Marktschwankungen: Volatilität und ihre Lehren

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Von Arie Assayag, Founder & CEO, Trajectoire Capital Group

Neben ihrer Funktion als technischer Indikator mutiert die Volatilität mit der Zeit zu einem grossartigen Instrument für die Entwicklung hocheffizienter Risikomanagementstrategien. Mit der richtigen Vorgehensweise liefert Volatilität wertvolle Erkenntnisse über Marktbewegungen, wodurch sich Vermögensverwalter besser auf sie einstellen können.

Es steht ausser Zweifel, dass Aktien langfristig die beste Anlage sind. Warum also sind die Investoren nicht voll in Aktien investiert? Hauptgrund ist, dass Aktien eben zu den riskantesten Anlageklassen zählen. Die 50 letzten Jahre haben gezeigt, dass das Portfolio von Aktienanlegern drei Mal rund 50% an Wert eingebüsst hat, sechs Mal rund 30% und über zehn Mal etwa 20%. Für die meisten Investoren, vor allem europäische, ist dieses Risiko unerträglich hoch.

Folglich hat die Branche im Laufe der Jahre zahlreiche Allokationsstrategien zur Reduzierung des Portfoliorisikos bei gleichzeitiger Erhaltung der langfristigen Aktienrendite entwickelt. Diese Diversifikationsstrategien haben allesamt Vor- und Nachteile und ihr Risiko nimmt zu, wenn die Nachfrage zu hoch ist. So scheiterten während der Finanzkrise 2008 spekulative Fonds mit der Glättung des Portfoliorisikos auf ganzer Linie. Und in jüngster Vergangenheit konnten auch Anleihen nicht zur Diversifikation von Portfolios beitragen, da sie im ersten Halbjahr 2022 genauso stark zurückfielen wie Aktien.

Unter diesen Rahmenbedingungen erfährt die Volatilität als technischer Indikator einen hohen Bedeutungszuwachs, denn sie ist de facto eine hervorragende Informationsquelle, die bei richtiger Auswertung nicht nur die Komfortzone, sondern auch die risikobereinigte Rendite eines Portfolios deutlich verbessern kann.

Nachstehend einige Beispiele. Es wurden drei ungünstige Konstellationen für Aktienanlagen identifiziert: Korrektur eines Bullenmarktes, Bärenmarkt und Extremereignis. Die Absicherung dieser drei sehr unterschiedlichen Risikoarten erfordert eine besondere, konsequent zielführende Strategie. Das Ergebnis dieser Absicherungsstrategie kann ein Riesenerfolg (siehe Covid-Krise) oder ein totaler Fehlschlag (siehe Marktereignisse im ersten Halbjahr 2022) werden.

Kauf von Put-Optionen

Der Kauf einer SPX-Verkaufsoption zur Absicherung einer Aktienallokation bietet nicht unbedingt immer einen effizienten Schutz in einem Baissemarkt.

Die Performance einer Put-Kaufstrategie kann die gezahlte Prämie bei einem Extremereignis wie 2020 um das 10-Fache übersteigen, oder, bei einem Bärenmarkt wie 2022, einen Verlust einfahren. Der Unterschied liegt im Überraschungsmoment bei einem schnellen Anstieg der Volatilitätspreise im Falle eines Extremereignisses, was bei einem Bärenmarkt mit hoher, aber relativ stabiler Volatilität eintritt.

Eine schlechte Absicherung kann massive Probleme für das Risikomanagement nach sich ziehen. Statt die Verluste der Investoren auszugleichen, kann sie ihnen teuer zu stehen kommen, so dass Anleger schlimmstenfalls zum ungünstigsten Zeitpunkt verkaufen müssen. Eine schlechte Absicherungsstrategie gefährdet somit nicht nur den Kapitalerhalt.

Kombination aus dem Verkauf eines Futures und eines Puts

Hinter einer Verliererstrategie verbirgt sich eine Gewinnstrategie!

Dies mag im ersten Moment zwar kontraintuitiv erscheinen, doch der Verkauf eines Futures auf den SPX und eines Puts ist bei einem Baissemarkt eine der besten Absicherungsstrategien.

Die Identifikation von Verliererstrategien führt immer zur Entwicklung der besten Trading-Ideen. 2010 erwies sich der Kauf von Puts als eindeutige Verliererstrategie. Seinerzeit überprüften die quantitativen Analysten die Sachlage und entwickelten eine neue Strategie – den Verkauf von Terminkontrakten auf den S&P in Kombination mit dem Verkauf von Puts. Die Ergebnisse übertrafen die Erwartungen, und diese Strategie hat sich seither als durchweg erfolgreich erwiesen. Sie eignet sich vor allem in einem Bärenmarkt, um die hohe Positionierung und die hohen Optionspreise zu nutzen.

Diversifikation mit mehreren Absicherungsinstrumenten

Teure Crowded Trades zur Absicherung von Extremereignissen am Aktienmarkt zu vermeiden und stattdessen Cross-Asset-Hedges zu implementieren, macht absolut Sinn.

Meistens wird zur Absicherung eines Portfolios der Put auf den SPX eingesetzt. Die Absicherung ist kostspielig, da dem Angebot eine sehr hohe Nachfrage gegenübersteht. Die zu hohen Preise dieser Optionen können den Preis ihres statistischen Werts verdoppeln. Bei einer systemischen Krise bleiben auch die anderen Anlageklassen wie Währungen, Anleihen, Unternehmensanleihen und Rohstoffe nicht verschont. Allerdings ist die Nachfrage nach Absicherungen an diesen Märkten relativ gering, und das letztendliche Angebot kann sogar über der Nachfrage liegen, so dass hier Möglichkeiten für günstige Absicherungen entstehen

VIX und Volatilität des VIX (VVIX)

Die Volatilitätsmärkte sind ideal, wenn man sich ein Bild über die Angst und Unsicherheit am Markt machen will.

Die beiden wichtigsten Benchmarks für Aktien-Volatilität sind der VIX und der VVIX. Obwohl der VIX bereits seit 1993 existiert, wird er erst seit 2003 offiziell vom Chicago Board of Options Exchange berechnet. Der VIX ist das effizienteste Instrument zur Messung der Marktstimmung, insbesondere der Ängste der Anleger. Ist die Angst hoch, steigt die Nachfrage nach Absicherungen mit dem Preis des VIX, der deshalb häufig auch als „Angstbarometer“ bezeichnet wird.

Der VVIX existiert seit 2004 und misst die Volatilität des VIX. Er wird ebenfalls vom CBOE anhand des gleichen Verfahrens wie für den VIX berechnet. Der VVIX ist auch ein Angstbarometer des Marktes, doch er richtet sich hauptsächlich an versierte Investoren. Er antizipiert in der Regel den VIX, so wie der VIX den SPX antizipiert, und wir allgemein als „Unsicherheitsindex“ bezeichnet.

Die Volatilität bietet sehr nützliche Schlüssel zum Verständnis der Stimmungen, von denen die Märkte getaktet werden. Sie ermöglicht die Antizipation sich ändernder Marktkonstellationen, von Trendwenden sowie von Hoch- und Tiefpunkten. Richtig eingesetzt ist Volatilität ein effizientes Instrument, das einem Portfolio eine neue Dimension verleiht, da sie die Diversifikation optimiert und das Performancepotenzial steigert. Investoren sollten Volatilität nicht ignorieren, sondern in ihre Anlageentscheidungen einfliessen lassen, wenn sie vom Wettbewerbsvorteil, den Volatilität in künftigen instabilen Phasen bieten wird, profitieren wollen.

 

Arie Assayag ist Gründer der Trajectoire Capital Group und verfügt über langjährige Erfahrung in den Bereichen Trading, Hedgefonds und Absolute Return Management. Er begann seine Karriere 1986 als Pionier im Volatilitätshandel und bei der Anlage in Optionen. Im Jahr 2000 baute er die Hedgefonds-Sparte der Société Générale Asset Management auf, deren Vermögen schliesslich auf 12,7 Milliarden US-Dollar anstieg. Im Jahr 2009 führte er Nexar ein, das sich auf Hedgefonds-Investitionen und Volatilitätsstrategien konzentrierte. Nachdem er das Vermögen auf 3,5 Milliarden erhöht hatte, verkaufte Arie das Unternehmen 2012 an die UBP, wo er zum globalen Leiter für alternative Anlagen wurde. 2016 zog er in die USA, um sein Family Office zu leiten und sich in philanthropischen Aktivitäten zu engagieren. 2018 kehrte er nach Genf zurück, um Trajectoire zu gründen und weiterzuentwickeln, wobei er sich auf seine umfassende Expertise im Bereich Volatilität stützte. Arie ist Diplomingenieur der Ecole Centrale de Paris.

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