„Die BCGE ist vor allem ein Unternehmen und erst in zweiter Linie eine Bank“

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Interview mit Blaise Goetschin, Chief Executive Officer, Genfer Kantonalbank

Von Elsa Floret – Fotos: Karine Bauzin

Blaise Goetschin bekleidet seit dem Jahr 2000 den Posten des CEO bei BCGE. Und er macht weiter; seine Amtszeit wurde gerade verlängert. Seine Bilanzen sprechen für ihn. Die Kantonalbank kann in ihren drei wichtigsten Geschäftsfeldern mit Rekordergebnissen aufwarten: die Universalbank mit ihren 14 Sparten, dann die internationale Bank, die ein Drittel ihres Umsatzes in Fremdwährungen erwirtschaftet, und schliesslich die Geschäftsbank, die für zwei Drittel des Ertrags steht. Gestützt auf diese Erfolge, will Blaise Goetschin die BCGE künftig unter den Top Fünf der Kantonalbanken sehen.

2021 war der Umsatz der BCGE stark gestiegen: auf 439 Millionen CHF. Woher kommt dieses Wachstum?
Blaise Goetschin: Dieses Ergebnis ist auf drei Prioritäten zurückzuführen, die im Mittelpunkt unserer Mission stehen. Erstens: unser Geschäftsmodell, das als eine nach Geschäftsfeldern und Märkten diversifizierte Universalbank aufgebaut ist. Es umfasst 14 Sparten, die robustes Wachstum generieren. Speziell das Privatkundengeschäft erzielte 18,3 Milliarden Franken bei einem Zuwachs von 12,4 Prozent, vor allem durch die Verwaltungsmandate. Die Investmentfonds erreichten einen Gesamtgewinn von 3,9 Milliarden, ein Plus von 21,7 Prozent.
Zweitens erwirtschaften wir unseren Umsatz zu einem Drittel in anderen Währungen als dem Schweizer Franken, hauptsächlich in Euro und Dollar. Diese Internationalisierung, die Genf auszeichnet, ist bei uns stärker ausgeprägt als bei vergleichbaren Banken. Und drittens pflegen wir eine privilegierte Beziehung zu Unternehmen und institutionellen Kunden, die zwei Drittel unseres Umsatzes ausmachen.

Wie würden Sie die BCGE beschreiben?
Die BCGE ist vor allem ein Unternehmen, erst in zweiter Linie eine Bank. Es handelt sich um ein KMU mit der Mentalität eines Industrieunternehmens. Wir haben Banker und Bankerinnen vor Ort, die individuell gestaltete Beziehungen zu ihren Kunden pflegen. Die BCGE ist eine nutzbringende Bank, eine gute Einrichtung.

Wie sieht Ihr Wettbewerbsumfeld aus?
Als mittelgrosses Unternehmen müssen wir uns gegenüber der Konkurrenz multinationaler Konzerne behaupten; auf dem regionalen Markt kommt sie aus der Schweiz und in bestimmten Segmenten wie der Finan- zierung des Welthandels aus dem Ausland. Folglich müssen wir Dienstleistungen anbieten, die mindestens von gleicher, wenn nicht besserer Qualität sind als die unserer mächtigen Konkurrenten. Das betrifft die Preise, die Reaktivität, die spezifischen Merkmale unserer Produkte usw. In diesem ungleichen Kampf sprechen Flexibilität und Geschwindigkeit für uns.

Wie positionieren Sie sich im Vergleich zu anderen Kantonalbanken, insbesondere denjenigen von Zürich und dem Kanton Waadt?
Die Kennzahl, die uns am meisten interessiert, ist der Umsatz. Unter den 24 Kantonalbanken nehmen wir derzeit den 8. Platz ein. Mittelfristig wollen wir unter die ersten Fünf, was etwa einer Ertragsspanne von 500 bis 550 Millionen Franken entspricht. Um dieses Niveau zu erreichen, müssen wir unser Geschäft ausbauen und dabei die Besonderheiten und Einschränkungen berücksichtigen, die mit unserem Umfeld verbunden sind. Wir sind in Genf tätig, einem weltweit führenden Finanzplatz, der äusserst wettbewerbsintensiv. Hier sind die Produktionskosten hoch und das Einzugsgebiet wie auch der Kernmarkt klein. Durch die expansive Strategie der BCGE können wir neue Talente begeistern und unseren Kunden kreative und glaubwürdige Lösungen anbieten. Wir sind derzeit vor Ort der sechstgrösste Arbeitgeber im Bankensektor.

