Flexibilität ist das Gebot der Stunde

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Von Christian Bauer, Leiter der Niederlassung, Reyl Intesa Sanpaolo, Zürich

Die einst beliebte Anlagestrategie «Kaufen und Halten» ist möglicherweise nicht mehr zeitgemäss. Die Anleger müssen sich schneller anpassen. Die steigende Inflation, hohen Aktienbewertungen und zunehmende Volatilität werden daher 2022 Chancen für dynamische Investmentmanager bieten.

Die Bedingungen für aktives Anlagemanagement sind dieses Jahr günstig: Die gestiegenen Inflationsraten werden hoch bleiben, auch wenn sich die aktuellen Lieferengpässe weiter entspannen werden. Die steigende Inflation verringert tendenziell die Diversifizierungsvorteile eines Portfolios. Kommt hinzu, dass 2022 weltweit mit sehr hohen Aktienbewertungen beginnt: Das Tech-Unternehmen Apple zum Beispiel hat im Januar 2022 erstmals einen Börsenwert von 3000 Milliarden US-Dollar erreicht und damit ein Rekordwert für Unternehmen geschaffen. Das ist im Vergleich viermal mehr als der Wert des Schweizer Bruttoinlandprodukts (BIP). Bei den weltweit Top100-Unternehmen nach Börsenwert liegt der ungewichtete Mittelwert und Bewertungsdurchschnitt für 2022 bei einem KursGewinn-Verhältnis (KGV) von 31,5. Das ist deutlich über dem langfristigen Schnitt, das mit dem 18-fachen Gewinn rechnet.

Volatilitat eröffnet Chancen

Natürlich ist es wichtig, überzeugt zu sein. Eine Auswahl von Aktien nach der «High-Nonfiction»-Strategie kann zielführend sein. «High Nonfiction» ist ein fokussierter Managementstil mit einer klaren Anlagephilosophie, die sich in konzentrierteren Portfolios mit längerer Haltedauer ausdrückt. Aber Überzeugung ist oft schwer fassbar. Deshalb ist es ebenso wichtig, sich neu positionieren zu können. Angesichts des derzeitigen Umfelds ist jetzt nicht unbedingt der richtige Zeitpunkt, um passiv zu investieren. Aktives Investieren ist sogar noch attraktiver geworden, da die Volatilität im Allgemeinen grössere Chancen bietet. In der Zeit der Konjunkturbelebung und der lockeren Geldpolitik war es aus Sicht der Vermögensallokation und der Aktien in Ordnung, passiv zu investieren. Passive Anlagen waren eine gute Strategie und Investoren konnten von den steigenden Märkten des letzten Jahrzehnts profitieren. Anlageklassen wie Aktien und Immobilien verzeichneten einen stetigen Aufwärtstrend. Wenn es Volatilitätsschübe gab, kamen meist die Zentralbanken zu Hilfe – und die Investoren konnten bei einem Kurseinbruch dazukaufen. Wer weiterhin passiv investiert, konnte seine Ziele am Ende jedoch verfehlen: In den nächsten fünf Jahren fallen die Markterträge vermutlich deutlich niedriger aus als bisher. Wie sieht es aus, wenn die Zinsen eher steigen als fallen? Was geschieht, wenn wir in Zukunft ein volatileres Umfeld haben, weil die Zentralbanken aufgrund der höheren Inflation nicht mehr so entgegenkommend sein können? Die steigende Inflation und die stetige Verringerung der Stimulierungsmassnahmen (Tapering) führen zu einem potenziellen Wendepunkt. Die alten Muster haben sich verändert. Wenn Anleihen und Aktien positiv korrelieren, werden die Anleihen nicht mehr so gute defensive Eigenschaften haben wie in der Vergangenheit.

Aktiv werden

Hohe Renditen sind auf dem Kapitalmarkt nur noch schwer zu finden. Und die Aussicht en sind ernüchternd: Alle wichtigen Anlageklassen von Aktien über Anleihen bis hin zu Sachwerten werden wahrscheinlich niedrigere Renditen als in den letzten 30 Jahren abwerfen. Die Aktienrenditen dürften in den nächsten Jahren vor allem durch das Wachstum der Unternehmensgewinne und Dividenden und weniger durch technische Faktoren bestimmt werden. In einem solchen Umfeld wird ein aktiver Ansatz bei der Vermögensallokation immer wichtiger. Er erfordert sowohl klare Überzeugungen als auch die Bereitschaft, das eigene Denken zu überdenken, wenn sich die Marktdynamik weiterentwickelt. Wir bevorzugen weiterhin Fonds, die nicht mit den traditionellen Anlageklassen korreliert sind. Vor dem Hintergrund erhöhter Volatilität, unsicherer Märkte und erhöhter inhärenter Risiken weisen die von uns bevorzugten Teilstrategien mindestens eines der folgenden Merkmale auf: Diversifizierung, Handelsansatz, Fokus auf Liquidität, Relative-Value-Stil, Suche nach idiosynkratrischen Chancen, Streuung und Konvexität. Viele dieser Alternativen haben in der Vergangenheit eine geringe Korrelation zu Aktienkursbewegungen gezeigt und sollten daher die Volatilität dämpfen.

 

Christian Bauer begann seine Bankkarriere 1997 bei der Credit Suisse in Zürich, wo er bis 1999 tätig war. Danach wechselte er zur Dresdner Bank. 2003 wurde er Private Banker bei der Bank Leumi (Schweiz), wo er Erfahrungen in der Betreuung internationaler Kunden sammelte. 2006 wechselte er zu ABN AMRO Private Banking (Schweiz), wo er für die englischsprachigen Länder, Westeuropa und den israelischen Markt verantwortlich war. Als ABN AMRO Schweiz 2011 von der Union Bancaire Privée übernommen wurde, wurde er Managing Director bei UBP Zürich und betreute weiterhin die gleichen Regionen. 2014 wechselte er zu Reyl & Cie und wurde im Mai 2021 Leiter der Niederlassung Zürich.

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