„Früher war die Portfolioverwaltung das Ziel – heute ist sie der Ausgangspunkt“

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Interview mit Nicolas Mirabaud, Geschäftsführender Gesellschafter, Mirabaud-Gruppe

Von Jérôme Sicard – Fotos: Karine Bauzin

In nur wenigen Jahren musste das Wealth Management einen Gang höher schalten, um seine Kunden mit einer viel globaleren und deutlich komplexeren Verwaltung ihres Vermögens zu unterstützen. Für Nicolas Mirabaud, einen privilegierten Beobachter dieser Entwicklung, muss die Vermögensverwaltung für Privatkunden mittlerweile fast denselben Standards gerecht werden wie für institutionelle Kunden. Genau dies will er nutzen, um das Serviceangebot,
auf dem der Erfolg der Gruppe seit sieben Generationen gründet, weiter auszubauen.

Welches waren bei Mirabaud die wichtigsten Entwicklungen in Bezug auf die Allokationsstrategien in den letzten zehn Jahren?
Nicolas Mirabaud: Es stimmt: die Allokationsstrategien haben sich stark verändert, da sie mehreren entgegengesetzten Kräften unterliegen. Das wirtschaftliche Umfeld und seine Unwägbarkeiten haben bisherige Paradigmen in Frage gestellt, unsere Kunden äussern neue Wünsche und der Wettbewerb zwischen den Banken wird immer schärfer. Das ist inzwischen unsere neue Normalität geworden.
Auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen komme ich später noch zurück. Die 2008 in noch nie dagewesener Grössenordnung in die Märkte gepumpte Liquidität und die beispiellose Niedrigzinsphase hatten bisher unbekannte Auswirkungen. Der Einbruch der Anleihenrenditen verschob das Risiko, so dass für die Portfolioverwaltung heute neue Regeln gelten. Gleichzeitig verlangen die Kunden mehr Transparenz in Bezug auf die für sie vorgenommenen Investitionen. Sie wollen originelle Ideen, die Sinn machen und im Einklang mit ihren Zielen stehen. Mit einem ausgewogenen Portfolio mit einer Vielzahl verschiedener Investments kann man sie nicht mehr begeistern.

Womit denn also?
Unsere Kunden, vor allem die NextGen, möchten sich mit Ideen, Anlagethemen und Sektoren identifizieren. Deshalb werden thematische Anlagen, ESG-Investments und Impact-Investing immer wichtiger. Unsere Strategien zielen mehr und mehr in diese Richtung. Das Private Assets-Segment ist ebenfalls auf dem Vormarsch. Auch hier berücksichtigen wir die Anforderungen unserer Kunden, die direkt in Unternehmen investieren wollen, vor allem durch Private Equity-Strategien. Hinsichtlich Zugang, Funktionalität und Mobilität werden wir eine neue Serviceplattform entwickeln, um den Erwartungen dieser neuen Generation zu entsprechen, für die eine positive Nutzererfahrung sehr wichtig ist.

Wie hoch ist der Anteil dieser thematischen Anlagen an den Portfolios?
Das schwankt, je nach Mandat von 20% bis 100%, verteilt auf verschiedene Anlageklassen.

Und welche Anlagethemen sind am beliebtesten?
Biotechnologie, Bevölkerungsalterung, nachhaltige Landwirtschaft, Bekämpfung des Klimawandels, Technologie und themenübergreifend die Digitalisierung, die sich wie ein roter Faden durch viele Sektoren zieht. Obwohl wir unsere Strategien anpassen, dürfen wir zwei grundlegende Faktoren nicht ausser Acht lassen. Erstens besteht unsere Aufgabe darin, Rendite zu erzielen. Zweitens sind ein langfristiger Ansatz und ein kühler Kopf bei Volatilitätsschüben erforderlich. Angesichts sich aufbauender Blasen ist die Qualität der Titelselektion von absolut entscheidender Bedeutung.

Wie weit sind Sie im Private Equity-Bereich mit David Wertheimer?
Aufbauend auf früheren Erfahrungen von Mirabaud Asset Management haben wir zwei Private Equity-Fonds aufgelegt: den Mirabaud Patrimoine Vivant, der unter anderem in Coq Sportif, Mauboussin und die Alain Ducasse-Gruppe investiert ist, und den Mirabaud Grand Paris, der vom Infrastrukturbedarf im Rahmen des Grand Paris-Projekts profitieren will, für das Wohnungen sowie Büros unter Berücksichtigung der neuen Umweltstandards und neuer Anforderungen der Konsumenten errichtet werden sollen. Vor Kurzem haben wir mit David Wertheimer einen dritten Fonds, den Mirabaud Lifestyle Impact & Innovation, aufgelegt und das erste Closing letzten November bei knapp 60 Millionen Euro vorgenommen. Bisher wurden bereits drei Investitionen mit ausgeprägtem Impact-Profil durchgeführt: im Bereich laborgezüchtete Diamanten, die nicht mehr in Minen gefördert werden müssen, in 3D-Technologie und in digitale Medien / E-Commerce-Plattformen, mittels derer die Kundenerfahrung revolutioniert und die Umweltbelastung dieser Aktivitäten verringert werden soll. In unserer Investitionspipeline befinden sich zahlreiche andere Projekte, so dass wir im Sommer ein zweites Closing vornehmen dürften.

Welche grossen Innovationen erwarten Sie für den Finanzdienstleistungssektor?
Zwangsläufig die Digitalisierung, denn wir stehen erst ganz am Anfang. Manche meinen, die Banken kämen hier nicht schnell genug voran, doch darf man nicht vergessen, dass die Vermögensverwaltung extrem stark reguliert ist, und dass wir die Beziehungen zu unseren Kunden nicht mit einem Mausklick ändern werden. Das ist sehr komplex, doch hier besteht noch Handlungsbedarf, der für uns eine absolute Priorität ist.
Als Beispiele will ich nur die Blockchain-Technologie und deren vielseitige Nutzung anführen – nicht nur für unsere Investitionen, sondern auch für die operative Seite. Durch die Tokenisierung wird die Anzahl digitaler Assets und der Plattformen, auf denen sie gehandelt werden, exponentiell zunehmen. So entstehen neue Anlagelösungen, die wir unseren Kunden anbieten können. Gleichzeitig können wir mit Blockchain-Lösungen viele interne Abläufe straffen und rationalisieren.
Wir werden mit unseren Investments auch künftig innovativ sein und noch stärker auf nachhaltige Anlagen setzen, denn Finanz-Instituten kommt eine wichtige Rolle bei der Förderung und Übernahme verantwortungsbewusster Verhaltensweisen zu.
Der Wettbewerb ist im Wealth Management-Bereich so intensiv geworden, dass Innovation eine Selbstverständlichkeit werden muss, wenn wir uns von der Konkurrenz abheben wollen.

Welche Trends sind Ihrer Ansicht nach entscheidend für die Transformation des Wealth Managements?
Unsere Vermögensverwaltung beruht auf einem besonders ganzheitlichen und technischen Ansatz. Vor zehn Jahren wollten sich unsere Kunden hauptsächlich über ihre Portfolios informieren. Das war Hauptgesprächsthema. Heute haben unsere Kunden eine viel umfassendere Vision. Sie sprechen über ihre Familie, ihr Unternehmen, die Übertragung ihres Vermögens, die Finanzplanung sowie rechtliche und steuerliche Aspekte. Vor 15 Jahren ging es um die Portfolioverwaltung – heute ist sie der Ausgangspunkt.
Für viele Kunden sind Unternehmen und Vermögen mittlerweile eng miteinander verwoben, während das private und das professionelle Vermögen früher stets voneinander getrennt wurden. Es handelt sich hierbei um einen sehr ausgeprägten Trend, für den wir uns durch die erhebliche personelle Verstärkung unserer Corporate Finance-Teams in Genf, Zürich und Paris gerüstet haben.
Ich möchte einen letzten Aspekt hinzufügen, der die Privatkunden betrifft. Diese Kunden sind zunehmend anspruchsvoll in Bezug auf Risikokontrolle, Informationen und Partner, mit denen sie sich umgeben. Ich finde das sehr beeindruckend. Hierdurch sind wir gezwungen, auf diese Anforderungen einzugehen. Die Verwaltungsleistungen, die wir Privatkunden anbieten, entsprechen mittlerweile fast denselben Standards wie für institutionelle Kunden.

Wie kann sich eine 200 Jahre alte Bank auf die Next Generation einstellen, die sich mehr um die Zukunft der Menschheit als um die Tradition ihrer Bank sorgt?
Ich sehe das etwas anders: Wir sind keine 200 Jahre alte Bank, sondern eine Bank, die 200 Jahre Erfahrung besitzt! Das Alter ist kein Manko, sondern ein Pluspunkt. In so turbulenten Zeiten wie diesen müssen wir unsere Kunden befähigen, bestmögliche Entscheidungen zu treffen, wie wir dies für die Mirabaud-Familie seit 200 Jahren tun.
Und wir müssen aus dieser traditionsreichen Vergangenheit Kraft für eine inspirierende Zukunft schöpfen. In den beiden letzten Jahren haben wir die Geschäftsleitung der Gruppe verjüngt. Die Partner sind zwischen 45 und 54 Jahre alt, die Mitglieder des Exekutivausschusses zwischen 40 und 50. In der ganzen Gruppe haben wir junge Manager eingestellt.
Abgesehen von personellen Aspekten haben wir unser Angebotsspektrum erneuert und differenzierte Produkte und Serviceleistungen mit hohem Mehrwert aufgenommen, wie das bereits erwähnte Private Equity-Angebot. Darüber hinaus berücksichtigen alle Fonds von Mirabaud Asset Management strenge und transparente ESG-Kriterien, die der neuen europäischen Offenlegungsverordnung SFDR (sustainable finance disclosure regulation) entsprechen.
Doch obwohl wir unsere Gruppe weiterentwickelt haben, ist es uns gelungen, unsere DNA zu bewahren, nämlich die eines Familienunternehmens mit einer langfristigen Vision. Ich bin seit 22 Jahren bei Mirabaud und ich werde auch noch in den kommenden Jahren mit dabei sein. Mittlerweile habe ich die Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen, gleichzeitig aber auch die Pflicht, diese Entscheidungen langfristig zu verantworten. In der Finanzbranche dauert das Mandat einer Führungskraft in der Regel rund drei bis vier Jahre. Wir gehen hier einen ganz anderen Weg. Unsere Perspektiven umspannen mehrere Generationen – dies ist der beste Weg, unseren Kunden eine echte Interessenkongruenz zu garantieren.

Welche Prioritäten haben Sie für das Wachstum gesetzt?
Wir streben ein angemessenes Wachstum an, mit ausreichender Rentabilität, um das sehr hohe Leistungsniveau unserer Produkte und Dienstleistungen sichern zu können. Die schnelle Steigerung des verwalteten Kundenvermögens ist für uns keine Priorität. Wir wollen in allen Geschäftsbereichen und auf unseren einzelnen Märkten wachsen, die uns noch ein gewaltiges Entwicklungspotenzial bieten.

Welche Zahlen peilen Sie für Mirabaud in fünf Jahren an?
Wir wollen unsere Kennzahlen wie z.B. unseren Return-on-Equity auf derzeitigem Niveau stabilisieren. Unsere ROE liegt derzeit bei rund 15%. Gleichzeitig möchten wir unsere Cost-Income-Ratio von aktuell rund 0,80 weiter leicht senken. Die in Angriff genommene digitale Transformation dürfte uns dabei Schützenhilfe leisten und unseren Bankern eine noch grössere Kundennähe ermöglichen, da sie den Kunden mehr Zeit widmen können.

In welchen Bereich würden Sie abgesehen von der Angebotspalette von Mirabaud heute investieren?
Die schwindelerregend schnellen Entwicklungen, die wir in der Biotechnologie oder in der Digitalisierung verzeichnen, um nur die bekanntesten Beispiele zu nennen, finde ich spannend. Es handelt sich hierbei um Bereiche, in denen ich nicht wirklich versiert bin, doch ihre disruptive Wirkung und das Tempo der Umwälzungen faszinieren mich wirklich. Nehmen wir beispielsweise Moderna: Mit nur knapp tausend Angestellten konnte das Unternehmen genauso schnell einen Impfstoff entwickeln wie die grössten Pharmakonzerne. Das ist für mich ausschlaggebend. Ich investiere lieber in Anlagethemen, deren Akteure eine positive Wirkung für den Planeten und die Menschheit erzielen, statt in energieintensive Kryptowährungen.

Wenn Sie die Leitung eines der 200 Schweizer Unternehmen im SPI-Index übernehmen könnten, welches würden Sie wählen?
Es wäre vermessen zu glauben, dass ich das kann, doch wenn ich mich für ein Unternehmen entscheiden müsste, würde ich sicherlich zu einem Familienunternehmen gehen, weil dieses Profil am besten zu mir passt. Mein Blick würde zuerst auf den Technologiesektor fallen, aber auch auf Schokolade, weil ich sehr gerne nasche.

Also Lindt oder Barry Callebaut?
Lindt! Weil ich Lindt-Schokolade liebe.

Seit 2019 ist Nicolas Mirabaud zusammen mit Yves Mirabaud, Camille Vial und Lionel Aeschlimann geschäftsführender Gesellschafter der Mirabaud-Gruppe. Er repräsentiert die siebte Generation der Familie, die das Bankinstitut mit ihrem Namen gegründet hat. Nicolas Mirabaud kommt 1999 als Fondsanalyst zur Gruppe und wechselt 2001 in die Vermögensverwaltung. 2015 wird er Kommanditgesellschafter, 2016 Leiter des Wealth Managements der Gruppe und Mitglied des Exekutivausschusses der Bank. Nicolas Mirabaud besitzt einen Master in Wirtschaftsrecht, einen MBA und ist diplomierter Experte für Finanzen und Investitionen.

  • Die Mirabaud-Gruppe besteht aus drei Geschäftsbereichen – Wealth Management, Asset Management und Securities. Sie beschäftigt 700 Mitarbeiter, davon fast die Hälfte ausserhalb der Schweiz.
  • Per 31. Dezember 2020 betrug das verwaltete Vermögen der Mirabaud-Gruppe 34,9 Milliarden Franken, der Umsatz lag bei 298,6 Millionen und der konsolidierte Nettogewinn bei 35,9 Millionen.
  • Die Gruppe ist in Europa, Nordamerika, Südamerika und im Nahen Osten präsent, sie verfügt über 16 Niederlassungen in
    10 Ländern – der Schweiz, Grossbritannien, Luxemburg, Frankreich, Spanien, Italien, Kanada, Brasilien, Uruguay und den Vereinigten Arabischen Emiraten.
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