei 5G ist China das fortschrittlichste Land der Welt. Robotisierung und Automatisierung schreiten unaufhaltsam voran. China meldet weltweit zwei Drittel aller Patente an. Diese Anlagechancen nicht zu nutzen, wäre ein Fehler. Shenzhen ist die Stadt mit dem höchsten High-Tech-Niveau, und in China gibt es bereits mehr Einhörner als in den USA.

Könnte der Handelskrieg zwischen den USA und China den Fünfjahresplan beeinträchtigen?
Die politischen Spannungen zwischen den beiden Supermächten werden noch einige Zeit anhalten, obwohl die protektionistischen Massnahmen der Trump-Regierung keinerlei konkrete Ergebnisse gebracht haben.
Der chinesische Staatspräsident Xi Jinping meinte, „dass die Zeit und die Dynamik für China bei seinem Bestreben, sich in das Rampenlicht der Weltbühne zu rücken, günstig sind“. Die chinesische Regierung räumt ein, dass bei der Umsetzung der nationalen Ziele noch einige Hürden genommen werden müssen. Hierzu will China offenbar eine mittelfristige Strategie mit mehreren Achsen umsetzen: erstens, indem es eine nichtaggressive Aussenpolitik verfolgt, dank der sich das Land auf seine internen Prioritäten konzentrieren kann, und zweitens, indem es seine Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten reduziert und zugleich die Abhängigkeit der restlichen Welt von China erhöht. Der dritte Punkt ist die Stärkung des chinesischen Einflusses im Ausland.
Gleichzeitig lösen die jüngsten politischen Massnahmen Chinas im Inland und auf internationaler Ebene heftige Reaktionen aus. Die Frage ist, ob China daraus lernen kann. Die Antwort auf diese Frage kennt jedoch nur China selbst.
Aber es besteht Hoffnung für die Beziehungen zwischen China und den USA. Ein Beispiel dafür ist ihr Kampf gegen den Klimawandel. Da Umweltschutz wohl das neue strategische Thema des 21. Jahrhunderts ist, bietet sich Amerikanern und Chinesen die Möglichkeit, bei gemeinsamen Problemen zusammenzuarbeiten. Joe Biden hat uns mit seinem Wiedereintritt in das Pariser Klimaabkommen, das sein Vorgänger, der Klimaskeptiker Donald Trump, aufgekündigt hatte, einen Grund zur Hoffnung gegeben.

China ist noch vor den USA der grösste CO2-Emittent der Welt. Welche Verpflichtungen ist die chinesische Regierung zur Lösung dieses Problems eingegangen,
welche Massnahmen hat sie ergriffen?
Die diesbezüglich vorliegenden Zahlen müssen mit Vorsicht genossen werden. Es heisst, dass China der weltweit grösste Emittent von Treibhausgasen ist. Allerdings sollten die Emissionen und vor allem der Kohlenstoffausstoss pro Kopf betrachtet werden. China hat eine Bevölkerung von 1,4 Milliarden, die USA von 332 Millionen. Jeder Amerikaner erzeugt de facto doppelt so viel Verschmutzung wie jeder Chinese. Ausserdem ist ein Teil dieser Verschmutzung der Auslagerung westlicher Unternehmen in das Land geschuldet.
Um die Umweltverschmutzung zu verringern, die durch entsorgte recycelte Materialien entsteht, hat China abrupt angekündigt, aus anderen Ländern, insbesondere aus Europa, weniger Abfälle anzunehmen.

Was halten Sie von der chinesischen Regierung?
Diese Frage ist Gegenstand heftiger Diskussionen. Nach Ansicht von Montesquieu gibt es drei Arten von Regierungen: die republikanische, die monarchische und die despotische. Ich gebe zu, dass es mir schwerfällt, das chinesische Regime in eine dieser Kategorien einzuordnen.
Ein despotisches Land will alle Aspekte des Lebens seiner Bürger kontrollieren, während der chinesische Staat zwar einen Grossteil der politischen Aktivitäten seiner Bürger kontrollieren will, von einer Einmischung in das wirtschaftliche oder kulturelle Leben jedoch absieht.
Es besteht kein Zweifel daran, dass China ein autoritärer Staat ist, da es von einer einzigen politischen Partei regiert wird – Oppositionsparteien werden nicht geduldet. Objektive Kriterien dafür, ab wann ein autoritärer Staat despotisch vorgeht, gibt es nicht. Für viele Menschen ist der chinesische Staat despotisch, doch es gibt auch viele, die sich gegen diese Charakterisierung wehren.
Das chinesische Regime passt in keine Schublade. China wird von einer einzigen Partei mit einer sozialistischen Ideologie regiert; doch Wirtschaft ist kapitalistisch, auch wenn noch einige Industriezweige in staatlicher Hand sind. Wir haben es mit einer Art repräsentativer Demokratie auf den unteren Regierungsebenen und einer leistungsorientierten Bürokratie auf den höheren Regierungsebenen zu tun. Sie ist in einigen Bereichen autoritär, verfügt aber in den meisten Bereichen über offene Kanäle für Rückmeldungen aus der Bevölkerung.
Es stellt sich die Frage, wieviel die Regierung unter anderem für die Lebensqualität, den Lebensstandard oder die ihrer Bevölkerung tut. Die Lebensqualität hat sich in China eindeutig verbessert, und Kaufkraft der Bevölkerung ist in den letzten zwanzig Jahren sehr stark gestiegen. Das kann man von den Industrieländern nicht behaupten.

Grégoire Haenni hat an der Fakultät für Ökonometrie der Genfer Universität in mathematischer Statistik promoviert und ist seit 2014 Investmentdirektor der Caisse de Prévoyance de l’Etat de Genève. Zuvor war er Investmentdirektor des Pensionsfonds des CERN und hatte davor die Abteilung für Investmentresearch der Banque de Chine (Suisse) Fund Management geleitet. Vor dieser Leitungsfunktion hatte er Bedrock Alternative Asset Management gegründet, wo er für das Research und das Portfoliomanagement zuständig war. Von 2001 bis 2007 war Grégoire Haenni Analyst und Fondsmanager in der Abteilung „Alternative Investments“ bei Pictet & Cie. Er begann seine berufliche Laufbahn 1997 als Finanzanalyst und Portfolio-Manager bei Merchiston Management.

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