Ein gewaltiges Wachstum der nachhaltigen Anlagen

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Von Jérôme Sicard – Fotos: Juerg Kaufmann

Im vergangenen Jahr haben sich die in der Schweiz verwalteten nachhaltigen Investments fast verdoppelt und belaufen sich nunmehr auf über
700 Milliarden Schweizer Franken. Für Sabine Döbeli, Verantwortliche von Swiss Sustainable Finance, ist das Wachstumspotenzial enorm, vorausgesetzt, dass es den verschiedenen Akteuren gelingt, ihre Kräfte zu bündeln.

Zahlreiche Schweizer Finanzinstitutionen und Regierungsbehörden sehen die Schweiz als Zentrum für nachhaltige Investments. Wie würden Sie Ihrerseits ein solches Zentrum beschreiben? Welches wären die wichtigsten Elemente?
Sabine Doebeli: Damit sich ein Finanzplatz als Zentrum für nachhaltige Anlagen durchsetzen kann, sind meines Erachtens mehrere Faktoren erforderlich: eine Banken- und Asset-Manager-Community mit breitem und substanziellem Investment-Know-how und Innovationsfähigkeit, die hohe Bereitschaft der institutionellen Investoren und Privatanleger zur Umsetzung nachhaltiger Anlagestrategien und – im Ergebnis – ein wesentlicher Teil des Anlagevolumens, das nachhaltig verwaltet wird.

Wo genau steht die Schweiz im ESG-Universum heute?
Was die Expertise betrifft, ist die Schweiz bestens aufgestellt, da zahlreiche Asset Manager ESG-Kriterien bereits seit vielen Jahren konsequent in ihre Vermögensverwaltung einbeziehen und sich durch hohe Innovationskraft im Bereich nachhaltiger Investments auszeichnen. Einige Beispiele innovativer Strategien von Schweizer Akteuren: nachhaltige Immobilienfonds, die anhand eigener Nachhaltigkeitsratings verwaltet werden, nachhaltige Smart – Beta-Produkte und eine Privatbank, die sich ausschliesslich auf nachhaltige Anlagen konzentriert.
In den letzten beiden Jahren wurde im Bereich nachhaltige Anlagen ein gewaltiges Wachstum verzeichnet, wobei das Gesamtvolumen nachhaltiger Investments um über 80 Prozent pro Jahr gestiegen ist. Angesichts dieses richtungsweisenden Trends ist nachhaltiges Investieren seinem Nischendasein endgültig entwachsen. Allerdings stehen hinter diesen Zahlen viele verschiedene Ansätze, deren Wirkung nicht unbedingt vergleichbar ist. Hier besteht Handlungsbedarf, denn wir müssen für die Zukunft einen besseren Wirkungsnachweis für solche Investments erreichen.
Analysiert man die Kundennachfrage, zeigt sich ein uneinheitliches Bild. Für grosse institutionelle Investoren wie Versicherungen und grosse Pensionskassen, die ihre Vermögensverwaltung oft auslagern, ist die Aufnahme von ESG-Kriterien in ihre Ausschreibungen schon fast der Normalfall. Kleinere Pensionskassen tendieren hingegen noch immer zu kostengünstigen passiven Anlagen und beschränken sich häufig auf die blosse Anwendung von Ausschlusskriterien, wenn überhaupt. Privatanleger scheinen zwar ein klares Interesse an nachhaltigen Investments zu haben, allerdings sprechen sie ihre Banken nur in den wenigsten Fällig auf derartige Lösungen an,

während Banken ihren Kunden ihrerseits nur selten aktiv Nachhaltigkeitsprodukte anbieten. Die Aufklärung institutioneller und privater Kunden über die Vorteile nachhaltigen Investierens spielt somit eine entscheidende Rolle.

Sie haben gerade eine neue Marktstudie über nachhaltige Investments in der Schweiz veröffentlicht. Was waren die wichtigsten Ergebnisse?
Beeindruckend war vor allem das anhaltend starke Wachstum von 83 Prozent und der Anstieg des gesamten nachhaltig verwalteten Anlagevolumens auf 717 Milliarden Franken! Nachhaltigkeitsfonds erzielten mit einem Plus von 102 Prozent die höchste Zuwachsrate. Hauptgrund war sicherlich die zunehmend systematische Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsaspekten bei vielen Asset Managern. Nachhaltig verwaltete Fonds mit einem Gesamtvolumen von 190,9 Milliarden Franken repräsentieren inzwischen 18,3 Prozent des Schweizer Marktes für Anlagefonds – der höchste bisher erreichte Prozentsatz. Auch die von institutionellen Investoren selbst verwalteten nachhaltigen Investments haben stark – um 91 Prozent – zugenommen, was wir hauptsächlich auf die zusätzlichen Pensionskassen und Versicherungsgesellschaften zurückführen, die sich dieses Jahr an der Studie beteiligt haben. Deren nach ESG-Grundsätzen verwaltete Vermögenswerte belaufen sich inzwischen auf ganze 455 Milliarden Franken und repräsentieren bereits 31 Prozent des gesamten Vermögens von Schweizer Pensionskassen und Versicherungsgesellschaften. Der Anstieg bei Nachhaltigkeitsmandaten war mit 22 Prozent auf 70,8 Milliarden Franken etwas bescheidener. Diese Zahlen zeigen, dass die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsaspekten bei Anlageentscheidungen eine Breitenwirkung entfaltet hat.

Ist der Klimawandel ein Thema für Schweizer Investoren?
Laut unserer Studie sind die Risiken des Klimawandels für Produktanbieter und institutionelle Investoren gleichermassen ein Thema. Viele Anbieter haben Produkte mit einem Bezug zum Klimawandel im Angebot, wobei 84 Prozent solcher Anbieter Investitionen in Klimalösungen als wichtigsten Ansatz für Klimafonds betrachten. An zweiter Stelle steht die Messung des Klimafussabdrucks von Portfolios, die für 76 Prozent der Anbieter klimabezogener Produkte ein wichtiger Ansatz ist. Klimathemen sind für institutionelle Anleger und Vermögensverwalter zudem wichtig, wenn sie mit Unternehmen einen direkten Dialog führen. Wir gehen davon aus, dass Klimaaspekte für Vermögensverwalter und Investoren gleichermassen an Bedeutung gewinnen, da Finanzmarktakteure zunehmend unter öffentlichem Druck stehen – sie sollen ihrerseits einen Beitrag zur Verringerung des CO2-Ausstosses in der Wirtschaft leisten.

Gibt es wichtige Änderungen auf regulatorischer Ebene, die für nachhaltige Investoren relevant sind?
Der EU-Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums hat verschiedenen Gesetzesentwürfen den Weg bereitet, von denen einige schon in Kraft sind oder demnächst verabschiedet werden dürften. Unsere Studie enthält einen Kurzüberblick über die wichtigsten Entwicklungen. Diese betreffen logischerweise auch Schweizer Anbieter, da viele von ihnen grenzüberschreitend tätig sind. Allerdings verfolgen auch die institutionellen Investoren die Entwicklungen in Europa mit grossem Interesse. In der Schweiz kam es in letzter Zeit zu einer wachsenden Zahl von parlamentarischen Vorstössen in puncto nachhaltige Investments. Auch ohne gesetzliche Vorgaben erwarten die Teilnehmer der Studie für das laufende Jahr eine Steigerung des nachhaltig verwalteten Vermögensvolumens von 15  Prozent oder mehr.