Welche strategischen Prioritäten hat die Bank für 2022 und darüber hinaus?
Unsere oberste Priorität, unsere Mission, besteht darin, unsere Rolle als zentraler Partner der regionalen Wirtschaft wahrzunehmen. Wir stehen hier und jetzt in Genf mit einem von drei Unternehmen in aktiver Geschäftsbeziehung. Zweitens wissen wir, dass die Genfer Wirtschaft von Natur aus international ausgerichtet ist, und folgen unseren Kunden dorthin, wo sie uns brauchen. So sind wir beispielsweise in Verbindung mit 350 Banken in 55 Ländern der Welt. Das setzt uns in die Lage, Import- und Exportfinanzierungen in weit entfernten Ländern wie Bangladesch, Ägypten oder der Türkei durchzuführen, die Wirtschaftspartner der Schweiz sind. Drittens begleiten wir unsere Kunden bei der Energiewende, vor allem durch die Finanzierung von Projekten zur Optimierung von Wohn- und Geschäftsgebäuden.

Wie entwickelt sich Ihr verwaltetes Vermögen?
Im Jahr 2021 haben die Märkte das Wachstum der meisten verwalteten Vermögenswerte begünstigt. Mit unserem spezifischen und leistungsstarken Angebot sind wir in der Lage, diese Entwicklung zu nutzen. Im Mittelpunkt steht dabei das diskretionäre Verwaltungsmandat, das nach den Grundsätzen einer präzisen und den Kunden gegenüber vollständig transparenten Anlagephilosophie verwaltet wird. Bei uns erfolgt die Wertschöpfung durch die Auswahl der besten Unternehmensaktien in einer offenen Architektur, gestützt auf ein aktives Management und die Neutralisierung des Market Timing. Diese Managementgrundsätze haben sich bewährt. Bei den Investmentfonds hat unsere Marke Synchrony Funds erheblich an Volumen zugelegt. Mehrere unserer Fonds, insbesondere die Schweizer Aktienfonds, haben anerkannte Auszeichnungen erhalten.

Wie verteilt sich Ihr verwaltetes Vermögen auf Privatkunden und institutionelle Kunden?
Das verwaltete Vermögen ist relativ gleichmässig auf diese zwei Kundenkategorien verteilt. Bei den institutionellen Kunden, die ihre Lastenhefte selbst definieren, sind wir in der Lage, mit unseren hochspezialisierten Kompetenzen auf sehr spezifische Bedürfnisse einzugehen. Über das ausgewogene Mandat lässt sich unser allgemeiner Ansatz im Portfolio-Management sehr gut für diesen Kundentyp adaptieren, sogar bei sehr hohen Beträgen. Die zentrale Frage ist, wer die Verantwortung für die strategische Allokation trägt. So wird beispielsweise die indexbasierte Verwaltung nicht bevorzugt, denn sie schafft keinen Mehrwert, und ihr „billiger“ Preis zeigt, was von ihrer intrinsischen Qualität zu halten ist.

Genf spielt eine zentrale Rolle im Rohstoffhandel. Welche strategische Bedeutung hat Trade Finance für die BCGE?
Die BCGE steht unterschiedslos allen Akteuren der Genfer Wirtschaft offen, und der internationale Handel macht einen beträchtlichen Teil dieser Wirtschaft aus. Daher sind wir seit über 20 Jahren in der Finanzierung dieser Geschäfte aktiv. Die Bank beabsichtigt, diese Achse weiterzuverfolgen und wird dabei die wirtschaftlichen, regulatorischen und geopolitischen Veränderungen auf diesem Sektor berücksichtigen.

Wie hoch ist Ihr Engagement auf dem russischen und ukrainischen Markt?
Unser Engagement auf diesen Märkten ist praktisch gleich null.

Wie passen Sie sich an die Veränderungen auf dem Rohstoffmarkt an?
Wir passen uns permanent an die Entwicklungen auf den einzelnen Märkten an, sei es Energie, landwirtschaftliche Erzeugnisse oder Industriemetalle. Wir folgen den Strömen, die die Händler vorgeben. Wenn bestimmte Geschäfte durch Sanktionen verboten oder eingeschränkt werden, hören diese Geschäfte automatisch auf, und der Finanzierungsbedarf existiert nicht mehr. Durch diszipliniertes und ganzheitliches Management der verschiedenen Risikokategorien konnten wir bislang hervorragende Renditen bei minimalen Schäden erzielen. Der Welthandel ist für jede Volkswirtschaft lebenswichtig. Seine Sicherheit ist ein Allgemeingut, das von Regierungen und Justizbehörden geschützt werden muss.

