Logistik, eine boomende Branche

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Von Fabrizio Quirighetti, Chief Investment Officer, Decalia

Die Logistik war schon immer ein wesentlicher Bestandteil der Wirtschaft. Durch die Covid-19-Krise hat sie jedoch eine ganz neue Dimension erhalten und ist aus dem gewohnten Backstage-Bereich heraus ins Rampenlicht gerückt. Das starke Wachstum, das der Sektor im letzten Jahr verzeichnet hat, verdient die grosse Bühne, wie uns Fabrizio Quirighetti meisterhaft erläutert.

Obwohl Logistik nicht immer auf dem Radar der Anleger erscheint, zählt sie zu den wenigen Sektoren, die von der Pandemie verschont geblieben sind. Tatsächlich hat diese Branche trotz ihres zerbrechlichen Gleichgewichts die Weltwirtschaft in diesem Krisenjahr gestützt. So hat die Logistik mitsamt ihren Akteuren Lösungen für die Probleme gefunden, die durch die aufeinanderfolgenden und mehr oder weniger strikten Lockdowns und erneuten Öffnungen des Einzelhandels entstanden sind, indem sie die Versorgung mit wesentlichen Waren und Dienstleistungen sichergestellt hat. Zwar wurde die Mobilität der Menschen stark eingeschränkt, dies betraf aber weder Waren noch Daten. In diesem Bereich hat die Gesundheitskrise ebenfalls als Trendbeschleuniger fungiert. Die Logistikbranche, die bisher im Backstage-Bereich angesiedelt war, ist nun in den Vordergrund gerückt, um eine führende Rolle zu übernehmen.

Drei sehr einfache Beispiele veranschaulichen die kritische Bedeutung, die die Logistik in nur wenigen Monaten erlangt hat: Schutzmasken, boomendes Online-Shopping und Impfstoffherstellung. Maskenproduktion, Erstellung einer Verkaufswebsite oder Entwicklung eines Impfstoffs sind eine Sache. Die Abholung dieser Masken und Impfstoffe und ihr Transport bis zum verwöhnten Verbraucher, der sich per Mausklick fast jeden Wunsch erfüllen kann, eine andere. Eine schlecht organisierte Logistikkette kann folglich zu einigem Ärger führen, denn im digitalen Zeitalter ist diese Kette paradoxerweise zur Säule unserer Wirtschaft avanciert. Wie gelangt eine Ware zu ihrem Käufer? Wie verwaltet man Lagerbestände in Zeiten der Just-in-time-Produktion, die bisweilen am anderen Ende der Welt erfolgt? Wie transportiert und organisiert man sämtliche Komponente eines High-Tech-Produkts? Die Logistik ist sowohl das offensichtlichste als auch das am wenigsten greifbare Problem.

Im Übrigen ist der eigentliche Begriff ‚Logistik‘ nur schwer zu beschreiben und verdient einen Exkurs ins Lexikon. Das liefert uns folgende Definition: Gesamtheit aller Methoden und Mittel zur Organisation einer Abteilung, eines Unternehmens, eines Staates usw. einschliesslich Lagerhaltung, Transport, Verpackung und zum Teil auch Beschaffung. Mit anderen Worten: Logistik ist die Kunst, Bauteile, Güter und Dienstleistungen am richtigen Ort, zur richtigen Zeit und in der richtigen Menge zu erhalten, zu produzieren und zu verteilen. Alle diese Transaktionen erfordern die Steuerung materieller Warenströme und die Verwaltung der dazugehörigen Daten. Dies alles selbstverständlich unter Einhaltung der geltenden Vorschriften, Qualitätsnormen und der erforderlichen Sicherheitsauflagen. Das ist keine leichte Aufgabe.

Logistik ist und bleibt das Herz der Wirtschaft. Seit Menschen Handel treiben, ist die Logistik eine Säule für die Entwicklung der Zivilisation. Die Bemühungen um die Entwicklung eines funktionalen und modernen urbanen Raums, der Aufbau und die Verwaltung eines Wasserversorgungsnetzes oder von Kommunikationswegen – all dies ist nicht neu. Jahrhundertelang arbeiteten die Protagonisten der Logistik an effizienten und filigranen Methoden zur Deckung der Bedürfnisse von Bürgern, Unternehmen und Staaten.
Diesbezüglich hat die Logistik eindeutig vom enormen Aufschwung des Welthandels in den letzten 20 Jahren profitiert. Durch die Zunahme der Handelstransak-tionen, die höhere Mobilität von Produktionsfaktoren wie Kapital und Arbeitskraft und den explosionsartigen Anstieg des Datenvolumens konnte der Sektor schneller wachsen als die Wirtschaft in ihrer Gesamtheit. Der grundsätzlich als prozyklisch geltende Logistiksektor bietet aufgrund seiner Querschnittsfunktion jedoch zahlreiche Dekorrelationsmöglichkeiten. De facto ist er sowohl strukturellen Trends wie der Digitalisierung und dem E-Commerce, aber auch weniger konjunkturreagiblen Branchen ausgesetzt. Dazu gehören u.a. die Pharma- und Nahrungsmittelindustrie und die Versorgung.

