Die Umsetzung einer ESG- Strategie

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Von Antoine Cuénod et Christoph Schweizer, Incoso

Institutionelle Vermögensverwalter sind einem wachsenden Druck ausgesetzt, sich in Sachen Nachhaltigkeit zu positionieren. Die Kunden verlangen dies, und ganz allgemein besteht ein entsprechender gesellschaftlicher Druck. Daher sollte man nicht die Ressourcen unterschätzen, welche eine ESG-Strategie beansprucht. Mit einer strukturierten und transparenten Herangehensweise können die Ziele formuliert und effizient erreicht werden. Antoine Cuénod und Christoph Schweizer erläutern deren Grundzüge.

Das Thema nachhaltige Anlagen gewinnt immer mehr an Bedeutung. Gemäss der Marktstudie der Swiss Sustainable Finance, «Swiss Sustainable Investment Market Study 2021» steigt Jahr für Jahr das Volumen der gemeldeten «sustainable Investments». Innerhalb von fünf Jahren, zwischen 2015 und 2020, hat es sich von 141,7 Milliarden Franken auf 1’520,2 Milliarden verzehnfacht. Die Nachfrage nach «nachhaltigen» (unabhängig davon, wie man dies definiert) Fonds ist enorm. Sie hat ausserdem dazu beigetragen, dass das Volumen dieses Anlagetyps innerhalb von fünf Jahren um das 17-Fache angestiegen ist.

Dieses steigende Interesse lässt sich durch mehrere Gründe erklären. Zum einen tragen zahlreiche Initiativen auf internationaler Ebene, beispielsweise die «Prinzipien für verantwortliches Investieren» der Vereinten Nationen, zur Bewusstseinsbildung bei, auch wenn sie in der Regel keine gesetzlichen Verpflichtungen beinhalten. In bestimmten Landern – darunter die Schweiz – existieren zudem verschiedene Gesetze, die die betroffenen Marktteilnehmer zu Verhaltensänderungen in bestimmten Bereichen gezwungen haben. So sind Schweizer Pensionskassen verpflichtet, aufzuzeigen, wie sie ihr Stimmrecht bei in Aktiengesellschaften, ausüben, und die Finanzierung von verbotenem Kriegsmaterial ist seinerseits verboten. Das BVG und BVV2 machen zwar keine expliziten Vorgaben zur «Nachhaltigkeit» bei der Anlage des Vermögens. Postuliert werden allerdings unter anderem die treuhänderische Sorgfaltspflicht und die sorgfältige Auswahl, Bewirtschaftung und Überwachung der Vermögensanlagen. Dies umfasst auch ein qualitatives Risikomanagement, das einer seriösen ESG-Strategie zugrunde liegt. Damit können die negativen Einflüsse von Reputations- und Finanzschäden gemildert werden. Zudem wächst die Erkenntnis, dass nachhaltige Anlagen nicht, wie lange befürchtet, einen negativen Einfluss auf den finanziellen Anlageerfolg haben.

Von den 1’098 Milliarden Franken institutionellen Geldern 2020 sind gemäss der SSF-Studie gut die Hälfte Versicherungs- und 38 Prozent Pensionskassengelder. Da die Gesamtzahl der Anlagen, die letztere 2019 getätigt haben, bei 1’005 Milliarden lag, beträgt der Anteil ihrer als «nachhaltig» klassifizierten Anlagen bei geschätzte 40 Prozent.

Innerhalb der Welt der Pensionskassen gibt es grosse Unterschiede bezüglich nachhaltiger Anlagen. So liegt der Anteil der Vorsorgeeinrichtungen, bei denen ESG-Kriterien im Anlagereglement verankert sind, gemäss der Swisscanto-Pensionskassenstudie 2021 bei 25 Prozent, wobei dieser Anteil bei öffentlich-rechtlichen Vorsorgeeinrichtungen mehr als doppelt so hoch ist. Die Mehrheit davon hat kein CO2-Reduktionsziel und nur 17% geben an, den CO2-Ausstoss des Portfolios teilweise zu messen. Bestimmte Pensionskassen, wie zum Beispiel die Pensionskasse Stadt Zürich, haben viele Jahre Erfahrung mit der Umsetzung einer ESG-Strategie und bauen diese laufend aus. Für andere mag das Thema ESG unerreichbar, zu kostspielig oder gar unnötig erscheinen. Wir sind der Ansicht, dass Nichtstun keine Option ist und es mit vertretbarem Aufwand möglich ist, sich eindeutig zu positionieren.