Welchen Standpunkt vertreten Sie gegenüber der Entwicklung dieses Sektors in Genf?
Für die Effizienz des Finanzplatzes Genf ist es wichtig, dass die Banken mit Entscheidungszentren in Genf in diesem Markt aktiv sind. Ebenso ist die Präsenz von Instituten verschiedener Herkunft – aus Europa, den USA oder Asien – eine Stärke. Sie sorgt für ein reichliches Finanzierungsangebot und einen liquiden Handel, was wiederum der Attraktivität des Standorts zugutekommt.

Zum Asset Management: In welchen Strategien ist die Bank führend?
Bei Schweizer Aktien. Die Investmentfonds unserer Marke Synchrony Funds haben bei den Mid und Large Caps eine bemerkenswerte Wertentwicklung und somit hervorragende Ratings erzielt.

Wie hoch ist das Net Carbon Engagement der von der BCGE verwalteten Portfolios?
Eines vorab: Die Messung der CO2-Bilanz eines Portfolios ist keine exakte Wissenschaft, und die Managementkonzepte werden sehr kontrovers diskutiert. Deshalb sind wir hier zurückhaltend und verzichten darauf, unsere Anlagevehikel als ESG oder nicht ESG-konform zu deklarieren. Wir haben beschlossen, alle unsere Fonds von einer unabhängigen Organisation extern bewerten zu lassen, der MSCI ESG Research. Auf jedem Factsheet, das unsere Schweizer Fonds vorstellt, ist das Rating des Anlagevehikels durch diese Agentur angegeben. Danach ist es Sache des Kunden, in voller Kenntnis der Tatsachen selbst seine Auswahl zu treffen. Natürlich sind unsere Kundenbetreuer diesbezüglich gesprächsbereit, begleiten jedoch die Überlegungen des Kunden eher, als dass sienals Moralprediger oder Aktivisten fungieren würden.

Wie positioniert sich die BCGE gegenüber Krypto-Assets?
Krypto-Assets sind nicht besonders problematisch, aber beim derzeitigen Stand auch nicht von grossem Interesse. Die öffentlichen Kryptowährungen befinden sich grösstenteils noch in der Entwicklung. Wir verfolgen das und werden wohl in der Lage sein, unseren Kunden diese legalen Währungen anzubieten. Privaten Kryptowährungen gegenüber sind wir dagegen sehr kritisch. Abgesehen von der ökologischen Problematik, sind wir der Auffassung, dass es sich hier um eine Verbindlichkeit handelt, der kein Vermögenswert entspricht, und folglich um ein Produkt, dem man aufgrund seiner spekulativen und volatilen Natur aus dem Wege gehen sollte. Wir akzeptieren zum Beispiel keine Bitcoins und auch keine Gewinne aus diesen Quellen, vor allem wegen des Risikos, dass sie mit gewaschenem Geld kontaminiert sein könnten.

Wie sehen Sie die Entwicklung des Asset Managements in der Schweiz, vor allem mit Blick auf Private Equity?
Die institutionelle Vermögensverwaltung in der Schweiz ist tendenziell konservativ. Ich halte das eher für einen Vorteil, denn sie hat weniger Verluste aufgrund von finanziellen Modetrends und Hypes gemacht. Wie gesagt, wir betrachten Unternehmensaktien als zentral für die Wertschöpfung eines Portfolios. Private Equity ermöglicht den Zugang zu nicht börsennotierten Unternehmen. Das sind die meisten dieser Unternehmen. Diese Anlagen bieten daher interessante Möglichkeiten und eine erstklassige Performance nach Gebühren und Risikokosten. Nachteilig ist allerdings, dass sie weniger liquide als börsennotierte Aktien sind. Dachfonds können diesen Nachteil teilweise ausgleichen. In einer ausgewogenen Portfolioallokation kann der Private-Equity-Anteil leicht mehr als 10 Prozent des Aktienanteils des Portfolios ausmachen.

