Francisco Fernandez, Avaloq: «Regulierung und Steuersysteme sind Barrieren für die GAFA»

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Von Jérôme Sicard – Fotos: Juerg Kaufmann

Für Francisco Fernandez, der seit langem bei Avaloq die Digitalisierung vorantreibt, ist die Zurückhaltung von Google, Amazon, Facebook und Co. im Bereich Finanzdienstleistungen durchaus verständlich. Infolge der strengen regulatorischen Anforderungen auf nationaler Ebene sind der Skalierung auf internationaler Ebene Grenzen gesetzt. Das sollten Banken nutzen, um ihren Rückstand im Bereich Kundenerfahrung aufzuholen. Eine absolute Priorität.

Da die GAFA (Google, Amazon, Facebook und Apple) alle Sektoren zwingen, sich neu zu erfinden, sollten Banken ihre digitale Transformation nicht entschiedener vorantreiben?
Jede Branche muss die Umstellung nach ihrem eigenen Tempo vorantreiben, denn jede Branche unterliegt auch ganz eigenen Bedingungen. Im Bankensektor ist der digitale Wandel in vollem Gange, soviel ist sicher. Vier grosse Themen sollten jede Bank beschäftigen: Künstliche Intelligenz, Cloud, Blockchain mit der Digitalisierung von Assets sowie Cybersecurity. Es ist klar, dass sich der Finanzsektor für grundlegende Umwälzungen wappnen muss. Und er hat diese Herausforderungen bereits in Angriff genommen. Manche Beteiligten bezeichnen dies als Disruption. Ich finde „fundamentaler Wandel“ passender.

Sind die Banken in der Lage, ihre Umstellung zu beschleunigen?
Banken sind in einer informationsverarbeitenden Branche. Daher ist Digitalisierung eine Chance, wenn sie erkannt wird. Das Problem ist die Legacy-Falle, die ein immenser Kostentreiber ist und kaum Spielraum für Veränderung lässt. Banken haben natürlich verstanden, dass sie nun mit einem verschärften Wettbewerb konfrontiert sind. Nehmen wir beispielsweise Amazon mit seiner extremen Kundenfokussierung und der sehr hohen Personalisierung, die erst dank Digitalisierung möglich ist. Amazon hat neue Massstäbe gesetzt und wenn die Banken nicht reagieren, wird ihr Leistungsversprechen möglicherweise schnell konkurrenziert oder sogar uninteressant.

Gleichzeitig gehen Google, Amazon, Facebook und andere nur zögerlich an Finanzdienstleistungen heran, wobei sie in diesem Segment de facto schon seit langem erwartet werden. Wie erklären Sie sich diese Zurückhaltung?
Die Macht der GAFA beruht auf der Skalierbarkeit ihrer Modelle und Plattformen. Sie zielen darauf ab, auf Anhieb Milliarden von Nutzern in der ganzen Welt anzusprechen. Diese globale Dimension und Skalierbarkeit stösst in der Finanzdienstleistungsbranche aufgrund der Regulierung und der Steuersysteme natürlich an ihre Grenzen: beides ist national verankert. Mit Ausnahme vielleicht des chinesischen Markts kann man kaum auf Anhieb eine Milliarde Kunden bedienen, wenn man sich an die geltenden Gesetze der Gerichtsbarkeiten hält, in denen man sich etablieren will. Finma, BaFin, AMF und SEC wachen darüber, dass einem Grenzen gesetzt werden.
Will man mehrere Länder abdecken, ist dies ein komplexes und dazu kostspieliges Unterfangen. Die technischen Aspekte sind eine riesige Herausforderung, das weiss ich aus eigener Erfahrung. Das Kern-Produkt von Avaloq haben wir in einigen Jahren entwickelt, aber zwanzig Jahre später sind wir weiterhin damit beschäftigt, sich ändernde und stetig neue Regulatorien und Steurregeln in unseren Produkten abzubilden. GAFA hätten theoretisch die Kraft, sich eine global aufgestellte Bank zu kaufen – oder via Ökosystemen mit Fintechs zu kooperieren.

Aber die GAFA verfügen über gewaltige Ressourcen…
Das Problem sind nicht so sehr die Ressourcen, sondern die Möglichkeiten und die mit diesen Möglichkeiten verbundenen Kosten. Falls die GAFA in den Finanzsektor vorstossen wollten, müssten sie dafür enorm viel Zeit aufwenden und viel Geld investieren. Ich glaube, die GAFA setzen lieber Produkte und Dienstleistungen um, die weniger kapitalintensiv sind und sich schneller skalieren lassen.

Stellen die GAFA somit eine Bedrohung für die Banken dar?
Es besteht eine indirekte Bedrohung. Die GAFA werden in ihren Ökosystemen sicherlich auch weiterhin von externen Anbietern entwickelte Finanzprodukte und -dienstleistungen integrieren und vertreiben. Und sie kontrollieren die Beziehung zum Endkunden. Der Wettbewerbsvorteil der GAFA-Unternehmen: Sie zeichnen sich durch ihre 100%ige Kundenfokussierung aus. Banken und Vermögensverwalter dagegen konzentrieren sich verstärkt auf ihr Produkt- und Serviceangebot. Es besteht für sie das Risiko, reine Produkthersteller und damit marginalisiert zu werden.

