Erfolgreicher Neustart: Hedgefonds

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Von Cédric Dingens, Head of Investment Solutions & Alternative Investments, Notz Stucki & Cie

Nach der Finanzkrise von 2008 hatte man die Hedgefonds angesichts des Vormarschs von neuen Indexprodukten, der Technologie-Giganten, von Private Equity und Kryptowährungen bereit totgesagt. Doch nach  einer Verjüngungskur und einem kräftigen Lifting meldeten sie sich im Jahr 2020 zurück, stärker als zuvor.Wir kommentieren hier diese Entwicklung.

Die alternative Vermögensverwaltung hat aus ihrer langen Durststrecke gelernt und sich von Grund auf neu erfunden. Innovativ aus Tradition, hat die Branche auf mehr Transparenz und Disziplin gesetzt und verzeichnet ein verwaltetes Vermögensvolumen in Rekordhöhe, was einmal mehr bestätigt, dass talentierte Manager den Ausschlag geben.

Zum Zeitpunkt der Finanzkrise mussten Hedgefonds massive Mittelabflüsse hinnehmen. Zwar war ihre Performance im Jahr 2018 mit durchschnittlich -18 Prozent alles andere als katastrophal (Dow Jones und S&P 500 sackten um 34 bzw. 38 Prozent ab); dennoch waren einige unerfahrene und schlecht informierte Investoren erstaunt, denn sie hatten erwartet, dass sie mit ihrem Absolut-Return-Ziel und ihrem asymmetrischen Risikoprofil immun seien gegen Verluste. Ein Handicap für Kunden war vor allem, dass einige Fonds Anteilsrücknahmen ausgesetzt hatten, denn durch die Diskrepanz zwischen der Liquidität ihrer Anlagestrategie und den angebotenen Rücknahmebedingungen für ihre Investoren waren sie in schweres Fahrwasser geraten. Entsprechend sank das verwaltete Vermögen der Hedgefonds von 2,65 Billionen US-Dollar Ende 2007 auf 1,83 Billionen Ende 2008.

Diese Abkehr der Investoren löste eine tiefgreifende Konsolidierung in der Branche und zahlreiche Schliessungen von Fonds und Hedgefonds-Gesellschaften aus. Für viele Vermögensverwalter, die sich opportunistisch und häufig erst spät auf diese Strategien verlegt hatten, bedeutete dies ein Abschied ohne Wiederkehr.

Nachfrageseitig haben die Vorschriften in Bezug auf die Eignung der Anlagen – der berühmte „Suitability“-Grundsatz – zahlreiche Banken davon abgehalten, alternative Fonds in ihre Kundenportfolios aufzunehmen.

Diese lange Durststrecke hatte jedoch nicht nur Nachteile. Sie war für die Akteure der Branche der Anlass für eine grundlegende Infragestellung. Nach der Überheblichkeit des schnellen Geldes kam das Mea Culpa der Branche, die daraufhin ihre Vorgehensweise überdachte. Inzwischen setzt sie auf erheblich grössere Transparenz ihrer Anlagen und ihrer Prozesse. Zudem haben zahlreiche Hedgefonds-Manager die Lockerungen der europäischen Rechtsvorschriften genutzt und sind von Offshore-Finanzzentren in solidere Gerichtsbarkeiten umgezogen, um OGAW-Produkte aufzulegen. Darüber hinaus und generell haben die meisten Fonds ihre Rücknahmebedingungen an die Liquidität ihrer Anlagen angepasst. Auch die Depotbanken und andere Dienstleister haben ihre operativen Abläufe verbessert, um Engpässe oder Schwächen im  Risikomanagement zu vermeiden. Die Investoren haben ihrerseits die Due Diligence-Verfahren verstärkt.

Als Ergebnis dieser langen Sanierungsarbeiten ist das Anlegervertrauen zurückgekehrt, was sich langsam aber sicher im steigenden Vermögensvolumen niederschlägt. Bereits 2014 wurde der Stand von 2007 überholt – das gesamte, von Hedgefonds verwaltete Vermögen hat sich seit 2008 verdoppelt und verzeichnet inzwischen ein Volumen von 3,8 Billionen US-Dollar.

Nach eingehender Analyse muss aber auch auf die ungerechtfertigten Erklärungen eingegangen werden, die in der Regel vorgebracht wurden, um das relative Desinteresse an Hedgefonds zu begründen, so zum Beispiel die im Vergleich zu früher enttäuschende Entwicklung ihrer Performance.

Fest steht, dass es angesichts des ununterbrochenen Bullenmarkts, den wir seit 11 Jahren erleben, bisher praktisch unmöglich gewesen ist, mit Aktien gleichzuziehen, vor allem nicht mit Techaktien. Um sich eine fundierte Meinung zu bilden, muss man jedoch vergleichen, was vergleichbar ist. Besser wäre es, die jüngste Performance von Hedgefonds mit den Renditen zu vergleichen, die sie zu ihren besten Zeiten erzielt haben. Einer aktuellen Analyse von BCV zufolge schneiden Hedgefonds-Manager nicht schlechter ab als zuvor, da die Gesamtrendite einer Anlage aus zwei Komponenten besteht: dem risikolosen Zinssatz und der Risikoprämie, die das zusätzliche Risiko des Investors vergütet. Die durchschnittliche Jahresperformance von Hedgefonds im Zeitraum von 2009 bis 2020 (+4,2 Prozent) war zwar niedriger als zwischen 1990 und 2020 (+ 6,5 Prozent). Doch dies ist hauptsächlich dem Rückgang des risikolosen Zinssatzes zuzuschreiben, der von 2,7 auf 0,5 Prozent gesunken ist. Tatsächlich blieb der Mehrwert der Fondsmanager im Zeitraum von 2009 bis 2020 stabil bei 3,7 Prozent. In den 30 Jahren zuvor lag er bei 3,8 Prozent.

Doch der echte Mehrwert alternativer Fonds besteht in der Fähigkeit ihrer Manager, das Anlegerkapital in Baissephasen zu schützen, also Gewinne zu erzielen, wenn andere Anlagen auf Talfahrt gehen. Voraussetzung hierfür sind lange Baissephasen oder hohe Volatilität. Andernfalls sind Hedgefonds so nützlich und teuer wie eine Hochwasserversicherung in einer Dürreperiode. 2020 hat uns die beispiellose Gesundheitskrise in dramatischer Weise vor Augen geführt, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen.

Nach fetten Jahren mit einer Explosion der Index-Produkte und dem Eindruck, dass jedermann auf seinem Sofa per Smartphone investieren kann, ist die Bühne nun wieder frei für die Alpha-Generierung und für aktive Manager. Historische „Macro“-Fonds verzeichneten folglich ein spektakuläres Jahr – zu den grossen Gewinnern gehört Brevan Howard mit einem Plus von 100% im Jahr 2020. Auch die Sektorrotation und die hohen Performance-Diskrepanzen einzelner Aktien veranschaulichten einmal mehr die Bedeutung von Long/Short-Strategien.
Angesichts des Inflationsgespenstes, das wegen rekordverdächtiger Wachstumsraten und einer programmierter Normalisierung der Geldpolitik wieder umhergeht, ist 2021 mit einer höheren Marktvolatilität zu rechnen. Diese kann den Hedgefonds einen nachhaltigen Schub verleihen.

Wie ein Phönix, der sich aus seiner Asche erhebt, ist die Branche ein Innovationslabor, das sich ständig neu erfinden kann, da ihre Manager für ihre Suche nach neuen Alphaquellen freie Hand haben. Die vor nunmehr 50 Jahren erfundenen und seither perfektionierten Absicherungstechniken und Derivate- und Arbitragestrategien gehören in der Vermögensverwaltung inzwischen zum Alltag, so dass Hedgefonds-Manager nach immer neuen Finanztechniken und derivativen Finanzinstrumenten Ausschau halten. Mal opportunistisch, doch immer extrem reaktionsschnell, passen sie sich an geänderte Marktgegebenheiten und neue Trends an. Sie nutzen den Private Equity-Boom und investieren in besonders liquide Segmente wie Mezzanine-Darlehen oder Privatplatzierungen im Vorfeld von Börsengängen. Darüber hinaus reiten sie die SPACs- und Kryptowährungswelle – die meisten investieren inzwischen immer grössere Teile ihrer Portfolios in diese Instrumente.

