„Die Konvergenz zwischen Technologie und Industrie nimmt unaufhaltsam zu“

103
0
Share:

Interview Hans Peter Portner, Head of Thematic Equities, Pictet Asset Management

Von Jérôme Sicard

Automation, Konnektivität, Internet of Things, künstliche Intelligenz, Virtualisierung, Cloud Computing, Digitalisierung und neue Technologien beschleunigen derzeit die Metamorphose einer Branche, die sich wieder über attraktive Wachstumsaussichten freuen kann. Die zahlreichen Unternehmensinnovationen wirken sich auf die gesamte Wertschöpfungskette aus. Hier entstehen eindeutig mehrere neue Anlagethemen für Investoren.

Inwieweit sind Industriewerte von der weltweiten Konjunktur-verlangsamung betroffen?
Hans Peter Portner: Steigende Zinsen, Inflationsdruck oder Ausschläge an den Devisenmärkten sind für uns Epiphänomene, die wir kaum kommentieren, denn wir investieren eher mit einem längerfristigen Horizont. Die Konjunkturschwäche wirkt sich logischerweise auch auf die Bewertungen der von uns abgedeckten Unternehmen aus, aber wir betrachten dies eher als Einstiegsmöglichkeit. Wir wollen verstehen, welche Trends oder Megatrends die Entwicklung des Sektors in den nächsten 10, 15 oder 20 Jahren bestimmen werden – das ist der wichtigste Aspekt für uns.

Welche Megatrends werden die Dynamik von Industriewerten auf mittlere und lange Sicht bestimmen?
Als erstes würde ich die Automatisierung nennen – ein fundamentales Anlagethema, das wir unter anderem mit unserer Robotics-Strategie besetzen. Diesen Trend haben wir bereits frühzeitig erkannt, weil sich die Schere zwischen den Arbeits- und den Automatisierungskosten immer weiter öffnet: Erstere werden weiter steigen, letztere sinken. Hier sind tiefgreifende, gewaltige Veränderungen im Gange, die durch die Covid-Krise im Jahr 2020 und den Krieg in der Ukraine in diesem Jahr noch beschleunigt wurden. Die Probleme entlang der Lieferketten haben alle Akteure gezwungen, ihre Vertriebswege zu überdenken und erneut in die Relokalisierung der Produktionsstandorte zu investieren.

Für welche Anlagethemen im Industriesektor interessieren Sie sich abgesehen von der Automatisierung besonders?
Derzeit werden das Thema ‚Nachhaltigkeit‘ und die diesbezüglichen Auswirkungen auf die Nachfrage nach Industrieprodukten viel diskutiert. Die Entwicklung der Elektromobilität ist ein Teil dieser Logik, denn will man Elektroautos auf die Strasse bringen, ob mit oder ohne Fahrer, sind auch künftig industrielle Anlagen und Prozesse unumgänglich. Ein wichtiger Vektor, der heute im Vordergrund steht, ist die Frage, wie diese Industrieanlagen und Prozesse nachhaltiger werden können.
Hierzu werden wir uns zunehmend auf die Digitalisierung und die damit verbundenen Fortschritte verlassen, insbesondere für die Modellierung und Simulation. Ziel ist, mit weniger Einsatz mehr oder besser zu produzieren. In diesem Bereich ist eine ganze Branche auf dem Vormarsch. Wenn heute vom Industriesektor die Rede ist, denkt man umgehend an Technologie. Sie ist entscheidend für die Beurteilung, ob Unternehmen in der Lage sind, eine Zukunftsprojektion zu entwickeln. Wenn ein Unternehmen noch nicht in den Modus ‚Industrie 4.0‘ hochgeschaltet hat, sind Probleme in der Zukunft vorprogrammiert. Die Konvergenz zwischen Technologie und Industrie nimmt unaufhaltsam zu.

