Konrad Hummler, Private Client Bank AG: „Mein unternehmerischer Elan ist ungebrochen!“

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Von Fabienne Bogádi – Fotos Jürg Kaufmann

2012 wurde der St. Galler Bankier Konrad Hummler in den Strudel des Steuerstreits mit den USA hineingezogen. Um damit so gut wie möglich fertig zu werden, haben er und seine Teilhaber von Wegelin & Co sich für ein unabhängiges Vorgehen entschieden. Hier berichtet er uns von den Lehren, die er aus diesen bewegten Jahren gezogen hat und teilt seine Vorstellungen vom Finanzplatz Schweiz im Zeitalter nach dem Bankgeheimnis.

Welche Erinnerungen haben Sie an die Zeit vor dem Verkauf von Wegelin & Co und an den Kampf mit den amerikanischen Behörden?
Konrad Hummler: Sobald uns klar wurde, dass wir im Zusammenhang mit dem Steuerstreit zwischen der Schweiz und den USA ins Visier der amerikanischen Behörden geraten waren, hatten meine Teilhaber und ich nur noch ein Ziel, nämlich uns auf eine entschlossene gemeinsame Handlungsweise zu einigen, wobei wir uns keinesfalls auf Dritte wie etwa die Diplomatie, die Regulierungsbehörden oder die Schweizerische Bankiervereinigung verlassen wollten. Damals war die die Diplomatie der Schweiz ebenso wie die der Banken sehr aktiv. Wir haben jedoch beschlossen, diesen Gruppen nicht mehr anzugehören und an ihren Sitzungen nicht mehr teilzunehmen, sondern den Streitfall selbst in die Hand zu nehmen und mit Hilfe unserer eigenen Anwälte zu regeln. Wir wollten selbst die Verantwortung für unser Handeln übernehmen. Das war eine klare Entscheidung.

Bedauern Sie diesen Entschluss? War das nicht mit einem zu grossen Risiko verbunden?
Nein, das bedauere ich überhaupt nicht. Es war der einzig mögliche Weg. Wir hatten die Risiken abgeschätzt und waren uns unserer Sache sicher. Sehr bald wurde deutlich, dass das grösste Risiko darin bestanden hätte, unser Vertrauen in Leute zu setzen, die dessen nicht unbedingt würdig waren und nicht dieselben Motivationen hatten wie wir. Man darf sich keine Illusionen machen und denken, dass andere einem in einer solchen Situation zu Hilfe kommen werden.

Welche Lehren haben Sie aus dieser Sache gezogen?
„Das Ausland wird auf Granit beissen“, hatte Bundesrat Han-Rudolf Merz 2008 gesagt, und wir haben ihm geglaubt. Im Endeffekt hat sich dieser Granit als butterweich erwiesen. Man darf sich nie auf die Versprechen der Leute an der Spitze verlassen. Im Extremfall werden sie nicht gehalten, sie werden gebrochen. Das Schlimme war, dass wir damals aufgrund der in der Schweiz bestehenden Vorschriften und Rahmenbedingungen zur Einhaltung des Bankgeheimnisses verpflichtet waren, während die Regierungsbehörden eine völlig andere Politik verfolgten. Und wenn wir die in der Schweiz geltenden Vorschriften nicht eingehalten hätten, hätten wir uns ausserhalb des Gesetzes gestellt. Es war die Quadratur des Kreises. Zudem hat mich diese Erfahrung gelehrt, dass die Schweiz auf dem internationalen Parkett kein Gewicht hat. Im Spiel der Mächte sind wir eine zu vernachlässigende Grösse. Vor diesen Ereignissen war das den Schweizern nicht bewusst und sie glaubten sich stärker als sie waren.

Aus heutiger Distanz: Was würden Sie jetzt anders machen als damals? Und was würden Sie genauso machen?
Wir hätten – was die Zeit vor dieser Krise angeht – die Lage besser und anders einschätzen sollen. An unserer Haltung während der Krise, d.h. An der Art und Weise, wie wir mit der amerikanischen Justiz verhandelt haben, würde ich nichts ändern wollen. Die beste Entscheidung, die wir damals getroffen haben, war der Verkauf der Bank, damit wir freie Hand gegenüber den amerikanischen Staatsanwälten hatten. Als einer von der FINMA beaufsichtigten Bank waren uns die Hände gebunden. Als einfache Bürger waren wir frei. Wir hatten jede Freiheit, nach unserem Willen zu handeln, und konnten den Amerikanern zu verstehen geben, dass sie einen vernünftigeren Weg einschlagen mussten, weil wir andernfalls mit unserem Kapital in der Schweiz bleiben würden, und dann bekämen sie keinen Cent. Und mit dieser Strategie hatten wir Erfolg. Wir konnten die Sache in relativ kurzer Zeit abschliessen. Um eine Schlacht zu gewinnen, braucht man Bewegungsfreiheit. David trug leichte Kleidung, deshalb konnte er Goliath besiegen.

Wie sind Sie über diese Sache persönlich und beruflich hinweggekommen? Welche Instrumente oder Methoden haben Sie dabei eingesetzt? Wie haben Sie sich davon erholt?
Ich kann sehr gut damit leben, dass ich meine Fehler eingestehe. Und auch mit der Tatsache, dass in unserem Fall die Risiken sehr abrupt eingetreten sind. Als Privatbankiers hafteten wir unbeschränkt für unsere Verpflichtungen. Das war ein Slogan, den damals alle bewundernswert fanden, aber als es konkret wurde, d.h. als wir tatsächlich unseren gesamten Privatbesitz zu verlieren drohten, war Schluss mit lustig. Es war ein enormes finanzielles Risiko. Es wäre das Ende gewesen. Allerdings ist es mir schwer gefallen, eine andere harte Realität zu verarbeiten, nämlich dass unsere Kollegen und sogenannten Freunde unser Vertrauen missbraucht haben.

Man sagt, in jeder Krise liegt auch eine Chance. Welche Möglichkeiten haben sich Ihnen nach den Jahren 2012 und 2013 eröffnet?
Ich konnte auf diese Weise viel Abstand zu allen Konventionen der Schweizer Gesellschaft gewinnen. Seither ist meine Devise: Niemandem und nichts glauben, und davon ausgehen, dass jeder zu allem imstande ist. Diese mentale Befreiung hat mir sehr geholfen. Wenn man plötzlich erkennt, dass die Illusionen, auf die man gebaut hat, sich in Luft aufgelöst haben, fühlt man sich leichter. Als ich in New York das Schuldeingeständnis (guilty plea) unterzeichnet hatte, konnte ich wieder auf Reisen gehen. Bereits 2014 habe ich in den USA Vorträge gehalten. Einer davon wurde in der NZZ veröffentlicht. Und ich habe neue Pläne machen und umsetzen können.

Wie leben Sie heute? Was ist anders geworden?
Ich übe strategisch wichtige Ämter in Unternehmen des nicht-öffentlichen Sektors aus. Im Januar zum Beispiel habe ich mich für Daten zu dem aus China kommenden Coronavirus interessiert. Mathematik ist meine Leidenschaft, daher habe ich meine eigenen Berechnungen und Projektionen angestellt. Dadurch konnte ich die Unternehmen, für die ich arbeite, warnen, dass eine antizipierende Vorbereitung auf die Epidemie erforderlich war und sie unweigerlich Europa und auch die Schweiz erreichen würde. Heute besteht ein grosser Teil meiner Tätigkeit darin, meine persönliche Standortbestimmung zu aktualisieren.

