„Ein Unternehmen wie Google oder Moderna steht in der Nahrungsmittelindustrie noch nicht am Start“

113
0
Share:

Interview mit Erich Sieber, PeakBridge

Von Elsa Floret

Für den englischen Historiker Eric Hobsbawm gab es das Zeitalter der Revolutionen, das Zeitalter des Kapitals und das der Imperien. Hier zog er die Trennlinie zwischen dem 19. und dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Heute würde er die erste Hälfte des 21. Jahrhunderts wahrscheinlich als Zeitalter der Transformation bezeichnen. Neue Technologien, gesellschaftliche Herausforderungen und ökologische Notstände – die Welt muss sich in rasantem Tempo neu erfinden. Betroffen sind alle Sektoren, und in jeder Ausgabe wollen wir beleuchten, wie dieser Wandel Form annimmt. Beginnen wir mit der Ernährung und ihren zahlreichen Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen.

Wie schnell verändert sich die Nahrungsmittelindustrie?
Erich Sieber: Die Nahrungsmittelindustrie begann ihre Transformation erst mit der „grünen Revolution“ in den 1960er Jahren, der Nutzung der Agrochemie und der Einführung von Düngemitteln, Pestiziden, Bewässerungssystemen und – später, in den 1990er Jahren – mit den gentechnisch modifizierten Organismen, den OGM. Anders als in anderen Branchen wie Software und Biotechnologie ist seit den 2000er Jahren kein neuer Nahrungsmittelgigant entstanden. Ein Unternehmen wie Google oder Moderna steht in der Nahrungsmittelindustrie noch nicht am Start. Grund für diese Transformationslücke sind fehlende Innovationen. Die zehn grössten Nahrungsmittelkonzerne haben zwischen 2015 und 2020 gerade einmal 2 Milliarden US-Dollar in Forschung und Entwicklung investiert. Im IT-Sektor und in der Biotechnologie beziffert sich das Investitionsvolumen auf 45 Milliarden bzw. 42 Milliarden. Heutzutage ist die Lebensmittelproduktion hochgradig ineffizient und völlig aus dem Gleichgewicht geraten: Sie trägt 30% bis 33% zu den Treibhausgasemissionen bei, wobei ein Drittel der Produktion verschwendet wird. Deshalb ist eine grundlegende Umgestaltung der Produktionsketten erforderlich.

Könnten Sie die Entwicklung der Nahrungsmittelindustrie beschreiben und die Akteure nennen, die sie dauerhaft umwälzen werden?
Seit einiger Zeit ist eine neue Dynamik zu beobachten, die zur Entstehung einer neuen Anlageklasse geführt hat: Agri-Foodtech. Im Jahr 2010 noch vollkommen unbekannt, repräsentierte sie 2021 bereits ein jährliches Investitionsvolumen von über 50 Milliarden US-Dollar. Das Wachstumstempo von Agri-Foodtech hat sich gemessen an den Investitionen, die sich zwischen 2020 und 2021 fast verdoppelt haben, gewaltig beschleunigt. Angesichts der Grösse des traditionellen Lebensmittelmarkts von 8.000 Milliarden US-Dollar sind dem Wachstumspotenzial dieses Sektors praktisch keine Grenzen gesetzt.

Welche Bereiche werden in den kommenden 5 Jahren von Foodtech abgedeckt?
Wir beobachten durch politische Entscheidungen angetriebene strategische Investitionen, mit denen die Ernährungssicherheit derjenigen Volkswirtschaften garantiert werden soll, denen es an Widerstandsfähigkeit mangelt und die hochgradig von Importen abhängig sind. Dazu gehören Investitionen in Technologien zur Produktion alternativer Proteine und von Fleisch aus Zellkulturen – ein Bereich, der hauptsächlich von China vorangetrieben wird – und alternative landwirtschaftliche Systeme wie vertikale Hydroponik-Farmen für die Golfstaaten.
Ferner steht zu hoffen, dass die Segmente und Technologien, die zielführende Lösungen für die klimatischen, ernährungstechnischen und gesundheitlichen Herausforderungen bieten, in fünf Jahren eine wichtigere Rolle im Foodtech-Spektrum einnehmen werden, als weniger ausgeklügelte Technologien mit nicht nachgewiesenen sozialen und ökologischen Vorteilen.

