Die Feinabstimmung des Reservesystems

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Von Didier Sauteur, Aon Wealth Solutions

Pensionskassen sind verpflichtet, Reserven zu bilden, um die Finanzierung der aktuellen und zukünftigen Leistungsversprechen zu garantieren. Die Bildung dieser Reserven wird von Gesetzen, Vorschriften und Rechnungslegungsbestimmungen sowie berufsspezifischen Richtlinien umrahmt. Ausserdem gibt es viele Fachbegriffe. Die Entscheidungen, die gemäss diesen Vorgaben getroffen werden, haben unmittelbare Auswirkungen auf Versicherte und Rentenbezügern. Didier Sauteur geht in diesem Artikel auf die wichtigsten Gesichtspunkte ein.

In der Schweiz muss eine Pensionskasse, abgesehen von gesetzlich vorgesehenen Ausnahmen, gewährleisten können, dass sie ihre Leistungsverpflichtungen gegenüber aktiven Versicherten und Rentenbezügern jederzeit erfüllen kann. Der Gesetzgeber hat für Pensionskassen ein sogenanntes Kapitaldeckungsverfahren vorgegeben. Dabei wird ein Vermögen angehäuft, um unter anderem die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Pensionskasse vom Arbeitgeber zu gewährleisten und damit sicherzustellen, dass die Leistungen auch dann erbracht werden können, wenn es diesen nicht mehr geben sollte.
Die Bilanz der Pensionskasse in der Jahresrechnung stellt das angehäufte Vermögen den zu bildenden Reserven gegenüber:
Die erforderlichen Reserven werden in der Bilanz durch die Vorsorgekapitalien der aktiven Versicherten und der Rentenbezüger, die technischen Rückstellungen und die Wertschwankungsreserve berücksichtigt.

Gesetzlicher Rahmen und Rechnungslegungsnormen
Die Prinzipien für die Bewertung sämtlicher erforderlicher Reserven müssen in einem spezifischen Reglement verankert sein.
Die Wahl der technischen Parameter, die für die Bewertung der Reserven verwendet werden, ist eine Aufgabe, für die ausschliesslich die Pensionskasse zuständig ist. Dabei stützt sie sich auf eine Empfehlung des Experten, der seinerseits die von seiner beruflichen Dachorganisation erlassenen Vorschriften befolgen muss.
Für den Jahresabschluss der Kasse ist in der Rechnungslegungsnorm Swiss GAAP FER 26 präzisiert, dass die Reserven nach anerkannten Grundsätzen und allgemein zulässigen technischen Parametern zu bewerten sind. Es gelten die Grundsätze der Stetigkeit und des getreuen Bildes der finanziellen Lage.

Vorsorgekapitalien der aktiven Versicherten und der Rentenbezüger
Für aktive Versicherte entspricht das Vorsorgekapital in der Regel der Freizügigkeitsleistung am Tag der Berechnung – also dem Betrag, der an die neue Pensiten (beispielsweise die Wahrscheinlichkeit invalid zu werden oder einen Partner zu haben) die technischen Grundlagen.
Die von den meisten Pensionskassen verwendete Sterbetafel ist jene der BVG Grundlagen, die alle fünf Jahre auf Basis neuer Beobachtungen aktualisiert wird.
Die letzte Veröffentlichung (BVG 2020) bestätigt den Trend zu einer steigenden Lebenserwartung, wobei die Zunahme weniger ausgeprägt ist als in der Vergangenheit.
Es gibt zwei Arten von Sterbetafeln: Periodentafeln und Generationentafeln.
Eine Periodentafel liefert eine Momentaufnahme der Sterblichkeit zu einem bestimmten Zeitpunkt, ohne Aussage über die Zukunft. Zur Berücksichtigung der Zunahme der Lebenserwartung, die traditionell zwischen zwei Veröffentlichungen von Sterbetafeln zu beobachten ist, müssen die Kassen, welche diese Tafeln verwenden, eine technische Rückstellung bilden, die in der Regel über das Jahresergebnis finanziert wird.
Eine Generationentafel hingegen antizipiert die zukünftige Zunahme der Langlebigkeit mithilfe eines mathematischen Modells. Da die Berechnung der Reserven gegenüber den Rentenbezügern die künftige Zunahme der Lebenserwartung berücksichtigt, muss keine Rückstellung gebildet werden. Ein solches Projektionsmodell wird aber immer Unsicherheiten enthalten, die zu Abweichungen zwischen Schätzung und Realität führen können.
Aus der jährlichen Umfrage der Oberaufsichtskommission Berufliche Vorsorge OAK per 31.12.2020 geht hervor, dass der Betrag der Verpflichtungen in der Schweiz, der nach Generationentafeln verbucht wurde (53%), nun leicht höher ist als der Betrag, der mithilfe der Periodentafeln ermittelt wurde (47%).

