„Ich bin optimistischer als viele andere“

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Interview mit Laurent Gagnebin, Chief Executive Officer, Rothschild & Co Bank
Von Andreas Schaffner – Fotos: Juerg Kaufmann

Nach der bemerkenswerten Übernahme der Bank Pâris Bertrand bleibt Laurent Gagnebin mit der Rothschild & Co Bank im Wachstumsmodus. Die Ergebnisse von 2020 geben seiner Strategie recht und das Umfeld scheint ihm in die Hand zu spielen, da der Schweizer Finanzplatz selten so attraktiv war.

Sie haben inmitten der Corona-Krise ihre Aquisitionsstrategie durchgezogen und kürzlich die Banque Pâris Bertrand übernommen. Was steckt dahinter?
Laurent Gagnebin: Wir glauben weiterhin an ein Wachstum in unserer Branche. Die Schweiz als Finanzplatz ist hervorragend positioniert. Die Rothschild & Co Gruppe mit mehr als 200 Jahren Geschichte und über 50 Jahren hier vor Ort ist sehr gut kapitalisiert und kann in diesen Zeiten als aktiver Konsolidierer auftreten. Ähnliches sehen wir auch bei unseren Kunden.

Wie meinen Sie das?
Wir betreuen sehr viele Unternehmer und deren Familien. Schon vor Corona haben wir ihnen geraten, immer auch genügend Cash auf der Seite zu haben, um in volatilen Zeiten den Einstiegszeitpunkt nicht zu verpassen. Das haben viele auch gemacht. Unsere Strategie, aber auch diejenige unserer Kunden, geht bisher voll auf.

Privat-Banken, die offen ihren Kunden zu Cash raten ist in Zeiten von Negativzinsen wohl auch selten.
Ich weiss, im Allgemeinen mögen es die Banken aktuell nicht, wenn ihre Kunden Bargeld im Portfolio haben, weil es sie eine Menge Geld kostet. Auch wir haben es natürlich gemerkt, dass die Kunden weniger investiert hatten. Ich denke jedoch, strategisch gesehen ist es immer gut, Bargeld auf der Seite zu haben, denn wenn man eine solche Korrektur wie letzten Frühling hat, braucht man Cash, um einzusteigen. Und es hat sich ja auch für viele ausbezahlt.

Sie befürchten keinen Rückschlag an der Börse?
Irgendwann wird es auch zu einer Korrektur kommen. Wichtig ist, dass man bereit ist, einen Taucher von 20 bis 30 Prozent zu verkraften. Das ist bei unseren vermögenden Kunden der Fall. Wenn Sie eine Million Vermögen haben und voll in Aktien investiert sind, dann kann sie eine solche Situation nervös machen. Wenn Sie sich darüber hinaus noch stark verschuldet haben, wird es ganz schwierig. Ich kann nur sagen: Gemeinsam mit unseren Kunden waren wir vorsichtig und sind nicht in solche Situationen geraten.

Erstaunlicherweise fliesst noch immer viel Kapital in den Bereich Private Markets. Wie erklären Sie sich das?
Kein Wunder angesichts der tiefen Zinsen. Auch wir sind über unsere Division Merchant Banking sehr stark in diesem Bereich tätig. Wir haben gemeinsam mit unseren Kunden 17 Milliarden Franken investiert, vornehmlich in europäische Unternehmen. Aufgrund der Regulationen sind zudem viele Banken nicht mehr interessiert, zu grosse Kredite zu sprechen. Hier kommt neben Private Equity auch Private Debt ins Spiel, wo private Investoren für die Banken einspringen. Wir wollen den Zugang zu den privaten Märkten weiter ausbauen, denn ich denke, dass bei den anhaltend negativen Zinsen auf der Welt die privaten Märkte für unsere Kunden immer wichtiger werden.

Wieso sind so viele Firmen an Private Debt interessiert?
Die Firmen sind angesichts der tiefen Zinsen auch an Fremdkapital interessiert. Das wiederum ist für uns und unsere Private-Banking-Kunden aber auch für Institutionelle Kunden als Investition interessant. Wir erzielen mit unseren Produkten in Europa eine Rendite von 8-10 Prozent pro Jahr. Wenn Sie also eine grosse Institution sind und früher 3-4 Prozent mit Anleihen erzielten, jetzt aber eine negative Rendite gegenwärtigen müssen, dann wird Private Debt tatsächlich sehr interessant.

Trotz Rückschlägen, wie zuletzt bei der Credit Suisse, glauben Sie an die Private Markets?
Die Nachfrage bei den Kunden ist da. Viele wollen derzeit zwar in diesen Markt einsteigen, haben aber nicht wirklich das Know-how dafür. Das ist gefährlich und kann zu grossen Verlusten führen. Auch wir sind nicht über Nacht in dieses Geschäft eingestiegen. Unsere Gruppe ist seit langem im M&A-Geschäft tätig und darin seit über zehn Jahren die Nummer 1 in Europa. Wir kennen die Märkte gut und haben dank unserem Global Advisory viel Markt-Know-how. Das schafft Vertrauen.

Bei Private Markets investieren Sie als Bank auch mit?
Unsere Eigentümerfamilie, die Gruppe und die Partner steuern jeweils rund 20 Prozent zu einem Investment bei. Wir bieten unseren Kunden die restlichen 80 Prozent an. Das ist attraktiv für unsere Kunden. Wir sagen, schaut her, wir haben eine gute Investition gefunden, und wir sind bereit, unser eigenes Gelds zu investieren.

Wo wachsen sie stärker? Onshore oder Offshore?
Wir sind in allen wichtigen europäischen Märkten lokal vertreten. Dort wollen wir vor allem wachsen. Zudem profitieren wir vom globalen Netzwerk der Rothschild & Co Gruppe, die in 50 Städten in 40 Ländern vertreten ist.

Sie haben nichts bezüglich Asiens gesagt bis jetzt. Hier entsteht derzeit wohl am meisten Wohlstand trotz Covid-Krise. Wo stehen Sie da?
Unser Fokus ist ganz auf einige europäische Kernmärkte gerichtet. Dazu gehören die Schweiz, Deutschland, Italien, Frankreich und Grossbritannien. Und bald auch Spanien. Asiatische Kunden, die eine geografische Diversifikation suchen, betreuen wir von der Schweiz aus.

Wenn ich mich recht erinnere, klang Ihr Diskurs über Asien in der Vergangenheit etwas anders…
Unsere Division Global Advisory ist sehr stark in Asien präsent. Im Wealth Management hatten wir bis vor drei Jahren ebenfalls eigene Büros,aber unser Fokus liegt klar auf Westeuropa, wo wir unsere Wurzeln haben und uns auskennen. Hier investieren wir weiter. Auch in der Anlageberatung verfolgen wir den gleichen Ansatz. Ein Beispiel: Wir beschäftigen in Europa und den USA etwa 50 Health-Care-Spezialisten, die praktisch jede wichtige Firma kennen. Diese Kenntnis des Marktes ist entscheidend, wenn Sie wie wir diesen Co-Investing-Ansatz verfolgen. Wir investieren ja auch unser Geld in diese Firmen. Und wenn ein Kunde anruft, und sich über eine Firma erkundigt, müssen wir ihm die besten Informationen liefern.

Wenden wir jetzt aber dem Schweizer Finanzplatz zu. Wie würden Sie sein Potenzial beschreiben?
Hier bin ich wohl optimistischer als viele andere. Heute kann es sich keine vermögende Familie leisten, kein Konto in der Schweiz zu haben. Rein aufgrund ihrer Diversifikation.
Die Schweiz hat immer noch eine sehr verlässliche Rechtsprechung, ein sehr gutes Netzwerk von Fachleuten, Anwälten, Treuhändern, Steuerexperten und eine Infrastruktur von Banken, die unvergleichbar ist. Was für uns selbstverständlich ist, ist an vielen anderen Orten nicht so einfach. Zum Beispiel Bankdokumente oder Steuerauszüge in verschiedenen Sprachen. Auch die Transaktionsabwicklung ist hierzulande schnell. Das heisst, wir müssen uns als Finanzplatz auf grössere, anspruchsvollere Kunden mit komplexen internationaleren Bedürfnissen konzentrieren.

Wie wichtig ist Ihnen dann die Performance?
In dieser Branche ist Performance natürlich entscheidend. Wir haben in den vergangenen 5 Jahren im Konkurrenzvergleich immer zu den Besten gehört, wenn es um Performance geht. Was jedoch auch wichtig ist, ist der Service. Das ist ein unglaublicher Konkurrenzvorteil. Für uns, für den Finanzplatz. Das ist auch ein Grund, wieso so viele US-Tech-Unternehmer ihr Geld von klassischen, gut kapitalisierten Schweizer Banken verwalten lassen, und nicht von Fintechs dieser Welt.

Sie haben von der Konsolidierung im Private Banking gesprochen. Was heisst das für Sie?
Nun, wir haben schon gesehen wie stark der Negativzins unser Geschäft und unsere gesamte Branche beeinträchtigt. Wenn es jetzt auch noch das britische Pfund trifft, wäre das ein weiteres Problem – nachdem die Zinsen im Dollarraum ja auch immer noch Nahe bei null sind. Hier verdienen die traditionellen Banken also fast kein Geld mehr und das wird einen gewissen Druck ausüben. Ich denke, dass es in fünf Jahren weniger Akteure in der Schweiz geben wird.

Gibt es Hoffnung für neue Player, etwa die Fintechs oder Krypto-Banken?
Es wird immer Platz für neue Anbieter geben. Schauen Sie doch wie sich die banque Pâris Bertrand, die wir kürzlich gekauft haben, entwickelt hat: Sie wurde 2009 gegründet und hatte es geschafft in 11 Jahren auf sechseinhalb Milliarden Assets Under Management zu wachsen. Ich denke, dass solche spezialisierten Banken in einer Nische wachsen können. Bei Krypto-Banken habe ich mehr Zweifel.

Laurent Gagnebin ist seit 2016 Chief Executive Officer der Rothschild & Co Bank in Zürich. 2011 übernahm er die Leitung der Genfer Tochtergesellschaft der Rothschild & Co-Gruppe. Davor war er Leiter der Investec Bank in Genf. Er begann seine Laufbahn im Banksektor bei der Goldman Sachs Bank in Genf. Zuvor war er nach dem Abschluss der Hotelfachschule in Lausanne zunächst mehrere Jahre in der Hotelbranche tätig. Laurent Gagnebin hat die University of Maryland mit einem MBA abgeschlossen.

  • Die in Genf und Zürich ansässige Rothschild & Co Bank ist die Schweizer Tochtergesellschaft der an der Euronext notierten Rothschild & Co-Gruppe,
    zu der heute rund fünfzig Niederlassungen in der ganzen Welt gehören.
  • 2020 nahm das verwaltete Vermögen der Rothschild & Co Bank um 12,3% auf
    21,5 Milliarden Franken zu, der Umsatz belief sich auf 133 Millionen und der Nettogewinn auf 17 Millionen Franken.
  • Nach dem kurz bevorstehenden Abschluss der Übernahme der Banque Pâris
    Bertrand durch die Rothschild & Co Bank wird sich das verwaltete Kundenvermögen um 7 Milliarden erhöhen.
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