In welchen Branchensegmenten erkennen Sie das höchste Wachstumspotenzial?
Wir richten unser Augenmerk auf alle Katalysatoren, die eine radikale Veränderung der Funktionsweise von Produktionsstandorten bewirken. Im Englischen gibt es dafür den Begriff „enabler“. Damit meine ich Anwendungen, die zur Programmierung und Animation von Robotern entwickelt und implementiert werden. Sie integrieren Software, Sensoren und verschiedene Programme für künstliche Intelligenz. Enabler dienen zur Verarbeitung von Daten und sorgen dafür, dass bestimmte Aufgaben geplant und dann von Maschinen ausgeführt werden können. Das Komplizierte daran ist nicht der eigentliche Bau der Roboter, sondern ihre Ausstattung mit Intelligenz.

An welche Unternehmen denken Sie dabei?
In dieser Enabler-Branche hat sich der deutsche Hersteller Infineon als ein Marktführer durchgesetzt. Infineon entstand durch die Ausgliederung des Halbleitergeschäfts von Siemens und stellt unter anderem Leistungshalbleiter, zunehmend aber auch Sensoren und Mikrocontroller her, die in der Automobilbranche und in relativ vielen anderen Bereichen verwendet werden.
In puncto Informatik, ohne die Automation und Robotik undenkbar sind, denke ich an Unternehmen wie Altair Engineering und Synopsys. Diese beiden Unternehmen verfolgen wir sehr aufmerksam. Synopsys ist vor allem im Bereich Dematerialisierung von Industrieprozessen bekannt.
An dieser Stelle würde ich gerne auf den Gesundheitssektor zu sprechen kommen, um auch Intuitive Surgical zu erwähnen – ein Unternehmen, das sich auf Roboterchirurgie spezialisiert hat. Was mir im Gesundheitssektor auch auffällt, ist die Konvergenz zwischen Sensoren und Software. Dieser Trend ist in der Industrie derzeit die wichtigste Determinante. Die Unternehmen des Sektors müssen die neuen Technologien perfekt beherrschen.

Wie würden Sie das Konzept der Industrie 4.0 definieren?
Generell zielt dieses Konzept vor allem darauf ab, den Einsatz und Verbrauch von Ressourcen zu reduzieren und die Produktion zu optimieren. Konkret geht es hier um die rationellere, effizientere und intelligentere Ressourcennutzung. Schauen Sie sich hierzu nur einmal an, was das Internet of Things (IoT, Internet der Dinge) heute in der Welt der Industrie alles ermöglicht. IoT-Anwendungen steigern die Effizienz automatisierter Prozesse, optimieren die Lagerverwaltung und übernehmen sogar die Steuerung ganzer Industrieanlagen. Auch in den Kundenbeziehungen und im Kundendienst generieren sie eine Aufwärtsdynamik, die ganz neue Dimensionen eröffnet. Unternehmen können damit die verschiedenen Phasen ihrer Wertschöpfungskette besser antizipieren und planen. Dreh- und Angelpunkt ist immer wieder dieselbe Idee der Konvergenz zwischen neuen Technologien und Herstellungsprozessen. Uns als Investoren beschert diese Entwicklung letztendlich höhere Margen und eine bessere Wettbewerbsfähigkeit.

Welche neuen Technologien beschleunigen aus Ihrer Sicht zurzeit den Vormarsch der Industrie 4.0?
Das haben wir bereits angesprochen: Die Transformation des Fertigungssektors erfolgt heute hauptsächlich durch Digitalisierung, die immer zahlreichere und leichter zugängliche Lösungen bietet. Das Instrumentarium ist immens. Dazu gehört auch das Internet der Dinge (immer häufiger verwendet: der Begriff ‚industrielles Internet der Dinge‘) – Big Data und die gesamte dazugehörige Analytik, Cloud Computing, Machine Learning und natürlich künstliche Intelligenz. KI ist ein riesiges Forschungsgebiet, auf dem in den nächsten Jahren noch enorme Fortschritte erzielt werden, denn Maschinen müssen immer intelligenter werden. Entsprechend sind bei Sensoren, Software und Programmierung bahnbrechende Entwicklungen zu erwarten.

