Japanische Aktien wirken trotz robuster Gewinne „günstig“

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CIGANER_Archibald

Von Archibald Ciganer, T. Rowe Price

In Japan bleibt die Fortsetzung der ultralockeren Geldpolitik ein wichtiges Thema, doch die Unternehmensergebnisse deuten eher auf erfreuliche Aussichten für das Land hin.

Zwei Themen beherrschen aktuell die Schlagzeilen in Japan: Die BOJ, die an ihrem geldpolitischen Kurs festhält, und die Schwäche des japanischen Yen, der aktuell unweit seines 30-Jahrestiefs gegenüber dem US-Dollar gehandelt wird. Weil beide Aspekte grossen Einfluss auf Japans kurzfristige Aussichten haben dürften, lohnt es sich, beide genauer zu betrachten:

1. Japan hebt sich durch extrem lockere Geldpolitik ab

Die jährliche Verbraucherpreisinflation in Japan lag im September bei 3.0% und damit über dem 2%-Ziel der BOJ, war aber deutlich niedriger als in den USA und Europa. Durch die – im Vergleich zur starken Teuerung in anderen grossen Volkswirtschaften – moderate Inflation konnte die BOJ die Zinsen bislang extrem niedrig lassen, während die USA und Europa ihre Zinsen aggressiv erhöhen. Bei genauerer Betrachtung der japanischen Inflationsdaten sind in erster Linie die Lebensmittel- und Energiepreise als Inflationstreiber auszumachen, die für jeweils 4,6 % und 16,9 % des Gesamtanstiegs der Preise verantwortlich sind. Ihr Einfluss auf die Inflation schwankt aber gewöhnlich und kann sich rasch ändern. Deshalb dürfte die Veröffentlichung der weniger volatilen Daten zur jährlichen Lohninflation mehr Klarheit über die Inflation in Japan bringen. Dies wird sich ab April 2023 zeigen, nach dem Ende des Geschäftsjahrs in Japan. Dann nehmen die japanischen Unternehmen auch in der Regel Lohnverhandlungen mit den Arbeitnehmern und Gewerkschaften auf. Wir glauben, dass die Löhne und Gehälter in Japan unter Aufwärtsdruck geraten und diese wichtigen Datenpunkte die BOJ letztlich dazu bewegen könnten, gegen Ende des 1. Quartals 2023 von ihrer lockeren Geldpolitik abzurücken.

2. Yen-Schwäche

Das andere wichtige Thema des Jahres 2022 in Japan – und weltweit – war die starke Schwächung der Währung. Die Standhaftigkeit, mit der die BOJ zusagte, die Zinsen bei 0% zu halten, während andere führende Zentralbanken ihre Zinsen erhöhten, hat den Renditeunterschied zwischen Japan und anderen Industrieländern vergrössert. Dadurch wertete der Yen ab und sank relativ zum starken US-Dollar auf den tiefsten Stand seit über 30 Jahren. Selbst die massiven staatlichen Interventionen, die in den letzten Monaten die japanische Währung stützen sollten, haben noch keine nachhaltige Besserung gebracht. Für die nächste Zeit können wir jedoch ein wenig Mut aus den Erfahrungen der Vergangenheit schöpfen. Denn als der Yen das letzte Mal so schwach war, nämlich im Jahr 1998, wertete er in weniger als drei Monaten stark auf und legte um 22 % zum US-Dollar zu. Rund ein Drittel dieser Rally geschah an gerade einmal zwei Tagen, am 6. und 7. Oktober.

Es versteht sich fast von selbst, dass für den Fall, dass die BOJ ihre aktuelle lockere Geldpolitik aufgibt und restriktiver wird (was unseres Erachtens etwa am Ende des 1. Quartals 2023 geschehen könnte), eine starke Rally der Währung innerhalb kurzer Zeit nicht unrealistisch ist – vor allem, wenn die US-Notenbank ihre aggressive Geldpolitik abmildern sollte. Der schwache Yen hat zwar Japans Wettbewerbsfähigkeit verbessert und ist ein Segen für die vielen japanischen Exporteure. Was die relative Performance der Strategien angeht, würde ein stärkerer Yen solchen hochwertigen, binnenwirtschaftlich ausgerichteten Unternehmen, wie wir sie bevorzugen, jedoch mehr Unterstützung bieten.

Ein robuster, sich bessernden Unternehmenssektor

Die Pandemie, die divergierende Geldpolitik und der rasante Yen-Rückgang standen so sehr im Vordergrund, dass die beständigen und sehr erfreulichen Verbesserungen bei der Unternehmensführung in Japan überschattet wurden. Diese lange, erfolgreiche Entwicklung wird unseres Erachtens von ausländischen Anlegern noch nicht in vollem Umfang honoriert.

Trotz der aktuellen Unsicherheit in der globalen Wirtschaft kaufen japanische Unternehmen weiterhin eigene Aktien zurück und führen ausserdem Kapital in Rekordhöhe an ihre Aktionäre zurück. Dies ist ein sehr ermutigendes Zeichen für die Verfassung von Japans Unternehmen und für die laufenden Fortschritte bei der Unternehmensführung in dem Land. Dass die Managementteams energisch auf eine stärkere Aktionärsorientierung drängen, schafft unseres Erachtens erhebliche Chancen für langfristig orientierte Anleger.

 

Kurzbiographie:

Archibald Ciganer verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung im Investmentgeschäft und arbeitet seit 2007 für T. Rowe Price. Seine Karriere begann er als Kreditanalyst bei BNP Paribas in Japan. Später war er als Vice President für Fusionen und Übernahmen tätig, wo er eine Reihe von grenzüberschreitenden Transaktionen für führende japanische und ausländische Unternehmen abwickelte.

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