Für eine Positionierung stehen Investoren mehrere Vektoren mit direktem oder indirekten Bezug zur Logistikbranche zur Verfügung. Für Investoren bieten sich natürlich die grossen Konzerne an, die Marktführer in diesem Bereich sind: Fedex, UPS, DHL – inzwischen eine Tochtergesellschaft der Deutschen Post – oder das chinesische Unternehmen S.F. Express, dessen Aktienkurs sich seit 2015 verneunfacht hat. Diese Unternehmen haben die Explosion des Online-Handels im letzten Jahrzehnt in Gold umgemünzt. In diesem Zeitraum hat sich die Bewertung von FedEx und Deutsche Post (DHL) sage und schreibe verdreifacht. Die Aktie von UPS stieg von 70 auf 170 US-Dollar, d.h. um über 140%.

Ohne Kapazitäten für die Sortierung, Kommissionierung, Lagerung und Verteilung sowie die dafür erforderlichen Immobilien würde der Online-Handel nicht funktionieren. Auch in diesem Bereich boomen einige Giganten. Das US-Unternehmen Prologis betreibt derzeit fast 4.000 Logistikgebäude in mehr als 20 Ländern auf vier Kontinenten. Das sind eindrucksvolle Zahlen, mit denen Prologis zum Weltmarktführer avanciert ist. Segro dominiert den britischen und europäischen Markt, Mitsui Fudosan ist in Japan tonangebend.
Aufgrund der Digitalisierung explodiert allerdings auch der Bedarf an Datenspeicherkapazitäten und damit auch die Aktienkurse von Unternehmen wie Equinix und Digital Realty. In der Öffentlichkeit kaum bekannt, arbeiten diese Experten eher unauffällig für namhafte Kunden wie Google, Amazon, Oracle und Zoom, für die sie Data Center-Dienstleistungen erbringen. Der Börsenwert von Digital Realty hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt, und der Kurs von Segro und von Prologis verdreifacht. Und Equinix ist ein wahres Börsenwunder: sein Kurs kletterte von 100 US-Dollar auf über 700 US-Dollar.
Neben diesen Giganten gibt es auch andere Anlageinstrumente, die zwar (noch) nicht börsenkotiert sind, aber eine direktere, konkretere und gezieltere geografische oder branchenspezifische Positionierung ermöglichen. Einer dieser Fälle ist die Immobiliengesellschaft Varia Swiss Realtech. Sie investiert ausschliesslich in gewerbliche Immobilienprojekte in der Schweiz, die vom Vormarsch der Digitalisierung profitieren. Vor Kurzem hat Varia Swiss Realtech in ein Logistikzentrum in Satigny investiert.

Es existiert ein ganzes Ökosystem von Unternehmen, die direkt oder indirekt an der Logistik beteiligt sind. Gerade die Schweiz verfügt hier über einen bemerkenswerten Pool an Schwergewichten wie z.B. Kuehne Nagel, Panalpina (2019 von der dänischen DSV-Gruppe übernommen), SGS für die Zertifizierung sowie Interroll, den Weltmarktführer für Trommelmotoren, die in den Bandfördersysteme von Logistikzentren laufen. Ein weiteres schönes Beispiel ist VAT, der 40% der Anteile des Weltmarkts für Vakuumventile hält, sowie Belimo und Zehnder, die Lösungen für die Heizungs-, Lüftungs- und Klimatechnik in Lagerhallen anbieten. Im Pharmasektor, dem Schwergewicht der Schweizer Wirtschaft, sind zahlreiche Unternehmen an den verschiedenen Entwicklungsstadien bzw.

Herstellungsetappen von Medikamenten beteiligt. So sorgte Lonza vor kurzem durch die Zusammenarbeit mit Moderna zur Herstellung eines Covid-19-Impfstoffs für Schlagzeilen. Erwähnenswert sind in dieser Branche aber auch einige weniger bekannte Unternehmen: Tecan, ein Spezialist für Automatisierungslösungen in Laboratorien, und Bachem erbringen wichtige Logistikdienstleistungen für eine Vielzahl von Biotechnologieunternehmen in der Schweiz.

Diese Schweizer Unternehmen sind Speerspitzen der Innovation in mehreren mit der Logistik verbundenen Sektoren. Dies ist nicht weiter verwunderlich, denn in diesem Universum – wie auch in vielen anderen – musste die Schweiz viel Kreativität an den Tag legen und innovative Lösungen entwickeln, um die hohen Lohnkosten und die hohen Immobilienpreise im Vergleich zu seinen direkten Nachbarn kompensieren zu können. Innovationskraft, Renommee, Präzision und Zuverlässigkeit sind die Merkmale, die der Logistik den Takt vorgeben – wie eine Schweizer Uhr. In dieser Hinsicht ist die Logistik wohl auch ein typisch schweizerisches Know-how und bietet attraktive Anlagemöglichkeiten.

Fabrizio Quirighetti ist seit 2019 Chief Investment Officer von Decalia. In dieser Eigenschaft überwacht er die Verwaltung der Asset-Allokation- und Anleihenfonds. Vor seinem Wechsel zu Decalia war Fabrizio Quirighetti CIO und Leiter des Multi-Asset-Bereichs bei SYZ Asset Management. Davor war er sechs Jahre lang Assistent im Fachbereich Ökonometrie an der Universität Genf.
Fabrizio Quirighetti besitzt einen Master-Abschluss in angewandter Ökonometrie der Universität Genf und ist seit 2014 externes Mitglied des taktischen Allokationsausschusses von Compenswiss, dem Ausgleichsfonds AHV/IV/EO

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