Welche Hauptachsen verfolgt Ihre Anlagestrategie?
Unser erklärter Schwerpunkt liegt auf diesen Megatrends, die langfristig Wert schaffen, weil sie tiefgreifende Veränderungen mit sich bringen. Konjunkturelle Erwägungen blenden wir möglichst aus, um zu verhindern, dass wir ohne klare Orientierung in alle Richtungen laufen. Daher haben wir etwa fünfzehn Megatrends identifiziert, die das Geschehen über die nächsten fünfzehn Jahre hinaus bestimmen – Nachhaltigkeit und Technologie stehen dabei im Mittelpunkt. Ausgehend von diesen Megatrends legen wir dann einzelne Thematiken fest. Anlagethemen entstehen an der Schnittstelle mehrerer Trends, wobei wir immer dem gleichen Konvergenzkonzept folgen, das uns intensiv beschäftigt.
Sobald unsere Themen feststehen, können wir unsere festen Überzeugungen zum Ausdruck bringen, indem wir uns nicht von Marktereignissen mitreissen lassen, die zu kurzfristigen Reaktionen führen – denn das wäre für unsere Kunden nicht unbedingt von Vorteil. Unsere Überzeugungen sind gewissermassen unser Kompass.

Welche Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes haben sich aus Ihrer Sicht bereits einen Vorsprung gesichert?
Lassen wir den industriellen Sektor vorübergehend beiseite und wenden wir uns einem Unternehmen wie Alphabet zu. Mit geht es um das grundlegende Konzept der Konvergenz. Die mit künstlicher Intelligenz entwickelten Anwendungen werden sich letztendlich massiv auf den gesamten Industriesektor auswirken. Daher ist Alphabet als einen enormer Katalysator einzustufen. Gleiches gilt für Salesforce. Das Unternehmen gehört zwar nicht zum verarbeitenden Gewerbe, aber die angebotenen Lösungen revolutionieren die Vertriebs- und CRM-Funktionen von Unternehmen.
Zurück zu den Industrieunternehmen: Infineon und Synopsys habe ich bereits erwähnt, könnte aber auch Siemens hinzufügen – das Unternehmen ist im Bereich Automation sehr fortschrittlich. Und da wäre auch NXP in der „Enabling“-Kategorie und seine sehr innovativen Produkte, mit denen es vor allem die hohe Nachfrage aus dem Automobilsektor bedient. Abschliessen möchte ich mit den ganz grossen Experten für Automation, den Japanern – Fanuc verfolgen wir in diesem Segment mit grossem Interesse!

Können Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe heute eine nachhaltige Politik verfolgen und gleichzeitig auch ihre Wettbewerbsfähigkeit sichern?
Diese Ziele schliessen sich meines Erachtens nicht gegenseitig aus. Ganz im Gegenteil. Noch vor zehn Jahren stellte sich die Situation etwas anders dar. Sich über die Auswirkungen eines Werks auf die Umwelt Gedanken zu machen war nicht populär. Umweltsünder profitierten in der Regel von höheren Bewertungen, da ESG-Verpflichtungen noch nicht Standard waren. Dieses Verhältnis hat sich mittlerweile komplett umgekehrt. Der Markt belohnt die guten Schüler, die anderen werden abgestraft. Ich sehe da keinerlei Widerspruch, sondern halte dies für eine sehr positive Entwicklung.

Hans Peter Portner kam 1997 zu Pictet Asset Management.
Er leitet das Team für thematische Aktien. Portner begann seine berufliche Laufbahn im Jahr 1992 als Portfoliomanager bei UBS Brinson in Basel, wo er sich auf internationale Aktien spezialisierte. 1997 wechselte er als Senior Investment Manager zu Pictet Asset Management in Genf, wo er weiterhin für internationale Aktien zuständig war. Von 1999 bis 2001 war er in gleicher Funktion in London tätig. Hans Peter Portner verfügt über einen Master in Wirtschaft der Universität Bern und ist darüber hinaus Chartered Financial Analyst (CFA).

Share: