„Je grösser und professioneller die Pensionskassen sind, desto besser die Rendite“

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Interview mit Iwan Deplazes, Leiter Asset Management – Swisscanto Invest by Zürcher Kantonalbank

Von Jérôme Sicard – Fotos : Karine Bauzin

Wie die 21. Ausgabe der Swisscanto Pensionskassenstudie zeigt, erzielten die Schweizer Pensionskassen, die rund drei Viertel des Vorsorgevermögens halten, im Jahr 2020 eine durchschnittliche Rendite von 3,97 Prozent. Das ist angesichts des Umfelds durchaus beachtlich. Neben diesen guten Ergebnissen zeigt die Swisscanto-Studie aber auch zahlreiche Unterschiede zwischen all diesen Kassen auf, bei der Performance ebenso wie in der Strategie. Iwan Deplazes präsentiert hier die wichtigsten Erkenntnisse aus der Studie.

Wie würden Sie die von den Schweizer Pensionskassen im Jahr 2020 erwirtschaftete Anlageperformance definieren?
Iwan Deplazes: Insgesamt gesehen sind Schweizer Pensionskassen so gesund wie lange nicht mehr. Dank den guten Renditen können sie ihre finanzielle Stabilität verbessern und die Reserven erhöhen. So ist der Deckungsgrad der Kassen auf den höchsten Stand der letzten zehn Jahre gestiegen. Dank der guten Performance stehen den Kassen mehr Mittel zur Verfügung, die viele dazu nutzen, um ihre Wertschwankungsreserven zum Teil substanziell zu erhöhen.

Sie haben an einer Stelle erwähnt, dass deren Finanzen schon lange nicht mehr so gesund waren: in welchem Sinne?
Die Pandemie hat sich 2020 zunächst ausgewirkt, aber die rasche Erholung nach dem starken Einbruch der Märkte im Frühjahr hat dazu geführt, dass die Pensionskassen trotzdem eine solide Anlageperformance erwirtschaftet haben: Die durchschnittliche Rendite betrug 3,97 Prozent.
Dank der soliden Anlageperformance konnten die Pensionskassen im Jahr 2020 eine durchschnittliche Verzinsung der Guthaben der aktiven Versicherten von 2,03 Prozent erwirtschaften und damit die Verzinsung der Rentnerkapitalien erneut deutlich übertreffen. Damit haben die Schweizer Vorsorgewerke die Umverteilung von den aktiven Versicherten hin zu den Rentnern reduzieren können.

Die Fixed-Income-Allokation ist innerhalb von 10 Jahren von 37,2 Prozent auf 28,9 Prozent gesunken. Wie gehen die Schweizer Pensions-kassen mit diesen Abflüssen um – oder müssen sie damit umgehen?
Der Grund für die Reduktion der Obligationenquote liegt auf der Hand. Das seit Jahren anhaltende Tiefzinsumfeld bringt keine genügende Rendite der festverzinslichen Papiere. Da an den Obligationenmärkten quasi keine Renditen zu erzielen sind, müssen die Vorsorgeeinrichtungen auf Anlageklassen mit höherem Risiko zurückgreifen, um die nötige Verzinsung sicherstellen zu können. In den letzten zehn Jahren wurden insbesondere die Immobilien- und die Aktienquoten erhöht.

Wie kommt es, dass kleinere Pensionskassen eine so hohe Risikoexposition in ihrer Immobilienallokation haben?
Es sticht ein unterschiedlich starkes Risikoverhalten mit Blick auf Immobilienanlagen ins Auge. Die Kassen mit den höchsten Immobilienquoten weisen teilweise einen Anteil des Betongolds im Portfolio in der Höhe von bis zu 42 Prozent auf. Es sind insbesondere die kleinen Kassen, die sich damit einem nicht unbedeutenden Klumpenrisiko aussetzen. Bisher gab es keine negativen Auswirkungen, aber in der Zukunft könnte sich der starke Fokus auf lokale Immobilien auch als Nachteil erweisen.

Von minus 6 bis plus 12 Prozent, wie erklären Sie sich solche Unterschiede in den Renditen von Pensionsfonds und welche Massnahmen sollten ergriffen werden, um die Lücke zu verringern?
Je grösser und professioneller die Pensionskassen sind, desto besser schneiden sie ab. Diejenigen mit mehr als 500 Mio. Franken verwaltetem Vermögen erzielen mit 4,02 Prozent eine höhere Rendite als die kleinen Fonds mit 3,90 Prozent. Dieser Unterschied zeigt sich auch auf lange Sicht. In den letzten zehn Jahren erzielten grosse Pensionskassen eine durchschnittliche jährliche Rendite von 4,57 Prozent und übertrafen damit die kleinen Kassen, deren durchschnittliche Rendite bei 4,27 Prozent lag. Pensionskassen, die in den letzten Jahren gute Renditen erzielten, weisen heute eine deutlich höhere Fitness auf.