Wie würden Sie das typische Profil des neuen Verbrauchers beschreiben?
Der neue Konsument ist sprunghaft und unentschlossen. Er wechselt seine Ernährungsweisen wie seine Hemden. Gleichzeitig ist er auch sehr engagiert und kann eine gesamte Branche mit einem Shitstorm in die Knie zwingen. Was wir essen, hat heute eine politische, soziale, identitätsstiftende und ethische Dimension erreicht. Unsere Ernährungsgewohnheiten können uns aus einer Gruppe von Menschen ausschliessen oder ein Gefühl der Gemeinschaftszugehörigkeit erzeugen. Das Essen, das seit jeher Menschen anlässlich einer Mahlzeit zusammenbringt, hat sich zu einem Akt der Rebellion, des Misstrauens oder der Spaltung innerhalb einer Gruppe, eines Haushalts oder einer Familie entwickelt. Wir arbeiten zum Beispiel mit Tastewise zusammen, um die Beweggründe der ‚neuen Konsumenten‘ zu analysieren und auszuwerten. Tastewise scannt in Echtzeit Millionen von Restaurantmenüs, Rezepten, Diskussionen und öffentlichen Bewertungen auf Google Review, Yelp, Trip Advisor und in sozialen Netzwerken.

Hat die generelle Entwicklung des Verbraucherverhaltens hin zu mehr Gesundheit durch bessere Ernährung, Transparenz und ständigem Zugang zu Lebensmitteln zur Folge, dass die Ernährung auf seiner Prioritätenliste ganz nach oben rückt?
In den europäischen Gesellschaften scheint sich die Maslowsche Bedürfnispyramide seit der Pandemie und dem Krieg in der Ukraine umgekehrt zu haben. Wir legen immer mehr Wert auf essenzielle Bedürfnisse wie Lebensmittelsicherheit, Zugang zu Zutaten und Sicherheit alternativer Energiequellen. Bis vor zehn Jahren war dies noch nicht der Fall. Die Ernährung hält sich an der Spitze unserer Agenda, denn die Pandemie hat sie in den Mittelpunkt der öffentlichen Debatte gerückt.
Während die USA durch Metaverse und Kryptowährungen abgelenkt sind, ist Europa bei Technologien, die langfristige Lösungen für die klimatischen, energetischen und ernährungstechnischen Herausforderungen bieten, einen Schritt voraus. Das Ökosystem aus öffentlichen Institutionen, Universitäten und Forschungszentren in diesem Bereich bietet europäischen Unternehmern eine vergleichsweise robustere Infrastruktur zur Entwicklung von Technologien, die diesen Übergang flankieren.

Wie bewerten Sie die Investitions-möglichkeiten, die durch die Anforderungen an Transparenz und Nachhaltigkeit im Lebensmittelbereich entstehen?
Unsere Ansicht nach ist die Digitalisierung ein Schlüssel zu mehr Transparenz, Nachhaltigkeit und Rückverfolgbarkeit. Die Produktionsketten in der Lebensmittelindustrie weisen von allen Branchen das niedrigsten Digitalisierungsniveau auf. Wir sehen attraktive und konkrete Investitionsmöglichkeiten in den Bereichen der künstlichen Intelligenz, Big Data, Sensoren und Blockchain-Anwendungen entlang der Lebensmittelkette.

Muss die Nahrungsmittelproduktion zur Bekämpfung von Lebensmittelmangel und Klimawandel sowie zur Erfüllung der Konsumbedürfnisse einer wachsenden urbanen Bevölkerung nicht völlig neu überdacht werden?
Die Regionalisierung und Relokalisierung der Nahrungsmittelproduktion ist auf dem Vormarsch und soll politische, gesundheitliche und makroökonomische Schocks wie Inflation und schwankende Rohstoffpreise besser abfedern. Darüber hinaus müssen die Veränderungen infolge der globalen Erwärmung antizipiert werden. Eine solche Transformation kann nur über einen mittel- bis langfristigen Zeithorizont und mit der Unterstützung technologischer Fazilitatoren erfolgen.

Welche Investitionsmöglichkeiten entstehen hierdurch?
Möglichkeiten gibt es viele. Für PeakBridge sind folgende Bereiche besonders interessant und entwicklungsfähig: alternative Systeme, die auf Präzisionslandwirtschaft, innovativen und proprietären Anbau- und Verarbeitungsprozessen beruhen oder Systeme ohne Bodenbearbeitung, alternative Proteine und neue Lebensmittel, die durch verschiedene Technologien wie Fermentation gewonnen werden, die Aufwertung von bisher wenig genutzten Lebensmitteln und die Bekämpfung der Lebensmittelverschwendung.

Welche Megatrends prägen die Nahrungsmittelindustrie?
Unsere Lebensmittelsysteme sind mit sechs grossen Herausforderungen konfrontiert: geopolitische Risiken, Nachhaltigkeitsrisiken, Bevölkerungswachstum und mangelnde Widerstandsfähigkeit der Nahrungsmittelketten, sich ändernde Verbraucheranforderungen in Bezug auf Gesundheit, Ernährung und CO2-Bilanz, Mangel an Finanzierungen für Innovationen und die fehlende Digitalisierung.
Diese Herausforderungen werden durch das aktuelle politische und wirtschaftliche Umfeld noch verschärft: steigende Preise für Energie und Agrarrohstoffe und eine drohende Unterbrechung von Lieferketten.

Welche Sektoren bieten in diesem Zusammenhang das grösste Potenzial?
Wir glauben, dass es fünf bisher kaum genutzte Sektoren oder Segmente mit Potenzial gibt, in denen Europa gegenüber den USA eindeutig einen Schritt voraus ist.
Erstens: innovative Zutaten. Die Herstellung optimierter Zutaten oder die Lösung bestehender Probleme wie z.B. Beschaffung, Qualität, Kosten, Nährwert- und Geschmacksprofil oder gesetzliche Bestimmungen.
An zweiter Stelle stehen Technologien für alternative Proteine: nachhaltige Alternativen zu tierischen Proteinen mit Schwerpunkt auf Fazilitatoren und technologisch differenzierenden Produkten.
Drittens sind Digitalisierung und Lebensmittelsysteme 4.0 mit Schwerpunkt auf der Transformation der Wertschöpfungsketten nach der Ernte ein strategisch wichtiges Segment für PeakBridge. Viertens können durch die Digitalisierung Probleme bei der Rückverfolgbarkeit, Sicherheit, Produktion und Verschwendung von Lebensmitteln gesteuert werden.
Uns interessiert die Schnittstelle zwischen Ernährung und Gesundheit, d.h. Verbesserungen in puncto ‚richtige Ernährung‘, Gesundheit und Wohlbefinden durch Produkte und Dienstleistungen mit nachweislichen Vorteilen.
Und schliesslich alternative landwirtschaftliche Systeme, die die Produktion von Nahrungsquellen neu definieren. Diese Systeme verändern die bestehende Anbaumethoden oder entwickeln Verfahren ohne Bodenbearbeitung, die eine unbedingte Notwendigkeit sind, wenn man aus den konventionellen landwirtschaftlichen Mustern ausbrechen und bisher wenig erforschte Zutaten anbauen will.

Erich Sieber ist einer der Gründer und Partner von PeakBridge, einer auf Foodtech spezialisierten Risikokapital-gesellschaft, die er 2017 mit Nadav Berger ins Leben gerufen hat. Sieber und Berger sind Pioniere für Investments in der Nahrungsmittel-industrie, da sie den ersten Fonds aufgelegt haben, der dieses Anlagethema besetzt. Als ehemaliger Partner des Innovationsfonds von Nestlé arbeitete Erich Sieber für das Weltwirtschaftsforum und das deutsche Finanzministerium.
Er besitzt einen Bachelor in Handel, Wirtschaft und Recht der Universität St. Gallen (HSG) einen dreisprachigen MBA der EAP-ESCP (Paris-Oxford-Berlin) und einen Master of Law (LLM) in Finanzrecht der Universität Genf.

Share: