„Ich will den Unternehmergeist in der Vermögensverwaltung fördern“

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Interview mit Vivien Jain, Chief Executive Officer, Aquila

Von Andreas Schaffner – Fotos: Jürg Kaufmann

Vivien Jain hat mit 36 Jahren die Leitung von Aquila übernommen, einer Service-Plattform für unabhängige Vermögensverwalter, und gehört damit nicht nur zu den wenigen Chefinnen an der Spitze eines Finanzunternehmens, sondern auch zu den jüngsten CEOs des Schweizer Bankensektors. Mit diesem bemerkenswerten Wechsel hat Aquila einen echten Generationensprung vollzogen – ein Signal für den Eintritt in eine neue Ära und die Annahme neuer Herausforderungen.

Wie ist es, so jung plötzlich als CEO einer Firma zu amtieren?
Vivien Jain: Nun, ich habe mich ja länger darauf einstellen können. Und mir hat sicher geholfen, dass ich sozusagen bei Aquila «gross» geworden bin. Ich war auch vorher schon Teil der Geschäftsleitung. Nun habe ich sozusagen die Verantwortung über einen Bereich abgegeben und die Verantwortung für alle Bereiche übernommen. Insofern war es eine fast natürliche Entwicklung, die ihren Lauf nahm.

Sie sind ja auch grad beim Start als CEO kurz wegen eines freudigen Ereignisses der Arbeit ferngeblieben – Babypause!
Genau. Ich habe die CEO-Funktion aus diesem Grund zwei Monate früher übernommen als geplant, um mich bereits vor dem Mutterschaftsurlaub in der neuen Rolle zurecht zu finden. Ausserdem haben wir eine bestens funktionierende Geschäftsleitung, die mich während meiner Abwesenheit auf dem Laufenden gehalten hat und natürlich auch jetzt hervorragend unterstützt.

Klar ist: Sie haben in den vergangenen acht Jahren eine steile Karriere gemacht. Heute sind Sie eine der wenigen Frauen an der Spitze eines Schweizer Finanzunternehmens.
Was sind Ihre Eindrücke?
Mir hat diese Verantwortung und unternehmerisches Denken immer Freude gemacht. Es ist dabei sekundär, wie alt ich bin oder ob ich eine Frau bin oder nicht.

Der Blackberry also immer auf Empfang?
Auf jeden Fall. Oder zumindest fast immer. In den Ferien versuche ich aber schon ab und zu, auch einmal komplett abzuschalten. Dies fällt mir aber ehrlichgesagt tatsächlich eher schwer…

Wie sieht es mit dem Respekt aus? Immerhin sind die meisten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bei Aquila älter als Sie.
Da habe ich bisher überhaupt keine negativen Erfahrungen gemacht. Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass ich die Menschen und die Abläufe seit Längerem kenne – auch in den Bereichen, die ich nicht geleitet habe. Ich glaube aber generell nicht unbedingt, dass Respekt etwas mit dem Alter zu tun hat.
Wir haben bei Aquila derzeit eine sehr gute Mischung von Mitarbeitenden. Viele, die schon seit Längerem dabei sind und über unglaublich viel Know-How und Erfahrung verfügen und einige neue Kolleginnen und Kollegen, die neue Ideen und Dynamik reinbringen. Unabhängig vom Alter und Erfahrung der Teammitglieder: Wir müssen als Arbeitgeber attraktiv bleiben. Ich habe deshalb auch initiiert, dass bei Aquila zum ersten Mal in der Geschichte eine Mitarbeiterbefragung durchgeführt worden ist.

Frischer Wind kehrt ein. Nun geht es aber auch darum, die Weichen neu zu stellen. Mit welchem Anspruch treten Sie hier an?
Aquila geht es sehr gut. Und wir sind hervorragend positioniert für die Herausforderungen der Zukunft. Mein Ziel ist es deshalb nicht, die Strategie zu ändern – sondern ich möchte nachhaltiges Wachstum erreichen.

Das Grundprinzip, für was Aquila steht, wird also beibehalten. Was heisst aber nachhaltiges Wachstum?
Wir wollen gemeinsam mit unseren Kunden wachsen. Das tönt einfach, ist aber sehr herausfordernd. Es geht darum, schon heute das Augenmerk auf die Bedürfnisse der Kunden von Morgen zu legen und beispielsweise mit unseren Partnern auch an sinnvollen Nachfolgelösungen zu arbeiten. Nachhaltiges Wachstum bedeutet dann beispielsweise, dass wir versuchen, junge, unabhängige Vermögensverwalter mit anderen Partnergesellschaften auf unserer Plattform zusammenzuführen und so eine Win-win-Sitation für alle Parteien zu schaffen.

Mit der Stabsübergabe von Aquila-Gründer Max Cotting an Sie wurde nicht nur ein Generationensprung vollzogen: Sie haben eine ganze Generation übersprungen. Das fordern sie auch von den Vermögensverwaltern?
Mit dem Generationensprung haben sie recht. Insofern bin ich Max Cotting auch dankbar, dass ich diese Chance erhalten habe. Er hat mich damals frühzeitig in die Diskussion um die Nachfolge involviert. Er ist als neues VR-Mitglied und künftiger VR-Präsident auch weiterhin ein wichtiger Gesprächspartner und Mentor. Bei unseren Vermögensverwaltern geht es natürlich nicht darum, dass sie sich nun alle sofort um einen 35-jährigen Nachfolger bemühen, sondern ihre Firma für die verschiedenen Herausforderungen, welche die Zukunft mit sich bringt, fit zu machen.

Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen für die Branche. Sind es nur die Kunden von Morgen?
Die neue Generation von Kunden interessiert sich beispielsweise eher für Nachhaltigkeitsthemen und ist allgemein viel technologieaffiner. Diesen neuen Bedürfnissen muss Rechnung getragen werden, was eine grosse Herausforderung sein kann, da es teilweise um sehr komplexe Themen geht. Was uns bzw. unsere Partnergesellschaften aktuell zudern besonders fordert, ist die Umsetzung des Anfang 2020 in Kraft getretenen Finanzdienstleistungsgesetzes (Fidleg) und des Finanzinstitutsgesetz (Finig). Die neuen Regulierungen sind für unabhängige Vermögensverwalter und damit für alle unsere Partner sehr einschneidend. Die Umsetzung ist noch lange nicht vorbei und es sind noch viele Hürden zu nehmen. Der FINMA-Bewilligungsprozess an sich ist eine erste Hürde, vor der sich mancher Vermögensverwalter scheut. Erst etwa zehn Prozent derjenigen Vermögensverwalter, die sich vor einem Jahr «committed» haben, ein Gesuch für eine Lizenz einzureichen, haben dies bis jetzt auch umgesetzt. Effektiv eine Bewilligung erhalten, haben erst gut 100 Vermögensverwalter – knapp Dreiviertel davon sind Partner-Firmen von uns. Kein Wunder hat die Finma vor einigen Monaten eine Art Mahnschreiben verfasst und die Vermögensverwalter darin aufgefordert, ihre Gesuche einzureichen.

Was sind die Gründe für die zögerliche Haltung?
Generell ist es so, dass wir es mit einer Branche zu tun haben, die mit ihren Kunden älter geworden ist. Ich würde nicht gerade von Überalterung sprechen, aber es gibt eine Tendenz in diese Richtung. Viele Vermögensverwalter sind demnach seit eh und je in diesem Business tätig und müssen sich nun an die neuen regulatorischen Vorgaben anpassen. Dies erfordert ein Umdenken und ist teilweise mit viel Aufwand verbunden. Ein Beispiel: Manche ältere Vermögensverwalter sind es sich seit Jahren gewohnt, als Einzelmasken unterwegs zu sein. Ihnen fällt es unter Umständen schwer, eine Stellvertretung zu organisieren, wie dies vom Regulator verlangt wird. Hinzu kommen buchhalterische Fragen oder technologische Herausforderungen, wie die Integration von CRM/PM-Tools oder der Umgang mit Cyberrisiken.

Es ist aber nicht nur der Druck des Regulators, ein Bewilligungsgesuch einzureichen, der die Vermögensverwalter fordert.
Nein, mit dem Erhalt der Lizenz fängt es erst an. Die Flughöhe wird erreicht, aber die Vermögensverwalter brauchen Treibstoff, um die Höhe zu halten. Man muss also die erhaltene Lizenz behalten können, und hierzu müssen sämtliche neuen Vorschriften laufend überprüft und eingehalten werden

Die regulatorischen Entwicklungen werden überlagert durch die technologischen und auch von den sich verändernden Kundenbedürfnissen.
Ja. Das Stichwort hier ist zunächst die Digitalisierung. Diese wird uns noch lange beschäftigten. Hier sind die Grossbanken aber auch die grösseren Privatbanken viel weiter als die meisten unabhängigen Vermögensverwalter, welche sich mit den diversen, neuen Systemen eher schwer tun.

Sie fordern die technologische Aufrüstung?
Natürlich wissen wir alle nicht, wohin die Reise schlussendlich geht. Aber was sicher ist: Wer heute diese Entwicklungen nicht voraussieht und entsprechend investiert, hat womöglich bald ein Problem. Schon heute fordert die FINMA unter FIDLEG in bestimmten Konstellationen den Einsatz eines Tools.. Unsere Aufgabe sehe ich wie auch sonst darin, eine Lösung anzubieten, aber auch, die Vermögensverwalter im Umgang mit den neuen Systemen zu schulen.

Sie machen natürlich hier auch Werbung für Ihre zentralen Dienstleistungen aber auch für Ihre technologischen Lösungen. Aquila lebt ja davon, diese Lösungen anzubieten.
Die technologischen Lösungen sind Teil unseres Gesamtpakets. Wir haben es gerade rechtzeitig geschafft, ein entsprechendes Tool zu entwickeln. Wir haben sicher 5-6 Jahre daran gearbeitet. Wie sich der Markt und die aufsichtsrechtlichen Erwartungen hier weiter entwickeln werden, wissen wir noch nicht. Das wird sich frühestens in zwei bis drei Jahren weisen, sobald die ersten Revisionen erfolgt sind. Um was es mir jedoch vor allem geht, ist dass man die Weitsicht hat, jetzt gewisse Entscheidungen für die Zukunft zu treffen.

Was sagt hier die FINMA dazu? Welche Technologie macht das Rennen?
Sie äussert sich noch nicht dazu. Sie will die «Marktpraxis» abwarten. Das ist nichts Schlechtes: Denn es ist wirklich so, dass die Anforderungen eines Family Offices ganz anders sind als diejenigen eines Vermögensverwalters, der 50 Kunden betreut.

Kommen wir zur entscheiden Frage nach den Kundenbedürfnissen. Hier stellen wir auch gerade in der Corona-Krise fest, dass ein Digitalisierungsschub stattgefunden hat. Wo stehen wir Ihrer Ansicht nach heute?
Auf jeden Fall. Schon die heutige Generation von Kunden und Kundinnen ist sich nach zwei Jahren Corona-Krise gewohnt, den Berater per Zoom zu sprechen. Die künftige Generation ist noch digitaler unterwegs, sie will nicht einmal im Jahr ihren Vermögensverwalter besuchen, sondern konstant informiert werden. Die Kunden von Morgen haben unter anderem höhere Anforderungen ans Reporting und die Offenlegung. Sie wollen wissen, welche Produkte sie im Portfolio haben und wie sich diese entwickeln. Ausserdem ist diese neue Generation kritischer.

Und weiblicher: Ein grosser Teil der Erbschaften geht ja schon heute an Erbinnen über. Und immer mehr Unternehmerinnen und gut ausgebildete Frauen erwirtschaften ihr eigenes Vermögen.
Dieser Trend wird sich noch weiter beschleunigen. Die Kundschaft von Morgen ist sicher kritischer, digitaler und – ja auch – weiblicher. Auch darauf müssen sich die Vermögensverwalter einstellen. Die Kundin von morgen will genau so umfassend informiert werden, wie früher deren Ehemann.

Was heisst das für die Vermögens-verwalter?
Es reicht nicht mehr, einfach Relationship-Management zu betreiben. Heute muss ein Vermögensverwalter unter anderem auch auf Produkteseite sein Knowhow verbessern oder die Frage der Retrozessionen anpacken. Zudem machen Mega-Trends wie Nachhaltigkeit oder wie bereits angesprochen die Digitalisierung auch vor der Vermögensverwaltung nicht halt. Das sind beides für sich alleine schon äusserst komplexe Themen, mit welchen sich die Vermögensverwaltungsbranche auseinandersetzen muss..

Das sind grosse Brocken.
Ja, kommt hinzu, dass wir allgemein ein Nachwuchsproblem in der unabhängigen Vermögensverwaltung haben. Die Generation, die sich vor 20, 30 Jahren mit ihrem Kundenstamm selbständig gemacht hat, wird älter und hört bald auf. Viele Junge haben heute nicht den Mut, sich selbständig zu machen. Der optimale Zeitpunkt wäre im Alter von Mitte Dreissig. Doch viele sind gerade in dieser Phase daran, eine Familie zu gründen oder in einer Bank. Karriere zu machen. Im Vergleich etwa zu den Fintechs fehlt hier der Unternehmergeist. Auch das sehe ich im Übrigen als meine Aufgabe an: Den Unternehmergeist zu fördern im Bereich Vermögensverwaltung. Ich möchte das als CEO auch entsprechend vorleben.

Im Vergleich zum Gründungsjahr 2000 hat die Konkurrenz aufgeholt. Es gibt zahlreiche Plattformen, die ähnliches anbieten wie die Aquila. Wie heben Sie sich von ihnen ab?
Sicher, es gibt unterdessen andere Dienstleister und Plattformen. Diese bieten jedoch vorwiegend einzelne Dienstleistungen oder Module an. Bei uns erhält der Vermögensverwalter alle Services aus einer Hand, eine All-in-one-Lösung, sodass er sich einzig auf sein Kerngeschäft, auf seine Kunden fokussieren kann. Unser Businessmodell ist nach wie vor einzigartig, wird aber nicht immer richtig verstanden. Beispielsweise entsteht offenbar manchmal der Eindruck, dass man als Partnergesellschaft der Aquila nicht mehr unabhängig sei, obwohl das Gegenteil der Fall ist. Unsere Partner bleiben unternehmerisch selbständig und handeln absolut unabhängig. Wir beschäftigen uns aktuell deshalb ausgiebig mit der Frage, wie wir dies im Markt verständlicher kommunizieren und allfällige Missverständnisse aus der Welt schaffen können. . Auch dies im Hinblick auf die neue Generation von Vermögensverwaltern.

Vivien Jain ist seit Februar 2021 CEO der Aquila-Gruppe. Sie hat die Nachfolge von Firmengründer Max Cotting angetreten, der im April dieses Jahres in den Verwaltungsrat gewählt wurde und im kommenden Jahr das Präsidium übernehmen soll.
Die 36-jährige Jain arbeitet bereits seit 2014 bei Aquila, wo sie den Bereichen Legal, Compliance und Risk leitete und 2016 in die Geschäftsleitung berufen wurde. Die kanadisch-schweizerische Doppelbürgerin mit indischen Wurzeln war nach ihrem Jus-Studium und verschiedenen Stationen bei Anwaltskanzleien im In- und Ausland zunächst beim Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen PwC in Zürich tätig.

  • Die Aquila-Gruppe ist die grösste Plattform für unabhängige Vermögensverwalter in der Schweiz. Den Grundstein legte Max Cotting im Jahr 2000, als er die Plattform für unabhängige Vermögensverwalter ins Leben rief.
  • Aquila besitzt seit 2012 eine Banklizenz, nimmt für die angeschlossenen Partner-gesellschaften zentrale Funktionen wahr und tritt zudem für unabhängige Vermögensverwalter ausserhalb der Aquila-Gruppe als Depotbank auf.
  • Angeschlossen sind 83 Partnergesellschaften an 24 Standorten. Die Bilanzsumme der Aquila betrug Ende 2020 CHF 227.2 Millionen. Das Stammhaus erwirtschaftete 2020 einen Gewinn von CHF 3.25 Millionen und beschäftigt aktuell 68 Personen.
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