Die Ausarbeitung und Umsetzung einer ESG-Anlagestrategie ist nicht unbedingt komplex oder kostspielig. In Wirklichkeit hängt alles von Ihren Zielen ab sowie davon, zu welchen Anstrengungen Sie für deren Umsetzung bereit sind. Letzten Endes muss sich ein Anleger bewusst sein, dass eine ESG-Strategie zu einem grossen Teil von seinen Werten und Wünschen abhängt. Daher gibt weder eine «richtige» noch eine «falsche» Anlagestrategie.

Es gibt etliche verschiedene Ansätze, die zum Teil miteinander kombiniert werden können. Die folgende Liste zeigt die bekanntesten Ansätze in der Reihenfolge
ihrer aktuellen Bedeutung gemäss SSF Market Study 2021
ESG-Integration: Traditionelle Finanzanalyse plus ESG-Kriterien
ESG-Engagement: Proaktiver Dialog mit dem Management der Firmen
Ausschlüsse: keine Investition in Firmen auf der Negativliste
Normbasiertes Screening: Orientierung an internationalen Vereinbarungen
Stimmrechtsausübung (proxy voting): Wahrnehmung des Stimmrechts an GV
Best-In-Class: Proaktive Investition in „gute“ Firmen
Impact Investing: Renditeorientierte «Entwicklungshilfe»
Themen: Anlagen mit einem positiven Einfluss auf Umwelt oder Gesellschaft

Wie kann der Stiftungsrat einer Pensionskasse vorgehen, wenn für das Anlagevermögen eine ESG-Strategie entwickelt werden soll, und welche Auswirkungen hat dies auf die Anlagepolitik? Der Prozess umfasst grob vier Schritte.

1 ESG-Charta und -Strategie

In einem ersten Schritt müssen sich die Verantwortungsträger Klarheit verschaffen, was ihre Absicht hinter einer nachhaltigen Anlagestrategie ist, auf welche Werte sie sich stützt und welche Ziele erreicht werden sollen. Dieser Schritt ist vermutlich der aufwendigste, aber vielleicht auch der spannendste.
Zunächst kann eine Charta entworfen werden, in der die Grundsätze und Werte festgehalten werden. Dabei kann entweder die Schadensvermeidung im Vordergrund stehen oder das proaktive Erreichen bestimmter Ziele.

Bei der Schadensvermeidung werden typischerweise Firmen ausgeschlossen oder untergewichtet, die nicht den eigenen Wertvorstellungen entsprechen. Man kann sich auch an existierenden Ausschlusslisten orientieren, wie die des Schweizer Vereins für verantwortungsbewusste Kapitalanlagen (SVVK). Beliebte Themen sind Waffen, Nuklearenergie, CO2-Intensität, Kinderarbeit oder die Qualität der Corporate Governance. Sollen jedoch bestimmte Ziele erreicht werden, werden Firmen gesucht, die mit ihren Produkten oder Dienstleistungen den erhofften Wandel herbeiführen können. Mit den 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDG) hat die UNO einen Rahmen bestimmt, der als Ausgangspunkt bei der Definition der eigenen Ziele verwendet werden kann.

Selbstverständlich können die beiden Ansätze auch kombiniert werden.
Ein institutioneller Anleger wie eine Pensionskasse sollte im Gegensatz zu einem Privatanleger im Prinzip die Interessen und Wertvorstellungen aller Destinatäre kennen und soweit sinnvoll zu einem gemeinsamen Nenner kondensieren. Ob dies möglich und realistisch ist, hängt von der Situation der Vorsorgeeinrichtung ab.

Unter Umständen muss ein intensiver Dialog zu diversen Themen geführt werden, die gemeinsam in einem Workshop aller Beteiligter diskutiert werden. Stiftungsrat, Anlageausschuss und Geschäftsführung müssen sich mit der ESG-Politik identifizieren können. Was nützt es, wenn beispielsweise der Stiftungsrat im stillen Kämmerlein eine ESG-Strategie entwickelt, aber die Geschäftsführung diese nicht versteht und nicht umsetzen kann oder will? Entscheidend ist am Ende, dass die ESG-Strategie konkret im Anlagereglement festgehalten wird, damit bei der Auswahl der Vermögensverwalter oder Fonds klare und unmissverständliche Vorgaben vorliegen. Der Kommunikation der Grundsätze und der ESG-Strategie bei den Destinatären und allenfalls anderen interessierten Kreisen kommt ebenfalls eine grosse Bedeutung zu. Motto: Tue Gutes und sprich darüber.

