„Ich bin 100 Prozent sicher, dass die AHV auf die Beine kommen wird“

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Interview mit Eric Breval, Direktor, compenswiss

Von Andreas Schaffner – Fotos: Juerg Kaufmann

2020 war ein schwieriges Jahr für compenswiss, die zwangsläufig unter den Unsicherheiten der Coronavirus-Krise litt. Trotz eines schwierigen wirtschaftlichen Umfelds und Marktturbulenzen hielten sich die Ausgleichsfonds AHV, IV und EO erstaunlich gut. Eric Breval erläutert hier, warum dies so war, und beschreibt die Anlagestrategien von compenswiss sowie die Gründe, warum er Vertrauen in die – unausweichliche – Reform der AHV hat.

Sie verwalten die Gelder eines der wichtigsten Sozialwerke der Schweiz. Nach welchen Grundsätzen verwalten Sie das «Volksvermögen»?
Eric Breval: Lassen Sie uns einen Blick in die Geschichte werfen, denn so alt ist compenswiss gar nicht. Die AHV und deren Ausgleichsfonds wurden zwar 1948 gegründet, aber die IV- und EO-Ausgleichsfonds kamen erst Anfang 2011 dazu. Und compenswiss als unabhängige Anstalt, die für die Verwaltung der Gelder der drei Sozialversicherungen zuständig ist, gibt es erst seit 2019. Heute verwalten wir über 35 Milliarden Franken und positionieren uns als Asset Manager dieser Sozialwerke.
Unser Grundsatz ist zunächst im AHV-Gesetz festgehalten: Liquidität, Sicherheit und marktkonformer Ertrag. Dem gilt es Rechnung zu tragen. Wir verwalten nur, was wir effizient und günstig verwalten können, das heisst, etwa die Hälfte des Gesamtvermögens. Die andere Hälfte wird an externe Spezialisten vergeben – weltweit. Für deren Auswahl haben wir einen detaillierten Prozess. compenswiss darf gemäss Gesetz keine anderen Vermögen als diejenigen der AHV, IV und der EO verwalten.

Wie interpretieren Sie „marktkonformer Ertrag“?
Das ergibt sich aus den Liquiditätsanforderungen. Wir haben die Asset-Allokation so gewählt, dass wir grob einen Viertel des Vermögens in Aktien halten, zirka zwei Drittel in Obligationen und ungefähr zehn Prozent in kotierten Immobilien.

Was unterscheidet Sie eigentlich von einer Pensionskasse, wie etwa derjenigen eines Kantons oder einer Stadt? Ist es die Liquidität?
Auch Pensionskassen halten zwar Aktien und Obligationen, aber ihr Anlagehorizont ist wesentlich länger als unserer. Dementsprechend sind sie längerfristig orientiert und halten im Schnitt illiquidere Anlagen als wir es tun. Der Grund dafür ist in der Passivseite der Bilanz zu suchen. Bei einer Pensionskasse wissen Sie genau, wie die Outflows in den kommenden Jahren sein werden. Bei uns ist es anders: Wir haben keine definierten Passiva. Das heisst, wir müssen uns auf die Perspektiven des BSV (Bundesamt für Sozialversicherungen) stützen. Und diese Perspektiven sind natürlich zu einem bestimmten Grad ungewiss. Corona ist das beste Beispiel dafür.

Wie sieht es mit Private Equity-Investitionen aus? Zu illiquid?
Derzeit haben wir keine entsprechenden Investitionen. Wenn wir eines Tages solche hätten, wäre es wahrscheinlich ein geringer Anteil der Vermögenswerte. Interessant ist: Von Gesetzes wegen wären wir eigentlich was die Anlageklassen betrifft viel freier als die Pensionskassen. Weil wir aber als Pufferfonds hoch liquide bleiben sollten, konnten wir das bis jetzt nicht tun.

Wie sieht es eigentlich mit dem Thema Negativzinsen aus? Ihre hohe Liquidität hat hier bestimmt Auswirkungen?
Das ist so, wobei wir dank verschiedener Mechanismen die Höhe der bezahlten Negativzinsen limitieren können. Das hat auch mit der Professionalität unserer Tresorerie zu tun.

Was ist der Grund?
Einerseits halten wir ein Konto bei der Schweizerischen Nationalbank (SNB), auf welchem wir von Negativzinsen befreit sind. Dieses Konto ist aber vom Betrag her begrenzt. Ausserdem haben wir mit unseren Depotbanken entsprechende Vereinbarungen.

Mehr Risiko würde Ihnen zu mehr Rendite verhelfen.
Ja, das tun wir in einzelnen Bereichen. Etwa in einigen Obligationen-Segmenten. Aber im Grossen und Ganzen generieren wir daraus relativ wenig Alpha. Es ist einfach eine Folge der höheren Illiquidität.

Wenn wir beim Blick auf die Märkte sind: Wie sehen Sie die Inflationsängste?
Persönlich bin ich nicht der Meinung, dass die Inflation rasch zurückkehren wird, zumindest nicht in Europa. Seit 1981 sind die Zinsen in den USA kontinuierlich gefallen. Es ist ein struktureller Trend. Wenn wir uns also in drei Jahren wieder treffen, glaube ich nicht, dass wir in der Schweiz Zinsen von zwei Prozent oder höher haben werden. Nicht dass wir uns das nicht wünschen würden.

Was beeinflusst Sie mehr bei Ihren Entscheidungen: die Finanzmärkte oder die demografische Entwicklung?
Im Alltag sind es die Finanzmärkte und nicht die demografische Entwicklung. Die Politik ist aber für die längerfristige Positionierung sehr wichtig. Politische Entscheidungen wie ein höheres Rentenalter oder eine Erhöhung der Mehrwertsteuer hätten für die Ausgleichsfonds sehr positive Auswirkungen. Derzeit sieht es so aus, dass wir wegen COVID-19 bald wieder mehr auszahlen als einnehmen werden. Und mittelfristig wäre unser Vermögen aufgebraucht. Die Politik ist also gefordert, da helfen auch positive Finanzmärkte nur bedingt.

Kommen wir zur Corona-Situation. Was auf der Aktivseite passiert ist, können wir uns vorstellen. Wie sieht es auf der Passivseite aus?
Im Frühling letzten Jahres schien die Lage ernst. Die Einnahmen brachen am Anfang rasch zusammen. Wir hatten vor, einen Teil des Vermögens zu veräussern, um die fehlenden Einnahmen zu kompensieren.

Wieso ist das so schnell passiert?
Ganz einfach: Ein Teil der Einnahmen aus der Mehrwertsteuer fehlte von einem Tag auf den anderen. Niemand ging in die Ferien, Läden und Restaurants waren geschlossen. Wir waren in täglichem Kontakt mit dem BSV. Ein Worst-Case-Szenario ging von Mindereinahmen von bis zu fünf Milliarden Franken aus – und dies über eine Zeitspanne von zwei Jahren.

Es ist aber anders gekommen?
Ja. Die Einnahmen gingen zurück, doch nur etwa bis zum Sommer 2020. Kumulativ fehlten am Tiefpunkt rund eineinhalb Milliarden Franken an Einnahmen. Aber aufgrund der hohen Liquidität und einer äusserst defensiven Anlagepolitik konnten wir das sehr gut bewältigen.

Danach ging es aufwärts?
Ja, auch das war völlig überraschend: Ende 2020 fehlten nur noch ca. 400 Millionen Franken.

Wie sieht es heute aus?
Nicht sehr gut, aber auch nicht so schlecht wie man es erwarten könnte.

Ein kurzer Blick auf die Finanzmärkte. Hier konnten Sie sicher nicht klagen.
Unsere Performance im Jahr 2020 (5.2%) war qualitativ eine der besten, die wir je hatten. Sogar viele Pensionskassen, die ja einen wesentlich längeren Anlagehorizont haben als die Ausgleichsfonds, konnten diese Rendite nicht erreichen. Dies haben die Schweizerinnen und Schweizer einem sehr guten Asset Management Team innerhalb der Geschäftsstelle und einer guten Auswahl externer Vermögensverwalter zu verdanken. Wir hatten zwar schon bessere Jahre – 2019 erreichte unsere Performance über zehn Prozent. Aber die fünf Prozent im schwierigen Jahr 2020 waren qualitativ besser, als die zehn Prozent von 2019.

Wieso?
2019 sind alle Märkte gestiegen, wir sind da lediglich mit gestiegen. 2020 haben wir – unter anderem dank Overlay und Absicherungsmandaten wie dem Tail-Risk-Hedging – im besten Moment für uns rund 350 Millionen Franken einnehmen können. Das allein hat uns ein gutes Prozent Rendite gebracht.

Wie sieht 2021 aus?
2021 könnte wiederum ein gutes Jahr werden, es ist aber viel zu früh, um eine definitive Aussage zu machen. Falls sich nicht etwas Gravierendes ereignet, sind wir der Überzeugung, dass die Konjunktur sich wieder erholen wird.

Wie sehen die mittelfristigen Folgen aus für die AVH – etwa wegen der Kurzarbeit oder wenn die Arbeitslosigkeit steigt. Oder wenn die Übersterblichkeit steigt.
Es ist klar, dass wir solche Tendenzen spüren. Arbeitslose bezahlen weniger AHV. Doch bis jetzt haben wir weniger stark darunter gelitten als erwartet. Die Übersterblichkeit haben wir erst in der zweiten Welle gespürt, es blieb aber ein transitorischer Effekt.

Ich schliesse also daraus: Die politischen Diskussionen rund um die künftige Finanzierung der AHV machen Ihnen mehr Bauchschmerzen?
Ich möchte das nicht vergleichen. Jeder Corona-Fall ist einer zu viel. Mein Mitgefühl gilt all den Angehörigen, die ihre Liebsten in dieser schrecklichen Zeit verloren haben. Für die AHV als Sozialwerk wird aber eine Reform immer wichtiger, Corona hin oder her.

Auf jeden Fall.

Wenn es nicht zu einer fundamentalen Reform kommt, haben wir mittelfristig kein Geld mehr in der Kasse. Dieses Szenario gilt, wenn sich die Märkte mehr oder weniger stabil entwickeln. Verschlechtern sie sich, verkürzt sich unser Horizont um ein paar Jahre, laufen sie besser, verlängert er sich ein bisschen. Auch der IV geht es schlechter als erwartet – und dabei hat sie noch eine 10 Milliarden-Schuldenlast gegenüber der AHV.

Wieso?
Das Gesamtvermögen der AHV ist buchhalterisch 45, nicht 35 Milliarden Franken. Davon sind 10 Milliarden diese Schuld, die während Jahrzehnten von der IV aufgebaut wurde. Derzeit können wir mit diesen 10 Milliarden nur eine minimale Rendite erwirtschaften. Im Parlament wird diese Schuld derzeit thematisiert. Wenn die AHV diese Summe mit dem übrigen Vermögen anlegen würde, könnte sie darauf im Schnitt eine bessere Rendite erwirtschaften.

Das ist in der Tat eine interessante Lösung. Sie tönen zuversichtlich.
Die Schweizerinnen und Schweizer vertrauen auf die AHV und das zu Recht. Und weil dies so ist, wird die Politik auch eine Lösung finden. Mittelfristig haben wir das nötige Geld, um die Renten zu bezahlen. Was danach geschieht, hängt von einer neuen AHV-Reform ab. Ich bin zu 100 Prozent sicher, dass die AHV wieder auf die Beine kommen wird. Der Politiker, der eine Lösung durchsetzen wird, wird ein Held sein. Vorerst wird jedoch noch auf der politischen Klaviatur gespielt werden.

Eric Breval leitet compenswiss seit 2003. Die Anstalt verwaltet für den Bund die finanziellen Rücklagen der drei Ausgleichsfonds von AHV, IV und EO, deren Vermögen über 35 Milliarden Franken beträgt. Eric Breval begann seine Karriere in den USA bei Arthur Andersen, wo er im Bereich Fusionen und Übernahmen tätig war. Ende der
1980er-Jahre ging er zur Waadtländer Kantonalbank (BCV). Dort wurde er zunächst Mitglied der Geschäftsleitung und dann Mitglied des Verwaltungsrats
der Fondsleitungsgesellschaft der BCV. Nach seinem Master-Abschluss in Wirtschaftswissenschaften an der HEC Lausanne im Jahr 1985 erwarb Eric Breval zusätzlich einen MBA der Duke University.

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