Technischer Zinssatz
Mit dem technischen Zinssatz werden die zukünftigen Zahlungen der Leistungen diskontiert. Er fliesst in die Berechnung der Vorsorgekapitalien der Rentenbezüger und der technischen Rückstellungen ein. Um die finanzielle Stabilität der Kasse zu gewährleisten, muss dieser Zinssatz mit einer angemessenen Marge unterhalb der erwarteten Rendite der Anlagestrategie festgelegt werden und die Struktur der Kasse berücksichtigen.
Im Umfeld sinkender erwarteter Renditen bei den verschiedenen Anlageinstrumenten konnte in den letzten Jahren beobachtet werden, dass Pensionskassen ihre technischen Zinssätze tendenziell senkten. Werden die künftigen Zahlungen aber mit einem niedrigeren Zinssatz diskontiert, nehmen die Reserven zu, die gebildet werden müssen, um die künftige Zahlung der Leistungen zu gewährleisten.

Sind technische Rückstellungen unerlässlich?
Neben den Vorsorgekapitalien der aktiven Versicherten und der Rentenbezüger müssen Pensionskassen technische Rückstellungen bilden, um die versprochenen Leistungen zu finanzieren, die nicht – oder nur unzureichend – durch die Beiträge gedeckt sind. Die am häufigsten gebildeten Rückstellungen sind:
• Zunahme der Lebenserwartung: bei Verwendung von Periodentafeln, um den künftig erwarteten Anstieg der Lebenserwartung zu berücksichtigen.
• Pensionierungsverluste: Sind die Umwandlungssätze bei der Pensionierung im Vergleich zu den technischen Parametern, die zur Berechnung der Verpflichtungen der Rentenbezüger verwendet werden, zu hoch, werden Pensionierungsverluste verzeichnet (das Deckungskapital der Rente ist höher als das geäufnete Altersguthaben des Versicherten zum Zeitpunkt der Pensionierung).
Je nach Situation kann der Stiftungsrat auch veranlasst sein, Rückstellungen für eine zukünftige Senkung des technischen Zinssatzes, zur Deckung von Schwankungen der Risiken Invalidität und Tod oder für zukünftige Rentenerhöhungen zu bilden.
Die technischen Rückstellungen sind Bestandteil der zu bildenden Reserven und müssen daher vollständig durch das Vorsorgevermögen gedeckt sein.

Auswirkungen auf die finanzielle Lage
Der Deckungsgrad, also das Verhältnis zwischen verfügbarem Vermögen und Vorsorgeverpflichtungen, ist ein Indikator für die finanzielle Lage einer Vorsorgeeinrichtung. Ein Deckungsgrad über 100% zeigt, dass die Verpflichtungen am Bilanzstichtag vollständig gedeckt sind.
Die nebenstehende Tabelle zeigt die technische Bilanz einer Pensionskasse, die nach verschiedenen Grundlagen und technischen Zinssätzen bewertet wurde. Der Deckungsgrad variiert je nach Beschluss des Stiftungsrates signifikant:

Wertschwankungsreserve
Sobald der Deckungsgrad 100% erreicht hat, beginnen die Pensionskassen mit der Bildung einer Wertschwankungsreserve, deren Zielgrösse in der Regel zwischen 15% und 25% der Verpflichtungen liegt. Zweck der Wertschwankungsreserve ist es, Schwankungen an den Finanzmärkten auszugleichen, ohne auf das Vermögen zurückgreifen zu müssen, mit dem die Vorsorgeverpflichtungen gedeckt werden sollen. Sobald dieses «Sicherheitskissen» vollständig gebildet ist, weist die Kasse freie Mittel aus.

Die richtige Höhe
Eine zu kühne Wahl der Parameter kann zu einer unzureichenden Bewertung der Vorsorgeverpflichtungen führen, die ein zu optimistisches Bild der finanziellen Lage der Vorsorgeeinrichtung vermittelt. Dies könnte Entscheidungen zur Folge haben, welche die finanzielle Sicherheit der Kasse gefährden könnten – wie etwa eine vorzeitige Verteilung angeblicher Überschüsse, beispielsweise in Form einer Zusatzverzinsung für aktive Versicherte oder einer Rentenerhöhung für Rentenbezüger.
Umgekehrt kann eine Überdotierung der Vorsorgeverpflichtungen dazu führen, dass eine Generation von Versicherten benachteiligt wird: Wird die finanzielle Lage zu vorsichtig dargestellt, fällt die Verzinsung geringer aus.
Letztendlich soll das Ziel einer Pensionskasse sein ihre Reserven, unter Beibezug ihres Experten, so genau wie möglich nach aktuellem Wissensstand zu bewerten.

Didier Sauteur ist verantwortlich für die Aktuaren-Teams an den Standorten von Aon in Nyon und Neuchâtel. Er verfügt über mehr als fünfzehn Jahre Erfahrung in der beruflichen Vorsorge. Er stiess 2016 zu Aon, wo er als Experte für mehrere Vorsorgeeinrichtungen tätig ist, und wo er bereits zwischen 2006 und 2012 als Actuarial Consultant gearbeitet hatte. Zwischen 2012 und 2016 war er als Actuarial Consultant bei einem multinationalen Unternehmen tätig. Didier Sauteur besitzt einen Master in Versicherungsmathematik der Universität Lausanne und ist eidg. diplomierter Pensionsversicherungsexperte.
Er ist ausserdem Referent bei der Conférence des Administrateurs de Caisses de Pensions (CACP) und Vorstandsmitglied der Schweizerischen Aktuarvereinigung (SAV).

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