Dieter Weisskopf, Lindt & Sprüngli: „Ich habe einen Generationenwechsel angestossen“

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Von Fabienne Bogádi – Fotos Karine Bauzin

Lindt & Sprüngli, Weltmarktführer bei „Premium-Schokolade“, hat 2019 seinen Höhenflug fortgesetzt, einen Umsatz von 4,5 Milliarden Franken und ein organisches Wachstum von 6,1% erzielt. Eine bemerkenswerte Leistung für ein Traditionshaus, das in diesem Jahr sein 175-jähriges Bestehen feiert und mit immer neuen Kreationen stets im Trend der Zeit liegt.

Lindt & Sprüngli kann sehr gute Ergebnisse für das Geschäftsjahr 2019 vorweisen. Können Sie uns diese Ergebnisse erläutern?
Dieter Weisskopf: Unsere Einnahmen verzeichnen – trotz des schwierigen Umfelds – im gesamten Auslandsgeschäft ein kräftiges Plus. In Europa sind sie um 6,2% auf 2,1 Milliarden Franken gestiegen. Gleichzeitig konnte die Gruppe Marktanteile erobern und schneller wachsen als der Markt. In Nordamerika, wo unser Unternehmen rund 40% der gesamten Einnahmen erzielt, verzeichneten wir letztes Jahr einen Zuwachs von 5,4% auf 1,7 Milliarden Franken – im Jahr davor waren es nur 2,8%. Im Segment „restliche Welt“ verbuchte Lindt letztes Jahr ein Wachstum von 7,4%. Diese guten Zahlen freuen uns umso mehr, als Lindt & Sprüngli 2020 sein 175-jähriges Bestehen feiert. Wir feiern dieses Jubiläum daher mit einem schönen Erfolg.

Sie haben das schwierige Marktumfeld erwähnt. Wie würden Sie es beschreiben?
Schwierig deshalb, weil wir mit politischen Unwägbarkeiten, einem starken strukturellen Veränderungen unterliegenden Handel und dem Druck gesättigter Märkte zu kämpfen haben – vor allem in Europa und in den USA. Darüber hinaus sind die Preise der wichtigsten Rohstoffe für die Schokoladenherstellung wie Kakaobohnen, Kakaobutter und Milch 2019 leicht gestiegen. Gleichzeitig schoss der Preis für Haselnüsse in die Höhe. Glücklicherweise konnten wir diese Preisschwankungen durch unsere Beschaffungspolitik abfedern.

Wie würden Sie Ihr Erfolgsrezept beschreiben?
Unser Erfolg gründet auf unserer langfristigen Vision, die in der DNA der Gruppe verankert ist. Wir sind kein Feuerwerksunternehmen, sondern verfolgen eine langfristige Strategie. So haben wir unsere Expansion im Premium-Segment zunächst in der Schweiz, in Europa und den USA und danach in der restlichen Welt inLändern wie Brasilien, China und Indien vorangetrieben, die sich in einer frühen Phase der „Premiumisierung“ befanden – ein neuer Trend, der auf die Entstehung der Mittelschicht in diesen Regionen zurückzuführen ist. Diese Länder stellten eine gewaltige Chance für unser Unternehmen dar, die wir genutzt haben.
Letztes Jahr haben wir die Rationalisierung unserer Aktivitäten in den USA vorangetrieben und die geplante Schliessung eines Werks im Bundesstaat Colorado abgeschlossen, wodurch die Zahl der Produktionsstandorte von sechs auf fünf sank. Des Weiteren haben wir zum Wohle des Umweltschutzes die zuvor nach Marken organisierte Lieferlogistik zentralisiert.

Sie haben die Leitung der Lindt & Sprüngli Gruppe 2016 übernommen. Welche war Ihre erste „Amtshandlung“?
Da zahlreiche Führungskräfte das Rentenalter erreicht hatten, habe ich einen Generationenwechsel angestossen. Junge Leute haben aufgrund ihrer Ausbildung, ihres Hintergrunds und ihrer Präferenzen eindeutig eine ganz andere Sicht auf Produkte und Märkte. Sie werden nicht durch Vergangenes beeinflusst. Ich war mir sicher, dass dieser Schritt notwendig war, und der weitere Verlauf der Dinge gab mir recht.

Die Marke Lindt & Sprüngli ist die einzige weltweit präsente Premium-Marke. Waren Sie nie versucht, ins Niedrigpreissegment zu expandieren?
Nein, nie. Lindt & Sprüngli ist eine international aufgestellte und als Marktführer für Premium-Schokolade anerkannte Gruppe. Wir gehen auf unsere Kunden, ihre Konsumgewohnheiten, ihre Anforderungen und ihr Verhalten ein. Ausgehend von diesem Feedback entwickeln wir neue, hochwertige Produkte. Wir streben nach Exzellenz und machen diesbezüglich keine Kompromisse – weder mit unseren Produkten, noch mit unseren Verpackungen oder unserer Arbeitsweise.

Welche sind derzeit Ihre Produkt-Highlights?
Wir beobachten eine zunehmende Präferenz der Kunden für Edelbitterschokolade. Das ist gut für uns ist, denn gerade gehen wir mit neuen Excellence-Sorten mit 100% Kakaoanteil in den Markt. Der andere Trend sind Snacks. Kunden wollen nicht unbedingt gleich eine 100-Gramm-Tafel Schokolade kaufen, sondern nur einen Snack zum Mitnehmen, den sie essen, wenn sie Lust auf Schokolade haben, wie unsere Sticks oder Lindor-Pralinen.

Lindt & Sprüngli ist ein Unternehmen, das Wert auf Nachhaltigkeit legt. Was soll man sich unter einer nachhaltigen Schokolade vorstellen?
Seit zwölf Jahren implementieren wir unsere eigenes Nachhaltigkeitsprogramm, auf das wir stolz sind. 2020 werden wir das Ziel erreichen, das wir uns vor einigen Jahren gesetzt haben: Wir wollen, dass 100% unserer Kakaobohnen aus insgesamt fünf Anbauländern bis zum Kakaobauern zurückverfolgt und kontrolliert werden können. Unserem Anbauprogramm „Lindt Farming Programme“ sind rund 60’000 Kakaobauern angeschlossen, die wir in ihrer Arbeit unterstützen, etwa durch Schulungen oder Infrastrukturprojekte. Darüber hinaus wollen wir bis 2025 erreichen, dass 100% des Kakaos (Kakaobohnen und -butter) aus nachhaltigem Anbau stammt, die Kakaobeschaffung völlig ohne Abholzung des Waldes auskommt, die Treibhausgasemissionen unserer Produktion um 10% gesenkt werden und der Frauenanteil in leitenden Funktionen auf 40% steigt.

Wird die von der Elfenbeinküste und Ghana für Oktober angekündigte Preiserhöhung für Kakao dem Kakaobauern zugute kommen?
Das hoffe ich, doch ist das nur schwer nachvollziehbar, denn Form und Höhe der Prämienverteilung hängen von den Behörden in den Anbauregionen ab. Gleiches gilt für Kinderarbeit. Ist es möglich, 100% des Kakaos völlig ohne Zwangsarbeit von Kindern zu ernten? Das kann Ihnen kein Schokoladenhersteller zusichern. Ich kann Ihnen jedoch garantieren, dass wir mit unserem Anbauprogramm und durch kontinuierliche Stichprobenkontrollen bei unseren Besuchen vor Ort die grösstmöglichen Anstrengungen unternehmen, um Kinderarbeit auszumerzen. Ausserdem kennen wir unsere Produzenten persönlich.

Was ist unter veganer Schokolade zu verstehen?
Dies ist eindeutig ein Wachstumstrend. Man kann hierfür Soja-, Reis-, Hafer- oder Mandelmilch verwenden, doch alle diese Lösungen haben Vor- und Nachteile. Natürlich erhält man mit diesen Zutaten keine Schokolade mit dem gleichen Geschmack wie Schokolade auf Kuhmilchbasis, doch die Konsumentengruppe, die bereit ist, diese Geschmacksänderung in Kauf zu nehmen, wächst stetig. Deshalb werden wir unsere Rezepturen anpassen.

Die Coronavirus-Epidemie breitet sich aus. Wie bereiten Sie sich auf die kommenden Monate vor?
Vom Coronavirus sind der Tourismus und der Luftverkehr betroffen. Wir beobachten derzeit einen Rückgang der Frequenz in unseren Geschäften in Tourismushochburgen, doch dieser ist derzeit noch gering. Wir sprechen hier nicht von grossen Umsatzeinbussen. Wie auch immer: Wir schützen unsere Mitarbeiter und informieren sie regelmässig. Wir haben alle Reisen in die betroffenen Regionen und sämtliche internationalen Besprechungen annulliert, die nicht unbedingt notwendig sind. Stattdessen greifen wir auf digitale Technologien wie Videokonferenzen züruck.
Natürlich wissen wir nicht, wie sich die Sachlage entwickeln wird, bleiben aber optimistisch. Wir sind für das Jahr 2020 und auch langfristig gut aufgestellt. Unsere Strategie wird auch in Zukunft auf dem Premium-Segment beruhen, das unseren Erfolg ausmacht, aber das habe ich eingangs schon erwähnt.

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