„Für Adam Smith ist die Kontrolle des Kapitalismus die entscheidende Frage“

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Interview mit Daniel Diatkine, Emeritierter Professor
Von Jérôme Sicard

Seit mehr als zwei Jahrhunderten gilt Adam Smith als Vater des Wirtschaftsliberalismus oder gar als Vordenker des Kapitalismus, obwohl er nur dessen Anfänge erlebt hat. Sein Kult-Werk „Der Wohlstand der Nationen“ (‘‘The Wealth of Nations‘‘) und seine inzwischen substanzlos gewordene Metapher der „unsichtbaren Hand“ (Invisible Hand) brachten ihm unvergleichlichen Ruhm ein. Dennoch ist die Bedeutung seines Werks im Laufe der Zeit teilweise verloren gegangen.
Im Zentrum von Smiths Auseinandersetzung mit dem entstehenden Kapitalismus im 18. Jahrhundert steht das Interesse, seine Auswüchse zu verhindern und hierfür Kontrollinstitutionen zu schaffen. Diese Thematik analysiert der Universitätsprofessor Daniel Diatkine in seiner jüngsten Veröffentlichung mit dem Titel „Adam Smith – die Entdeckung des Kapitalismus und seiner Grenzen“. In diesem Interview erläutert er seinen Standpunkt.

Welche waren Ihrer Ansicht nach die wichtigsten Beiträge von Adam Smith zur Wirtschaftswissenschaft? Sie bezeichnen sie ja als seine ‘‘brillanten Einsichten‘‘.
Daniel Diatkine: Diese seine ‘‘brillanten Einsichten‘‘ betreffen häufig die Auswirkungen der Projektionen seiner Leser auf den „Der Wohlstand der Nationen“. So wurde Smith beispielsweise zugeschrieben oder auch vorgeworfen, der Begründer der Arbeitswert-Theorie zu sein. Dieser Theorie zufolge ist Arbeit das wahre Mass für den Tauschwert aller Güter, und – die von Marx heftig kritisierte – Schlussfolgerung wäre, dass der gesamte Ertrag der Arbeit dem Arbeiter gehört. Ausserdem wurde Smith die Idee zugeschrieben, dass die freien Kräfte des Wettbewerbs eine Volkswirtschaft in eine Lage versetzen, die heute als optimal betrachtet wird.
Obwohl die Arbeitsteilung schon vor ihm bekannt war, geht die Analyse des arbeitssparenden technischen Fortschritts dank Arbeitsteilung als Quelle allen Wohlstands eindeutig auf Smiths zurück. Ein weiterer Beitrag von Smith ist der Versuch, diese Erklärung von Bereicherung genauer einzukreisen – und zu verkomplizieren –, indem sie als Kapital-Akkumulation definiert wird. Kapitalakkumulation ist die Quelle allen Reichtums, gleichzeitig aber auch ein politisches Risiko, denn sie kann so interpretiert werden, dass das Interesse des Kapitals mit dem allgemeinen Interesse übereinstimme. Mit anderen Worten: „Was gut ist für General Motors, ist auch gut für die USA“. Daraus ergeben sich aus meiner Sicht zwei absolut aktuelle Fragestellungen, die jedoch nicht unmittelbar die Wirtschaftswissenschaft betreffen. Erstens: Unter welchen politischen Bedingungen ist die Kapital-Akkumulation mit dem allgemeinen Interesse vereinbar? Zweitens: Wie kann man diese politischen Rahmenbedingungen schaffen und ist das überhaupt möglich?

Welche wichtigen Ansätze zeigt Adam Smith in seinem Der Wohlstand der Nationen auf?
Zunächst setzt er dort an, wo David Ricardo zum Beispiel zwischen „Wert der Arbeit“ und „Wert des Geldes“ unterscheidet, um einer neuen Frage nachzugehen, nämlich der Werttheorie. Die wiederum resultiert aus einer anderen Frage, die sich alle Wirtschaftsteilnehmer stellen: Entspricht der Preis eines Guts, das ich erwerben möchte, seinem „fundamentalen Wert“ oder nicht? Auf der Grundlage von Ricardo stellt sich die Frage, unter welchen Bedingungen man sich diesen „fundamentalen Wert“ vorstellen kann. Wie dem auch sei, ich habe aufzuzeigen versucht, dass es nicht diese Frage war, die Adam Smith umgetrieben hat.
Das zweite Konzept wird von Hegel verdeutlicht. Eine weiteres spezielles Merkmal von ‘‘Der Wohlstand der Nationen‘‘ ist nämlich der Fokus auf die historische Bedeutung des Kapitalismus, und zwar in zweierlei Hinsicht. Zum einen geht Smith davon aus, dass die „Handelsgesellschaft“ die Gesellschaft der Jäger und Sammler, der Hirten und schliesslich der Bauern ablösen wird. Zum anderen ist das Merkantil-System, der politische Begriff für die „Handelsgesellschaft“, ein Produkt der europäischen Geschichte. Dieser zweite Ansatz führt zu einer Geschichts- oder Politikwissenschaft, die Marx unter anderem mit Bezug auf Hegel umrissen hatte.

Was bezweckt Smith mit seiner berühmten Metapher der „unsichtbaren Hand“?
Smith verwendet diese Metapher mehrfach und bisweilen ironisch, wenn er vom naiven Glauben an die „unsichtbare Hand Jupiters“ spricht, mit der die Bewegung der Planeten erklärt werden soll. In einem anderen Standardwerk, der ‘‘Theorie der ethischen Gefühle‘‘ (‘‘Theory of Moral Sentiments‘‘), befasst sich Smith mit der Dichotomie zwischen reichen Gutsherren (Nicht-Arbeitern) und Armen (Arbeitern). Hier erläutert er seine These, wonach das ewige Streben nach Reichtum gierige Gutsherren dazu führt, Arbeiter in Lohn und Brot zu bringen und somit letztendlich die Lebensumstände der Armen zu verbessern. Diese Idee ist nicht neu. Smith knüpft damit an die Gedankenwelt von Bernard de Mandeville an, in der der Wohlstand der Reichsten nach und nach durch deren Konsum und Investitionen in die unteren Schichten der Gesellschaft durchsickert und zu Wirtschaftswachstum führt. Dies sind die Ansätze der Trickle-down-Theorie.
Im ‘‘Wohlstand der Nationen‘‘ geht Smith auf einen gravierenden Widerspruch bei François Quesnay ein, der „Händler und Fabrikanten“ von der Klasse der Eigentümer – Adlige, Klerus und Grundbesitzer – unterscheidet, da Besitzer von beweglichem Vermögen nicht zu den Bürgern des Herrschaftsgebiets („régnicoles“) zählen. Ihr Vermögen ist nicht an ein bestimmtes Territorium gebunden, weshalb ebendiese Beweglichkeit ihre Klassifizierung in die Klasse der Grundeigentümer ausschliesst, denn das Streben nach Profit wird stets Vorrang vor der Treue zum Souverän haben. Obwohl Kaufleute und Fabrikanten immer dazu neigen, dorthin zu gehen, wo der Profit am höchsten ist, wird diese Kraft laut Smith dadurch ausgeglichen, dass sie eine Investition „in der Nähe“ bevorzugen dürften. Dieses – zugegebenermassen ziemlich mysteriöse – Gleichgewicht der beiden Kräfte beschreibt die Metapher der „unsichtbaren Hand“ in ‘‘Der Wohlstand der Nationen‘‘. Smith bezieht sich dabei nicht auf den Wettbewerb.

In welchem Zusammenhang wird die Metapher heute verwendet?
Durchgesetzt hat sich heute die von Friedman oder auch Harrow & Hahn hinreichend kommentierte Lesart, derzufolge die Metapher der „unsichtbaren Hand“ in Verbindung mit der Leistung eines perfekten Marktwettbewerbs zu sehen ist.

Wie erklären Sie die Tatsache, dass diese Metapher heutzutage ihre Substanz verloren hat?
Rückblickend, so scheint mir, haben die seinerzeit so gefeierten liberalen Thesen von Reagan und Thatcher sich nicht bestätigt, denn das freie Spiel der Kräfte am Markt führt nicht zur besten aller Welten. Diese Thesen gehen davon aus, dass Eingriffe in die Marktmechanismen schlimmere Folgen für die Märkte haben, als die Probleme, die durch diese Eingriffe behoben werden sollen. Dies ist eine Petitio principii, die aber mitnichten bewiesen ist, so dass es jedem frei steht, sie zu übernehmen oder nicht.

Welche Absichten verfolgte Adam Smith, als er sein Buch ‘‘Der Wohlstand der Nationen‘‘ in Angriff nahm?
Die genauen Absichten eines Autors zu kennen, ist natürlich unmöglich. Doch als Smith mit dem Schreiben begann, beschäftigte er sich intensiv mit den Problemen der Kolonialpolitik in Nordamerika und auf dem indischen Subkontinent. Den Briten wurde klar, dass ihr altes Weltreich eine neue Dimension angenommen hatte und sie sich zu einer Kolonialmacht der ganz neuen Art entwickelt hatten. Kritisch sieht Smith vor allem den exorbitanten Einfluss der Britischen Ostindien-Kompanie auf den Handel des Königreichs. Er sieht die Gefahr eines Interessenkonflikts zwischen Kaufleuten und Empire. Für ihn darf das allgemeine Interesse nicht durch die Absichten der Kaufleute konditioniert werden. Im ‘‘Wohlstand der Nationen‘‘ verurteilt er das Merkantil-System das er als Tyrannei dieser Kaufleute anprangert.
Smith wirft die Frage nach Institutionen auf, die das Merkantilsystem in ein System natürlicher Wettbewerbsfreiheit überführen, um den Kapitalismus kanalisieren und kontrollieren zu können. Hier liegt meiner Ansicht nach die tatsächliche Kernfrage dieses Werkes, nämlich unter welchen politischen Bedingungen die Kapital-Akkumulation den Wohlstand aller ermöglichen und gleichzeitig Recht und Frieden des Empire sichern kann. Vorstellbar ist ferner, dass Smith – wohl in Anlehnung an Hume – darüber nachdenkt, wie ein unparteiisches politisches Handeln aussehen könnte.

Welchen grundsätzlichen Beitrag hat Smith zur Entstehung des Wirtschaftsliberalismus geleistet?
Der Standpunkt von Smith ist nicht einfach. Er muss eine doppelte Aufgabenstellung lösen. Zum einen zeigt er auf, dass das parteiische und unterdrückerische Merkantilsystem entstanden ist, weil der Gesetzgeber nicht zwischen den Interessen der Kaufleute und dem allgemeinen Interesse unterscheiden konnte. Zum anderen postuliert er, dass das Streben nach Profit um des Profits willen der Schlüssel für die Entstehung von – sehr ungerecht verteiltem – zunehmenden Reichtum aller ist.
Zwischen Smith und seiner Verbindung zum Wirtschaftsliberalismus steht jedoch der politische Liberalismus, ein in Frankreich und Spanien während der Restauration aufkommender Begriff, mit dem die Gegner des Ancien Régime bezeichnet wurden, das Karl X. wiederherstellen wollte. Die Hauptfiguren von Stendhal – etwa Julien Sorel – sind sehr repräsentative Beispiele für Liberale. Der Begriff ‘‘Wirtschaftsliberalismus‘‘ entsteht erst später, in den Juni-Tagen des Jahres 1848, und wird von den Gegnern der Sozialisten beansprucht, darunter von Frédéric Bastiat.

Was bedeutet ‘‘Kapital‘‘ für Adam Smith?
Wäre es vermessen zu behaupten, dass die Wirtschaftstheorie heute den Begriff des Kapitals praktisch aufgegeben hat? Der Begriff taucht heute noch immer in den traditionellen Lehrbüchern in der Form eines Produktionsfaktors auf, das heisst als eine physische Menge, ein Bestand, der Teil einer Produktionsfunktion ist. Zu neuen Ehren kam er durch die Feder von Thomas Piketty als soziologisches Konzept, und zwar in Anlehnung an die Arbeiten von Pierre Bourdieu und als Bezeichnung sämtlicher Vermögenselemente, die von Generation zu Generation vererbt werden.
Im ‘‘Wohlstand der Nationen‘‘ wird Kapital zwar als ein Bestand, also eine Menge pro Zeiteinheit, definiert, aber im Hinblick auf den Profit verwendet, was schwierig ist, weil diese Definition die Intention des Kapitalisten aufgreift und daher nur unter der Bedingung akzeptabel ist, dass wir abwägen können, ob diese Intention von der Gesellschaft anerkannt wird oder nicht. Wieviel ist das Kapital wirklich wert? Oder wieviel ist Nestlé wirklich wert? Dies sind ganz banale und alltägliche Fragen, die von Smith aber ignoriert werden. Seine Weltsicht ist vielleicht zu aristokratisch, so dass er sich nicht herablässt, sich mit derart trivialen Fragen auseinanderzusetzen…

Wenn man Ihnen zuhört, fragt man sich zwangsläufig, ob Adam Smith nicht ein besserer Wegbereiter für Karl Marx war als Ricardo oder Malthus?
Das glaube ich nicht. Marx kann Smiths Sichtweise nicht teilen, weil ihm nicht in den Sinn kommt, dass die Handelsgesellschaft nicht die letzte Stufe in der Entwicklung von Gesellschaften ist. Im Übrigen ist Marx sehr überrascht, dass Smith die technische Arbeitsteilung in seiner Nadelfabrik als Modell für das verwendet, was er die soziale Arbeitsteilung innerhalb der Gesellschaft nennt, die den Markt und damit den Geldaustausch beinhaltet.
Die Fabrik, in der die Arbeit von einer zentralen Autorität geplant wird, wird folglich als Modell der gesamten Gesellschaft präsentiert, in dem die zu erfüllenden Aufgaben dezentral verteilt werden nach den Regeln des Wettbewerbs und des Marktes. Smith erstellt somit, ausgehend von einer zentralisierten Wirtschaft – der Nadelfabrik –, ein Modell für eine dezentralisierte Wirtschaft, die er als general business of society bezeichnet.

Welcher Strömung der Wirtschaftsphilosophie würde Adam Smith heute angehören?
In meinem Buch habe ich aufzuzeigen versucht, dass „Der Wohlstand der Nationen“ alle grossen Ökonomen direkt oder indirekt geprägt hat. Alle oder fast alle (mit Ausnahme von Schumpeter) haben sich auf Smith berufen, um zu behaupten, Smith habe praktisch das Gleiche gesagt, nur eben eher in Form von Anspielungen. Fast alle Strömungen der Wirtschaftsphilosophie gehen somit auf Smith zurück, den zugleich alle vehement kritisieren!

Daniel Diatkine ist ein französischer Universitätsprofessor. Er lehrte als emeritierter Professor an der Universität Évry-Val d’Essonne/Paris-Saclay. Er leitete ferner das Forschungszentrum „Phare“ für Philosophie, Geschichte und Analyse der wirtschaftlichen Repräsentation an der Universität Paris 1 Panthéon-Sorbonne. Darüber hinaus war er Mitglied des Exekutivausschusses der European Society for the History of Economic Thought.
Daniel Diatkine ist der Autor eines Standardwerks über Adam Smith mit dem Titel: „Adam Smith – la découverte du capitalisme et de ses limites“, erschienen in der Sammlung Economie humaine der Editions du Seuil. In diesem Buch zeigt er auf, dass die Philosophie von Adam Smith in der Praxis wenig mit dem zeitgenössischen Liberalismus gemein hat, und dass die berühmte „unsichtbare Hand“ nicht die selbstregulierenden Kräfte des Marktes bezeichnet. Mit seiner kritischen Auseinandersetzung stellt Daniel Diatkine die wahre Bedeutung der Philosophie des schottischen Ökonomen heraus.

Der 1723 in Kircaldy geborene und 1790 in Edinburgh verstorbene Adam Smith war ein schottischer Philosoph und Ökonom der Aufklärung, der durch sein Hauptwerk „Der Wohlstand der Nationen“ berühmt wurde. Es gilt heute als eines der Gründungstexte des Wirtschaftsliberalismus. Aufgrund seiner Metapher der „unsichtbaren Hand“, die die Zeiten überdauert hat, wurde Smith als Vater des Kapitalismus gefeiert, was sicherlich etwas übertrieben ist. Dieses Prädikat sollte relativiert werden. Smith wollte mit seinem „Der Wohlstand der Nationen“ weniger ein Hohelied auf den Liberalismus singen als das Merkantil-System kritisieren, das England ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts prägte. Smith räumt ein, dass der Kapitalismus unter bestimmten Bedingungen durchaus einen zunehmenden Reichtum aller ermöglicht. Dennoch sei das Merkantil-System ungerecht, weil es die Interessen der Kaufleute mit dem allgemeinen Interesse verwechselt. Diese Kritik beweist, dass sich Adam Smith sowohl mit den Mechanismen des Kapitalismus befasst hat, als auch mit den Institutionen, die seine Steuerung ermöglichen.

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