Die europäische Infrastruktur wird grün

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Von Antoine Turrettini, Investment Director, Quaero Capital

Nach schwierigen Verhandlungen haben sich die 27 Mitgliedstaaten der EU und das Europäische Parlament im im April 2021 darauf geeinigt, das Ziel einer Kohlenstoff-Neutralität bis zum Jahr 2050 in einem „Klimagesetz“ zu verankern.
Dieser „Green New Deal“ ist mehr als nur ein frommer Wunsch, denn er begnügt sich nicht mit der Bestimmung ehrgeiziger Ziele. Er sieht insbesondere gewaltige Investitionen vor, vor allem in die Infrastruktur. Die grossen Gewinner sind deshalb wohl im Bereich der Direktinvestitionen in Infrastrukturprojekte zu finden. Viele Unternehmen werden davon profitieren.

Nach dem Vorbild des berühmten New Deal von US-Präsident Roosevelt aus dem Jahr 1933 ist der europäische Green New Deal ein umfassendes Massnahmenpaket, um dem „Projekt Europa“ neuen Schwung zu verleihen. Zwar will der Green New Deal, wie sein Name bereits andeutet, die Herausforderungen des Klimawandels in Angriff nehmen, doch ist er weitaus ehrgeiziger, da er die Investitionen so lenken will, dass sie spürbare positive Auswirkungen auf Arbeitsplätze, Gesundheit, Sicherheit, Bildung, Lebenshaltungskosten, soziale Gerechtigkeit und öffentliche Dienstleistungen haben. Er strebt folglich die Reduzierung der Emissionen, die gleichzeitige Schaffung von Arbeitsplätzen und Verbesserung der Lebensqualität durch die Entwicklung der Kreislaufwirtschaft und Förderung der Biodiversität an.
Mit diesem Plan verpflichtet sich die EU dazu, als erster Kontinent eine Klimaneutralität zu erreichen. Damit schafft sie den Übergang zu einer klimaresilienten Gesellschaft.

Darüber hinaus ist der Green Deal eine echte Wachstumsstrategie, um den alten Kontinent – gemessen an seinem Ressourceneinsatz – in eine moderne, wettbewerbsfähige und leistungsfähige Wirtschaft zu überführen.
Dieser Grüne Pakt für Europa ist ausnahmsweise nicht nur eine Sammlung guter Vorsätze, mit denen die Politik ihr Image aufpolieren will, die dann aber schnell wieder in irgendwelchen Schubladen verschwinden. Seine Initiatoren haben sich auch Mittel gegeben, um ihre ehrgeizigen Ziele zu erreichen. Und der Deal kann sich sehen lassen: Zusätzlich zum europäischen Klimagesetz, das den Rechtsrahmen stärkt, sind in den kommenden 7 Jahren Investitionen in Höhe von 1 Billion Euro sowie ein Aufbauplan mit 750 Milliarden Euro Subventionen vorgesehen, der den von der Covid-19-Pandemie hart getroffenen europäischen Volkswirtschaften zu einer schnellen Erholung verhelfen soll.

Da die Reduzierung der Netto-Treibhausgas-Emissionen – im wesentlichen von CO2 – angestrebt wird, liegt die Schlussfolgerung nahe, dass der erste Nutzniesser denn auch der Energiesektor sein dürfte. Tatsächlich stehen Energieeffizienz und Energieerzeugung aus erneuerbaren Energiequellen ganz oben auf dem Aktionsplan des Green New Deal. Windkraft und Photovoltaik finden damit in der idealen Position, um die bevorzugten Technologien für das Konjunkturprogramm zu werden, zumal zusätzliche Investitionen in Höhe von 260 Milliarden Euro pro Jahr erforderlich sind, um das Ziel bis 2030 zu erreichen.

Der Bausektor und das Renovierungssegment werden ebenfalls in hohem Masse von den geplanten Subventionen und Investitionen profitieren, da sich das Renovierungsvolumen öffentlicher und privater Gebäude mindestens verdoppeln wird, vor allem im Bereich der sozialen Infrastrukturen. Auch im sozialen Wohnungsbau, in Schulen und Krankenhäusern werden viele Modernisierungsarbeiten anfallen. Für Neubauten liegt der Schwerpunkt auf der Energieeffizienz der Gebäude und auf den Grundsätzen der Kreislaufwirtschaft.

Die Transport-Infrastruktur dürfte sich ebenfalls ein grosses Stück vom Kuchen abschneiden. Zur Verbesserung ihrer Effizienz und Umweltverträglichkeit muss in die automatisierte Mobilität und in intelligente Verkehrssteuerungssysteme investiert werden. Darüberhinaus sollte ein Teil des Güterverkehrs von der Strasse auf die Schiene und in die Binnenschifffahrt verlagert werden.

Investoren bieten sich zahlreiche Wege an, um dieses besonders zukunftsträchtige Anlagethema abzudecken. Zwar stellen Aktien von Versorgungs- und Bauunternehmen sowie von Herstellern umweltfreundlicher Fahrzeuge und Schienenfahrzeuge eine logische – wenn auch mitunter teure – Möglichkeit dar, von diesem europäischen Geldsegen zu profitieren, dennoch wären institutionelle Investoren gut beraten, sich eingehender mit nicht börsennotierten Lösungen auseinanderzusetzen. Dies gilt beispielsweise für auf Direktinvestitionen spezialisierte Fonds, da sie über viel Know-how über den Infrastruktursektor verfügen. Für die neuen Projekte im Rahmen des Green New Deal müssen Glasfasernetze und Datenzentren errichtet werden. Dies bietet de facto zahlreiche Möglichkeiten in den Bereichen Mobilität, erneuerbare Energien, soziale Infrastrukturen, Wasser- und Stromverteilungsnetze sowie Telekommunikation.

Nicht börsennotierte Fonds werden von Regierungen unterstützt, denn Infrastruktur gilt als antizyklischer und langfristiger Motor für das Wirtschaftswachstum. Zudem können diese Fonds von den Sparmassnahmen der öffentlichen Hand und der hohen Staatsverschuldung in Europa profitieren – zwei Stellgrössen, welche die Inanspruchnahme privater Finanzierungen begünstigen.

Ein weiteres Merkmal von Infrastrukturfonds sind ihre zahlreichen Vorteile für institutionelle Investoren. Da wäre beispielsweise die Tatsache, dass Infrastrukturanlagen im Gegensatz zu vielen zunehmend virtuellen Anlageformen konkrete Objekte sind und einen konkreten Bedarf decken. Sie tragen zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen und der wirtschaftlichen Effizienz bei oder sind an der dynamischen Entwicklung und Ausstattung von Körperschaften und Unternehmen und allgemein von städtischen, ländlichen oder Mischzonen beteiligt. Diese Projekte werden Konjunktur, Wachstum und Wirtschaftsentwicklung nachhaltig beflügeln.
Abgesehen von den gesellschaftlichen und sozialen Vorteilen der Projekte, bietet dieser Markt zahlreiche attraktive Merkmale. Erstens lassen sich mit Infrastrukturprojekten stabile Ertragsströme erzielen, häufig mit garantierten planbaren Volumina und sogar vertraglich festgelegten langfristigen Lizenzeinnahmen. Darüber hinaus handelt es sich um regulierte oder kaum wettbewerbsintensive Märkte mit faktischem oder vertraglichem Monopol.
Hinzu kommt der demografische Druck, der neue Investitionen in die Renovierung oder Erweiterung bestehender Infrastrukturen erforderlich macht. Der europäische Markt für Direktinvestitionen ist im Bereich Infrastrukturen überaus rege und attraktiv: Im Jahr 2020 wurden 750 Transaktionen abgeschlossen.

Wie bereits erwähnt wird die Windenergie sicherlich einer der grossen Gewinner dieses Green Deal sein, da sich Europa verpflichtet, bis 2050 klimaneutral zu werden. Mit einer Produktionskapazität von 220 GW im Jahr 2020, das heisst, fast 16 Prozent des europäischen Energieverbrauchs, ist die Windenergie bereits die zweitwichtigste Energiequelle für die Stromerzeugung in der EU – noch vor Kohle und Erdgas. Die Internationale Energieagentur geht im Übrigen davon aus, dass Windkraft bis 2027 zum wichtigsten Stromerzeuger in Europa avancieren wird. Wind Europe zufolge müssen jedes Jahr mindestens 27 GW Stromerzeugungskapazität installiert werden, um bis 2030 die geplante Reduzierung der CO2-Emissionen um 55 Prozent zu erreichen, so dass der Sektor gewaltiges Wachstumspotenzial besitzt.
Auch wenn der CO2-Ausstoss von Windenergie nicht gleich null ist, ist er deutlich niedriger als der Ausstoss der anderen, auf fossilen Rohstoffen beruhenden Formen der Stromerzeugung. Windenergie ist skalierbar und zeichnet sich durch ihre Kostenwettbewerbsfähigkeit aus, weshalb sie für Regierungen höchst attraktiv ist. Denn neben der Verringerung der CO2-Emissionen bringt sie auch zahlreiche konkrete positive Effekte mit sich. Erstens schafft sie viele Arbeitsplätze in ländlichen Gebieten, die diese so dringend brauchen. Zweitens werden die Kassen der Gemeinden durch die lokalen Steuern und die von den Betreibern entrichtete Pacht gefüllt und eine neue Einkommensquelle für Grundbesitzer, insbesondere Landwirte, geschaffen. Drittens erhöht Windkraft die Energiesicherheit der Länder, da sie ihre Abhängigkeit von Energieimporten senkt.

Fest steht: Der Green New Deal ist eine einzigartige Chance. Vor allem für unseren Planeten, der mit einigen Graden weniger Erderwärmung und ohne CO2-Emissionen besser atmen kann. Aber auch für das „Projekt Europa“, das dadurch eine neue Dynamik erhält, denn alle Mitglieder verfolgen ein gemeinsames Ziel. Und schliesslich für die Anleger, vor allem institutionelle Investoren, denen renditestarke Projekte mit langfristigen regelmässigen Renditeströmen, Wertschöpfungspotenzial und einem hohen positiven Beitrag zu Wirtschaft und Gesellschaft geboten werden.

Antoine Turrettini ist Mitinhaber von Quaero Capital. Er stiess 2014 als Investment Director zum Unternehmen und war Gründungsmitglied des Teams der Fonds für nicht börsennotierte Infrastrukturanlagen, dessen verwaltetes Vermögen inzwischen 900 Milliarden Euro beträgt. Diese Fonds investieren in ganz Europa in Projekte in Bereichen wie Energie, Telekommunikation, soziale Infrastrukturen, Verkehr und Versorgungsausrüstungen. Bevor er zu Quaero Capital kam, war Antoine bei Edmond de Rothschild in der Abteilung für Infrastrukturprojekte und als Berater für Projektfinanzierungen tätig. In diesem Zusammenhang war er hauptsächlich in Europa an der Strukturierung grosser Infrastrukturtransaktionen beteiligt. Zuvor arbeitete er in der Corporate Finance-Abteilung von Edmond de Rothschild in London. Antoine Turrettini verfügt über einen Abschluss in Internationalem Handel der European Business School London, mit Schwerpunkt auf Finanzen.

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