Wo stehen die Schweizer Pensionskassen derzeit mit ihren ESG-basierten Anlagestrategien?
Bereits 44 Prozent der grossen Vorsorgeeinrichtungen mit einem Anlagevermögen von über 500 Millionen Franken verfügen über einen Passus im Anlagereglement, dass ESG-Kriterien angewendet werden. Bei den kleineren Kassen sind es gerade einmal 14 Prozent.
Insgesamt sind grosse Kassen deutlich fortgeschrittener in diesem Prozess, denn 64 Prozent wenden bereits Ausschlusskriterien in ihrem Investmentprozess an. Damit verzichten sie beispielsweise auf Anlagen in Waffenhersteller, die Tabakindustrie oder generell in Länder, die Menschenrechte missachten. Bei den kleineren Kassen verfolgt bislang erst knapp ein Drittel diesen Ansatz.
Besonders viel Potenzial zeigt sich, wenn nach konkreten Reduktionszielen für CO2 gefragt wird. Denn bislang haben erst 4 Prozent aller Pensionskassen ein Ziel zur Verringerung der Treibhausgase für ihr Portfolio. Immerhin 11 Prozent denken darüber nach, ein solches Ziel einzuführen.

Wie profitieren sie langfristig von einem höheren Engagement für ESG-Investments?
Die Integration von ESG-Kriterien in den Anlageprozess reduziert die Risiken. Angesichts des grossen Volumens der verwalteten Vermögen kann so auch ein wesentlicher Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels geleistet werden. Alle Vermögensbewirtschafter und Pensionskassen tragen hier eine besondere Verantwortung für junge Versicherte, die in der zweiten Säule durch die Umverteilung von Aktiven zu Rentnern bereits benachteiligt sind. Denn konsequentes klimaschonendes Anlegen hilft, die indirekte Umverteilung von Jung zu Alt auf dem Buckel des Planeten zu beenden.
Klimarisiken sind Anlagerisiken, denn Firmen mit CO2-intensiven Geschäftsmodellen droht ein Wertverlust. Beim Übergang zu einer klimafreundlichen Wirtschaft wird sich in Zukunft niemand mehr CO2-intensive Portfolios leisten können.

Welche Lösungen – wenn überhaupt – sollten in Betracht gezogen werden, um die Umwandlungssätze endlich zu stabilisieren?
Bereits mit einer jährlichen Zusatzrendite auf dem angesparten Vorsorgekapital von 0,6 Prozent könnte beispielsweise die Erhöhung des Rentenalters kompensiert werden. Auf einem schweizweit geschätzten Gesamtvorsorgevermögen von knapp 1’000 Mia. Franken bedeutet 0,6 Prozent Mehrrendite einen absoluten Mehrertrag von 6 Mia. Franken. Dass bei optimaler Ausschöpfung der Risikofähigkeit bessere Renditen erzielt werden können, bestätigen die performancestärksten Pensionskassen auf eindrückliche Weise.
Dank ihrem langfristigen Anlagehorizont können die Pensionskassen die kurzfristigen Schwankungen chancenreicher Anlagen in Kauf nehmen. Dazu muss aber auch der Regulator eine längerfristige Optik einnehmen und den Pensionskassen mehr Spielraum in Unterdeckungssituationen zugestehen.

Wie sollten sich Pensionskassen auf das Szenario eines abrupten Zinsanstiegs vorbereiten?
Neben den Klimarisiken und möglichen Korrekturen an den Aktien- oder Immobilienmärkten sollten Stiftungsräte auch das Szenario eines abrupten Zinsanstiegs in Betracht ziehen. Mit der steigenden Inflation in den USA ist dieses Szenario zuletzt als gar nicht mal so unwahrscheinlich einzustufen.
Ein massiver Zinsschock würde sich auf Investitionen auswirken, indem er kurzfristig Wert vernichtet. Würde der Zinssatz in der Schweiz und im Ausland um 1 Prozent steigen, würde der kurzfristige negative Effekt auf das gesamte Portfolio der Pensionskassen nach unseren Berechnungen 4,8 Prozent betragen. Diese Art von Verlust übersteigt selbst einen simulierten Verlust, der auf dem Szenario der Finanzkrise 2008 basiert, bei weitem. Mittelfristig würden die Versicherten der Pensionskasse jedoch von den höheren Zinsen profitieren.

Iwan Deplazes leitet seit 2007 das Asset Management der Zürcher Kantonalbank. Durch den Zusammenschluss mit Swisscanto Asset Management avancierte die Zürcher Kantonalbank zum drittgrössten Asset Manager der Schweiz mit Assets under Management von aktuell über CHF 214 Milliarden. Seit 2020 ist er Präsident der Asset Management Association Switzerland AMAS. Er ist zudem verantwortlich für die Swisscanto PK Studie.

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