In den digitalen Wandel investieren

117
0
Share:

Von Alan Tu, T. Rowe Price

Der digitale Wandel erhielt durch die Pandemie einen ungeheuren Schub, denn die Krise fungierte als machtvoller Katalysator. Dennoch deutet vieles darauf hin, dass dieser Digitalisierungstrend in Wirklichkeit erst der Beginn einer weitreichenden technologischen Revolution ist.

Die Coronakrise hat einen Strukturwandel initiiert und der digitalen Transformation einen beispiellosen Schub verliehen. Dies dürfte jedoch erst der Anfang dieser Entwicklung sein, da auch die Firmen anderer Branchen, darunter Gesundheits- und Finanzdienstleister, verstärkt auf digitale Konzepte bauen.

Chancenreich erscheinen in diesem Zusammenhang vor allem Unternehmen, die die Infrastruktur und Dienstleistungen für den digitalen Wandel bereitstellen. Das betrifft vor allem Anbieter von wichtigen Software-, Cloud- und Cybersicherheitslösungen, die über mehrere Jahre hinweg solide wachsen können, da sie mit ihren Technologien ihre Umsätze steigern, Kosten einsparen und ihre Marktposition festigen.

Exemplarisch hierfür steht der Bereich Unternehmenssoftware. Cloud- und abonnementbasierte Software hat sich zuletzt zunehmend stärker durchgesetzt, da sie kostengünstiger ist und einen nahtlosen Zugriff auf neue Updates und Versionen ermöglicht. Die Verlagerung in die Datenwolke stellt die Branche bereits seit rund zwei Jahrzehnten auf den Kopf, wodurch einstige Marktführer wie Oracle und SAP von schnell wachsenden Anbietern wie Workday, ServiceNow und Salesforce.com verdrängt wurden.

Das Potenzial für weitere Umwälzungen bergen zudem neue Plattformen, die Firmen die Erstellung ihrer eigenen, massgeschneiderten Software ermöglicht. Zugleich können Nutzer ohne jegliche Programmiererfahrung auf Anwendungen zugreifen, mit denen sie passgenaue Lösungen für ihr Unternehmen entwickeln können. Diese Entwicklung steht noch am Anfang und wird von Anlegern im teilweise recht hoch bewerteten Technologiesektor mitunter unterschätzt.

Ein Beispiel dafür ist Shopify. Das kanadische Unternehmen hat eine Technologie für kleine und mittelgrosse Händler entwickelt, mit der sie ihr Geschäft selbst digitalisieren können. Shopify zählt heute zu den führenden E-Commerce-Plattformen für unabhängige Händler, mit der diese ihre Angebote online stellen können, ohne professionelle Entwickler bezahlen zu müssen. Über die Shopify-Plattform können sie ihre Website erstellen, neue Produkte einstellen, Werbeaktionen verwalten oder Bestellungen abwickeln.

Gänzlich neue Märkte entstehen durch die Komplexität, die mit Big Data oder maschinellem Lernen verbunden ist. Atlassian etwa reagiert auf die zunehmende Bedeutung der Anwendungsentwicklung sowie die wachsende Kompetenz der Endnutzer, eigene Tools zu erwerben. Seine Anwendungsentwicklungssoftware Jira hat sich bereits weltweit zur Standard-Workflow-Plattform für Programmierer entwickelt. Die beschleunigte Verlagerung hin zum Homeoffice hat darüber hinaus dem Tool „Confluence“ für Remote-Zusammenarbeit enormen Auftrieb verliehen.

Auch Infrastruktur- und Plattformunternehmen, die das Funktionieren der Cloud ermöglichen, dürften noch einige Jahre lang stark wachsen. Viele Firmenchefs haben erkannt, dass sie agiler sind, wenn sie Rechenkapazitäten und Daten in die Cloud verlagern. Die drei dominierenden Cloud-Plattformen in den USA – Google Cloud (Alphabet), Azure (Microsoft) und Amazon Web Services – sind im vergangenen Jahr weitergewachsen, und es ist davon auszugehen, dass sie auch in den nächsten Jahren einen bedeutenden Anteil am Geschäft ihrer Muttergesellschaften ausmachen werden.

Während die Basis der ersten und zweiten industriellen Revolution Dampf beziehungsweise Elektrizität waren, gründet die Digitalisierung der Wirtschaft auf Halbleitern. So wächst derzeit die Nachfrage nach Rechenleistung exponentiell an, was die Hersteller von hochmodernen Halbleitern herausfordert, die Nachfrage zu befriedigen. Eine zunehmende Preismacht ist vor allem den innovationsstärksten Unternehmen in einer weniger standardisierten und zyklischen Branche zuzutrauen.

Die niederländische ASML Holding ist weltweit der einzige Anbieter von Anlagen für die Extrem-Ultraviolett-Lithografie, die für die Herstellung von Schaltkreisen verwendet wird, dem kritischsten Schritt bei der Produktion der neuesten Chipgeneration (darunter die „Bionic“-Chips von Apple). ASML könnte durch dieses technologische Alleinstellungsmerkmal eine starke Preismacht in einer zyklischen Branche erlangen.

2020 stand das stark beschleunigte Wachstum der führenden Technologieunternehmen im Fokus der Anleger, was die Bewertungen in einigen Bereichen auf hohe Niveaus getrieben hat. Gewinn- und Umsatzvergleiche mit dem Vorjahr dürften zudem in den kommenden Monaten eine Herausforderung darstellen, da das Wachstumstempo in vielen Fällen kaum zu halten sein dürfte. In anderen Bereichen sehen wir für 2021 jedoch weiterhin Potenzial für solide Renditen, beispielsweise bei einigen innovativen Softwareanbietern, die infolge der pandemiebedingten Wirtschaftsschwäche stark unter Druck geraten sind und daher im Zuge der erhofften Erholung von einer niedrigeren Vorjahresvergleichsbasis profitieren könnten.

Alan Tu ist seit 2014 Portfoliomanager in der U.S. Equity Division bei T. Rowe Price. Er ist Vorsitzender des Investment Advisory Committee für die Global Technology Equity Strategy und steuert den Global Technology Fund des in Baltimore ansässigen Vermögensverwalters. Zuvor war er Investmentanalyst bei Ananda Capital und beschäftigte sich mit Softwareunternehmen im Technologiesektor. TU ist seit 2007 in der Investmentbranche tätig und erhielt einen Master of Business Administration in Finance and Economics von der University of Chicago.

Share: