Die nächste Generation der Emerging Markets

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Von Stefan Hirter, Country Head Switzerland, Redwheel Zürich

Schwellen­länder der nächsten Generation profitieren von strukturellen Trends. Der positive Zyklus oder wie alles begann.

Von der industriellen Revolution des späten 18. Jahrhunderts bis hin zum Wirtschaftswunder im Fernen Osten in den letzten fünfzig Jahren sind die Länder demselben Weg zum Wohlstand gefolgt. Volkswirtschaften mit einem attraktiven demografischen Profil und jungen, gut ausgebildeten Arbeitskräften zogen Investitionen in ihre verarbeitende Industrie an. Arbeitskräfte wanderten aus der Landwirtschaft ab, angelockt durch das Angebot an Fabrikarbeit in den wachsenden Städten. Der Urbanisierungsgrad stieg drastisch an, was sich positiv auf den Konsum und somit auf das gesamte GDP-Wachstum auswirkte.

Eine Sache hat sich jedoch geändert. Mit der Lohninflation in den höher entwickelten Ländern und dem Aufstieg in der wirtschaftlichen Wertschöpfungskette hat sich dieser Prozess beschleunigt.

Wenn man zum Beispiel den Wandel Chinas seit den 1980er Jahren beobachtet, der mehr als 750 Millionen Menschen aus der Armut befreit und China zur zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt gemacht hat, ist das so, als würde man die ursprüngliche industrielle Revolution in Europa im Schnelldurchlauf verfolgen.

Vom Aufsteiger zum Schwellenland

Es ist nun also an der Zeit, unsere Vorstellung von den Schwellenländern neu zu definieren. Die schnellste Wachstumsphase findet in den früheren Stadien dieses positiven Zyklus statt, was bedeutet, dass die Länder, die wir derzeit als “aufstrebend” bezeichnen, in Wirklichkeit schon weitgehend “aufgestiegen” sind. Das soll nicht heissen, dass Länder wie China, Südkorea und Brasilien keine Anlagechancen mehr bieten. Diese Volkswirtschaften werden weiterhin ein langfristiges Wachstumspotenzial haben, aber sie befinden sich jetzt auf einem flacheren Wachstumspfad.

Die wirklichen Chancen bieten sich jetzt anderswo, in Regionen, die sich in einem früheren Stadium ihrer Entwicklung befinden. Es sind dies Länder wie Indonesien, Chile, Vietnam oder Saudi Arabien – also die nächste Generation der Emerging Markets.

86 Prozent des MSCI Emerging Markets Index stammen aus sieben Ländern, die restlichen 14% des Index verteilen sich auf 17 Länder. Diese 17 Länder und dazu noch einige weitere Länder aus dem Frontier Market Index befinden sich im genannten frühen Entwicklungsstadium. Aus diesem Grund sollte nicht in die sieben grössten Emerging Markets – China, Indien, Brasilien, Mexiko, Südkorea, Taiwan, Südafrika – investiert werden. Es gilt die enormen Chancen zu nutzen, die sich in den Regionen bieten, die derzeit auf dem steilsten Abschnitt ihres Wachstumsweges sind.

Die Wachstumstreiber

Derzeit gibt es drei wichtige Wachstumstreiber: Tourismus, neue Fabriken der Welt und Rohstoffe.

Reisen und Tourismus

Da das verfügbare Einkommen in den letzten Jahrzehnten weltweit gestiegen ist, hat auch der Tourismus massiv zugenommen. Auf die Reise- und Tourismusbranche entfallen heute etwa 10 % des weltweiten BIP, und jeder zehnte Arbeitsplatz weltweit ist damit verbunden. Die Schwellenländer der nächsten Generation profitieren erheblich von der Zunahme der Touristenströme. Länder wie Ägypten, Thailand, die Türkei, Griechenland und Peru scheinen hier besonders gut aufgestellt zu sein.

Die neuen Fabriken der Welt

Günstige gute Arbeitskräfte und billige Produktionsgüter ziehen auf der Suche nach höheren Renditen Kapital an. Steigende Kosten und hohe politische Risiken führen dazu, dass sich die Welt derzeit von ihrer Abhängigkeit von China in der Produktion löst. Die Unternehmen suchen nach neuen Wirtschaftsräumen, in denen sie ihre Produktionszentren ausbauen und ihre Wachstumsambitionen sichern können. Aufstrebende Volkswirtschaften der nächsten Generation wie Vietnam, Rumänien und Marokko dürften von diesen ausländischen Investitionen profitieren.

Rohstoffe

Der Weg zu einer globalen Netto-Null-Emission wird wahrscheinlich die Nachfrage nach vielen Metallen wie Kupfer, Lithium oder Uran massiv erhöhen. Das Angebot an diesen Rohstoffen der “grünen Welle” ist nach einem Jahrzehnt unzureichender Investitionen weiterhin begrenzt. Ohne diese Rohstoffe kann die Welt allerdings ihre Dekarbonisierungsziele nicht erreichen. Neue Minen und Ressourcen werden vor allem in Afrika und Südamerika entdeckt, aber die Produktionskosten sind neben der Forderung nach saubereren Abbaumethoden dramatisch gestiegen. Diese Trends werden wahrscheinlich noch viele Jahre anhalten und dürften den Nettoexporteuren dieser wichtigen Rohstoffe zugutekommen, z. B. Chile bei Kupfer und Lithium, Sambia bei Kupfer und Indonesien bei diversen Rohstoffen.

Trotz der bisher erzielten attraktiven Renditen sind die Bewertungen in den Schwellenländern der nächsten Generation nicht überzogen, und die Schlüsselmärkte werden weiterhin mit einem grossen Abschlag gegenüber ihren grösseren Schwellenländern gehandelt.

Stefan Hirter leitet in der Schweiz die Entwicklung von RedWheel, der Londoner Management-Boutique, die sich auf Schwellenländer und Frontier Markets spezialisiert hat. Zuvor war er bei Fidelity International als Sales Manager für die Schweiz und Liechtenstein tätig und betreute dort einen Kundenstamm, der Banken, Versicherungsgesellschaften, Family Offices und unabhängige Vermögensverwalter umfasste. Zuvor war er mehr als acht Jahre bei der Credit Suisse Asset Mana­gement tätig, zuletzt als Leiter des Whole­sale-Geschäfts für die Schweiz und Liechtenstein. Stefan Hirter ist Betriebs­ökonom HF und diplo­mierter Swiss Fund Officer FA/IAF.

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