„Die Schweiz und Schweden sind die beiden europäischen Länder mit den meisten Einhörnern pro Einwohner“

403
0
Share:

Interview mit Michael Sidler, Redalpine Venture Capital

Von Elsa Floret

In dieser neuen Rubrik stellt SPHERE Ihnen Schweizer Asset Manager mit Boutique-Strategie vor, die sich auf Private Markets und nicht-börsennotierte Assets spezialisiert haben. Dazu gehört auch Redalpine… 

Betrachten Sie Risikokapital als eine neue Anlageklasse?
Risikokapital gibt es seit langem, nur beobachten wir momentan eine explosionsartige Zunahme des Anlegerinteresses. Die Investoren können Risikokapital als Anlageklasse und Anlagestrategie nicht mehr ignorieren. Das europäische Ökosystem der Tech-Startups hat an Reife gewonnen und schliesst zu seinem grossen Bruder Silicon Valley auf. Während 2016 nur eine Handvoll Einhörner in Europa gezählt wurden, ist diese Zahl sechs Jahre später schon auf über 500 gestiegen. Die Schweiz und Schweden sind die beiden Länder in Europa mit den meisten Einhörnern pro Einwohner.

Wie gehen die wichtigen Akteure der Vermögensverwaltung und Asset Manager an die Anlageklasse ‚Risikokapital‘ heran?
Von den rund 3 Milliarden Franken, die 2021 in Schweizer Startups investiert waren, stammten 86% von ausländischen Investoren. Die Asset-Allokation von Schweizer Investoren ist daher noch immer marginal.

Ist dieses recht niedrige Niveau auf die Renditen von Risikokapitalfonds zurückzuführen?
Im Gegenteil: die europäische Risikokapitalbranche ist sehr wettbewerbsfähig und erfolgreicher als US-amerikanisches Risikokapital und das europäische Private Equity-Segment. Die europäische Risikokapitalbranche liegt seit zwei Jahrzehnten in Führung. In Europa hat die Attraktivität dieser Anlageklasse für LPs (Limited Partners) über die Jahre zugenommen: Auf dem Kontinent gibt es inzwischen 65 Städte mit Unicorn-Unternehmen – das ist mehr als in den USA. Noch wird zwar wenig Schweizer Geld in Risikokapital investiert, doch ist seit zwei Jahrzehnten ein beträchtliches Wachstum zu verzeichnen.

Wie kann man institutionelle Investoren bei der Diversifikation ihres Portfolios mit Risikokapital unterstützen?
Der Wille ist da, wir haben jedoch festgestellt, dass ziemlich banale administrative Beschränkungen oft ein echtes Hindernis für institutionelle Mittelzuflüsse in die Anlageklasse ‚Risikokapital‘ bilden.
Eine Möglichkeit, mehr Kapital in Risikokapital zu lenken, besteht darin, grössere Risikokapitalfonds aufzulegen für einen Investmentansatz über verschiedene Phasen, Konjunkturzyklen und Jahrgänge hinweg. So lässt sich das Risikoprofil eines typischen Risikokapitalfonds diversifizieren. Sinnvoll sind auch Strukturen wie beispielsweise Evergreen-Fonds mit besserer Liquidität und einer jährlichen Gewinnausschüttung. Dieses Format und Modell wird den Erwartungen einiger eher traditionell gesinnten institutionellen Investoren besser gerecht.
Aus diesem Grund haben wir die Auflegung des Redalpine Summit Fund mit einem Zielvolumen von einer Milliarde Schweizer Franken beschlossen. Er zeichnet sich durch eine offene Fondsstruktur mit einer vierjährigen Aufbauphase aus; sein erstes Closing wird voraussichtlich Ende 2022 erfolgen.

Auf welcher Basis und mit welchem Geschäftsmodell haben Sie Redalpine 2006 gegründet, zu einer Zeit, als es in der Schweiz nur sehr wenige Innovationsfonds gab?
Wir gingen von unserer ursprüngliche Beobachtung aus, dass die Innovationskraft bereits sehr hoch war, ihre Vermarktung jedoch sehr zu wünschen übrig liess. In den sechzehn Jahren seit der Gründung von Redalpine haben wir insgesamt sechs Fonds aufgelegt und investiert, so dass der Gesamtwert aller unserer Unternehmensbeteiligungen eine Milliarde Schweizer Franken beträgt. Wir sind zwar selten der einzige professionelle Investor, oft aber der erste. Die Unternehmen in unserem Portfolio haben im Laufe der Jahre mehr als 2,7 Milliarden Schweizer Franken eingeworben.

Welche Renditen konnten Sie als Früheinsteiger realisieren?
Wir beginnen in der Regel mit einer Ticketgrösse von 1 bis 5 Millionen Franken und können diesen Betrag in einer späteren Runde sogar manchmal verdoppeln. Wir verfügen über Rechte in Höhe unserer Beteiligungen, so dass diese Beteiligungen geschützt sind. Wir sitzen in der Regel im Verwaltungsrat, beteiligen uns an nachfolgenden Finanzierungsrunden und bringen neue Investoren mit. Für alle Fonds zusammen hat sich das investierte Kapital im Durchschnitt vervierfacht.

Wie hoch ist der Prozentsatz der Verluste?
Von den ca. 3.500 Startups, die wir jedes Jahr in Europa auf dem Radar haben, investieren wir nur in etwa acht pro Jahr. Wir diversifizieren das Risiko in jedem unserer Fonds durch die Auswahl von 15 bis 20 unterschiedlichen Unternehmen.
Der Vorteil von Risikokapitalinvestitionen ist, dass man bei einem Verlust nur einmal sein Kapital verliert, im Erfolgsfall aber ein Vielfaches dieses Kapitals erhält. Totalverluste können bis zu 20% der Unternehmen im Portfolio betreffen. In jedem Fonds haben wir jedoch einen oder mehrere Superstars, deren Wert um das 10- bis 50-fache gestiegen ist.

Michael Sidler war 2006 einer der Gründer von Redalpine Venture Partners und fungiert als General Partner für die Redalpine-Fonds. Davor war Sidler für Investitionen, M&A bei Prionics verantwortlich, ein im Schweizer Schlieren ansässiges Diagnostik- und Biotechnologieunternehmen. Von 1998 bis 2003 war er in verschiedenen Bereichen wie E-Banking, Versicherung und Automobil für die Boston Consulting Group in Zürich und Toronto tätig. Michael Sidler hat an der Universität Zürich in Life Sciences promoviert. Er ist Mitglied mehrerer Organisationen, Jurys und Gremien für die Förderung von Innovation und Startups. Zudem ist er Chair Chapter „Seed Monety & Venture Capital“ der Schweizerischen Vereinigung für Unternehmensfinanzierung (SECA).


Bezeichnung der Gesellschaft: Redalpine Venture Partners
Adresse: Pfingstweidstrasse 60, 8005 Zürich
Website:www.redalpine.com
Gründungsdatum: 2007
Top-Management: Peter Niederhauser, Michael Sidler, Harald Nieder, Désirée Reimann, Oliver Pabst
Expertise: Venture Capital Investing
Investments: Tech-Startups und nicht-börsennotierte Unternehmen
Verwaltetes Vermögen: 1 Milliarde CHF

Share: