„Man muss fähig sein, sich durch einen neuartigen dynamischeren Ansatz abzuheben“

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Interview mit Michaela Zanello Sturdza, Generaldirektor, Eric Sturdza Group

Von Jérôme Sicard – Fotos: Karine Bauzin

Im Herbst letzten Jahres hat Michaela Zanello Sturdza die Leitung der Eric Sturdza Group übernommen, die ihr Vater aufgebaut hatte. Die 35-Jährige verkörpert eine neue Bankiersgeneration, die sich in den Dienst einer neuen Kundengeneration stellt, die eine neue Herangehensweise an die Tätigkeiten des Wealth Management pflegt und die Lust hat, neue Wege zu gehen. Das Ganze mit der Mentalität eines erfahrenen Alpinisten, der die Gipfel im Blick behält.

Wie verlief Ihre Karriere innerhalb der Bank?
Michaela Zanello Sturdza: Ich habe in der Audit-Abteilung als Projektleiterin angefangen, aber gleichzeitig meinen Master of Business Administration an der Lausanne Business School gemacht.
In dieser Zeit waren wir mit der Coges-Übernahme beschäftigt; daher ging ich zu diesem Unternehmen, nachdem ich 2013 meinen MBA in der Tasche hatte. Ich war zunächst als Assistentin in der Kundenbetreuung tätig und wechselte dann ins Verwaltungsteam.
2017 bekam ich die Gelegenheit, am Geschäftsverbesserungsprogramm von Coges mitzuwirken Dadurch stieg ich in die Geschäftsleitung auf und wurde schliesslich Vorsitzende des Verwaltungsrats. Gleichzeitig ermöglichten mir die Erfolge bei Coges eine Karriere innerhalb der Bank. 2018 wurde ich Mitglied der Geschäftsführung mit Zuständigkeit für Personalangelegenheiten. Dort wurden mir als weitere Aufgaben schon bald die Strategie und die Geschäftsleitung zugeteilt.

Wenn es das Familienunternehmen nicht gegeben hätte: Welcher Sektor und welches Karriereprofil hätten Sie auch gereizt?
Vor meinem MBA in Lausanne habe ich bereits einen Bachelor of Arts in Internationalem Management gemacht. Nach meinem Universitätsstudium hätte ich auch durchaus Beraterin werden können. Andererseits hätte ich mich auch für etwas Kreativeres entscheiden können, beispielsweise als Designerin oder Architektin. Ich interessiere mich schon immer sehr für das Objektdesign, Möbel, Kunst und Architektur.

Wie wollen Sie die Sturdza-Gruppe strategisch ausrichten?
Als ich 2017 in die Bank eintrat, arbeiteten mein Vater und ich eng zusammen, um eine Kontinuitätsstrategie für die nächsten fünf bis zehn Jahre einzuführen. Gleichzeitig wollten wir unser gewachsenes Know-how, das im Laufe der Zeit Anerkennung gefunden hat, verstärken und neue Erfahrungen und Kompetenzen erwerben. Das Ziel war, unseren Kunden ein umfassendes Leistungsangebot präsentieren zu können.
Dabei setzten wir zwei Schwerpunkte: Zuallererst musste die Effizienz im operativen Geschäft, beispielsweise bei der Regulierung, gewährleistet werden und wir mussten «Back-End-Lösungen» im IT-Bereich bereitstellen. Ausserdem haben wir Dienstleistungen eingeführt, die noch besser abgerundet sind und den hohen Anforderungen unserer Kunden gerecht werden. Beispiele dafür sind eine erweiterte Palette an Anlagelösungen oder der Ausbau der Beziehungen zwischen unseren Bankmitarbeitern und unseren Kunden und unseres höchst individuellen Dienstleistungsangebots.
Meine Aufgabe besteht unter anderem darin, die grossen gesellschaftlichen Veränderungen, die zurzeit stattfinden, voll und ganz zu berücksichtigen und sicherzustellen, dass die Bank in der Lage ist, darauf zu reagieren. Dies betrifft beispielsweise Generationswechsel in den Familien, mit denen wir zusammenarbeiten. Dienstleistungen in den Bereichen Nachfolgeregelung sowie Vermögensübergang und -planung sind natürlich integrierender Bestandteil unseres Angebots. Aber wir können und müssen noch weitergehen. Wir müssen in der Lage sein, uns zu differenzieren, indem wir einen neuartigen dynamischeren Ansatz verfolgen, der auch eine andere Art der Kommunikation mit der nächsten Kundengeneration beinhaltet.

Können Sie Schlüsselzahlen nennen, die einen raschen Überblick über die Gruppe verschaffen?
Unser verwaltetes Vermögen hat inzwischen die Marke von 5.5 Milliarden Franken überschritten, und die Gruppe beschäftigt fast 120 Mitarbeiter, die eine internationale Kundschaft betreuen, wobei wir Vertreter und Partner in aller Welt haben.

Was sind Ihres Erachtens Ihre wichtigsten Wachstumsfaktoren?
Wir erschliessen ständig neue Wachstumsmöglichkeiten in unseren Geschäftsbereichen wie Privatbank, Asset Management, Dienstleistungen für externe Vermögensverwalter, Family Office oder Vorsorge. Allerdings möchte ich darauf hinweisen, dass «Small is beautiful» ein Aspekt ist, der in unseren Werten verankert ist. Wir sind überzeugt, dass kritische Grösse vor allem darauf beruht, konzentriert zu bleiben, um unser Know-how bestmöglich weiterzugeben, also gewinnbringend und individuell abgestimmt. Ein erweiterter Anwendungsbereich könnte daher nicht nur dieses Know-how verwässern, sondern auch dazu führen, dass die Organisation schwerfälliger und prozessabhängiger wird.

Worauf wollen Sie dann Ihre Anstrengungen konzentrieren?
Die Privatbank ist unser Kerngeschäft. Sie ist die DNA unseres Unternehmens. Wir sind in einem sicheren, politisch stabilen Land tätig, in dem eine hohe gesetzgeberische Transparenz herrscht. Wir müssen so viel wie möglich von dem neuen Umfeld profitieren, in dem das Bankgeheimnis nicht mehr der Hauptfaktor ist, damit wir unseren Wettbewerbsvorteil behalten. Hier gibt es echte Chancen, die es zu nutzen gilt.
Ausserdem möchten wir unsere geschäftliche Entwicklung in der Vermögensverwaltung fortsetzen. Denn wir haben in den letzten 25 Jahren ein Netzwerk von Vermögensverwaltern aufgebaut, die im Laufe der Zeit beeindruckende Erfolgsbilanzen erreicht haben. Der Vertrieb dieser Lösungen dürfte daher ein wichtiger Schwerpunkt Entwicklung werden.

Welches, denken Sie, waren für die Sturdza-Gruppe die wichtigsten Meilensteine der letzten Jahre?
Wir konnten neue Talente für uns gewinnen und haben unsere strategische Ausrichtung für die kommenden Jahre festgelegt: Wir haben unsere Geschäftstätigkeiten klar gegeneinander abgegrenzt und den Generationswechsel vollzogen, um den Fortbestand der Gruppe sicherzustellen. Aktuell haben wir Coges, unseren dritten Geschäftsbereich, erheblich ausgebaut, vor allem indem wir Lagane Family Office übernommen haben, deren Teams nahtlos in unsere integriert werden konnten. Dank dieser Fusion konnten wir unseren vierten Geschäftsbereich entwickeln: das Family Office.
Im Bereich Asset Management wurden wichtige Übertragungen durchgeführt, beispielsweise die Ernennung von Phileas Asset Management als Verwaltungsgesellschaft des Strategic Europe Quality Fund. Unsere Verwaltungstätigkeit hat erneut Preise gewonnen. Der Strategic Family Fund, unser Familien-Fonds, erhielt fünf Sterne von Morningstar, und wir wurden im dritten Jahr nacheinander als beste Vermögensverwaltungsboutique ausgezeichnet.
Darüber hinaus möchte ich auch die Bank PBS erwähnen, auch wenn sie seit ihrem Verkauf im Jahr 2018 nicht mehr zur Gruppe gehört. Wir konnten in den zehn Jahren seit ihrer Gründung im Jahr 2008 ihr verwaltetes Vermögen auf 5.5 Milliarden steigern.

Was sind Ihre Stärken?
Wir sind ein Familienunternehmen von überschaubarer Grösse und mit Aktionären, die in engem Kontakt mit unseren Teams stehen, und wollen dies auch bleiben. Innerhalb der Gruppe haben wir einen ausgeprägten Unternehmergeist entwickelt, der dem Talent, dem Know-how und der Eigeninitiative freien Lauf lässt. Dank unserer Unternehmenskultur, die auf Kompetenzen,Vertrauen und Selbständigkeit basiert, ist es uns ferner gelungen, die Entscheidungswege stark zu verkürzen.

Welchen Grundsätzen oder Prinzipien folgen Sie beim Management?
Ich möchte unseren Unternehmergeist und unseren disziplinierten Ansatz noch verstärken. Unsere Werte basieren auf der Leistung, und ich werde darauf achten, dass das auch weiterhin der Fall ist. Wir versuchen stets, von unserer Geschichte, unseren Errungenschaften und unserer Kultur zu profitieren, und zwar indem wir diese Faktoren einfliessen lassen in strategische Ziele für Kunden, die uns ähnlich sind, also für die meisten Anleger mit Familienwerten.

Wie wollen Sie die Menschen (wieder) träumen lassen in einer Welt, die Sie in Ihrer Zeit an der Universität nicht unbedingt zum Träumen gebracht hatte?
In meinen Augen ist es unbedingt wichtig, dass der Finanzplatz Schweiz seinen weltweiten Status behält, nämlich als Drehkreuz allerersten Ranges für die moderne private Vermögensverwaltung. Dazu müssen wir unserer Zeit voraus sein und ein Bankensystem aufbauen, das gesetzestreu und transparent, modern und leistungsstark ist, das aus einer reichhaltigen Diversität schöpfen kann und alles in allem wegen seiner Energie, Begeisterung und Selbstlosigkeit geschätzt wird.

Nach ihrer mehrjährigen Tätigkeit im Hotelmanagement ist Michaela Zanello Sturdza seit 2011 für die Eric Sturdza Group tätig. Zu ihren Aufgaben in der Audit-Abteilung der Privatbank gehörte unter anderem die Übernahme von Coges Corraterie Gestion. In diesem Unternehmen hatte sie mehrere Posten inne; seit 2019 schliesslich auch den Vorsitz des Verwaltungsrats. Gleichzeitig wechselte sie 2018 als Führungskraft in den Bereichen Strategie und Personal in die Geschäftsführung der Bank. Im November 2021 trat Michaela im Alter von 34 Jahren die Nachfolge ihres Vaters als Vorsitzende der Gruppe an. Ausserdem ist sie Mitglied des Aufsichtsrates von E.I. Sturdza Strategic Management Limited.
Michaela Zanello Sturdza ist Inhaberin eines Bachelor of Arts in Internationalem Management und eines MBA cum laude der Lausanne Business School in Strategischem Consulting.

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