Eine neue Epoche für unabhängige Vermögensverwalter

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Von Julien Froidevaux – Bank Piguet Galland

Mit dem Inkrafttreten von FINIG und FIDLEG, der stärkeren Rolle der Regulierungsbehörde, einem besseren Kundenschutz und anderen Faktoren, die das Entstehen neuer Akteure begünstigen, sind die Aussichten auf das Jahrzehnt 2020-2030 für unabhängige Vermögensverwalter besonders stimulierend. Julien Froidevaux, ein herausragender Spezialist dieses Sektors, sieht sie künftig im Aufwind. Eine Bestandesaufnahme.

Ein kurzer Blick auf die Zahlen: Den von der FINMA veröffentlichten Angaben zufolge haben sich per 30. Juni 2020 insgesamt 2’327 Vermögensverwalter und Trustees bei ihr gemeldet. Damit wird zum ersten Mal eine genaue „amtliche“ Gesamtzahl von einer zentralisierten Behörde veröffentlicht. Die Regulierungsbehörde verfügt nunmehr über eine umfassende Datenbank, die im Wesentlichen die letzten Schätzwerte von 2500-2600 Akteuren auf diesem Markt bestätigt.

Von dieser Gesamtzahl gaben 1’934 EAM und 272 Trustees an, bis Ende 2022 ein Bewilligungsgesuch einreichen zu wollen. Davon werden etwa 10 Prozent noch in diesem Jahr erfolgen, 30 Prozent 2021 und 60 Prozent 2022. 121 Strukturen wollen keinen Antrag auf Zulassung als Vermögensverwalter stellen. Das sind gerade einmal 5%.

Die geographische Aufteilung der Anträge zeigt, dass die Neigung zur traditionellen Vermögensverwaltung eher „romanischer“ Natur zu sein scheint. 35 Prozent der gemeldeten Antragsteller kommen aus der französischsprachigen, etwas über 10 Prozent aus dem Tessin und die restlichen 55 Prozent aus der deutschsprachigen Schweiz.

Der gesetzliche Status der Antragsteller – direkt unterstellte Finanzintermediäre, einer Selbstregulierungsorganisation angehörende unabhängige Vermögensverwalter oder Verwalter von kollektiven Vermögen – geht aus diesen Angaben nicht hervor. Man kann jedoch durchaus annehmen, dass eine überwältigende Mehrheit der in der Schweiz ansässigen derzeit existierenden EAM – abgesehen von ein paar Nachzüglern – sich vor Ablauf der Frist vom 30. Juni 2020 bei der Regulierungsbehörde gemeldet hat.

Bei einem optimistischen Szenario werden alle zu diesem Datum gemeldeten unabhängigen Vermögensverwalter ihr Bewilligungsgesuch bis Ende 2022 bestätigen. Wenn man alle neuen EAM hinzurechnet, die innerhalb dieses Zeitraums gegründet werden, könnte die Gesamtzahl der unabhängigen Vermögensverwalter sehr viel höher ausfallen als die derzeit festgestellte.

Wie sieht es jedoch aus, wenn – in einem völlig entgegengesetzten Szenario – eine wesentliche Anzahl von EAM bis Ende 2022 aufgeben muss? Diejenigen Vermögensverwalter, die es am eiligsten haben und bis 2020 oder 2021 eine Bewilligung erhalten wollen, werden die angegebenen Fristen sehr wahrscheinlich einhalten. Und von den 1’304 für 2022 angekündigten Strukturen werden höchstens 150 bis 300 ihre Zulassung nicht erneuern.

Falls erforderlich, könnten Unternehmenszusammenschlüsse in Betracht gezogen werden. Aber wer soll das arrangieren? Man wird nicht von heute auf morgen Tinder! In der Rolle der Trauzeugen und Blumenstreumädchen sind verschiedene Akteure möglich:
• Die Regulierungsbehörde in ihrer neuen zentralisierten Version und mit deutlich erhöhten qualitativen Anforderungen.
• Die Depotbanken, insbesondere die gros-sen Akteure mit ihren Geschäftsbeziehungen zu mehreren Hunderten von EAM (in der Schweiz und ausserhalb der Schweiz), die viele Booking Center bedienen.
• Die Selbstregulierungs- bzw. Aufsichtsbehörden und sonstigen Berufsverbände, die ihre Rolle festigen wollen und auf der Suche nach Wachstum sind.
• Die – manchmal ungebetenen – Überraschungsgäste, die wie Covid-19 hereinschneien.

Im Endeffekt sind es jedoch die Endverbraucher, die im Zentrum der Entscheidung stehen, je nach dem, was sich aus Nachlässen, neuen Generationen und sonstigen Vermögenserosionen ergibt.

Die staatliche Überwachung des Sektors, die seit Jahren von mehreren Akteuren der Branche verlangt wurde, sorgt für eine neue Glaubwürdigkeit. Der Verwirrung zwischen direkt unterstellten Finanzintermediären, von der FINMA gemäss dem Gesetz über gemeinsame Kapitalanlagen zugelassenen Vermögensverwaltern und den anderen unabhängigen Vermögensverwaltern, die bisher nur dem GwG verpflichtet waren, wurde ein Ende bereitet.

Der FINMA gebührt Dank dafür, wie sie den Prozess der Eingabe neuer Gesetze durch ihre Behörde gesteuert und die Bewilligungsgesuche mit aller erforderlichen Klarheit gestaltet hat. Dennoch bleibt für die Zukunft eine transparente Datenübermittlung zwischen Bern, den AO und den Depotbanken zu wünschen, um auf dem gesamten Markt eine einheitliche transparente Klassifizierung der EAM verwenden zu können.

Abgesehen von den Anforderungen, die sich auf das lupenreine Geschäftsgebaren der Strukturen und ihrer Leiter beziehen, wurden die Erwartungen hinsichtlich Ausbildungsniveau und standardisierte Kompetenzen ebenfalls angehoben. Mit Qualifikationen wie dem CWMA (Certified Wealth Management Advisor), Zertifizierungen durch zentrale Organisationen wie der SAQ (Swiss Asociation for Quality) und vor allem den Anforderungen zur Weiterbildung bei zahlreichen Berufsverbänden wird der Schweizer Finanzsektor in die Lage versetzt, den weltweit grössten Banken- und Finanzzentren in nichts nachzustehen.

Ein Trend zur ständigen „Versammlung“ der bedeutenden Akteure des Finanzplatzes ist ebenfalls zu beobachten, und zwar nicht nur bei den historisch gewachsenen Branchenverbänden wie der SAIFA (Swiss Association of Independent Financial Advisors) sondern auch bei den wichtigsten EAM selbst. Dies trifft zum Beispiel auf die Allianz Schweizer Vermögensverwalter zu. Diese Suche nach einer Standardisierung auf hohem Niveau trägt zudem zur Entstehung einer neuen Generation von talentierten und motivierten EAM bei, wodurch die Vielfalt an Finanzdienstleistern auf diesem Markt erhalten bleibt.

Folglich schreitet die Professionalisierung der Branche – und ihrer relativen Überwachung – kontinuierlich fort. Die Zeit der Verachtung („die EAM unterliegen keiner Regulierung“, „Das sind Cowboys“ usw.) ist damit vorbei. Zudem gab es im letzten Jahrzehnt ebenso wie im Jahrzehnt davor nicht mehr schwarze Schafe in diesem Beruf als bei den Finanzintermediären insgesamt.

Zudem soll daran erinnert werden, dass die zugrundeliegende Privatkundschaft weiterhin auf personalisierten Service Wert legt, das heisst auf Dienstleistungen, die Zeit und Energie kosten. Der persönliche Kontakt, selbst in virtueller Form, bleibt weiterhin sehr aktuell – Abstandhalten oder nicht.

Eine andere wesentliche Frage ist, wie viele Akteure in den künftigen Beraterregistern eingetragen sein werden und für welche Aufgaben. Bekannt ist, dass das Wahrnehmen von Verwaltungsmandaten und das Ausführen von Börsenaufträgen davon ausgeschlossen sind. Die Vielfalt der Akteure in dieser Kategorie tritt sehr deutlich zu Tage: Berater, Makler, Vertreiber, Fondsverwalter, Family Office, Treuhänder usw. Man kann übrigens annehmen, dass die Gesamtzahl der Mitglieder relativ hoch und potenziell höher ausfallen wird als die Zahl der zuvor identifizierten Vermögensverwalter. In jedem Falle wird die FINMA ebenso wie die Vermögensverwalter einen vollständigen zentralen Überblick über alle bewilligten Register und ihre jeweiligen Mitglieder haben.

Der Wettbewerb zwischen den Finanzdienstleistern wird sich weiter verstärken. Denn nichts deutet auf eine rückläufige Anzahl traditioneller Akteure, insbesondere von Banken, hin, und ebenso ist nicht mit dem Ausscheiden erfahrener Berater zugunsten kleinerer Strukturen, sei es aus wirtschaftlichen oder persönlichen Gründen, zu rechnen. Auch wenn das Geschäftsmodell EAM ganz klar Rückenwind hat, muss man sich fragen, wie die Zukunftsperspektiven aussehen. Um eine Parallele zum Corona-Lockdown zu ziehen: Wer hätte gedacht, dass in den letzten sechs Monaten das Home-Office eine solche Akzeptanz findet? Wer hätte mit den möglichen Auswirkungen auf den Immobilienpark der Unternehmen gerechnet?

In der kommenden Übergangszeit und mehr noch in 2022 ist die Haltung der FINMA besonders aufmerksam zu verfolgen. Mehr oder minder tolerant oder mehr oder minder anspruchsvoll in Grenzfällen? Dabei handelt es sich vor allem um Strukturen mit weniger als 4 Mitarbeitern, die über 50 Prozent der in der Schweiz ansässigen EAM stellen. Aus den Audit-Plänen für die dem FINIG unterliegenden Finanzintermediäre lassen sich bereits einige Anzeichen hinsichtlich der künftigen Prioritäten der Regulierungsbehörde ablesen.

Und wie steht es mit den Aufgaben der Depotbanken? In Sachen Mitteilung der indirekten Vergütungen lassen die neuesten Gesetze keinerlei Zweifel an der notwendigen Transparenz gegenüber den Endkunden aufkommen. Wie werden sich die Depotbanken verhalten, wenn die Endkunden den Service mehrerer Finanzdienstleister in Anspruch nehmen?

Und wird bei obligatorischer Archivierung der Transaktionen, verfügbaren Analyseinstrumenten und eventuell von der Bank selbst geleisteter Beratung die Nichthaftung der Bank hinsichtlich der Kontenverwaltung am Ende noch haltbar sein? Und schliesslich wird der deutliche Trend zur Digitalisierung der traditionellen Vermögenswerte – sowohl in Bezug auf den Vertrieb als auch auf die Verwahrung – mit Sicherheit zu einer veränderten Rolle der Depotbanken führen. Hinzu kommt als logische Folge eine grössere Bedeutung der Kundenbeziehung, und zwar für die EAM wie auch für ihre Kunden, damit der positive Kreislauf der Dreiecksbeziehung, die den Beruf kennzeichnet, erhalten bleibt.

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