„Es muss ein Umfeld geschaffen werden, das den Wettbewerb stärker fördert“

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Von Jérôme Sicard – Fotos: Karine Bauzin

In den Bereichen europäische Small Caps, asiatische Aktien und Infrastrukturanlagen hat sich Quaero Capital in den letzten Jahren als eines der attraktivsten Boutique-Unternehmen des Sektors etabliert. Generaldirektor Jean Keller möchte sein Angebot auf einem Markt, auf dem aus seiner Sicht mehr Wettbewerb herrschen sollte, jedoch noch mehr in den Vordergrund stellen.

Wie etabliert man in einem unter extremem Wettbewerbsdruck stehenden Asset Management-Universum erfolgreich eine Boutique?
Jean Keller: Grundsätzlich möchte ich betonen, dass es auf dem Schweizer Markt durchaus möglich ist, eine erfolgreiche Asset Management-Boutique aufzubauen, auch wenn die Rahmenbedingungen nicht immer ideal sind. In den letzten zehn Jahren haben sich bekannte Marken mit Erfolg etabliert. Ich denke da beispielsweise an Fisch, Unigestion, Decalia, Atlantic Omnium, Dominicé und LT Funds in Genf, mit Jean-Pascal Rolandez. Dazu gehören unter anderem auch Partners Group und Mirabaud Asset Management.
All diese Manager haben eine Gemeinsamkeit: Sie haben Jahr für Jahr ihre Fähigkeit zur Generierung von Performance mit einer auf Glaubwürdigkeit und Regelmässigkeit basierenden Performance unter Beweis gestellt. Diese beiden Begriffe – Glaubwürdigkeit und Regelmässigkeit – sind mir wichtig. Glaubwürdigkeit, damit Ihre Kunden oder potenzielle Neukunden nicht denken, dass Sie lediglich von einem vorübergehenden Markttrend profitiert haben. Regelmässigkeit, weil Ihre Performance unweigerlich Höhen und Tiefen unterliegt, Ihre Kompetenzen jedoch nur über längere Zeiträume zum Tragen kommen. Bescheidenheit ist oberstes Gebot in unserem Metier. Wir streben entweder die grösstmögliche Rentabilität mit einem gegebenen Risikoniveau oder die Minimierung der Risken an, denn unsere Tätigkeit besteht eher darin, Fallstricke und Fehler zu vermeiden, statt vereinzelte Wetten auf ein günstiges Investment zu gewinnen.

Braucht man eine Nischenstrategie, um sich am Markt durchsetzen zu können?
Natürlich ist es deutlich einfacher, sich mit einer Nischenstrategie vom Gros abzuheben und sich unter den zehn Besten von 1.000 zu positionieren. Derzeit werden 2.600 Fonds für europäische Large Caps angeboten. Da herrscht ein extremer Wettbewerb. Quaero bietet unter anderem eine Strategie für europäische Micro Caps an. In diesem Segment können Sie die Manager wohl an einer Hand abzählen. Es stimmt wohl: Die Nische bietet Vorteile, doch ausschlaggebend ist letztendlich die Art und Weise, wie man sie nutzt. Wir hoffen jedenfalls, dass dies dem Bild entspricht, das die Kunden von Quaero haben.

Wie meinen Sie das?
Das Erfolgsgeheimnis einer Boutique wie Quaero ist ein antizyklischer Contrarian-Ansatz, das heisst Anlagen in Titel, die gerade nicht in der Gunst des Marktes stehen. Neugier ist auch ein sehr wichtiger Faktor. In unserem Micro Caps-Fonds befinden sich polnische Unternehmen mit europäischer Dimension, die mit einem KGV von unter zehn gehandelt werden. Gleichzeitig müssen Sie das Doppelte für vergleichbare Unternehmen auf den Tisch legen, nur weil sie in Deutschland ansässig sind.
Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass wir bei Nischenunternehmen ausschliesslich opportunistisch investieren. Diese Unternehmen interessieren uns, weil wir uns als Value-Manager definieren. Wir wissen, wie man ihre Ineffizienzen nutzen kann. Tatsächlich sind wir mit jenen Antiquitätenhändlern vergleichbar, die lieber auf dem Flohmarkt in der Provinz herumstöbern, weil sie eine Louis XVI-Kommode hier günstiger erwerben können als auf einer Versteigerung bei Drouot!

Bereitet Ihnen die Konzentrationsdynamik im Asset Management-Sektor und der Vormarsch der Majors Sorge?
Grosse Sorge. Für die Welt der Vorsorge kann das nur von Nachteil sein. Wenn nur wenige Akteure ihre Dominanz ausspielen, sinken Wettbewerbsfähigkeit und Performance um einige Basispunkte. Und ein Basispunkt von 850 Milliarden Altersvorsorgekapital sind immerhin 85 Millionen – das summiert sich schnell! Auch ist festzustellen, dass die Produktqualität in Industrien oder Sektoren, die sich zu Oligopolen verdichten, leidet. Natürlich gibt es Majors, die ihre Arbeit gut machen, doch es gibt andere, die sich auf ihren Gewinnen ausruhen, statt sich auszuschütten. Ich glaube, dass die Plattformen heute als eine öffentliche Dienstleistung betrachtet werden sollten, die kleine Akteure nicht ausschliessen dürfen.

Wie erreicht man das?
Es muss ein Umfeld geschaffen werden, das den Wettbewerb stärker fördert. Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole und vielleicht etwas nerve: Wenn man eine Strategie für einen Finanzplatz verfolgt, muss man zuerst ein Platzsorge haben. Diesbezüglich erwarte ich viel mehr von der Asset Management-Plattform der SBVg und der SFAMA. Es fehlt dringend an Initiativen, um die besten Schweizer Vermögensverwalter stärker in den Vordergrund zu stellen. Wir brauchen ein geeignetes Forum, auf dem wir etwa unsere eigenen Fonds präsentieren können.
Auch müssen wir mehr gegenseitiges Vertrauen schaffen. Michel Dominicé brachte es so treffend auf den Punkt: Anleger wählen lieber das Flugzeug als die Strassenbahn, wenn es um ihren Vermögensverwalter geht! Das stimmt zu einhundert Prozent und ist so frustrierend! Wenn Lombard Odier das beste Produkt für Wandelanleihen bietet, warum soll Pictet seinen Kunden nicht lieber dieses Produkt anbieten, statt Blackrock, Pimco und andere? Nochmal: Es gibt hier in der Schweiz sehr gute Produkte, doch sie werden nicht ausreichend beworben und zur Geltung gebracht.

Welche Erfolgsrezepte haben Sie von Ihrer Tätigkeit bei Syz für Quaero mitgenommen?
Vor allem das Governance-System. Das dort angewendete System nehme ich sehr oft als Referenz. An der Spitze der Gruppe standen drei Co-Aktionäre, denen es gelungen war, ein sehr konsensbasiertes und positives Arbeitsklima zu schaffen, in dem die Entscheidungen einstimmig getroffen wurden. Quaero hat den gleichen Modus gewählt: Wir sind fünf Co-Aktionäre und treffen unsere Entscheidungen teambasiert – ganz wie bei Syz. Auf diese Weise werden neue Ideen leichter geboren, als wenn nur ein einziger Dirigent den Ton angibt. (Dieses Bild liegt mir aus verständlichen Gründen näher).

Durch welche Leuchtturmkompetenzen zeichnet sich Quaero aus?
Quaero umfasst drei Kernkompetenzen. Erstens: Europäische Small Caps, für die wir unterschiedliche Strategien umsetzen. Zweitens: Infrastrukturinvestments, für die wir inzwischen ein sehr glaubwürdiger Ansprechpartner sind. Drittens: Asiatische Aktien, da wir mit dem japanischen Markt bestens vertraut sind.

Welche Kundensegmente bevorzugen Sie?
Institutionelle Investoren, wobei wir uns auf Pensions- und Stiftungsfonds konzentrieren, die derzeit die Hälfte unserer Kunden repräsentieren. Die andere Hälfte besteht aus Privatbanken und unabhängigen Vermögensverwaltern.

Mit welchen Entwicklungsschienen wollen Sie Ihr Wachstum sichern?
Fest steht, dass wir uns nicht verzetteln werden, indem wir in verschiedene Richtungen lospreschen. Allerdings verfolgen wir keine festen Strategien mit unseren Produkten. Wir bevorzugen Strategien mit Personen. Das bedeutet, dass wir talentierte Manager mit Out-of-the-Box-Mentalität aufspüren und sie in ein Arbeitsumfeld einbinden, in dem das grosse Ganze im Vordergrund steht, nicht die Summe aller Teile. Wir haben uns nicht auf Infrastrukturinvestments verlegt, weil wir beschlossen haben, dass dies eine starke Entwicklungsschiene ist. Wir haben damit begonnen, weil wir den richtigen Leuten begegnet sind, mehr oder weniger per Zufall – in der Wartehalle eines Flughafens! Das war 2014. Fünf Jahr später verwalten wir einen Fonds mit einer Obergrenze von 250 Millionen Franken und haben einen zweiten mit einem Zielvolumen von 600 bis 650 Millionen Franken aufgelegt.

Für welche Anlagethemen sehen Sie derzeit die besten Aussichten?
Alfred Marshall, der Professor von Keynes in Cambridge, hat uns eine aussergewöhnliche Definition von Wirtschaft geliefert, die Wirtschaft als „die Untersuchung des Menschen in seinen gewöhnlichen Lebensverrichtungen“ begreift. Dieses tägliche Leben gibt derzeit angesichts des zunehmenden Populismus und des Rückzugs in die Selbstbezogenheit jedoch Anlass zur Sorge. Wenn wir diese Schwierigkeiten überwinden und wohlwollend neue Mächte wie China und Indien in die Gemeinschaft der Nationen aufnehmen, dann leisten wir damit sicherlich einen Beitrag zu einer besseren Welt. Dies würde bedeuten, dass die Schwellenländer ihre Entwicklung fortsetzen, wodurch günstige Anlagemöglichkeiten für Manager und Anleger entstehen.
Abgesehen von den Schwellenländern glaube ich zudem, dass Infrastruktur noch lange ein sehr wichtiges Anlagethema bleibt.

Was würden Sie Portfoliomanagern für ihre Allokationsentscheidungen empfehlen?
Auf jeden Fall würde ich ihnen raten, sich verstärkt mit lokalen Produzenten zu beschäftigen. „Swiss inside“ ist ein echter Wertschöpfungsfaktor. Ansonsten würde ich ihnen empfehlen, ihre Selektionstätigkeit zu verfeinern und nicht dem Irrglauben anheim zu fallen, dass nur die grossen Fonds Performance schaffen. Wissenschaftliche Studien beweisen eher das Gegenteil. Natürlich wird keinem Wealth Manager vorgeworfen, bei BlackRock oder Fidelity zu investieren, doch wenn er höhere Renditen erzielen will, muss er sein Jagdgebiet ausweiten. Diversifikation ist und bleibt eben ein Erfolgsfaktor.

 

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