Was halten Sie von Immobilien als Anlageklasse?
Immobilien sind unseres Erachtens als Anlageklasse eher mit Fixed Income vergleichbar, nämlich wegen der umgekehrten Korrelation ihrer Bewertung mit den Zinssätzen. Dabei unterscheiden wir jedoch zwischen dem langfristigen Besitz einer Immobilie (Fixed Income) und der Existenz als transformierender Akteur im Immobiliengeschäft (Equity). Wenn ich in das Kapital eines Projektentwicklers investiere, handelt es sich um Equity, wenn ich in ein Mietgebäude oder einen Immobilienfonds investiere, eher um Fixed Income. Die letztgenannte Anlageklasse generiert eine Performance, die leicht über derjenigen von erstklassigen Anleihen liegt. Sie sollte einen bescheidenen Anteil an einem ausgewogenen Portfolio ausmachen, vor allem deshalb, weil andere Anlageklassen bereits einen hohen Immobilienanteil besitzen.

Was sind die wichtigsten Fakten bei Ihren Zukunftsperspektiven?
Mit einer Eigenkapitaldeckungsquote von 16,5 Prozent verfügt die Bank über eine solide Kapitalbasis. Sie ist sehr liquide und hat ein gutes Rating. Daher können wir unser Geschäftsvolumen unter Beibehaltung dieser Kapitalbasis ausweiten. Dabei gilt es, diejenigen Aktivitäten zu fördern, die weniger Eigenkapital benötigen, wie etwa das Private Banking. Ebenso bauen wir unser Service-Angebot für Unternehmen aus. Unsere Tochtergesellschaft Capital Transmission finanziert beispielsweise das Eigenkapital von KMUs. Derzeit laufen 19 Investitionen, und Capital Transmission wird bald die Bilanzsumme von 100 Millionen Franken erreichen. Im Bereich M&A entwickelt sich unsere Tochtergesellschaft Dimension ebenfalls gut. Seit ihrer Gründung hat sie mehr als 200 Transaktionen abgeschlossen.

Welchen Hauptrisiken stehen Sie gegenüber?
Wir bewegen uns derzeit in einer geopolitischen Lage mit ausgeprägtem Risiko. Darüber dürfen wir jedoch die anderen Risiken wie Negativzinsen und konjunkturelle Risiken nicht vergessen. Die Kriminalität in jeder Form – Wirtschafts-, Cyber- und physische Kriminalität – sind weiterhin eine zentrale Sorge. Zudem ist der normative und regulatorische Rahmen in permanenter Entwicklung begriffen, und die Kosten der Bankenregulierung sind ganz besonders hoch. Eine Überregulierung, die zu unnötigen CO2-Emissionen führen würde, sollte vermieden werden.

  • Die BCGE, seit 1816 eine Universalbank, besteht aus 14 Sparten wie Private Banking, Asset Management, Investmentfonds und Vorsorgeberatung. Sie betreibt einen Handelssaal und bietet Dienstleistungen in den Bereichen Finanztechnik, Private Equity und Trade Finance an. Die Gruppe hat 834 Vollzeitbeschäftigte an 31 Standorten.
  • Die Produktivität der Bank entspricht derjenigen der besten Schweizer Universalbanken mit internationalem Geschäft.
    Die Kosten-Ertrags-Quote beträgt 57,8 Prozent.
  • Die Banque Cantonale de Genève hat 2021 eine erfreuliche Wirtschaftsleistung erzielt: Der Reingewinn stieg um 19,3 Prozent auf 125,2 Millionen CHF bei einem Umsatz von 439,2 Millionen CHF (+19.8%). Die Geschäftsvolumen nehmen aufgrund des Anstiegs des gemanagten und verwalteten Vermögens zu. Bei einem Zuwachs von 7,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr beträgt es nun 34,1 Milliarden CHF.

Blaise Goetschin leitet die Generaldirektion der Banque Cantonale de Genève seit Oktober 2000. Zuvor war er Generaldirektor der Banque Fiduciary Trust, Genf, institutionelle und private Vermögensverwaltung, der Schweizer Tochter dieser Bankengruppe mit Sitz in New York. 1995 ernannte ihn der Staatsrat des Kanton Waadt zum Leiter der Abteilung Staatsfinanzen. 1993 war er verantwortlich für den Bereich Corporate Finance, Privatunternehmen, für die gesamte Schweiz. Bereits ab 1990 war er Mitglied der Geschäftsleitung und verantwortlich für die Regionen romanische Schweiz, Bern und Basel innerhalb des Bereichs Corporate Finance. 1985 bekleidete er den Posten des Deputy Vice President – Capital Markets bei der Crédit Suisse in Zürich und war danach in New York als leitender Angestellter in der Abteilung Corporate Banking tätig. Seine Laufbahn begann er 1982 als Wirtschaftsprüfer bei Pricewaterhouse, Genf. Blaise Goetschin ist Inhaber einer Licence der Ecole des HEC der Universität Lausanne.

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