Innovation als Katalysator von Zirkularität: Wie CO2 und Abfallprodukte zu gefragten Rohstoffen werden

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Von Evelyne Pflugi, CEO und Mitgründerin, The Singularity Group

Zirkularität – oder “circular Economy’ –  ist als Schlagwort in aller Munde. Dabei geht es um zwei Ziele: die schädlichen Nebenprodukte der Konsumgesellschaft weitmöglichst zu reduzieren und schliesslich deren Reststoffe wiederzuverwerten. Wer beim Thema Kreislaufwirtschaft tatsächlich etwas bewirken will, muss in deren Triebkräfte und Katalysatoren investieren.

Was wie ein fernes Szenario klingt, ist ein fluider Prozess, der bereits begonnen hat: Unternehmen durchlaufen einen grundlegenden Wandel und passen ihre Lieferketten an, um nachhaltige Systeme und Produkte zu erreichen. Dieser Wandel hat durch die Konvergenz und den Einsatz exponentieller Technologien Aufwind erhalten. “Innovation macht Materialien wie CO2, Abfall oder Plastik, die eigentlich als umweltschädlich gelten, zu wertvollen Ressourcen”, sagt Singularity Think Tank-Mitglied André Hugentobler. Was provokant klingt, hat einen an der Realität orientierten Hintergrund: Solange Schwellen- und Industrieländer ihre Emissionen nicht drastisch verringert haben, gilt es, die schädlichen Nebenprodukte so unschädlich wie möglich zu machen und in nutzbare Materie zu verwandeln.

Wer das Potenzial dieses neuen Rohstoffabbaus erkannt hat, wird mit grosser Wahrscheinlichkeit die Recycling-Revolution anführen. “Es gab im Bereich der Rezyklierung einen bedeutenden und nahezu unbemerkten Quantensprung: die Vorsortierung”, erläutert James Khedari, ebenfalls Mitglied des Singularity Think Tanks. “Computer-Vision und Künstliche Intelligenz ermöglichen inzwischen eine ausgeklügelte Abfallsortierung. Diese ist die Grundlage für echtes und nachhaltiges Recycling.” Davon werden vor allem Unternehmen profitieren, die bereits Abfallströme gesichert haben und in Zukunft alle Phasen der Wertschöpfungskette – allein oder in Kooperation – abdecken können. Dazu zählt, die verschiedenen Materialien im Abfall erkennen, trennen, extrahieren, reinigen und schliesslich verarbeiten zu können. Vor allem im letzten Schritt kommen inzwischen mehrere innovationsgetriebene Methoden zum Einsatz.

Plastik nicht mehr per se “böse”

Beispiel Kunststoff: “Das Narrativ ‘Plastik ist böse’ stimmt längst nicht mehr – vorausgesetzt, Plastik wird eingesammelt und der Wertschöpfungskette zugeführt”, so der Experte für Fortschrittliche Werkstoffe, Hugentobler. “Verbesserte Methoden der Depolymerisierung – etwa auf Enzymbasis – erlauben neue Wege der Wiederverwertung”, ergänzt Biotechnologie-Experte und Singularity Think Tank-Mitglied Jürgen Eck. Hinzu kämen Fortschritte im Bereich biologisch abbaubarer Polymere. Forschung und Unternehmen arbeiteten hier an optimalen Zerfallszeiten für verschiedene Anwendungsbereiche. “Künftig könnte es beispielsweise PET-Flaschen geben, die quasi auf Knopfdruck biologisch zerfallen”, prognostiziert Eck. Novozymes ist beispielsweise auf diesem Gebiet bereits aktiv.

Pyrolyse gilt als ein weiteres vielversprechendes Verfahren. Diese Art des thermo-chemischen Recyclings zersetzt sowohl nachwachsende Rohstoffe als auch Abfallprodukte wie Kunststoffe, Reifen oder Speiseöl in feste, flüssige und gasförmige Einzelkomponenten, die dann beispielsweise zu erneuerbarem Diesel verarbeitet werden können. Die Pyrolyse könnte bei der Herstellung von Produkten fossile Energieträger verdrängen und leistet einen Beitrag zur Reduktion von Treibhausgasen. Länder wie Japan pyrolysieren Abfälle bereits heute. In naher Zukunft könnte das Verfahren ausserdem die Abfallverbrennung ersetzen. Unternehmen, die Investoren im Auge behalten sollten: BASF, Darling Ingredients oder etwa Carbios. Für den Verbraucher bedeutet dies, dass die Goldgrube des 21. Jahrhunderts tatsächlich der heimische Mülleimer werden könnte: Mussten Anwohner für die Entsorgung und das Recycling von Unrat bislang bezahlen, dürfte in der Zukunft ihr Abfall Bares wert sein.

CO2-Abscheidung trägt zu Klimazielen bei und sichert langfristig Kohlenstoffgewinnung

Dem Verfahren der Kohlenstoffabscheidung kommt bereits innerhalb der Energiewende Bedeutung zu, und es wird auch in einer treibhausgasneutralen Wirtschaft eine Rolle spielen. Beispielsweise die Pharma-, Chemie- oder Logistikbranche wird weiterhin auf Kohlenstoffverbindungen angewiesen sein. Dass CO2 hierfür nicht weiterhin aus fossilen Quellen gewonnen werden kann, ist Konsens – CO2-Abscheidung aus der Atmosphäre heisst die Lösung. Solange jedoch CO2-Neutralität nicht erreicht ist, kann die Kohlenstoffabscheidung CO2 auch am Ort der Emission binden, bevor es in die Atmosphäre gelangt. Das so gewonnene CO2 als Ausgangsstoff kann chemisch oder biologisch verarbeitet und in nützliche Produkte wie Kraftstoffe, Polymere oder Baumaterialien umgewandelt werden. Firmen wie Covestro oder Evonik sollten Investoren im Blick behalten.

Um einen Placeboeffekt beim Thema Recycling und Kreislaufwirtschaft zu vermeiden, sollten Investoren sich damit auseinandersetzen, welche Technologien und Prozesse hinter der Transformation stecken. Ein an angewandter Innovation ausgerichteter Investmentansatz nimmt die Realität zum Massstab und trägt aktiv sowie pragmatisch zur Lösung der grössten Probleme unserer Zeit bei.

Evelyne Pflugi ist CEO und Mitgründerin von The Singularity Group, einer auf angewandte Innovation spezialisierten Investmentboutique. Vor der Unternehmensgründung im Jahr 2017 verantwortete sie als Portfoliomanagerin den Energiefonds von GAM Investment Management in Zürich und betreute als aktive Managerin verschiedene Mandate im Bereich Natural Resources. Davor war sie Portfolio Managerin sowie Analystin bei Capital Research Global Investors in London. Sie begann ihre Karriere bei The Capital Group in Los Angeles, Kalifornien. Evelyne hat einen Master-Abschluss in Ingenieurwissenschaften der ETH Zürich mit den Schwerpunkten Lebensmittelwissenschaften, Biochemie und Biotechnologie.

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