„In der Welt der Vorsorge gibt es derzeit eine Art Kontinentaldrift“

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Interview mit Alexandre Michellod, Gonet & Cie – Leiter der Abteilung Wealth & Investment Solutions

Von Jérôme Sicard – Photos : Karine Bauzin

Die Bank Gonet interessiert sich bereits seit einigen Jahren für den Vorsorgemarkt. Dabei positioniert sie sich in einem Teil der zweiten Säule (Freizügigkeit und Überobligatorium) und in der dritten Säule (3a). Alexandre Michellod,
der diese Entwicklungen vorantreibt, ist vom Potenzial der privaten Sparguthaben, die in diesen Rahmen fallen, überzeugt: Es liegt seiner Ansicht nach im Interesse der Akteure des Wealth Managements, eine Vorsorgekomponente in ihr Verwaltungsangebot aufzunehmen. Natürlich mit Lösungen.

Warum interessiert sich Ihre Bank seit fünf Jahren für den Vorsorgemarkt?
Alexandre Michellod: Die Vorsorge ist ein Muss, wenn man wie die Bank Gonet eine umfassende Vermögensverwaltung auf dem Schweizer Markt anbietet. Bei einer Kundschaft, die zu 40% aus in der Schweiz ansässigen Personen besteht, erscheint mir das vollkommen legitim. Die Sparfähigkeit der Schweizer beruht sehr stark auf der Vorsorge, die wir daher als einen Teil der Vermögensverwaltung betrachten. Sie erfüllt denselben Zweck.
Wir haben allerdings mehrere Möglichkeiten in diesem Vorsorgeuniversum identifiziert, das sich tendenziell im Laufe der Jahre polarisiert. Zur Verdeutlichung: Wir erleben gerade eine Art Kontinentaldrift. An einem Ende gibt es die staatliche Vorsorge und das obligatorische System der beruflichen Vorsorge, und am anderen Ende gibt es das überobligatorische System der beruflichen Vorsorge und das der individuellen Vorsorge, die ich als private Vorsorge bezeichnen würde. An diesem Punkt wollen wir ansetzen, denn dieser Teil des Systems dürfte sich in den kommenden Jahren enorm entwickeln.
Um an der Vorsorgefront voranzukommen, hat Nicolas Gonet vor sechs Jahren eine Wende in diese Richtung eingeleitet und sie in eine langfristige Strategie eingebettet, die zu einem Zeitpunkt beschlossen wurde, als die Bank ihren Rechtsstatus an die Entwicklung des Privatbankmodells anpasste.

Für welche Positionierung genau haben Sie sich entschieden?
Wir konzentrieren uns auf Freizügigkeitsguthaben in der zweiten Säule und auf die dritte Säule. Wir verfolgen einen semi-institutionellen Ansatz, da wir versuchen, Ersparnisse in der privaten Vorsorge zu sammeln, die sich im Übergang befinden und die Inhaber sich noch überlegen, wie ihre Vermögenswerte verwaltet werden sollen. Wir verfügen also über eine Nischenpositionierung, mit der wir unseren Peers einige Jahre voraus sind. Wir sind in der Lage, ein Sparkapital mit Lösungen zu verwalten, die Teil einer umfassenderen Vermögensverwaltung sind. Als Referenz für die Renditen dient dabei der technische Zinssatz, der heute unter 2% liegt.

Wie würden Sie Ihre Tätigkeit beschreiben?
Wir sind ein Asset Manager, aber mir ist die Bezeichnung Investment Manager lieber. Sie entspricht besser unserer Haupttätigkeit sowie auch unserer Anlagephilosophie, die auf einem proprietären Konzept des Indexing Management® beruht. Wir wissen, wie man Pensionskassenguthaben unter Einhaltung der für sie geltenden Regeln verwaltet. Dieser Logik folgend hat die Bank Gonet 2018 in einem ersten Schritt die institutionelle Verwaltung ihrer eigenen Vorsorgekasse bei der Auflegung des Gonet 30, unseres Flaggshiff-Fonds im Indexing Management, übernommen. In einem zweiten Schritt konnten wir dann das für unsere Vorsorgekasse eingeführte Instrumentarium der semi-institutionellen Verwaltung anderen Institutionen der zweiten und dritten Säule anbieten. Es war für uns umso leichter, sie bei der Umsetzung zu begleiten, als wir in Bezug auf die Entwicklung unseres Altersvorsorgesystems die gleichen Überzeugungen haben.

Was unterscheidet Sie von anderen?
Wir haben durch die Digitalisierung aller Prozesse, die sich auf die Verwaltung dieser Vorsorgeguthaben beziehen, einen enormen Mehrwert geschaffen, sowohl bei der nichtobligatorischen zweiten Säule als auch der bei dritten Säule a. So stellen wir unseren Partnern eine Schnittstelle zur Verfügung, mit der sie das Onboarding, den Anschluss an eine Partnerstiftung mit offener Architektur und die Wahl der Strategie aus der Ferne vornehmen können. Alles lässt sich online und mit elektronischer Unterschrift regeln. Meiner Ansicht nach war das eine Notwendigkeit, auch schon vor der Coronakrise.

Was brauchen die Vorsorgekassen aktuell am dringendsten bzw. woran fehlt es ihnen?
In der Schweiz gibt es 1.500 Pensionskassen, die natürlich sehr unterschiedliche Profile haben. Dennoch gibt es Punkte, in denen sich alle einig sind. Erstens die Notwendigkeit der Finanzierung durch die Kapitalisierung der eingesammelten Sparguthaben. Wie Sie wissen, bestehen die verfassungsmässigen Ziele der ersten und zweiten Säule darin, im Ruhestand eine Ersatzrate von 60 bis 70% des letzten Gehalts zu gewährleisten. Beim derzeitigen Stand der Dinge können wir uns bei einer Ersatzrate von 50% schon beglückwünschen.
Das zweite Grundbedürfnis der Pensionskassen ist eine leistungsfähige Kapitalisierung in der zweiten Säule. In diesem wesentlichen Punkt sind alle Asset Manager einer Meinung. Ich gehöre zu denen, die nicht am Beitrag der Märkte zweifeln: Dies ist beim überobligatorischen Bereich wichtig. Langfristig gesehen lässt sich das gar nicht leugnen, auch wenn das Zinsumfeld derzeit ein völlig anderes ist als Mitte der 80iger Jahre, als das BVG entstand.

Welche Instrumente und Lösungen brauchen Sie am meisten?
Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Sie brauchen einen Kapitalisierungsmotor, der unter dem Gesichtspunkt ihrer Performance leistungsstark ist, da fast die gesamte Finanzierung der Leistungen aus der zweiten Säule über diese Kapitalisierung erfolgt. So sehr die erste Säule auf dem Umlageverfahren beruht, so sehr beruht die zweite Säule auf der Kapitalisierung.
Nun stellt sich die Frage, ob diese Kapitalisierung immer aus börsenkotiert Vermögenswerten stammen muss oder ob es nicht an der Zeit ist, dass die Pensionskassen verstärkt auf nicht börsenkotierte Vermögenswerte wie Private Equity setzen. Die Volatilität der Märkte ist infolge der sukzessiven Krisen, die wir erleben, ein brandaktuelles Thema. Klar ist, dass die Investoren heute versuchen, sich von der mit börsenkotiert Werten verbundenen Volatilität abzukoppeln.

Wo sehen Sie bei Ihrer Begleitung der Kassen den grössten Mehrwert?
Ganz klar in der digitalen Innovation, mit der es uns gelungen ist, alle unsere Prozesse zu digitalisieren und ein sehr flüssiges Kundenerlebnis zu schaffen, das von der elektronischen Unterschrift bis hin zur Kapitalanlage völlig automatisch abläuft. Um den Zugang zu unseren Lösungen so einfach wie möglich zu gestalten, haben wir eine sehr intuitive Benutzeroberfläche eingerichtet. So ist es zum Beispiel im Rahmen der individuellen Vorsorge ganz einfach, eine 100% digitale Verwaltung der Lebenszyklusdaten eines Sparers vorzunehmen, anschliessend damit sein Risikoprofil zu erstellen, eine Anlagestrategie festzulegen und schliesslich diese digitale Erfahrung durch eine elektronische Unterschrift zu bestätigen.

Welche Pensionskassen bilden Ihre spezielle Zielgruppe?
z Wir sind sehr aktiv bei Einrichtungen, die die Freizügigkeit der zweiten Säule und die dritte Säule abdecken, und zwar in der französischsprachigen wie in der deutschsprachigen Schweiz. Unsere Positionierung besteht bisher nicht darin, institutionelle Kunden in grosser Zahl zu gewinnen. Wir wollen vielmehr sicherstellen, dass wir unser Know-how in der Vermögensverwaltung über verschiedene Kanäle nutzen können.

Welchen Platz nimmt der Lemania-Hub im Vorsorgeangebot der Gonet-Gruppe ein?
Es handelt sich um einen wichtigen strategischen Partner. Wir haben unser gesamtes Vorsorgeangebot an die digitale Plattform Lemania angelehnt, die wir mit anderen Akteuren wie zum Beispiel Mirabaud teilen. Im Jahr 2018 hat Nicolas Gonet sofort einen Ansatz konzipiert, der auf der gemeinsamen Nutzung von Ressourcen mit Gleichgesinnten beruht, und gesehen, dass es besser ist, sich zu öffnen und eine Infrastruktur zu entwickeln, die auch andere Anbieter aufnehmen kann.
Zudem beherbergt Lemania vor allem unseren Dachfonds, den Lemania-Pension Fund, der in drei Jahren bereits mehr als 300 Millionen eingesammelt hat. Mit diesem Ergebnis sind wir ausgesprochen zufrieden.

Welche Ziele haben Sie sich für die nächsten fünf Jahre gesetzt?
Wir wollen unser verwaltetes Vermögen im Lemania-Pension-Fund mindestens verdoppeln. Ich hoffe, dass wir zum Einsammeln der nächsten 300 Millionen noch weniger Zeit brauchen als für die ersten 300 Millionen! Auf lange Sicht haben wir ein ehrgeizigeres Ziel, nämlich die Milliarden-Franken-Marke zu erreichen.

Wie sehen Sie die weitere Entwicklung auf dem Vorsorgemarkt?
Von den heutigen 1.500 Pensionskassen verschwinden jedes Jahr etwa 100. Die Konsolidierung wird weitergehen, aber der Umfang der Sparguthaben wird weiter erheblich zunehmen, da 4 bis 5 Millionen Menschen Beiträge zahlen. Im Umfeld des Wealth Managements wird die Vorsorge also einen immer grösseren Platz einnehmen. Wir werden lernen müssen, sie in ein Vermögensverwaltungsangebot zu integrieren, was heute noch nicht so verbreitet ist. Diese Herausforderung betrifft alle Akteure der Vermögensverwaltung, von den Pensionskassen bis hin zu den unabhängigen Vermögensverwaltern, denn eine Bewilligung als Asset Manager und Berater von Vorsorgesparern ist für die Kapitalanlage nicht unbedingt erforderlich.

Welche Änderungen oder Neuausrichtungen würden Sie gerne am Bundesgesetz über die Vorsorge vornehmen, wenn Sie Möglichkeit hätten?
Was die Aktiva betrifft, gehen die bereits erreichten Änderungen hinsichtlich der Anlagezwänge in die gewünschte Richtung, denn die Pensionskassen verfügen nun über mehr Flexibilität bei ihrer Allokation. Damit dürften sie etwas mehr Zuversicht entwickeln. Die Kassen streben aufgrund ihrer Aufgabe eine gewisse Gelassenheit an. Die kürzlichen Krisen haben jedoch gezeigt, dass börsenkotierte Vermögenswerte infolge ihrer hohen Volatilität mit einigen Mängeln behaftet sind.
Damit der dritte Beitragszahler dauerhaft zur Finanzierung der Leistungen beitragen kann, hoffe ich nun, dass wir bei den Anlagezwängen einen noch grösseren Spielraum bekommen. Ich denke, wir alle sind uns der positiven Auswirkungen einer diversifizierten Multi-Asset-Verwaltung bewusst. Es ist klar, dass sie Wert generiert, aber sie kann nicht mehr ausschliesslich auf börsenkotierte@ Vermögenswerte setzen. Daher hoffe ich, dass sich die Gesetze dementsprechend weiterentwickeln.

Alexandre Michellod leitet die Abteilung Wealth & Investment Solutions der Bank Gonet, bei der er auch Mitglied des Exekutivausschusses ist. Alexandre Michellod hat seine Laufbahn als Finanzanalyst bei IAM begonnen. Er setzte seine Karriere bei der BCV, der Bank Wegelin & co und bei Edmond de Rothschild (Schweiz) als Leiter des Bereichs berufliche Vorsorge fort, bevor er 2016 zu Gonet & Cie SA kam. Alexandre Michellod ist ausserdem Vorsitzender der Vorsorgeplattform Lemania-Pension-Hub. Er ist Inhaber eines Masters in Betriebswirtschaft der Universität Genf (HEC) sowie des eidgenössischen Fachausweises für berufliche Vorsorge. Er ist als Chartered Alternative Investment Analyst akkreditiert (CAIA).

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