„Ein reibungsloses Kundenerlebniss erfordert viele Anstrengungen“

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Interview mit Christophe Utelli, Deputy-CEO, Mitglied der operativen Geschäftsleitung, Cité Gestion

Von Jérôme Sicard – Fotos: Karine Bauzin

Seit der 2018 in Zürich erfolgten Integration von Ultra Finanz hat Cité Gestion ein hohes Wachstum verzeichnet, das im vergangenen Jahr durch den Erhalt der Banklizenz gekrönt wurde. Das verwaltete Kundenvermögen beläuft sich inzwischen auf über 6 Milliarden Franken. Mehr noch als auf die Bestände will sich Cité Gestion aber auf neue Lösungen für seine Kunden konzentrieren. Blockchain und Digital Assets gehören dazu.

Letztes Jahr haben Sie die Banklizenz erhalten. Was hat Ihre Wahl zwischen dem Status einer kleinen Bank und dem eines grossen unabhängigen Vermögensverwalters motiviert?
Christophe Utelli: Mit der Banklizenz konnten wir unseren Kunden auch Kredite anbieten, was mit unserem Status als Wertpapierhaus nur beschränkt möglich war. Da unser verwaltetes Kundenvermögen stetig zunahm, wurden wir von unseren Kunden öfter gefragt, ob wir ihnen nicht ein gewisses Mass an Leverage auf der Basis ihrer Vermögenswerte zur Verfügung stellen könnten. Dank unserer Banklizenz können wir diese Anfragen nunmehr prüfen, ohne die betroffenen Vermögenswerte auf unsere Partnerbanken übertragen zu müssen.

Welches Volumen bedeuten diese Kredite für Sie?
Mit 70 Millionen bei einer Bilanzsumme von einer halben Milliarde sind sie noch relativ niedrig, aber auch hier wollten wir Kunden diesen Service anbieten können. Uns geht es hier nicht um mehr Rentabilität, denn Leverage ist eine riskante Aktivität. Auch aus diesem Grund sind die Beträge nicht sehr hoch.

Bringt Ihnen die Banklizenz zusätzliche Vorteile?
Die Unterschiede zwischen Wertpapierhaus und kleiner Bank sind wirklich gering. Der Bankstatus ist für die Öffentlichkeit vielleicht besser verständlich als der Status einen Wertpapierhauses. Ausserdem können wir vermehrt Liquidität bei der Zentralbank parken und unsere Bilanz weiter stärken.

Wie haben Sie Cité Gestion für den Erhalt dieser Lizenz umstrukturiert?
Das war nicht nötig. Als Wertpapierhaus hatten wir die regulatorischen Anforderungen der Finma an Bankaktivitäten bereits weitgehend eingehalten. Lediglich die Lombardkreditaktivität erforderte eine teilweise Verstärkung der Risikomanagementprozesse. Der Übergang zum Bankstatus war mit einer Erhöhung des Kapitals und der Eigenmittel verbunden.

Mit welchen Schwerpunkten wollen Sie die Entwicklung von Cité Gestion vorantreiben?
Die Banklizenz ist für uns kein Sprungbrett für Entwicklungen in andere Richtungen, denn wir wollen auf dem eingeschlagenen Weg bleiben. Die Quintessenz von Cité Gestion sind unsere Senior-Relationshipmanager, die ihre Kunden ohne Interessenkonflikte, ohne Zielvorgaben seitens der Bank und ohne Einschränkungen – natürlich unter Einhaltung der Vorschriften – betreuen. Unsere Gebührenstruktur ist sehr flexibel und lässt sich an jeden einzelnen Kunden anpassen. Damit haben wir ein Modell, mit dem unsere Vermögensverwalter ihre Kunden bestmöglich betreuen können.

Wie viele Vermögensverwalter beschäftigen Sie zurzeit?
Bei uns arbeiten rund sechzig Vermögensverwalter mit sehr unterschiedlichen Profilen – einige verwalten knapp unter hundert Millionen, andere mehrere hundert Millionen. Dieser Ansatz passt gut zu uns. Im Modell von Cité Gestion steht die menschliche Dimension im Mittelpunkt, daher setzen wir unsere Vermögensverwalter keinerlei Druck aus. Sie arbeiten in einem Rahmen, in dem sie das tun können, was für sie und ihre Kunden am besten ist. Dies betrifft sowohl ihre Arbeitsorganisation als auch die Vorstellung ihrer Überzeugungen in Bezug auf Investments.

Wie viele Vermögensverwalter werden Sie in fünf Jahren beschäftigen?
Vor fünf Jahren waren wir gerade einmal zwanzig. Seither hat sich unsere Grösse mehr als verdreifacht; wir haben jedoch nicht vor, das gleiche Wachstumstempo auch in den nächsten fünf Jahren beizubehalten. Wir wollen unser Modell mit seiner menschlichen und familiären Dimension in die Zukunft führen. Unsere Priorität besteht darin, den Kunden der Vermögensverwalter einen guten Service zu bieten. In fünf Jahren sind wir möglicherweise rund hundert Vermögensverwalter. Grundsätzlich haben wir aber kein Problem damit, wenn es bei rund sechzig bleibt. Unsere derzeitige Rentabilität ist angemessen.

Werden Sie investieren, um den Ansprüchen Ihrer Kunden an den Service gerecht zu werden?
Wenn ich sehe, wie einfach die auf Smartphones verfügbaren Apps und wie komplex die von der Branche erbrachten Finanzdienstleistungen sind, liegt wohl noch viel Arbeit vor uns, wenn wir die Kundenerfahrung intuitiver und benutzerfreundlicher machen wollen. Dies dürfte unsere Stossrichtung sein. Wir arbeiten an besonders praktischen Lösungen für unsere Kunden, zum Beispiel sichere Chats, Apps für Zahlungen oder die Verwaltung digitaler Assets.

