Lionel Aeschlimann, Mirabaud Asset ManagemenT: „In unserer DNA verwurzelte Investmentkultur“

408
0
Share:

Von Jérôme Sicard– Fotos Vladimir Tisma

Die Mirabaud-Gruppe kann auf ein erfolgreiches Geschäftsjahr 2019 zurückblicken, in dem die Asset Management-Sparte mit ihren sechs Kernkompetenzen und ihrem Schwerpunkt auf aktivem Management einen hohen Beitrag zur Geschäftsstrategie geleistet hat. Lionel Aeschlimann erläutert uns die wichtigsten Stationen und die jüngsten Entwicklungen im Bereich Private Equity – einer prioritären Entwicklungsschiene.

Wie haben Sie die Corona-Krise überstanden?
Lionel Aeschlimann: Recht gut, doch ich gebe zu, dass wir vom Ausmass der Krise überrascht wurden. Für unsere Aktivitäten gibt es Continuity-Pläne, die beispielsweise bei Naturkatastrophen oder Attentaten zum Einsatz kommen, doch das, was wir hier erleben, ist wirklich beispiellos. Glücklicherweise hatte Mirabaud Asset Management bereits vor vier Jahren die Migration der gesamten IT-Infrastruktur auf eine Hybrid Cloud implementiert, so dass wir binnen 24 Stunden für alle Mitarbeiter in Paris, Mailand, Zürich, Genf, London, Luxemburg und Spanien ein sicheres Arbeiten im Homeoffice organisieren konnten. Die Umstellung verlief reibungslos und war ein erfolgreicher Praxistest des Homeoffice-Konzepts, in das wir bereits seit einigen Jahren investieren.

Wurden diese Umstellungen durch die Krise gestoppt?
Überhaupt nicht. Wir haben nicht einen einzigen betrieblichen Störfall verzeichnet. Entsprechend konnten wir unsere Investmentplattform weiterentwickeln und unserer Maxime treu bleiben – aktive und ethische Vermögensverwaltung auf der Grundlage unserer Überzeugungen. Dabei stehen stets unsere sechs Kernkompetenzen im Vordergrund: internationale Aktien, Schweizer und europäische Aktien, internationale und flexible Anleihen, Wandelanleihen, Multi-Assets und Private Equity. Wir wollen keinen „Anlage-Supermarkt“ eröffnen, sondern uns auf die Entwicklung von Anlagelösungen für diese sechs strategischen Kompetenzen konzentrieren.

Wie weit sind Sie im Bereich Private Equity?
Vor drei Jahren haben wir den Fonds Mirabaud Patrimoine Vivant aufgelegt. Ein zweiter Fonds für das Anlagethema „Grand Paris“ – Grossraum Paris – folgte letztes Jahr. Er ermöglicht eine Positionierung in diesem gigantischen Infrastrukturprojekt im Volumen von 35 Milliarden Euro, die in den kommenden 20 Jahren investiert werden. Derzeit stehen wir kurz vor dem ersten Closing unseres dritten Fonds, des Mirabaud Lifestyle Impact & Innovation.

Wie würden Sie das Profil dieses Fonds beschreiben?
Er ist gewissermassen eine Fortsetzung des Mirabaud Patrimoine Vivant mit einem moderneren Ansatz, mehr im Millenial-Stil. Die Millenial-Generation will nicht mehr, sondern besser konsumieren, und dies gilt auch für den Luxussektor. Die Millenials wollen Produkte, Dienstleistungen und Konsumerlebnisse, welche die Umwelt nicht beeinträchtigen und mit ihrem gesellschaftlichen Engagement im Einklang stehen. Wir werden deshalb auf Unternehmen setzen, die diesem Anspruch gerecht werden, diesen Mentalitätswandel berücksichtigen und mit einem verantwortungsbewussteren Ansatz dank neuer, umweltfreundlicher Materialien oder neuer Technologien arbeiten können.
Für die Verwaltung dieses Fonds, für den Renaud Dutreil ebenfalls verantwortlich zeichnet, haben wir David Wertheimer gewinnen können. Was wir suchen, ist ein direkter und exklusiver Zugang zu einem sehr ansehnlichen Pool von Zielunternehmen, ohne mit Vermittlern verhandeln zu müssen.

Wie hoch ist das verwaltete Vermögen dieser drei Fonds?
Der Mirabaud Patrimoine Vivant hat Mittelzuflüsse von 160 Millionen Euro verzeichnet, die bis Ende des Sommers in 8 oder 9 Unternehmen investiert werden. Für den Fonds ‚Grand Paris‘ streben wir 250 bis 300 Millionen Euro an, das Gleiche für den Mirabaud Lifestyle & Innovation.

Wie haben Sie die ESG-Kriterien in Ihr Angebot integriert?
Für Mirabaud Asset Management sind verantwortungsbewusste Vermögensverwaltung und aktive Vermögensverwaltung zwei Begriffe für ein und dasselbe – zwei Seiten der gleichen Medaille. Beide erfordern Entscheidungen, Ausschlüsse oder Aufnahme von Unternehmen, fundierte Analysen vieler finanzieller und nicht-finanzieller Kriterien und das Einstehen für unsere Überzeugungen. Starke Führungskultur und effiziente Steuerung der ökologischen und gesellschaftlichen Risiken sind die Parameter, die für uns im Vordergrund stehen und in unsere Investmentprozesse integriert sind. In den letzten Jahren haben wir unsere Anstrengungen intensiviert. Wir haben Prozesse, Kommunikation und Marketing optimiert und auf diese Weise demonstriert, dass wir auch in diesem Bereich liefern können.
In Wirklichkeit handelt es sich hierbei um komplexe Themen, denn es gibt nicht nur einen einzigen möglichen Ansatz oder eine einzige Strategie. Ein Beispiel: Sie können Rolls Royce nicht mit dem Argument ausschliessen, dass das Unternehmen indirekt einen Teil seines Umsatzes mit Wehrtechnik erzielt. Sie würden sich mit britischen institutionellen Investoren anlegen, die Sie dann mit dem Grund ausschliessen, dass Sie nicht sozialverträglich handeln, weil dieser Ausschluss Entlassungen verursachen könnte!
Wir setzen hauptsächlich auf die Integration von ESG-Kriterien in alle unsere Investmentprozesse. Wir wollen, dass unsere Fondsmanager sich diese Parameter zu eigen machen, sie in die Allokation ihrer jeweiligen Fonds umsetzen und auf die investierten Unternehmen einwirken, indem sie sie in die Pflicht nehmen.