Sie haben die zahlreichen positiven Trends angesprochen. Wo sehen Sie in der Schweiz Optimierungsmöglichkeiten? Hat die Schweiz noch immer genügend Schlagkraft, um sich als ein führendes globales Zentrum für Nachhaltigkeitsinvestments zu positionieren?
Ich glaube, dass die Schweiz sehr gut aufgestellt ist, um eine entscheidende Rolle in diesem Bereich zu spielen. Allerdings sind andere Länder auch nicht untätig, wobei ich mehr gezielte Aktionen beispielsweise von Regierungen oder grossen institutionellen Investoren in anderen europäischen und auch einigen asiatischen Ländern sehe, insbesondere in China. Als das grösste Zentrum für grenzüberschreitendes Wealth Management ist das Schweizer Finanzzentrum sehr eng mit den anderen grossen Finanzplätzen der Welt verbunden. Daher macht die Festlegung eigener Standards für nachhaltige Finanzen in der Schweiz aus meiner Sicht keinen Sinn. Stattdessen sollte man die Entwicklungen in anderen wichtigen Finanzzentren aufmerksam beobachten und bereit sein, sich schnell anzupassen. Dies gilt zum Beispiel für das Schaffen von Transparenz hinsichtlich der Nachhaltigkeit von Portfolios und für die Integration von ESG-Kriterien in Risikomanagementprozesse.
Grundsätzlich halte ich es für wichtig, dass die Schweiz bei der Festlegung von Standards nicht ins Abseits gerät. Wir vertreten Zürich im globalen Netzwerk „Financial Centers for Sustainability“ und koordinieren unsere Aktivitäten mit der Vereinigung „Sustainable Finance Geneva“, die Genf repräsentiert. Dieses Netzwerk hat ein Bewertungssystem für nachhaltige Finanzplätze entwickelt. Ich bin davon überzeugt, dass sich dieses Bewertungssystem zu einem wichtigen Instrument für die Messung von Fortschritten der Finanzzentren entwickelt und einen Wettbewerb für kontinuierliche Verbesserung in Gang setzt.

Welche Schlüsselinitiativen würden Sie in der Schweizer Vermögensverwaltungsbranche implementieren?
Es wäre wichtig, eine breite Integration von ESG-Faktoren in die Vermögensverwaltung zu fördern. Die SFAMA und Swiss Sustainable Finance (SSF) haben eine gemeinsame Arbeitsgruppe gegründet, die Richtlinien für eine nachhaltige Vermögensverwaltung ausarbeitet. Derartige Leitlinien werden zur Entstehung eines gemeinsamen Verständnisses der wichtigsten Elemente eines nachhaltigen Asset-Management-Prozesses und zu einer höheren Akzeptanz bei jenen Akteuren beitragen, die bisher in diesem Bereich noch nicht aktiv geworden sind.
Ferner ist es wichtig, dass Vermögensverwalter Transparenz hinsichtlich der Nachhaltigkeit ihrer Portfolios bieten. Solche Indikatoren dürfen sich nicht auf die Portfoliopositionen beschränken, sondern müssen auch die Wirkung messen, die mit dem Investmentprozess erzielt wird, beispielsweise durch den Dialog mit den Unternehmen.

Was waren die wichtigsten Erfolge von SSF in den vergangenen fünf Jahren?
Wir haben uns zu einer bekannten Organisation entwickelt, die eine sehr aktive Community von fast 130 Mitgliedern vertritt, und sind die erste Anlaufstelle für viele Akteure, die sich über nachhaltiges Finanzwesen in der Schweiz informieren wollen. Mit unserem Handbuch über nachhaltige Investments, das sich an institutionelle Investoren richtet, haben wir ein hilfreiches Instrument geschaffen, das Fachleuten einen umfassenden Überblick über nachhaltige Anlagestrategien ermöglicht. Die Tatsache, dass wir sowohl mit Regierungsstellen als auch mit verschiedenen Verbänden des Finanzsektors zusammenarbeiten, zeigt, dass wir ein wichtiger Partner bei der Weiterentwicklung der Schweiz als nachhaltiges Finanzzentrum sind.

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