2 Ist-Situation und Gap-Analyse

In diesem Schritt geht es darum, festzustellen, wie das Portfolio aktuell positioniert ist. Dazu werden die detaillierten Berichte der Manager angefordert, inklusive ihrer Einschätzung bezüglich ESG-Kriterien, sofern eine solche vorliegt. Idealerweise sollten alle Mandate oder Fonds auf die gleiche, möglichst neutrale Art beurteilt werden, damit sie vergleichbar sind. Am besten durch mehrere verschiedene ESG-Ratingagenturen, da diese nicht selten divergierende, wenn nicht gegensätzliche Meinungen vertreten können. Das kann allerdings teuer zu stehen kommen. Es bieten sich auch unabhängige Berater an, die die Investoren dabei unterstützen, eine klare Übersicht zu erlangen und diese zu interpretieren. Wo sind die grössten Gaps zur neuen Ausrichtung? Wo besteht der grösste Handlungsbedarf? Welche Elemente haben Priorität und müssen umgehend angepackt werden, welche könnten in einer späteren Phase umgesetzt werden? So lauten einige der wesentlichen Fragen.

3 Umsetzung

Grundsätzlich sollte bei der Umsetzung Raum für einen gewissen Pragmatismus zugelassen werden, zumal es meistens nicht realistisch ist, alles zu «fundamentalistisch» zu betrachten. An dieser Stelle ist es unter Umständen wichtig, dass man allenfalls im Schritt 1 «Killerkriterien» festgehalten hat («Was wollen wir unter allen Umständen durchsetzen?»). Zunächst kann mit den bestehenden Vermögensverwaltern oder Fondsanbietern der Dialog gesucht werden. Wie reagieren sie auf die festgestellten Gaps? Haben sie eine nachhaltigere Lösung? Falls nicht, müssen die Mandate beendet und eine Manager – oder Fondsauswahl durchgeführt werden.

4 Monitoring/Controlling

Im Grunde ist dieser Schritt sehr ähnlich wie Schritt 2 – die Gaps sollten allerdings immer kleiner werden. Es muss regelmässig, mindestens jährlich, festgestellt werden, wie der Stand des Gesamtportfolios und der einzelnen Subportfolios ist. Werden die Vorgaben eingehalten? Wenn nein, muss der Dialog mit den betreffenden Vermögensverwaltern gesucht werden. Geben diese plausible Erklärungen für Abweichungen? Wird ein positiver nachvollziehbarer Weg eingeschlagen? Falls nicht, müssen Änderungen eingefordert werden. Für das Reporting kann man sich beispielsweise an den «SSF Reporting Recommendations on Portfolio ESG Transparency» orientieren.

Antoine Cuénod ist anerkannter Spezialist für die institutionelle Vermögensverwaltung. Im Laufe seiner Karriere hat er verschiedene Pensionskassen und Trusts entlang des gesamten Anlageprozesses begleitet. Für diese Einrichtungen hat er verschiedene Aufgaben erfüllt, von der Portfolioverwaltung über die Managerauswahl und die Produktentwicklung bis hin zum Projekt ALM. Antoine hat vor kurzem seine Erfahrung in der Immobilienbranche durch einen Master in Advanced Studies an der Universität Zürich ergänzt. Er ist seit 2018 Gesellschafter von Incoso.

Im Bereich der institutionellen Vermögensverwaltung ist Christoph Schweizer einer der führenden Fonds-Spezialisten der Schweiz.
Mehr als 25 Jahre hat er Anlageprozesse für institutionelle Anleger konzipiert und erfolgreich umgesetzt. Nach zehn Jahren als Asset Manager bei UBS und Pictet hat er sich ausschliesslich auf die Konzeption von neuen Anlagelösungen bei Pictet Funds und Pictet Asset Management fokussiert. Er ist seit 2018 Gesellschafter von Incoso.

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