Warum sind die Kundenbeziehungen Ihrer Meinung nach so wichtig?
Generell ist die Nähe zum Endkunden in allen Industrien wichtig, je nach Branche wegen der höheren Marge oder eben wegen der Möglichkeit, Daten zu erheben.
Wichtig ist vor allem, wie man diese Beziehungen nutzt. Jeder Kunde möchte geschätzt sein und sich so fühlen, als sei er der einzige. Vor allem im Wealth Management bleibt die Interaktion von Mensch zu Mensch auch wichtig. GAFA verstehen, wie man Nutzern eine extrem personalisierte Erfahrung und ein sehr hohes Mass an Flexibilität bietet. Kaufpräferenzen, Sozialverhalten, Interessengebiete: Sie wissen alles über ihre Mitglieder! Die Banken haben diesbezüglich sehr viel Nachholbedarf. Sie können heute ein Motorrad mieten und erhalten kurz darauf Angebote zu Helmen oder Jacken. Wenn Sie sich mit Immobilien beschäftigen, erhalten Sie aber keine Infos zu Hypotheken.

Wie können Banken hier Abhilfe schaffen?
Im Moment sind die Banken nur mit dem regulatorischen Aspekt von „Know Your Customer“ (KYC) beschäftigt. Das reicht nicht um Kunden zu binden. Um voranzukommen, müssen sie die nächste Stufe zünden. Ich nenne das «TKYC»: Truly Know Your Customer. Die GAFA haben uns dies meisterhaft vorgemacht. Wenn Banken das ebenfalls gelingen soll, müssen sie den Umgang mit Daten weiterentwickeln und noch viel enger mit Fintechs zusammenarbeiten. Dank Fintechs und ihrer Anwendungen können sie letztendlich erheblich umfassender Kundeninformationen analysieren und diese nutzen.

Welche konkreten Massnahmen würden Sie empfehlen?
Banken müssen vor allem sicherstellen, dass die Qualität und Konsistenz ihrer Daten möglichst hoch sind. Dann würde ich empfehlen, das Back Office auf die nächste Effizienzstufe zu heben und auf Skaleneffekte zu setzen, zum Beispiel durch intelligentes Outsourcing. Diese frei gewordenen Ressourcen kommen dann der Interaktion mit den Kunden zugute. Investitionen in Daten und KI-Technologien sind unerlässlich, wenn man die Situation der Kunden verstehen und ihren Wünschen zuvorkommen will. Ziel ist ein 360°-Überblick über die Kunden und eine schnellere Markteinführung von Produkten und Serviceangeboten. Nur durch die Zusammenarbeit mit einer zweistelligen Zahl von Fintech-Anwendungen können Banken dieses Ziel erreichen. Das alles setzt aber zunächst saubere Daten und deren Analyse voraus und lässt sich in einer Systemlandschaft voller Legacy-Technologie kaum realisieren.

Welche Lösungen sehen Sie für die Integration dieser Fintechs?
Um das Open Banking mit offenen Programm-Interfaces und Microservices werden Banken nicht herumkommen. Heutzutage stehen integrierte Plattformen mit einem möglichst umfassenden Serviceangebot zur Verfügung. Jedoch wird eine einzelne Bank ihre sogenannten «Open APIs», die es dazu braucht, nicht zum Standard erheben können – eine Technologieplattform mit über 150 Banken weltweit aber schon. Das ist auch interessant für mehrere tausend Fintechs, die sich ebenfalls der Plattform anschliessen können. Sie erhalten Zugang zu einer globalen Banken-Community und bringen ihre ganze Innovationskraft mit – eine perfekte Symbiose.
Gleichzeitig arbeiten wir daran, wie wir Banken in Verbraucherportale integrieren können, in denen sie ihre Angebote intelligent platzieren können. Es liegt auf der Hand, dass Banken angesichts der Zunahme dieser Portale und ihrer Spezialisierung neue Kanäle für die Interaktion mit Kunden schaffen müssen.

Haben Banken Ihrer Ansicht nach noch weitere Stärken, die sie ausspielen können?
Ja, klar. Vor allem das Vertrauen ihrer Kunden. Verbraucher wünschen sich zuverlässige und leistungsfähige Finanzprodukte oder Serviceleistungen. Sie wollen ihrer Bank aber auch vertrauen. Da die GAFA nicht reguliert sind und somit nicht den gleichen Sicherheitsanforderungen unterliegen, bezweifle ich, dass sie bei ihren Nutzern ebenso viel Vertrauen aufbauen können wie Banken.
Banken können sich auf solide Fundamente stützen, müssen ihr Haus aber nach und nach ausbauen. Sie können die GAFA leichter in Schach halten, wenn sie ihre Fähigkeit zur Steuerung komplexer Rahmenbedingungen stärken, indem sie auf Innovationen und Partnerschaften setzen und ihre Abläufe auf ihre Kunden fokussieren. Wenn sie den Kunden in den Mittelpunkt stellen – Stichwort «TKYC» – werden sie dieses Ziel schneller erreichen.⊕

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