Energie: massive Verwerfungen und geringe Transparenz

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Von Léonard Dorsaz, Head of External Fund Selection, Banque Piguet Galland

Der Energiemarkt verzeichnet seit Jahresbeginn 2022 heftige Verwerfungen. Vor einem Jahr waren die Auswirkungen der Energiewende für eine nachhaltigere Welt Thema Nummer eins. Damals war alles noch recht einfach. Seither hat der russische Einmarsch in die Ukraine im Frühjahr und die im Sommer einsetzende Konjunkturabschwächung einen Sektor in Bedrängnis gebracht, der sich das sicherlich gerne erspart hätte.

Doch es gibt auch Gewinner: Kohle ist einer der grossen Nutzniesser dieser Verwerfungen. Die meisten Volkswirtschaften hatten den schnellen Ausstieg aus der Kohle zwar schon beschlossen, doch mittlerweile steht sie wieder im Mittelpunkt und ihr Preis hat sich seit Jahresbeginn verdreifacht. Da Kohle im Überfluss vorhanden ist, sich leicht abbauen und transportieren lässt, ist sie kostengünstiger und somit attraktiver als andere Lösungen. Einige Schwellenländer waren die ersten, die ihren Kohleverbrauch hochfahren wollten, aber viele andere Regierungen (auch in Europa), haben die Tür für eine vorübergehende Erhöhung des Kohleeinsatzes in diesem Winter ebenfalls geöffnet – trotz des hohen Preises für die Umwelt.

Erdgas ist in diesem Jahr ebenfalls stark gefragt, wobei die geografischen Diskrepanzen hoch sind. Der Boom von „liquid natural gas“ (LNG) schürt die Hoffnung auf die Entstehung eines globalen Marktes, doch dies ist aufgrund der unzureichenden Entwicklung der Infrastruktur derzeit noch nicht möglich. LNG ist die einzige Möglichkeit, Gas über grosse Entfernungen ohne Pipelines zu transportieren.  Der Preis auf dem Hauptmarkt für LNG in den USA kann sich dank der hohen witterungs- und exportbedingten Nachfrage gut behaupten.

Die Exporte sind stark gestiegen, obwohl sie aufgrund der mangelnden Infrastruktur, die der Nachfrage nicht nachkommen kann, noch immer beschränkt sind. Daher kostet Gas in Asien fünfmal so viel und in Europa sechsmal so viel wie in den USA, da sich Europa nicht mehr auf billige russische Importe verlassen kann. Diese hohen Preise schlagen allmählich auf die Nachfrage durch, da die Industrie ihre Produktion drosselt, die bei diesen Preisen nicht mehr rentabel ist. Dieser Nachfragerückgang lässt hoffen, dass Europa trotz anhaltend hoher Preise einen Winter ohne Energieknappheit erlebt und diese Befürchtungen somit im nächsten Sommer nicht wieder aufkommen. Aus diesen Gründen bleiben wir bei unserer vorsichtigen Haltung in Bezug auf diesen Markt, denn er bleibt aufgrund seiner starken Abhängigkeit von geopolitischen Ereignissen und Witterungsbedingungen voraussichtlich sehr volatil. Mit anderen Worten: dieser Markt sollte Spezialisten vorbehalten bleiben.

Für Enttäuschung sorgte im Sommer der Ölpreis, der wieder auf das Niveau vor dem Ukraine-Krieg gesunken ist. Nach dem Anstieg des Ölpreises bis Mai verteuerten sich seine Derivate wie Benzin und Heizöl aufgrund der begrenzten Raffineriekapazitäten erheblich. Diese Entwicklung löste einen Rückgang der Nachfrage aus, die den gesamten Ölkomplex belastete. Wir sind davon überzeugt, dass die US-Wirtschaft trotz der geldpolitischen Straffung der Zentralbank nicht in eine Rezession abgleiten wird, und dass das Abwärtsrisiko für Öl mittlerweile deshalb eher überschaubar sein dürfte. Sobald sich das Wirtschaftswachstum stabilisiert, wird das Aufwärtspotenzial von Öl umso grösser sein.

 

Léonard Dorsaz ist bei der Bank Piguet Galland, wo er seine berufliche Laufbahn vor fast zwanzig Jahren begann, für die Fondsauswahl verantwortlich. Er ist Mitglied des Anlageausschusses der Bank. Dorsaz hat sich als Analyst und Fondsmanager auf die Verwaltung alternativer Fonds spezialisiert. Er verwaltet den alternativen Dachfonds Piguet Strategy Opportunity Fund. Léonard Dorsaz hat an der Universität Genf einen Master in Mathematik erworben. Darüber hinaus ist er CIIA-Charterholder.

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