Ein weiterer Megatrend im Hedgefonds-Management ist der Vormarsch Asiens und Chinas. Nach ihrem Aufkommen in den USA und ihrer Verbreitung in Europa werden Hedgefonds in Asien, vor allem in China, immer beliebter. Die Zahl der lokal verwalteten Fonds ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen und belief sich Ende 2020 auf ein Volumen von über 150 Milliarden US-Dollar. Diese Zahl ist im Vergleich zu den mehr als 2,5 Billionen US-Dollar, die in den USA verwaltet werden, zwar noch bescheiden, dürfte aber rasch steigen. Zum einen ist diese Region der grosse Gewinner der Covid-Krise und dürfte deshalb ein hohes Wirtschaftswachstum verzeichnen, zum anderen werden die Finanzmärkte der Region reifer und besser zugänglich. Zur Finanzialisierung der Wirtschaft sind mittlerweile moderne Finanzinstrumente wie Derivate oder Leerverkäufe verfügbar, sogar in Festlandchina. Sie sind die Basis für ein breites Spektrum alternativer Strategien.

Dieser Überblick über alternative Fonds wartet jedoch abschliessend noch mit einer Überraschung auf. Während bisher die Meinung vorherrschte, dass diese Piraten der Finanzwelt nur auf schnelle Gewinne und skrupellose Bereicherung aus sind, entdecken sie nun ihr Gewissen und berücksichtigen für ihre Strategien sogar Nachhaltigkeitskriterien! Und dieses Phänomen ist mitnichten nur eine Randerscheinung in Europa, denn 52 Prozent der Hedgefonds mit einem Vermögensvolumen von über einer Milliarde haben bereits die UN-PRI-Prinzipien für verantwortliches Investieren unterzeichnet.

Die neue Tugendhaftigkeit hat aber einen sehr konkreten Ursprung im Gewinnstreben, denn zahlreiche Studien haben nicht nur gezeigt, dass nachhaltige Unternehmen bessere Ergebnisse erzielen, sondern auch, dass Nachhaltigkeit bei Anlegern gefragt ist.

Es wäre ein Fehler, diese Chance nicht zu nutzen, wenn man sich das Beispiel von Christopher Hohn, dem aktivistischen Manager des Children’s Investment Fund ansieht, der sich gegen die Klimaerwärmung engagiert. Sein 42 Milliarden Dollar schwerer Fonds verzeichnete 2020 im zwölften Jahr in Folge eine positive Performance von 14 Prozent, und dies nach einem Plus von 41 Prozent im Jahr 2019. Das ist, gelinde gesagt, beeindruckend.

Cédric Dingens kam 2002 zu Notz Stucki. Er ist Leiter der Abteilung „Investment Solutions & Institutional Clients“. Als Mitglied des Asset-Allokations-Ausschusses und des Portfolio Management & Hedge Fund Selection-Teams überwacht er ferner den Bereich Alternative Investments. Cédric Dingens begann seine berufliche Laufbahn 2001 bei der Banque du Luxemburg. Ein Jahr später wechselte er als Portfoliomanager zu Notz Stucki in Luxemburg. Hier entwickelte er den internen Rahmen für das quantitative Risikomanagement und wurde 2010 Leiter des Risikomanagements in Genf. 2016 stieg er in seine derzeitige Position auf.Er verfügt über einen Abschluss in quantitativem Finanzwesen der École Nationale Supérieure des Mines de Nancy (Frankreich) und ist Chartered Alternative Investment Analyst (CAIA).

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