Wie würden Sie Ihre derzeitige Tätigkeit beschreiben, wenn Sie an die Erfahrungen Ihrer gesamten Laufbahn denken?
Aufgrund meiner umfangreichen Erfahrung im Bankwesen, in der Unternehmensführung und über 40 Jahren Berufserfahrung bin ich „weiser“ geworden. Heute bin ich in der Lage, das, was ich gelernt habe, an andere weiterzugeben. Das motiviert mich natürlich enorm, aber meine operative Tätigkeit fehlt mir doch. Als ich zusammen mit meinen Teilhabern Eigentümer einer Bank war, konnte ich Entscheidungen treffen. Als Berater kann ich das nicht, und das ist manchmal frustrierend. Trotz meines Alters habe ich immer noch viel Temperament und mein unternehmerischer Elan ist ungebrochen!

Die heutigen Herausforderungen für den Finanzplatz Schweiz sind nicht mehr dieselben wie 2013. Worin sehen Sie die Herausforderungen, denen vor allem kleine Bankinstitute und unabhängige Vermögensverwalter gegenüberstehen?
Die eine grosse Herausforderung für die kleinen Banken und unabhängigen Vermögensverwalter ist den Regulierungsfluss unter Kontrolle zu halten, und zwar wegen der Skaleneffekte. Sie müssen Lösungen finden, bei denen sie die Compliance auslagern, aber dennoch unabhängig bleiben können, und Kooperationsmodelle für Gebühren und Kosten entwickeln. Ich glaube nicht, dass solche Unternehmen noch völlig unabhängig überleben können. Früher konnten sie den Vorteil geringerer Fixkosten nutzen. Dies ist nun aber kaum noch der Fall.

Was würden Sie einem jungen Vermögensverwalter heute raten?
Die meisten Kundenportfolios sind nicht ausreichend diversifiziert. Sie leiden in der Regel unter einer zu starken Binnenpräferenz. Daher würde ich sagen: Diversifizieren, diversifizieren und noch einmal diversifizieren! Denn in diesen unsicheren Zeiten weiss man nie, wo die nächste Bombe hochgeht.

Sollte die Schweiz dem Bankgeheimnis nachtrauern oder kann sie aus der Transparenz auch Gewinn ziehen?
Die Abgeltungssteuer war eine interessante Lösung, um das Bankgeheimnis zu retten, das wiederum entscheidend für das Respektieren der Privatsphäre ist, und gleichzeitig den Anforderungen der ausländischen Behörden zu genügen. Aber wir sind mit dieser Lösung – die ich auch nach zehn Jahren noch immer für sensationell halte – zu spät gekommen. Heute leben wir in einer Überwachungsgesellschaft. Das sieht man an der Tracing-App, die zur Bekämpfung der Coronakrise entwickelt wurde. Natürlich verkünden die Regierungen, dass sie nicht zur Verfolgung von Bürgern eingesetzt wird, aber ich habe da so meine Zweifel. Wir bewegen uns auf allen Ebenen in Richtung einer Überwachungsgesellschaft. Und wir dürfen nicht vergessen, dass der nächste Schritt nach der Überwachung die Kontrolle ist.

Worin sehen Sie die Stärken des Finanzplatzes Schweiz im internationalen Vergleich?
Wir sind und bleiben die besten Vermögensverwalter der Welt. Wir haben eine lange Tradition der Verwaltung von Vermögenswerten in mehreren Währungen. Singapur, London oder Dubai sind vollständig an den Dollar gebunden. Nur die Schweizer können in verschiedenen Währungen denken und haben damit einen Vorsprung vor ihren Konkurrenten. Die Schweiz ist zudem im historischen Vergleich der stabilste Finanzplatz. Diese Stabilität ist tief in unserer Kultur verwurzelt. Wir können ohne Probleme über unsere Gemeinsamkeiten sprechen und sind zutiefst pragmatisch. All dies ist von immensem Wert.

Wie sehen Sie die Zukunft des Finanzplatzes Schweiz?
Wenn wir uns auf unsere Stärken wie Kundennähe, Zuverlässigkeit und Bescheidenheit konzentrieren, sehe ich sie durchaus positiv. Diese Werte werden unsere Wettbewerber niemals besitzen, auch nicht in Zukunft.

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