Welches sind die führenden Produkte von Mirabaud Asset Management?
Für internationale Aktien bieten wir zwei internationale Aktienfonds an – den Mirabaud Global Focus und den Mirabaud Global Equity High Income. Sie liegen im ersten Dezil und im ersten Quartil im Jahres-, Dreijahres- und Fünfjahresvergleich. Vor fünf Jahren haben wir den Global Focus mit 20 Millionen Euro aufgelegt. Inzwischen verwaltet er 550 Millionen Euro und die Strategie verzeichnet stetige Mittelzuflüsse. Für Anleihen haben wir den Global Strategic Bond aufgelegt, einen globalen, flexiblen und defensiven Fonds, der sehr gut läuft. Das Team hat mit 50 Millionen Euro begonnen und verwaltet inzwischen 1,3 Milliarden! Und abschliessend noch ein Wort bezüglich Schweizer Aktien. Ich denke, wir haben uns als ein unumgänglicher Akteur auf diesem Markt etabliert, vor allem im Small & Mid Cap-Segment.

Wie wird sich die Asset Management-Branche Ihrer Meinung nach verändern?
Im aktiven Management – unserer Kernkompetenz – muss man natürlich Lösungen bieten, die einen echten Mehrwert generieren. Hierzu muss man talentierte Mitarbeiter finden, einstellen und motivieren. Dann – und dies gilt vor allem im passiven Management, das stark auf dem Vormarsch ist – muss man unbedingt eine möglichst effiziente Kostenstruktur erreichen, indem man Digitalisierung und neue Technologien so gezielt wie nur möglich einsetzt. Für mich gibt es aber auch noch einen dritten Erfolgsfaktor und das ist kein anderer als die Beziehung zum Kunden: Sie ist mehr und mehr als Partnerschaft zu verstehen und muss auf übereinstimmenden Interessen aufbauen. Ich glaube, dass Mirabaud Asset Management einen beachtlichen Trumpf im Ärmel hat, denn wir können uns auf eine Privatbank stützen, in der die Kundenbeziehungen seit immerhin 200 Jahren stets im Mittelpunkt stehen. Dieses Erbe ist extrem wertvoll.

Welche Modelle könnten Mirabaud Asset Management für seine Geschäftsführung eventuell inspirieren?
Wenn ich mich umschaue, finde ich das Angebot von Capital Group und auch von Pictet Asset Management sehr attraktiv, um nur zwei Beispiele zu nennen. Doch wir besitzen unsere eigene Unternehmenskultur, unsere Geschichte und unsere Überzeugungen, die sich nicht einfach so übertragen lassen, wenn man seine Identität nicht verlieren oder aufweichen will. Wir sind ein echtes Investmenthaus, unsere Portfoliomanager sind die Achsen, um die sich alles dreht. Wir sind kein Marketingunternehmen, so viel ist klar. In uns ist eine Investmentkultur verankert, die ich gerne weiter vertiefen möchte. Wir müssen uns auch weiterhin von unserer Passion für die Märkte, Unternehmen und Investments leiten lassen.

Was müssen Schweizer Vermögensverwalter Ihrer Ansicht nach tun, um auf dem lokalen Markt wettbewerbsfähiger zu werden?
Meiner Meinung nach müssen sie häufiger oder gegebenenfalls besser kommunizieren. In der Schweiz haben wir die mitunter ungünstige Tendenz, diskret, bescheiden und demütig zu sein. Was das eigentliche Portfoliomanagement betrifft, verfügen wir über extrem qualifizierte Manager, die ihren Kollegen in London, New York oder Paris in nichts nachstehen. Ein Satz inspiriert mich ganz besonders: „Vision without execution is hallucination“. Um als Vermögensverwalter erfolgreich zu sein, braucht man nicht nur eine klar definierte Strategie, sondern muss unbedingt auch die Ausführung perfekt beherrschen – auf allen Ebenen. Reporting, Risikomanagement, Ausführungsplattform. Der Modus Operandi und die Unternehmensführung müssen einwandfrei sein. Des Weiteren müssen die Vertriebsbeauftragten oder Kundenbetreuer stärker in die Rolle des Beraters hineinwachsen, auf die Wünsche ihrer Kunden eingehen, ihnen Lösungen und echten Mehrwert bieten.
Alle diese Kompetenzen haben wir in der Schweiz ja entwickelt. Ob in punkto Risikomanagement, Transaktionen oder Ausführung – wir sind extrem zuverlässige Experten. Und wir besitzen alle erforderlichen Voraussetzungen, um mit Kompetenz zu punkten und im internationalen Asset Management noch präsenter zu werden. Doch Know-how allein ist nicht ausreichend. Wir müssen uns auch mehr Zeit nehmen, um dies zu richtig zu vermitteln.

Share: