Gold besitzt noch Potenzial

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Von Marc Amyot, Chief Executive Officer, Trillium

Früher war Gold unbestreitbar die Nummer Eins unter den sicheren langfristigen Anlagen, wenn man einen sehr defensiven Anlagestil verfolgte. Seit ein paar Jahren erscheint es nicht mehr ganz so sicher, ob das Edelmetall diesen Status weiterhin hat. Ein Beleg dafür ist, dass die Feinunze zuletzt trotz der Corona-Krise nicht über seine ihren Höchststand von 2011 hinauskam. Detaillierte Erläuterungen von Marc Amyot.

Es hat Leben, Abenteuer, Romane, Filme, Träume, Alpträume – und auch etliche Schatztruhen gefüllt. In der Menschheitsgeschichte hat Gold immer besonderen, manchmal aber auch einen viel zu grossen Stellenwert eingenommen. Zu allen Zeiten konnten Menschen nie genug davon bekommen. Tatsächlich gibt es aber gar nicht so viel Gold, wie gemeinhin angenommen wird. Seit die ersten Goldkörner vor mehreren Tausend Jahren im Boden gefunden wurden, sind bisher nur rund 180‘000 Tonnen Gold gefördert worden. Dies ist angesichts der jährlich produzierten 20 Millionen Tonnen Kupfer oder 5 Millionen Tonnen Kakao eine recht bescheidene Menge. Wollte man alles Gold, das jemals gefördert wurde, an einem Ort stapeln, käme nur ein kleiner Haufen zusammen. Mit 20 Tonnen pro Kubikmeter besitzt Gold eine so hohe Dichte, dass dieser Haufen kaum Platz brauchen würde. Die 180‘000 Tonnen könnten problemlos in der Louvre-Pyramide untergebracht werden. Wollte man sie einschmelzen, würde man mit der Goldschmelze gerade einmal vier olympische Schwimmbecken füllen.

Und in zwei weiteren Becken würde das noch nicht geförderte Gold Platz finden. Schätzungen zufolge befinden sich derzeit noch Goldvorkommen von rund 50‘000 Tonnen im Boden. Da die Bergbauindustrie jedes Jahr knapp über 3‘000 Tonnen fördert, könnten die natürlichen Vorkommen in rund zwanzig Jahren endgültig erschöpft sein. Deutlich früher somit als Rohöl, das noch mindestens 50 Jahre lang sprudeln – Zeit genug, um es durch erneuerbare Energien zu ersetzen. Für Gold gibt es aber keinen Ersatz. Bisher konnte noch kein Edelmetall die Rolle des Goldes ersetzen.

Trotz der extremen Seltenheit, die Gold auszeichnet, wird es inzwischen nicht mehr wirklich seinem unbestrittenen Fluchthafenstatus gerecht, den es in der Vergangenheit inne hatte, denn stets haben sich Investoren reflexartig in Gold geflüchtet, um sich gegen Inflationsrisiken zu wappnen oder Marktabstürze abzufedern. In jüngster Vergangenheit hat Gold ein wenig von seinem Glanz eingebüsst. Dies wird klar, wenn man sich die Kurse der Feinunze und deren Entwicklung in den letzten Monaten ansieht. Trotz der Covid-19-Krise, die ein eindrucksvolles Beispiel für einen „schwarzen Schwan“ darstellt, d.h. ein Ereignis, das die geltende Ordnung aus den Angeln hebt, ist die Unze zwar auf ihren höchsten Stand in sieben Jahren geschnellt, doch hat sie die 2011 verzeichnete Höchstmarke nicht durchbrochen. Seit 2016, als die Feinunze bei 1‘100 US-Dollar gehandelt wurde, ist sie zwar kontinuierlich gestiegen, doch ist sie – ungeachtet des derzeitigen Umfelds – noch meilenweit von der 1.900-Marke entfernt, die sie 2011 geknackt hatte.

Seinerzeit wurde Gold durch massive Liquiditätsspritzen der Federal Reserve, explodierende Bilanzen der Zentralbanken, die Risikoaversion der Investoren gegenüber allen riskanten Vermögenswerten, Inflationsängste und die drohende Desintegration der Eurozone infolge der griechischen Schuldenkrise beflügelt. 2020 schaffte es der Goldpreis in einem Umfeld, das eindeutige Parallelen aufweist, nie über die 1‘700 US-Dollar-Marke, trotz des abrupten und brutalen Abschwungs der Weltwirtschaft.

Im ersten Quartal war Gold natürlich bei Investoren sehr gefragt, so dass hohe Mittelzuflüsse in ETFs auf physisches Gold verzeichnet wurden. Den Statistiken des World Gold Council mussten „Gold-Exchange Traded Funds (ETFs)“ im März zusätzliche 150 Tonnen im Wert von 8 Milliarden US-Dollar einlagern. Im Februar waren die Sicherheiten der ETFs bereits um 5 Milliarden gestiegen. Zum Quartals­ende kontrollierten diese Fonds über 3‘000 Tonnen Gold – wenn man den Zahlen des World Gold Council Glauben schenkt.

Dieser Run reichte jedoch nicht aus, um den Unzenpreis über die 2‘000 US-Dollar-Marke zu hieven, die einige Analysten bereits im vergangenen Jahr – also noch vor der Corona-Krise – anvisiert hatten. Doch so paradox dies auch erscheinen mag: Gold-EFTs sind zum Teil für die verhaltene Entwicklung des Goldpreises verantwortlich. EFTs haben Gold dematerialisiert und finanzialisiert, um eine neue Anlageklasse zu schaffen und sie einem breiteren Anlegerpublikum zugänglich zu machen. Noch vor zwanzig Jahren waren Goldanlagen auf Barren und die Wertpapiere von Minengesellschaften beschränkt, die heute immer höhere Kosten für die Goldextraktion stemmen müssen.

Der erste Gold-ETF wurde Mitte der 2000er Jahre aufgelegt. Das Konzept war deshalb so erfolgreich, weil es die Wünsche der Investoren bediente. Mittlerweile umfasst dieses Segment rund einhundert Fonds mit einem Vermögensvolumen von knapp über 150 Milliarden US-Dollar.

Dank dieser ETFs ist der Erwerb von Gold heute relativ einfach. Gleichzeitig ist auch der Verkauf einfacher, wenn dieser zum Ausgleich von Verlusten anderer Anlageklassen erforderlich ist. Sofern Gold günstig eingekauft wurde, ist es auch die Anlageklasse, die bei Korrekturen oder wenn Investoren einen Liquiditätsbedarf decken müssen als erstes verkauft wird. Dadurch entsteht eine erhöhte Volatilität, die den gesamten Markt erfasst. Von der vorsichtigen, mündelsicheren Anlage, die Anlegern ein Ruhekissen bot, ist nicht mehr viel übrig: von 2007 bis 2011 stieg der Preis der Feinunze von 800 US-Dollar auf 1900 US-Dollar, um 2016 wieder auf 1‘100 Dollar zu sinken und 2020 auf 1‘700 zu steigen. Darüber hinaus ging Gold in den beiden letzten Jahrzehnten häufig parallel zu den Aktienmärkten auf Talfahrt. Statt mit einem sicheren Hafen mussten sich Anleger deshalb mit einem eher dürftigen Unterstand begnügen.

Wie für alle anderen Märkte muss man die Marktmechanismen verstehen, die der Kursdynamik zugrunde liegen. Betrachtet man das Angebot, stammt der Löwenanteil, d.h. zwei Drittel der fast 4‘500 Tonnen jährlich, aus der Goldförderung aus Minen, der Rest aus Recycling. China, vor Australien und Russland der grösste Goldproduzenten der Welt, fördert allein 400 Tonnen.
Auf der Nachfrageseite stehen die Schmuck­industrie, die knapp über die Hälfte dieser Produktion absorbiert, während Investoren ein weiteres Drittel und die Industrie mit der Elektronikbranche den Rest erwerben.
In den letzten Jahren haben die Zentralbanken in grossem Stil Gold gekauft. Mit 8‘000 Tonnen verfügt die US-Notenbank über die grössten Goldreserven, doch die Schwellenländer haben klar gemacht, dass sie nicht zurückstehen wollen. 2019 kauften sie 650 Tonnen – genauso viel wie 2018 – für fast 20 Milliarden US-Dollar. Dies entspricht den höchsten Goldkäufen seit fünfzig Jahren. Letztes Jahr erteilte die Türkei einen Kaufauftrag für 159 Tonnen, Russland für 158 Tonnen und China für 100 Tonnen. Seit der Finanzkrise von 2008 haben die Notenbanken ihre Goldreserven, die sie in den zehn Jahren zuvor grösstenteils reduziert hatten, um über 5‘000 Tonnen erhöht.

Klar ist, dass diese massiven Käufe den Goldpreis in die Höhe getrieben haben – vielleicht sogar nachhaltiger als die Angst in Bezug auf die Bewältigung der Corona-Krise. Durch diese gewaltigen Goldkäufe versuchten die Schwellenländer zunächst, ihre Abhängigkeit vom US-Dollar zu reduzieren. Der Handelsstreit zwischen China und den USA hat sicherlich zu dieser Entscheidung beigetragen. Darüber hinaus sollte der starke Anstieg ihrer Schulden in US-Dollar abgefedert werden. Dies ist der Grund für die Aufstockung ihrer Goldreserven, denn der Goldmarkt ist liquide und bietet langfristige Garantien.

Doch anscheinend muss der Druck noch zunehmen, bevor die Kurse Rekordniveaus erreichen. 2011 profitierte der Goldkurs von einer Kombination mehrerer Faktoren: Attraktivität von ETFs, Dollar-Schwäche, Inflationserwartungen, expansive Geldpolitik der Zentralbanken, Zinsen auf Tiefstständen und Haushaltskrisen in Europa und den USA.
Angesichts strauchelnder Märkte, der abrupt zum Stillstand gekommenen Weltwirtschaft und historischer Liquiditätsspritzen in das System weist die Krise 2020 natürlich einige Ähnlichkeiten mit früheren Verwerfungen auf. Eigentlich sind viele Voraussetzungen für einen Anstieg des Goldpreises erfüllt. Dennoch sollte nicht vergessen werden, dass die wichtigsten Determinanten, die diesem Markt den Takt vorgeben, ausgeprägteren Änderungen unterliegen als in der Vergangenheit – eine Eigenschaft, die sie mit den Aggregatzuständen von Gold gemeinsam haben.

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