Vor zwei Jahren haben Sie Patrick Voegeli eingestellt, den Leiter des Bereichs Corporate & Investment Banking von BNP Paribas in der Schweiz. Planen Sie den Einstieg in dieses Geschäftsfeld?
Das würde unsere Bilanz nicht hergeben. Es wäre ein Irrtum, uns von unserer Kernaktivität zu entfernen und uns zu verzetteln. Corporate Finance ist ein Metier für sich. Investment Banking lässt sich nicht improvisieren, und schon gar nicht von heute auf morgen. Falls ein Kunde einen spezifischen Bedarf in diesem Bereich äussert, leiten wir ihn einfach an spezialisierte Finanzinstitute weiter, die ihn dann unterstützen. Wir schätzen uns glücklich, Patrick Voegeli an unserer Seite zu haben, denn dank seiner langjährigen Erfahrung im Corporate & Investment Banking können wir einige der Probleme angehen, vor denen unsere Firmenkunden stehen – wir unterstützen sie bisweilen bei recht komplizierten Fällen und Transaktionen.

Sie haben einen Blockchain Day in Genf veranstaltet, unter anderem mit der WeCan Group. Worin besteht Ihr Interesse an dieser Technologie?
Die Blockchain ist eine phantastische Technologie, die viele Bereiche unseres Lebens beeinflussen wird – auch Finanzdienstleistungen und die Vermögensverwaltung. Lassen Sie mich ein Beispiel anführen. Wenn ich Tokens mit meinem SwissBorg- oder CryptoFinance-Konto kaufe, wird die gesamte Transaktion sofort auf dem Konto angezeigt. Die Transparenz ist absolut, auch was die Herkunft der Vermögenswerte betrifft. Bei herkömmlichen Konten kann ich das nicht behaupten, da die Informationen noch immer ziemlich bruchstückhaft sind.
Darüber hinaus wollen wir ein Impulsgeber am Genfer Finanzplatz sein. In Zürich werden viele Veranstaltungen zum Thema Blockchain angeboten. Genf sollte etwas dynamischer sein, und wir von Cité Gestion waren gerne bereit, mit WeCan und Crea dies anzugehen. Wir wollen für all diese neuen Assets offen sein!

Wo liegen die nächsten Meilensteine für Cité Gestion?
Unser Kerngeschäft wird sich nicht ändern. Wir sind eine traditionelle Privatbank und werden jetzt nicht zu einer Digitalbank mutieren. Dennoch möchten wir unsere traditionellen Aktivitäten mit neuen Entwicklungen kombinieren.
Ein Projekt, über das wir nachdenken, ist das Angebot hybrider Konten, auf denen sowohl traditionelle als auch digitale Vermögenswerte geführt werden können. Es geht uns dabei nicht um die Steigerung des verwalteten Vermögens, sondern um ein Zusatzangebot in unserem Programm, auch wenn diese Konten vorerst nur für eine Handvoll Kunden interessant sein werden. Allerdings kommen immer mehr Unternehmer zu uns, die ihr Vermögen mit digitalen Assets aufgebaut haben. Die Zeit ist reif, diese Entwicklung in unserem Angebot zu berücksichtigen. Sich diesem Phänomen zu entziehen, kommt für uns nicht in Frage. Und deshalb werden wir auch die Aktien von Cité Gestion im Einklang mit den Standards der CMTA tokenisieren. Damit werden wir die erste Bank in der Schweiz, die eigene Aktien in Form von Tokens nach diesem Standard ausgibt. Es geht uns nicht darum, die Aktionärsstruktur zu ändern, sondern dem Markt zu zeigen, dass dies absolut möglich und sinnvoll ist.

Welchen Masterplan verfolgen Sie für die kommenden fünf Jahre?
Grundsätzlich sind unsere Wachstums-ambitionen nicht in Stein gemeisselt. Unser wichtigstes Ziel ist die Öffnung unseres Geschäftsmodells und seine gemeinsame Nutzung mit allen, die wir wertschätzen. Die beruflichen und menschlichen Qualitäten unserer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen werden bei uns immer im Vordergrund stehen, sie sind wichtiger als die Grösse ihrer Portfolios. Wir sind ein kleines Unternehmen und legen, wie bereits erwähnt, Wert auf eine familiäre Unternehmenskultur, was nicht so einfach ist. Sehr schnell werden Abläufe schwerfällig, wenn wir nicht aufpassen.
Das bringt mich zu einem zweiten Punkt, dem Risikomanagement. Dies ist eine substanzielle Arbeit, die wir tagtäglich mit äusserster Konsequenz wahrnehmen, damit gewährleistet ist, dass Cité Gestion und seine Kunden unabhängig von den kurz-, mittel- und langfristigen Bedingungen keinen Schaden nehmen.

Christophe Utelli verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung im Bankensektor. Er begann seine Karriere bei Ernst & Young als Berater für Banken und Finanzinstitute in strategischen und regulatorischen Fragen und wurde in der Folge Chief Risk Officer des Vermögens-verwaltungsbereichs von Lombard Odier. Im Rahmen seiner Tätigkeit für Lombard Odier setzte er wichtige strategische Projekte in den Bereichen Unternehmen-sentwicklung, Compliance, Risiko und Regulierung um. Daneben war er mehrere Jahre als Dozent an verschiedenen europäischen Bildungsinstituten tätig. Christophe Utelli kam 2016 als Verantworlicher für Operations, Finanzen und Riskmanagement zu Cité Gestion. 2017 wurde er Partner und ist seither zudem stellvertretender CEO.

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